Mena, Kynda Gray & Wednesdays: »Entweder du fühlst gar nicht, was wir machen, oder du bist ein Hardcore-Fan.« // Feature

»Können wir das Interview gegen 19 Uhr machen? Ich lasse mir heute noch ein ­Face-Tat stechen«. Kynda Grays Frage verdeutlicht den Stand der Dinge. Es ist 2017, und drei ­Anfangzwanziger aus Norddeutschland machen im Jetzt unmittelbare Musik für die ­Zukunft – en vogue-Appearance inklusive.

Ja, Ostfriesland ist ein Hort für futuristische Soundentwürfe von Musikern mit Faible für Gesichtstattoos. Dort, in einem dieser Dörfer mit exakt vier Häusern, anderthalb Stunden Fußmarsch entfernt vom nächsten Kippenautomat, steht das Bando. Sierra Kidd hat diesen Ort geschaffen – als Basis zum gemeinsamen Musikmachen und als Möglichkeit, sich auf direktem Wege zu connecten. 2015 nahmen Mena und Wednesdays, die sich seit der dritten Klasse kennen und seit Jahren als Producer-Rapper-Tandem agieren, dort ihre »Strawberry Avenue«-EP auf, und irgendwann kam auch Kynda Gray ins Bando, ebenfalls aus dem hohen Norden und mit ähnlichen musikalischen Visionen im Kopf. Denn sowohl Kynda als auch Mena und Wednesdays haben mehr im Sinn, als »einfach nur« deutschen Rap. Mit ihrem Heroin-Chique-Projekt schraubten Mena und Wednesdays schon 2014 an einem experimentierfreudigen, englischsprachigen Soundentwurf, der innovativ und vertrackt klingen sollte. Auch Gray, 2014 noch Teilnehmer des JuliensBlogBattle, werkelt mittlerweile mit den Produzenten-Brüdern einsnulleins an modernen Melancholie-Schnipseln, fernab von antiquierten Drum-Strukturen und Wie-Vergleichen.

Auf die Begegnung im Bando folgen Tapes, die zumindest in einem Soundcloud-Umfeld Hype generieren, außerdem Touren mit Sierra Kidd und dem TEAMFUCKSLEEP. Klick- und Follower-Zahlen steigen, der in Lyrics verpackte Millennial-Weltschmerz bei gleichzeitiger Egozentrik samt stilsicher geführten Instagram-Konten sorgt für ein stetiges Wachstum der Fanbase. Während dieser Zeit kristallisiert sich bei allen dreien heraus, wo es musikalisch hingehen soll: R’n’B und moderne (T)Rap-Einflüsse verdichten sich zu auf Hochglanz polierten Songs. Die wollen Genregrenzen sprengen und ausloten, was neben x-mal Durchgekautem und von Influencer-Blogs als Hype Stilisiertem noch so auf einem Track gehen kann. Dabei wird klar, dass sich die drei nicht als Teil der deutschen Rapszene sehen: »Unsere Musik ist auf den internationalen Markt zugeschnitten. Alles, was hierzulande passiert, geschieht nach einer Formel, nach einem Algorithmus. Aber uns geht es nicht um Technik oder 90 BPM. Wir arbeiten nach Gefühl«, umreißt Mena den Mindstate des Trios.

»Uns geht es nicht um Technik oder 90 BPM. Wir arbeiten nach Gefühl.«

Das gemeinsame »040«-Tape wurde zur Selbstverständlichkeit. »Wir dachten uns irgendwann: ‚Ey, wir sind die ganze Zeit zusammen unterwegs, lass uns ein Tape machen.’« Über die Hälfte von »040« sei dann während der Offdays auf der letzten Tour mit Sierra Kidd entstanden, die restlichen Songs wurden Anfang des Jahres, wie es der Vorwahl-Titel vermuten lässt, in Hamburg produziert. Dabei hätten einige der Beats eigentlich längst im digitalen Papierkorb liegen sollen: »Manche Beats waren schon älter, ich habe von denen nicht mehr viel gehalten«, erzählt Wednesdays. »Dann waren wir im Studio, ich habe gehört, was die Jungs daraus gemacht haben, und es ging von Null auf Hundert. Die haben aus Beats, die ich wegwerfen wollte, krasse Hits gemacht.« Das gemeinsame Projekt der drei gestaltet sich jetzt abwechslungsreicher als ihre jeweiligen Soloreleases. Sommerliche Songs wie »Deserve« haben Lowkey-Airplay-Potenzial, auf »iPhone« wird mit Max-Auto-Tune im Anschlag durch die verregneten Gassen der verschlafenen Hansestadt gecreept. Arroganz und Zerbrechlichkeit offenbaren sich gleichzeitig.

Dann, Anfang März in Hamburg: Vor dem NobleNorse-Store in der Sternstraße bilden sich lange Schlangen. Die drei Jungs haben in den Pop-Up-Store geladen – Verkaufsort für das selbst designte Merch und CD-Release des »040«-Tapes. Wer es streamen will, muss noch ein paar Wochen warten. So viel zum Internet-Rapper-Stempel, den auch Mena und Kynda Gray aufgedrückt bekommen: »Ein Internet-Rapper ist für mich jemand, der nur im Digitalen stattfindet und keine Shows spielt. Wir spielen mehr als die meisten der Großen«, sagt Kynda mit Real-Life-Verweis auf den Pop-Up-Store. »Keiner konnte ein­schätzen, ob überhaupt irgendwer kommt. Dann zu sehen, dass Leute aus Österreich, teilweise ohne Schlafplatz, nach Hamburg fahren, ist verrückt. Bei uns ist es, glaube ich, so: Entweder du fühlst gar nicht, was wir machen, oder du bist ein Hardcore-Fan.«

»Das hat mit Deutschrap nichts mehr zu tun, das ist ein anderes Niveau.«

In der Tat kann man sich leicht an Musik und Attitüde des Trios stoßen. Im Studio gebe es oft Momente, in denen man sich anschaut und denkt: »Das hat mit Deutschrap nichts mehr zu tun, das ist ein anderes Niveau.« Generell sei es ein gemeinsames Ziel, Deutschrap wieder cool zu machen und sich ohne Schamgefühle als Rapper outen zu können. So weit, so ambitioniert. Was man dem Trio bei aller Subjektivität nicht nehmen kann, ist der Hustle, der in der gemeinsamen Arbeit steckt. Merch, Musik, Management – fast alles passiert in Eigenregie. Mena und Wednesdays erhalten lediglich organisatorische Hilfe aus dem Sierra-Kidd-Camp, unterschrieben haben sie aber nirgendwo. »Ich habe nicht umsonst ‚Fuck Labels‘ auf meinem Hals stehen«, sagt Kynda. Parallel dazu hat Mena noch ein ganz eigenes Ziel: »Ich bin ein schwarzer Mann in einer weißen Welt. Das klingt jetzt schon wieder so Black-Power-mäßig, aber ich möchte meiner Community einfach zeigen, dass man als Schwarzer hier erfolgreich sein kann.« Musikgeschmack hin oder her, auf dieses Ziel sollte sich jeder einigen können.

Text: Louis Richter
Foto: Manuel J. Karp

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