Nate 57 – Stress Auf’m Kiez

 

Nate-57_Stress-Aufm-Kiez

 

(Rattos Locos/Groove Attack)

 

Der Buzz um Nate57 nahm in den letzten Monaten beachtliche Ausmaße an. Genau erklären konnte dabei bislang keiner so richtig, warum genau der Hamburger aus dem Einheitsbrei von Post-Aggro-Straßenrappern heraussticht. Dabei ist es doch so einfach: Der Bursche bringt eben die Anlagen eines echten MCs mit: Style, Flow, Rhythmusgefühl, eine unverwechselbare Stimme. Und er ergänzt die authentischen Beschreibungen aus dem Unterschichts­alltag durch eine gesellschafts-, regierungs- und medienkritische Kante, sprich: Der Junge macht glaubwürdigen Straßenrap in der Conscious-Variante, gepaart mit einem Reimstil, der sich in eigenwilligen Betonungen, dem charakteristischen Hamburger Kiez-Vokabular und plötzlichen Silben-Massakern in der Tradition des frühen Big L äußert. Besonders spannend ist zu beobachten, wie er sich auf den Eigenproduktionen seines Bruders Blacky White bewegt, die sowohl in ihrer unverkopften, unmittelbaren Herangehensweise als auch in ihrer ästhetischen Ausgestaltung an Phänomene wie britischen Grime erinnern: Die gängigen Regeln des aktuellen HipHop-Betriebs werden weitgehend ignoriert, dafür regieren kaputte Drumsounds, simple Keyboard-Loops, flächige Synthiewolken und Mobb Deep-Gedächtnistrauergeigen. Nate selbst ist immer dann am stärksten, wenn er die Zurschaustellung von Härte und Revierdenken zumindest in den Zwischentönen überwindet und dadurch die eigentliche Dimension seines Schaffens eröffnet. Stücke wie “Fick die Welt” oder “Unterdrückt” sind zwar der ästhetische Gegenpol zu Audio88 & Yassin, transportieren aber eine ähnliche inhaltliche Aussage. Erfrischend, mal einen Straßenrapper zu hören, der nicht auf ekligen CDU-Klischees zwischen übersteigertem Familiensinn, einem kruden Ehrbegriff und heuchlerischer Religionstreue herumreitet, sobald es mal um Werte und Weltbilder geht. Stattdessen bekennt Nate sich offen zu seiner linken Sozialisation, kritisiert konzernhörige Politiker und die ungerechte Chancenverteilung in unserer Gesellschaft. Ein deutscher Nas? Vielleicht noch nicht ganz. Aber mindestens eine deutsche Version des jungen Prodigy.

 

Text: Stephan Szillus