Money Boy – Der Junge ist am Eaten [Interview]

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Montagmorgen. 9:50 Uhr. Flughafen Berlin Tegel. Ich stehe vor Cindy’s Diner an Gate C und warte auf den Boy. Jede Menge Anzügträger strömen aus den Türen und werfen kurze, verunsicherte Blicke auf das Schildermeer der erwartungsvollen Empfänger. In meinem Fall wäre so ein Namensschild vielleicht eine nette Geste gewesen, wirklich vonnöten ist es nicht. Mit seinen gesunden zwei Metern, dem funkelnden Ice im Ohr und den knalligen Farben auf dem XL-Shirt muss sich der Junge kaum darum sorgen, dass ich ihn nicht erkennen werde. Warum wir uns am Flughafen treffen? Vorschlag vom Boy. »Ich bin am 7. April in Berlin. Wir könnten nach meiner Landung um 9:50 Uhr das Interview machen«, hieß es in seiner Mail. Da habe ich nicht lang gefackelt.
 
Als ich ihn schließlich in Empfang nehme, frage ich, ob er das immer so handhaben würde. »Ja, da spart man Zeit«, entgegnet er in seinem ganz normalen Hustle-Modus, ohne dabei an Freundlichkeit einzubüßen. Na dann mal schleunigst einen geeigneten Spot suchen. Während das eine oder andere Café an uns vorbeizieht, steuert er entschlossen auf einen Starbucks zu. ­Normalerweise würde er die Zeit bei Burger King totschlagen, Starbucks passe nun aber besser. Denn der Boy weiß ziemlich genau, was er will. Konkret: einen »Strawberries & Cream«-Frappuccino und kostenloses WiFi. Und da wären wir dann auch beim ­eigentlichen Thema: Sebastian Meisinger, wie Money Boy mit bürgerlichem Namen heißt, hat längst eine zweite Heimat gefunden. Die erste Heimat Wien wich vor ­einigen Jahren der wahren Hood des M-Beezy, dem virtuellen Raum. Auf Youtube, Twitter und nicht zuletzt auf der heimeligen Seite www.moneyboy.at unterhält er die Konsumenten und hustlet sich seine Miete zusammen. Er ist der Boy, der auf Blogs chillt.
 

 
Du bist gerade aus Wien eingeflogen. Was geht denn da gerade so?
Nichts Besonderes. Das meiste spielt sich bei mir im Homestudio ab. Ob ich das in Wien oder sonstwo mache, ist eigentlich egal. Sicher gibt es eine Szene von Leuten, die stärker miteinander chillt, aber zu der gehöre ich nicht. Ich bin übers Internet connectet, mit allem was ich brauche. Ich mache ständig Musik und Videos, und wenn es gut läuft, spiele ich am Wochenende eine Show.
 
Apropos dazugehören: Du zählst gerne Gang-Namen auf.
Ja, es gibt einen ganzen Haufen: die ­Hirschbraten Hood Homies zum Beispiel, oder die Glo Gang aka Glühwürmchenbande. Ich starte immer wieder mal Movements. Die ­Eagle Gang und die Codein Cobra Crew sind die vorherrschenden. Und 21 Entertainment steht am Ende des Tages sowieso über allem.
 
Haben diese Gangs wirklich Mitglieder?
Das ist schon so etwas wie eine Attitüde, aber es fühlen sich auch Leute zugehörig. Es gab diese Aktion, dass ich Personen auf Instagram folge, wenn sie mit einem meiner Gang-Zeichen posen – das machen noch immer täglich Leute. Und gestern wurde auf Youtube ein NBA-Spiel übertragen, bei dem ich in den Live-Chat gegangen bin und plötzlich haben etliche Leute den »Swag Mob« und die »Eagle Gang« representet. Die Leute zitieren auch immer wieder aus meinen kurzen Video-­Messages, das ist echt witzig.
 
Hast du außerhalb dessen auch Leute, die dich in deiner Arbeit supporten?
Ich habe viele Menschen kennengelernt und mittlerweile habe ich auch Leute, die die selben Sachen feiern und mit mir arbeiten. Ich wünschte, das wäre noch lokaler – dass man zum Beispiel jemanden im gleichen Haus hat, der Videos und Grafiken macht, um schneller und effektiver zu arbeiten. Für das Business habe ich eine Assistentin, die mir bei administrativen Sachen wie dem Shop hilft. Ansonsten connecte ich halt über Facebook mit Leuten, die mir auch in einer Stunde ein Artwork basteln. Und Videos nehme ich gerne selbst mit dem Handy auf, wenn ich ­gerade Bock habe, das ist am ­authentischsten. Ich mache halt keinen Hood-Report auf ­Kommando.
 

 
Kannst du von deinem Business leben?
Ja, seit drei Jahren etwa. Am Anfang haben mir viele dazu geraten, mitzunehmen was ich kann, solange das läuft. Ich wollte das aber nicht nur für ein Jahr machen, weil es das coolste ist, was ich machen kann. Außerdem habe ich gelernt, dass man umso hungriger und mit einer viel größeren Aggressivität an das Ganze herangeht, wenn man mal wirklich ­strugglet. Da kommen richtig coole Moves bei raus.
 
Welche Einnahmequelle ist denn ­besonders rentabel?
Das meiste Geld bekommst du in kürzester Zeit für Live-Auftritte. Alles, was man sonst in das Game steckt, ist im Endeffekt auch Promo dafür. In letzter Zeit läuft auch das Merchandise ziemlich gut. Die Mixtapes gibt es ja meist zum freien Download, manchmal als Paket. Da wird dann auch eher das Shirt verkauft, und die CD gibt es als Gimmick dazu – das habe ich mir früher bei Ekos »Freezy Bumaye«-Mixtape abgeguckt. Youtube-Klicks und -Werbung bringen hin und wieder auch was ein, und dann kommt noch iTunes hinzu. Da habe ich ein Album und vereinzelte Songs drin, wodurch ein paar hundert Euro im Monat zusammenkommen. Ich werde da im Sommer noch ein Album nachlegen, »Ghetto Money Geld Boss«. Vielleicht zu meinem 33. Geburtstag, am 27. Juni. Da habe ich richtig Arbeit reingeputtet und geile Beats gepickt, für die ich die Rechte habe. Man hustlet sich also aus verschiedenen Quellen das Geld zusammen. Und wenn ich besser auf meine Ausgaben achten würde, wären die gesamten Einnahmen nicht zu unterschätzen.
 
Wenn du schon von verschiedenen ­Produkten und Einnahmequellen sprichst: Inwiefern verstehst du »Money Boy« als Marke?
Ich sehe das definitiv als Marke, mit der Leute bestimmte Dinge verbinden. Wenn ich mir die Rapper anschaue, die ich konsumiere, dann stellen die alle eine Marke dar, die meisten ­haben ja auch Klamotten-Brands und sonst was. Das war mir schon immer ein Vorbild. Deswegen war mir von Anfang an auch der Name sehr wichtig, den ich direkt habe schützen lassen – auch in Amerika. Davor hatte ich irgendwelche random HipHop-Namen, so wie Verbal Kint, nach einer Figur in dem Film »Die üblichen Verdächtigen«. Das ist aber ein Name für einen Spitter, nicht für eine Marke.
 
Viele Rapper entwickeln sich im Laufe ihrer Karriere zu einer Marke – und oft steckt eine riesige Maschinerie ­dahinter.
Ja, man kann in so etwas natürlich viel Geld reinstecken und das viel geplanter angehen. So wie Firmen auch für virale Werbespots ein hohes Budget haben. Andere haben einfach Glück oder etwas Cooles, Besonderes gemacht, wodurch das Ganze viral wird – das war bei »Dreh den Swag auf« der Fall. Ich habe diese großen Mittel nicht, und will diese Marke auch lieber auf meinem Weg, mit meinem Marketing aufbauen.
 

 
Du hast kürzlich MC Fitti gedisst. Bei dem spielt Marketing auch eine große Rolle.
Ich glaube, dass bei ihm von Anfang an ein riesiger Plan dahintersteckt. Der ist unglaublich präsent, seit er in Erscheinung getreten ist: Das Gesicht ist auf riesigen Plakaten, auf komischen Partys, in Magazinen und auf Seiten, von denen ich eher denken würde, dass sie dem kritisch gegenüber­stehen. Mir wurde auch erzählt, dass der aus einem Medienagentur­-Umfeld kommt oder ­zumindest extrem connectet ist in dem ­Business. Mir kam das jedenfalls viel zu ­gepusht rüber. Wenn die Leute, die da involviert sind, ihr Geld machen, ist das schon okay. Aber ich find’s uncool, weil es so ­aufgesetzt wirkt. Das ist wie mit Hipstern: In jedem Kaff in Deutschland gibt es irgend­welche Mädchen, die diesen Style rocken wollen, aber das kommt nicht so authentisch, wie wenn es in Berlin wirklich entsteht.
 
Es ist lustig, dass du sagst, es wirke ­aufgesetzt. Das werfen dir auch viele vor.
Ja, ich sehe da aber einen Unterschied. Meine Intention besteht nicht darin, das Ganze als Entertainer zu verkörpern. Ich will das wirklich aufgreifen und leben, was Ami-Rapper einem vormachen. Ich habe auch Freunde, die Gucci Mane pumpen und Fans sind, aber die haben irgendeine normale Jeanshose, einen Esprit-Pullover und einen Job. Ich will halt komplett diesen Lifestyle verkörpern und beim Recorden Sizzurp aus dem Double Cup trinken. Schon bevor ich bekannt ­geworden bin, war ich geradezu besessen davon. Natürlich bin ich kein Chief Keef in einem Haus in Chiraq, aber ich bin zumindest ein Rapper, der auf seinem Grind ist. Chief Keef hat einmal gesagt, dass er sich selbst aufnimmt und abmischt. Und da sehe ich schon Parallelen, die ich auch leben kann.
 
Woher kommt deine Faszination für den Ami-Lifestyle?
Ursprünglich hat das wohl begonnen, als ich Basketball-Fan war und selbst gespielt habe. Mit 12 etwa bin ich zum ersten Mal ­rübergefahren und habe mir mit meinem Vater ein NBA-Spiel in Atlanta angeschaut. Da fand ich das alles schon total krass. Gerade die Stores, mit den ganzen Klamotten und dem Food, den bunten Verpackungen, bis hin zum Kaugummi, das es hier nicht gab. Da hingen in den Shops Caps von all den Teams, und auf den Streets waren halt so schwarze Dudes, die komplett anders und viel cooler waren. Später war ich dann noch einmal mit meinem Basketball-Team in New York, Ende der Neunziger, und in den U-Bahnen hatten alle fette Headphones, JanSport-Rucksäcke, dicke Daunenjacken und Baggies. So ist das entstanden – alles was ich cool fand, kam aus Amerika: Musik, Sport, Klamotten und Food.
 

 
Man hat dich mit »Dreh den Swag auf« zum ersten Mal wahrgenommen. Wann hast du mit dem Rappen angefangen?
Schwer zu sagen. 2006 bin ich jedenfalls in Fahrt gekommen, als ich für ein Jahr in ­Amerika studiert habe, an der University of ­Illinois. Da war viel neuer Flavour und Swag am Start. Im Radio liefen alle möglichen ­Banger, die man hier gar nicht ­mitbekommt. Und Lil Wayne ist damals mit seiner Free-Mixtape-Reihe »Da Drought« an den Start ­gegangen, bei der er auf jeden Beat ­gesprungen ist, der hot war. Der hat damit ­einfach den Markt überschwemmt. Ähnlich wie No Limit früher, da waren im Booklet immer schon die nächsten fünf Releases angekündigt – Master P hat die CDs so vertickt wie das Crack auf der Straße. Dieser Fließband-Rap hat mich vom Feeling und Hustle her sehr inspiriert. Und zurück in Wien, habe ich dann angefangen zu recorden. Viele Aufnahmen von damals wären mir heute auch unangenehm. Mir haben zwar Kumpels Props dafür gegeben, aber unter Freunden muss das ja nicht so viel bedeuten. 2009 habe ich mir dann jedenfalls zu Weihnachten ein Mic und ein USB-Interface gewünscht, und dann ging es wirklich los. Auf einmal kamen auch Fotografen auf mich zu, die Bilder machen wollten, und Leute haben bei HipHop-Konzerten in Wien »Boy der am Block chillt« gerappt. Das haben die zwar eher verarscht, aber da habe ich gemerkt, dass die Leute mich erkennen.
 
Was hast du vor dem Rappen gemacht?
Ich habe Kommunikationswissenschaften ­studiert, mit der Fachrichtung Journalismus und PR. Das war aber im Endeffekt nie praxisbezogen, was mich frustriert hat und mir Energie nahm. Ich habe Sachen gemacht, die keinen Bezug zur Praxis hatten. Heute hat ­alles, was ich mache, einen direkten Effekt – im Studium hatte man vielleicht mal die Aussicht, in zwei Jahren fertig zu sein.
 
Womöglich hat es dir selbst weitergeholfen.
Vielleicht. Aber ich glaube, dass ich etwas nur richtig lerne, wenn ich es selbst brauche. Wenn ich wissen will, wie man in der Grafik ­einen Glanz auf irgendetwas legt, weil ich das für ein Artwork brauche, dann lerne ich das, sonst nicht. Also war ich im Studium ein bisschen verloren und habe nebenbei verschiedene Jobs gemacht; in Redaktionen kleine Texte für Tourismus-Unternehmen geschrieben. Hinter den Jobs stand ich nicht persönlich, aber die waren chillig. Wenn mir ein Job nicht gefällt, dann gehe ich da höchstens zweimal hin.
 
Wie gehst du mittlerweile mit Kritik um?
Naja, es trifft einen manchmal, wenn jemand einen wunden Punkt erwischt. Ich werde wohl nie sagen können: »An mir prallt alles ab wie an Teflon!« Aber man lernt damit ­umzugehen. Kurz durchatmen, runter­schlucken und ­weiterhin sein Ding machen. Dann hat man auch Erfolg, und die Leute werden ihre Meinung vielleicht ändern. Man muss halt Selbstvertrauen gewinnen, und das wächst langsam. Aber ich sehe viele erfolgreichere Rapper, die für mich in dieser Hinsicht viel größere Schwächen haben.
 

 
Machst du einen Unterschied zwischen Leuten, die mit dir lachen, und anderen, die über dich lachen?
Eigentlich nie, das ist mir egal. Ich freue mich einfach, wenn ich so etwas wie Fangruppen sehe. Auf Facebook gibt es zum Beispiel einen Swagmob, eine Gruppe mit 1.000 Mitgliedern, das sind die Hardcore-Money-Boy-Fans. Die verstehen einfach auch irgendwelche References oder Späße, die für andere sinnloser Bullshit sind. Ich freue mich, wenn Leute den Humor kapieren und nicht nur lachen, wenn ich in die Kamera rülpse. Klar, ich freue mich grundsätzlich, wenn ich Klicks kriege und im Gespräch bleibe. Darum mache ich auch Videos wie »Dicke Eier«, mit denen ich nicht nur die richtigen Fans anspreche. Ich bediene halt auch die Leute, die diese Art von Money Boy haben wollen, anstatt mir selbst einzureden, wie die Leute mich feiern sollen. Ich hab’ zwar mehr zu bieten, aber oft erreichst du auf dem geringsten Nenner die meisten Leute.
 
Illustration: Anna Luise Rupprecht
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #159 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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