Nicki Minaj

    Ist sie die Lady Gaga des Rap oder die beste Rapperin aller Zeiten? Queen of Rap oder Popschlampe? Comicfigur oder Roboter? Barbiepüppchen oder Vamp? Heilige oder Hure? Nicki Minaj hat viele Gesichter. Und sie liebt es, mit ihnen zu spielen, in immer neue Rollen zu schlüpfen, egal ob für Fotoshootings oder am Mic. Wie keine andere Rapperin vor ihr versteht sie sich darauf, sich mit allen widersprüchlichen Facetten ihrer multiplen Rap-Persona zu inszenieren, dabei jedoch stets die Kontrolle über ihr Image in der Öffentlichkeit zu behalten. Was aber verbirgt sich hinter all den Perücken, Stilettos, Bustiers und Korsettagen, hinter den gefaketen Akzenten, den Tiergeräuschen und den verstellten Stimmen? Eine Spurensuche.


    Nicki Minaj – Moment 4 Life
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    „And I just signed a chick named Nicki Minaj“, verkündete Lil Wayne vor drei Jahren auf seinem „Drought 3“-Mixtape-Song „Upgrade U“. Nicki wer, fragte sich damals der geneigte Hörer. Seinerzeit hätte niemand einen müden Zehner darauf gewettet, dass eben jene Nicki Minaj einmal das It-Girl des HipHop, die vermeintliche Retterin des Female Rap, jedenfalls ein ausgewachsener Rapsuperstar werden würde. Zumal Weezy sie in einem Atemzug mit seinen damaligen Protegés Curren$y und Mack Maine nannte – beide bis heute weit entfernt von höheren Pop-Weihen. Dagegen Nicki: Hits an der Seite von Robin Thicke, Mariah Carey, Ludacris, Usher, Sean Kingston und Christina Aguilera, Coverstories für XXL, Vibe, Fader und Complex, prominente Fans wie Kanye West, Diddy und natürlich Entdecker Lil Wayne. Ihr Album „Pink Friday“ war eines der am meisten erwarteten dieses Herbstes, Schätzungen gehen von bis zu 400.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche aus. Im Oktober war sie außerdem mit nicht weniger als sieben Songs (eigene und Features) in den US-Charts vertreten, was einen neuen Rekord und in nackten Zahlen über vier Millionen verkaufte Singles bedeutet. Kurz gesagt, es läuft – und zwar verdammt gut.

    Angefangen hat ihre Geschichte in St. James, einem Vorort von Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad-Tobago. In diesem Multikulti-Viertel verbrachte die 1984 als Onika Tanya Maraj geborene Rapperin die ersten fünf Jahre ihres Lebens bei ihrer Großmutter. Das Leben dort muss sehr abwechslungsreich gewesen sein: Cousins, Freunde und Tiere füllten das Haus und sorgten für eine lebhafte Atmosphäre. Trotzdem konnte die kleine Onika es kaum erwarten, endlich ihren Eltern nach Queens, New York zu folgen. Umso größer ihrer Enttäuschung, als diese sie schließlich nachholten. Willkommen im Ghetto: Ihr Vater war ein Alkoholiker und Crackhead, der schon mal das Sofa verkaufte, um seine Sucht zu finanzieren. Einmal versuchte er im Rausch, ihre Mutter zu töten, indem er das gemeinsame Haus anzündete. Auf dem Track „Autobiography“ hat sie dieses traumatische Erlebnis später verarbeitet: „I hate you so much that it burn when I look at you.“

    Wenig überraschend, dass aus der Heranwachsenden unter diesen Umständen das wurde, was man im Pädagogensprech ein verhaltensauffälliges Mädchen nennt. In der Schule geriet sie oft in Streit mit anderen Mädchen, dem Vernehmen nach blieb es nicht beim Haareziehen. Ein falsches Wort genügte und Nickis Gegnerinnen bekamen ihre langen Nägel zu spüren, Hautaufschürfungen und zerfetzte Oberteile waren keine Seltenheit.

    Onika kanalisierte ihren Frust über die Probleme zuhause aber nicht nur in Aggressionen. Schon früh entwickelte sie eine Vorliebe, in andere Rollen und Identitäten zu schlüpfen. Aus Cookie wurde Harajuku Barbie wurde Nicki Minaj. „Meine Fantasie war meine Realität“, erinnert sich Nicki im Interview mit dem New York Magazine und vermutet, dass sie für ihre Umwelt ziemlich anstrengend gewesen sein muss: „Ich musste immer im Mittelpunkt stehen.“
    Ihren Schulabschluss machte sie an der LaGuardia-High School in Manhattan, die sich auf Musik, Kunst und Performance spezialisiert hat und durch den Film „Fame“ berühmt geworden ist. Eigentlich wollte Nicki Gesang als Hauptfach nehmen, doch am Tag der Aufnahmeprüfung litt sie unter starker Heiserkeit – abgelehnt. Verzweifelt dachte sie daran, einfach alles hinzuschmeißen, doch ihre Mutter drängte sie, es stattdessen bei der Schauspiel-Abteilung zu versuchen. Es war einer der seltenen Momente, in denen sie auf ihre Mutter hörte. Zum Glück, wie sich herausstellte, denn dort wurde sie sofort genommen.

    Nach der Schulzeit schlug sie sich mit diversen Gelegenheitsjobs durch. Dabei geriet sie durch ihr loses Mundwerk nicht selten in Konflikt mit kleinlichen Vorgesetzten. Einmal soll ihr laut einer Ex-Arbeitskollegin als Kellnerin in einem Fischrestaurant in der Bronx einer ihrer künstlichen Nägel abgebrochen und ins Essen gefallen sein. Auf den Einwand des Chefs, dass das nicht so gut sei, erwiderte Nicki staubtrocken: „Ja, Mann, ich kann nicht glauben, dass mir schon wieder ein verdammter Nagel abgebrochen ist!“ Kein Wunder, dass sie sehr oft gefeuert wurde.

    Fast alle ihre männlichen Freunde aus Queens rappten, und für Nicki war klar, dass sie es ihnen gleich tun wollte. Ihren ersten Reim hatte sie schon mit 12 geschrieben, damals noch als Cookie (“Cookie’s the name, chocolate chip is the flavor / suck up my style like a cherry Life Saver”). Wie Jungs aber nun mal so sind, ließen ihre Homies sie höchstens mal eine Hook einsingen. Definitiv nicht das, was Nicki sich vorstellte – wie erwähnt wollte sie lieber selbst im Mittelpunkt stehen. Also sparte sie ein bisschen Geld, ging ins Studio, nahm ihre eigenen Raps auf und pumpte ihre Musik mit heruntergelassenen Fenstern in ihrem weißen BMW – schwer zu ignorieren. Fendi, CEO seines eigenen Underground Labels Dirty Money, nahm sie 2004 unter Vertrag und verschaffte ihr somit ihren ersten Deal, freilich noch in einem sehr bescheidenen Rahmen.

    Nach drei Jahren Industrie-Hustle folgte dann ein entscheidender Wendepunkt in ihrer Karriere. 2007 packte Fendi sie auf die Street-DVD „On The Come Up“, wo sie über Biggies „Warning“ einige ruffe Zeilen im klassischen New-York-Style droppte. Ein gewisser Lil Wayne aus New Orleans sah die DVD, war beeindruckt und rief Nicki an. Nicht weniger als der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Befürchtungen, dass Weezy ausschließlich an ihrem Hintern interessiert sein könnte, erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet. Allerdings dauerte es noch eine ganze Weile, bevor der Major-Deal wirklich zustande kam. Noch 2008 glaubten viele, Nicki hätte Young Money wieder verlassen und stattdessen bei Gucci Mane unterschrieben, der sich zu dieser Zeit fast ebenso aufmerksam um die junge Rapperin kümmerte wie Weezy.

    Unter Weezys väterlicher Aufsicht entstanden ihre Mixtapes „Sucka Free“ (2008) und „Beam Me Up Scotty“(2009), auf denen sie ihren Style weiter definierte und verfeinerte. Davor war sie, wie sie selbst im Rückblick zugibt, nicht besonders fokussiert, nun feilte sie fleißig an ihren Skills – und ihrem Image. Sie begann, beim Rappen mit verschiedenen Charakteren zu experimentieren, arbeitete mit verstellten Stimmen und diversen falschen Akzenten. Ihre Sexreime waren frecher und dreister als die ihrer rappenden Kolleginnen und spielten auffällig oft mit lesbischen Fantasien. Vor den Augen einer breiter werdenden Öffentlichkeit entstand ein buntes Bild mit vielen schrillen Facetten, irgendwo zwischen Bitch und Barbie, Ghetto und Gimmick, Stiletto und Street. Nicki Minaj verband den Porn-Chic von Lil Kim mit dem Swagger von Missy, die Street-Attitude von Foxy Brown mit der Consciousness von Lauryn Hill und alles mit einem noch größeren Arsch als dem von Trina. Best of all worlds, Jackpot, Halleluja. „Still I Rise“ hieß passenderweise Nickis Solo-Auftritt auf Weezys „Dedication 3“-Mixtape, das im November 2008 erschien. Sie war jetzt im Geschäft, man kannte ihren Namen, aber von ihren eigentlichen Zielen war sie noch weit entfernt.

    Mit dem gewachsenen Fame wurde Nicki von mehr Leuten wahrgenommen und sah sich nun mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert. In der „XXL“ gab sie auf Nachfrage im Dezember 2008 zu, dass viele Interviewer nur versuchten, mit ihr zu flirten anstatt sinnvolle Fragen zu stellen und daher ein unvollständiges Bild von ihr verbreiteten. Die Schuld dafür suchte sie allerdings zuerst bei sich selbst. „Ich muss meine Ausdrucksweise zügeln, denn die Leute, die mich nicht kennen, merken nicht, wenn ich scherze. Ich fühle mich aber zu einem gewissen Grad verantwortlich für meine jungen weiblichen Fans, deshalb muss es ich deutlicher machen, wenn ich nur einen Witz gemacht habe. Aber ich kann die Jungs nicht dafür verantwortlich machen, dass sie versuchen, mit mir zu flirten, weil ich eine miese Bitch bin. Ich bin Nicki Minaj, was soll ich sagen?“


    Young Money- Bedrock (ft. Lil Wayne. Nicki Minaj. Drake)
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    Im April 2009 schließlich unterschrieb sie ihren Künstlervertrag bei Young Money/Universal. Das Crew-Album „We Are Young Money“ brachte nicht nur das erste richtige Geld, sondern auch die ersten richtigen Chartplatzierungen. Die zweite Single „Bedrock“ stieg auf Platz 2 der US-Charts ein. Dabei wäre Nicki auf diesem Song fast gar nicht vertreten gewesen. Den ersten Abgabetermin verbummelte sie, woraufhin Weezy ihr kurz und knapp mitteilte, dass sie raus sei. Doch das ließ die ehrgeizige Nicki nicht auf sich sitzen. Sie schrieb nicht nur eine, sondern gleich vier Strophen, die sie Weezy acapella vorrappte. Besonders die Zeile „Maybe it’s time I put this pussy on your sideburns“ soll dem Young Money Moolah, der selbst bekanntlich Koteletten trägt, ein Grinsen entlockt haben. Nicki war wieder drin.

    Fast jeder andere Rapper wäre mit dem bisher erzeugten Buzz zufrieden gewesen und hätte sich nun hoffnungsfroh seinem ersten Soloalbum gewidmet. Nicht so Nicki. Ihr war klar, dass sie die Aufmerksamkeit und den Respekt der Rapfans gewonnen hatte, doch was war mit den R&B-Fans, den Pophörern, dem Mainstream? Die hatten bislang wenig bis gar nichts von ihr mitbekommen. Ein Umstand, der sich bald ändern sollte, und Nicki wusste auch schon wie: Mit einer wahren Flut von Features mit großen Namen. Im Februar 2010 erschien „Up Out My Face“, Mariah Careys geplante Leadsingle aus ihrem inzwischen gecancelten Remix-Album „Angel’s Advocate“. Darauf gefeatured: Nicki Minaj. Und nicht nur auf dem Song selbst, sondern auch im dazugehörigen Video stahl sie Mariah gehörig die Show. Nur eine Woche später erschien die Ludacris-Kollabo „My Chick Bad“ und auch an der Seite des Ludameisters gab sie eine glänzende Figur ab. Nicht wenige meinten, dass dies überhaupt der einzige Song auf dem „Battle Of The Sexes“-Album gewesen sei, der dem Titel gerecht geworden wäre. Und so ging es weiter: „Lil Freak“ mit Usher, „Get It All“ mit Sean Garrett, im Mai folgte die Vorabsingle aus Christina Aguileras neuem Album „Bionic“, eine schwüle Cunnilingus-Hymne namens „Woohoo“. Und einen Monat später schließlich der vorläufige Schlusspunkt dieser Frühjahrsoffensive, „Bottoms Up“ mit Trey Songz. Der Boden für ihr Debütalbum „Pink Friday“ war bereitet.

    Nüchtern hatte Nicki ihre Strategie entworfen und durchgezogen. „Ich fühle mich wie ein Student, der frisch vom College kommt und sich einen Job sucht“, verriet sie der Climax. „Den Job, der Erfolg bringt. Das ist wie bei einem Vorstellungsgespräch, wo man alle verschiedenen Facetten von sich preisgibt, um den Job zu bekommen.“ Eine bestimmte Facette allerdings beschloss Nicki, in Zukunft nicht mehr so offensiv nach außen zu tragen. „Ich will, dass vor allem die jungen Mädchen verstehen, dass man im Leben nichts erreicht, wenn man sich nur auf den Sex-Appeal verlässt“, erklärte sie dem Interview Magazine. Ob diese Haltung nun gewachsenem Verantwortungsbewusstsein oder doch der Einsicht geschuldet ist, dass man im Mainstream gewisse Konzessionen eingehen muss, sei dahingestellt.

    Die Radiofreundlichkeit einiger Songs auf „Pink Friday“ soll aber nicht kühler Berechnung geschuldet, sondern eine Herzensangelegenheit sein. „Ehrlich gesagt sind das die Songs, die ich am liebsten schreibe. Das wissen viele Leute nicht, aber etwas wie ‘Kill Da DJ’ zu schreiben, macht mir Spaß. Singen macht mich glücklich.“ Und erfolgreich: Nach den eher suboptimalen Verkaufszahlen der experimentelleren ersten Auskopplung „Massive Attack“ legte Nicki mit „Check It Out (feat. Will.i.am)“ und vor allem „Right Thru Me“ deutlich eingängigere Singles vor, die besser abschnitten. Die Hardcore-Fans wurden dafür mit dem wahnsinnigen „Roman’s Revenge“ versöhnt, ein düsteres Swizz Beatz-Geschoss, auf dem Nicki an der Seite von Eminem zu ihrem Alter Ego Roman Zolanski mutiert. Übrigens einer der wenigen Tracks, auf denen ein Slim Shady-Feature den Gastgeber mal nicht in den Schatten stellt.


    Nicki Minaj – Right Thru Me
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    Viele Widersprüchlichkeiten in ihrer Persona lassen sich nicht endgültig auflösen, und gerade diese Tatsache macht Nicki Minaj so interessant als Projektionsfläche. „Ich will eine vielseitige Künstlerin sein. Viele wissen gar nicht, dass ich früher einfach nur straighten, normalen Rap gemacht habe. Irgendwann habe ich aber mit dem ganzen komischen Zeug angefangen, seltsamen Stimmen und so, und das hat mir Aufmerksamkeit verschafft“, sagte sie der Vibe. „Bei diesem Album meinten viele Leute zu mir ‘Oh, das ist doch zu viel Pop für dich’ oder ‘Oh, das ist doch zu sehr Dance für dich’. Ich habe darüber intensiv nachgedacht, warum sie so etwas sagen. Ich denke, sie tun das aufgrund meiner Vergangenheit. Ich muss aber etwas Neues erfinden, einfach, um zu zeigen, dass eine Frau auf jede Art von Beat rappen und immer noch HipHop sein kann.“

    Nicki Minaj ist ohne Zweifel die Frau der Stunde. Es scheint, dass sie ihr Business schon jetzt besser im Griff hat als jede andere Rapperin vor ihr. Ihr Talent ist über jeden Zweifel erhaben, Kanye sieht in ihr sogar schon die Nummer zwei hinter Eminem in der ewigen Liste der besten MCs aller Zeiten. Auch wenn das seiner bekannten Neigung zur Übertreibung geschuldet sein mag, hat er in einem Punkt recht: Mit den üblichen „Nicht schlecht für eine Frau“-Maßstäben wird man Miss Minaj definitiv nicht gerecht. Sie ist mehr als eine Hoffnung für Female Rap. Sie ist ein Versprechen für HipHop an sich.♦

    Text: Oliver Marquart