Newmerica’s Most Wanted: Lil Bibby & Lil Herb, Tree [HipHope Special Pt. III]

 
Im dritten Teil unseres HipHope Specials widmen wir uns drei aufstrebenden Wortschmieden aus Chiraq: Lil Bibby, Lil Herb und Tree.
 

 
Lil Bibby & LiL Herb
Willkommen im Fazoland

 
Bezeugen wir gerade den unausweichlichen Niedergang der Drill-Music? Zwei ­Jahre nachdem Kanye West mit seinem »I Don’t Like«-Remix Chief Keef auf ­Amerikas ­Gewissen losließ, hat sich vieles verändert. Leider nicht nur zum Guten. Keef hat sich in seiner Villa in einem Vorort von Chicago verschanzt, neue Stars wie Lil Durk ­haben bereits die FloRida-Übersee-Kohle angepeilt und Minderjährige wie Lil ­Mouse wollen es mit »Bang Bang«-Rhetorik ihren Helden gleichtun. Während man außerhalb ­Chi-Raqs schon anfängt, sich gelangweilt abzuwenden, schicken sich zwei ­junge ­Männer an, Drill-Musik in die Zukunft zu führen. Wie? Mit Rap-Skills natürlich. ­Willkommen in FazoLand – der Welt von Lil Bibby und Lil Herb.
 
FazoLand liegt in der Southside von Chicago und erstreckt sich über ein paar Blocks auf der 79th and Essex und der 78th Street. Früher nannte man dieses Gebiet Terror Town. Heute ist es nach Fazon Robinson benannt, der am 12. April 2010 von Unbekannten erschossen wurde. Die Polizei nannte es einen »gang related incident«. Ein weiterer ­»Gangbezogener Vorfall« ereignete sich genau ein Jahr ­später, und zwar an derselben Straßenecke. Fazons Freunde und Familie trafen sich, um bei einem Grillfest dem Verstorbenen zu gedenken. Gegen 21 Uhr fuhr ein ­schwarzer Wagen vorbei, aus dessen Innenraum jemand Schüsse in die Menge feuerte. Fünf Menschen wurden angeschossen, darunter ein 10-Jähriger. Beide Male wurden die Täter nicht gefasst.
 
Fazon Robinson war einer der führenden Köpfe der »No Limit Muskegon Boys«. Die NLMB entstanden, als sich Mitglieder der verfeindeten Gangs, der »Allmighty Black P. Stones« und der »Lakeside ­Gangster Disciplines«, auf dem Basketballplatz ­anfreundeten. Im Zuge dieser Freundschaft lösten sich beide Gruppen von ihren ­Dachorganisationen und ­gründeten ihre eigene Gang. Bibby und Herb sind selbst ­Mitglieder bei den NLMB, und Fazon war so etwas wie ihr großer Bruder. Der ­Freiplatz erweist sich aber eben nur so lange als ­geeigneter Fluchtort, bis die Realität ­gewaltsam dazwischenfährt. Als Fazon erschossen wird, finden Bibby und Herb mit Rap eine neue Ausdrucksform, um sich der Außenwelt mitzuteilen.
 

 
Im Sommer 2012 veröffentlichen sie ihr Video »Kill Shit«, das binnen kürzester Zeit eine Million Views erreicht. Klar, gerade ist der Drill-Zirkus in aller Munde, die Majors befinden sich im Bieterkrieg um Chief Keefs Unterschrift, und überall sprießen die Lils aus dem Boden, mit den Hoffnungen einer ganzen ­Sippe auf den Schultern. Doch irgendwas ist bei Bibby und Herb anders. Folgenden Umstand herauszustellen, klingt eigenartig, ­dennoch ist er entscheidend: Sie rappen. Sie singen nicht, sie krächzen nicht und sie geben auch keine sonstigen Laute von sich, wie es Drill-Künstler gerne machen, um den maximalen Grad der eigenen Entrücktheit aus dem System darzustellen. Bibby und Herb ­brauchen jedoch all die vielen Wörter, weil sie sich ihrer eigenen Lebensrealität ­bewusst sind. Sie sind Beobachter der eigenen Umstände – und Teilnehmer gleichermaßen. FazoLand ist ihre Welt, aus der sie bis jetzt nicht entfliehen konnten. Oder wollten.
 
Beide liefern weiterhin vielversprechende ­Solo-Videos, die die ganze Industrie ­aufhorchen lässt. Drake bezeichnet die ­Teenager in Interviews als »Zukunft« und ­twittert Songzeilen, Nicki Minaj fragt für ein Feature an. Statt diesen Hype zu nutzen und ein Album oder wenigstens ein Mixtape rauszuhauen, veröffentlichen Bibby und Herb in regelmäßigen Abständen Songs – immer darauf fokussiert, sich weiterzuentwickeln. Es dauert fast anderthalb Jahre, bis Bibby sein Debütmixtape »Free Crack« herausbringt – und damit endlich und endgültig ­Aufmerksamkeit der HipHop-Szene auf sich bündelt.
 

Lil Bibby
 
lilbibby
 
Es gibt wohl keinen weniger ­einschüchternden Rap-Namen als Lil Bibby. Fazon verpasste dem jungen Brandon auf dem Court diesen Spitznamen, benannt nach dem NBA-Spieler Mike Bibby. »Wegen meiner hellen Haut und meinem Sprungwurf«, erklärt er. Vielleicht aber auch wegen des schüchternen Auftretens. Mike Bibby galt Zeit seiner Karriere als solider Aufbauspieler, der nie im Mittelpunkt stehen wollte. Ebenso wenig sucht Lil Bibby das Scheinwerferlicht. Auf dem XXL-Freshman-Cover geht er neben den aufgedonnerten Jungspunden regelrecht unter. »Ich musste lernen, wie ich mich vor der Kamera verhalten soll, wie ich sprechen muss. Ich habe nie viel geredet. Überhaupt kann ich nicht so gut mit Menschen. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, wie ich mit Leuten sprechen soll«, gibt der 19-Jährige in einem Interview unumwunden zu.
 

 
Bibby ist kein herangezüchteter Star, dazu hat ihn die Southside nicht ausgebildet. Er hat etwas anderes; etwas, das nicht erlernt werden kann: eine natürliche Präsenz. Es ist seine Stimme, die so klingt, als wäre sie das Resultat des 30-Jahre-langen Nikotinkonsums eines Hafenarbeiters. Dazu wechselt er scheinbar fließend zwischen verschiedenen Reimtechniken, ohne sich jemals wie andere Drill-­Kollegen in Gebrabbel zu verlieren. Damit liefert er eine höchst bedrohliche, aber von unserem Standpunkt aus ­nachvollziehbare Beschreibung einer sehr kurzweiligen ­Parallelwelt; eine Welt, in der das schnelle Geld zum allgegenwärtigen ­Lebensmodell wird, und in dem Drogen und Waffen ­vollkommen selbstverständliche Variablen sind. (Genau dieses Leben beschreibt Bibby auf dem »Cam Skit«, auch wenn die Rechnung in mehrerlei Hinsicht nicht aufzugehen scheint: »Amerika gibt uns keinen scheiß Plan B. Amerika ist nicht für uns vorgesehen. Die ­Scheiße soll so funktionieren: Du gehst zur High School, gehst auf’s College, machst deinen Abschluss, verdienst 30.000, nach Steuern bleiben dir 20.000. Davon nehmen sie dir zehn Prozent für deinen Studentenkredit weg, weil du für die Scheiß-Schule ­zahlen musstest. Du bist runter auf 12.000, zahlst im Monat 500 Euro für deine Miete, dir bleiben im Jahr 5.000 übrig. Du musst essen – wie zur Hölle willst du fresh bleiben?!«)
 
Lil Herb
 
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Herb ist 18 Jahre alt. Er macht sich (zum Glück noch) keine Gedanken darüber, warum er beim Publikum ankommt oder welches popkulturelle Potenzial die Feuilletons der Drill-Musik bescheinigen. Er ist einfach ein Spitter, einer, der mit beiden Beinen auf der Straße steht und auf dem Mixtape »Welcome to FazoLand« in nadelstichartigem Flow über Loyalität, Freundschaft und Gewalt rappt. ­Damit verleiht er nicht nur den ­zeitgenössischen Drill-Bangern eine neue lyrische Dimension, sondern kann auch mit seinen Rap-Skills auf Streichern und Soul-Samples bestehen. Dieses musikalische Komplettpaket liegt übrigens in seinen Genen. Sein Großvater war Victor Caston, ein Mitglied der Sechzigerjahre-R’n’B-Gruppe The Radiants. Sein Sohn und Herbs Onkel Trevor Caston war unter dem Namen Kay-Tone in Chicago Anfang der Neunziger als einer der ersten Rapper bekannt. Zu Herbs tragischer Geschichte gehört auch, dass 2010, er war gerade 14 Jahre alt, zunächst sein Freund Fazon, und innerhalb weniger Monate mit seinem Großvater und seinem Onkel die wichtigsten musikalischen Bezugspersonen an Krankheiten starben.
 

 
Die Aufmerksamkeit für Lil Bibby und Lil Herb entstand aus dem Zusammenspiel von ihren ­Fähigkeiten und den Bedürfnissen des ­Publikums. In diesem Fall war es das ­Bestreben, endlich Leute aus Chiraq zu finden, die wirklich rappen können. »Die Leute sagen mir, dass ich meinen eigenen Style habe; dass ich etwas Originelles mitbringe«, sagt Herb. »Aber ich rappe einfach nur über meinen Lifestyle und über bestimmte Situationen, die ich erlebt habe.« Beim Videodreh zu seinem Song »All My ­Niggas« wurde Herb von Graffiti-Legende Kane-1 gebeten, ihm die Namen seiner verstorbenen Freunde zu nennen. Über den »R.I.P.«-Schriftzug taggte Kane am Ende 17 Namen.
 
Text: Toni Lukic
 
Tree
Stammhalter
 
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Nein, nein, nein. Diese Stimme und der junge Mann können nicht zusammengehören. 28 oder dreißig Jahre soll Tree alt sein, keiner weiß das so richtig. Aber er klingt wie ein Mann, der ­vierzig Jahre im Mississippi-Delta mit dem Blues verbracht hat, um kurz nach Renteneintritt das Rappen zu lernen. Wie jemand, dessen Seele schon vom Leben gebeutelt wurde, bevor unsere Eltern überhaupt ­geboren waren, klingt er. Tree ist definitiv mehr Rapper als Sänger. Jedoch rappt ­niemand sonst wie er. Seiner Stimme gehen die traditionell abgehackten Stakkato-Reime fast vollständig abhanden, er trägt seine Verse in einem Hybrid aus klagendem Soul und Rap mit angezogener Handbremse vor, einer Art rhythmischem Stöhnen.
 
Ähnlich individuell sind auch seine Beats. Seit dem 2012 erschienenen Mixtape »Sunday School« baut Tree Songs aus Soul-Samples und 808-Drumpattern, verlässt dabei aber stetig den ausgetrampelten Pfad seiner ­Kollegen. Er zerhackt die Samples, ­bearbeitet sie und setzt sie in eigenartigen Abfolgen und leichten Dissonanzen wieder zusammen; ein Tick neben dem Beat, ohne dabei jedoch den Marsch der Drums zu ­verlassen. Das Resultat ist das Gegenteil eines kopfnickenden Beats; seine Merkwürdigkeit und Instabilität sind jedoch die Komponenten, die diese Musik neben der Reibeisenstimme so magnetisch werden lassen. Die Anfang des Jahres ­veröffentlichte »The MCTreeG EP« klingt so entrückt und gleichzeitig melodisch, dass es beinahe schwerfällt zu glauben, dass sie überhaupt existiert. Das ist erst einmal positiv, wird Tree im Laufe der Jahre jedoch auch zum Fluch.
 

 
Tremaine Johnson kommt aus Chicago, jener Stadt am Lake Michigan, die in den letzten beiden Jahren einen immensen Hype erfahren hat. Im Fahrwasser von Chief Keef etablierte eine Armada von Rappern, die meisten nicht einmal alt genug sind, um eine Bar zu betreten, ihren eigenen Trap-Entwurf – den launig wabernden Drill. Dieser rief LabelBosse auf den Plan und ­verschaffte einem guten Dutzend Rapper lukrative Major-Deals. Von dem Kuchen bekam Tree bisher so gut wie nichts ab. Zwar landete er mit »Sunday School II« bei MTV auf einer Top-Fünf-Liste in der Kategorie Mixtapes. Dennoch bewegt er sich weiterhin am Rand des Radars. Das mag daran liegen, dass sein Soul-Trap so ­etwas wie ein Gegenentwurf zu der ­Konkurrenz aus der Windy City ist, doch vor allem passt Johnson in keine Schublade. Er ist zu sehr Straße für Raop, zu sehr Normalo, um als Gangster durchzugehen und zu ­beseelt und subtil für die Drill-Szene – und damit das bestgehütete Geheimnis der Stadt.
Trees Musik hat eine nicht von der Hand zu weisende Substanz: die klassische Geschichte vieler Kids aus der Hood. Er dealt viel zu jung mit Crack, kommt mit rivalisierenden Gangs in Konflikt und putzt Schuhe vor einer Burgerkette, um über die Runden zu kommen. Er zeigt jedoch auch Verantwortungsbewusstsein, als er Vater wird. Aus dieser Lebensgeschichte strickt er heute gedankenvolle Charakterstudien seiner selbst und seines Backgrounds. Gepaart mit der musikalischen Komponente ergibt das eine Mixtur, auf die schließlich auch Labels aufmerksam werden. Nach »Sunday School« klopfen sie an; RCA, Atlantic und Talib Kwelis Blacksmith Music wedeln seit geraumer Zeit mit Verträgen. Doch Tree lehnt zunächst ab. Und geht stattdessen schließlich auf einen Deal mit Scion AV ein. Wie der widerborstige Rapper und der japanische Autohersteller ­zusammenpassen sollen, bleibt ein Rätsel. Deren Logo prangt nun jedenfalls auf dem ­Titel der jüngsten EP. Doch um das große Geld scheint es Tree nicht zu gehen. Er macht weiter sein Ding. »Weißt du«, sagt er selbst einmal, »ich möchte es ohnehin am liebsten auf dem harten Weg schaffen.«◘
 
Text: Dennis Pohl
Illustrationen: Tim Köhler

 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #160 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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