MC Fitti (Feature #152)

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Mc-Fitti

 

Ja, was ist denn eigentlich mit der gottverdammten Realness? In Bezug auf wenige hat diese Frage so viel Sinn gemacht wie auf MC Fitti. Einerseits: Vollbart, Snapback, Ray-Ban, Konfettiparty, Wodka-Club Mate am Späti, eine Hand am Smartphone, #übelstironisch, Achtziger-Fetisch und somit Inbegriff ­dessen, was viele dieser Tage gerne zu ihrem ganz persönlichen Feindbild mit dem stark verwässerten Begriff des Hipsters hochjazzen. Andererseits: astreine Graffiti-Vergangenheit, BFF mit der Berliner Untergrundrap-Garde von Rhymin Simon über Vokalmatador bis hin zu King Orgasmus One und ein verdammt gutes und witziges Album namens »#Geilon« am Start. Seien wir ehrlich: So richtig beigekommen ist dem Phänomen ja auch noch niemand, oder? Es muss, ja, es kann, nur mehr hinter MC Fitti stecken als der im doch sehr sehr dünnen spiegel.de-Artikel proklamierte »Mann mit den Flamingo-Mädels«, der das »Luftig-Leichte« zelebriert und zu dessen Beschreibungen »des Alltags als Abfolge von Belanglosigkeiten« die Hipster »in Pfützen aus Bier durch den Berliner Club« tanzen. Eine Spurensuche.

 

Das Interview findet in einem Lokal in Friedrichshain statt, fernab der Touristenmeile. Fitti hat lange hier gelebt und seinen Backup ­Vokalmatador samt Dame von der Plattenfirma mitgebracht. Im Interview wird er dann und wann zu ihr rüberschauen oder den Interviewer mit einem Stirnrunzeln darauf hinweisen, dass er zu einem Thema nichts sagen möchte. Ist ja auch verständlich, dass jemand wie er, der derart mit den heutigen Social-Media-Methodiken kokettiert, versucht, seinen öffentlichen Auftritt zu steuern – aber er muss eben auch damit rechnen, dass man sich in den Tiefen des Internets ein bisschen auf die Suche nach seiner Vergangenheit macht.

 

Das Ganze sei eigentlich ein Kunstprojekt gewesen, erklärt Fitti gleich zu Beginn des Interviews. Diese Aussage irritiert ­mindestens genauso wie der Fakt, dass Fitti keine ­Sonnenbrille trägt. Er habe sich MC Fitti schon 2006 ausgedacht und feile seitdem an dem Plan, das Ganze samt grafischen ­Elementen in einer Galerie auszustellen. Stand das schon mal irgendwo? Hat bis dato einfach noch niemand danach gefragt? So eine Offensichtlichkeit – wieso ist man da nicht selbst drauf gekommen? Und vor allem: Wo kommt dieser Typ eigentlich so ­urplötzlich und aus dem Nichts her?

 

 

Angefangen hat vor gut einem Jahr alles mit »30 Grad«. Ein erstklassiger 80s-Throwback-Song mit einem Video, zusammenmontiert aus Serien- und Filmszenen der »Miami Vice«-Ära. Viele Vokuhilas, noch mehr Brustbehaarung, Dauerwellen, Miniplis, Delfine und Hunderennen. Es folgte: »WhatsApper«, die auf dem Ini-Kamoze-Klassiker »Here Comes The Hotstepper« basierende Bedienungsanleitung in Sachen Chat-Etikette für die Generation Smartphone. Und schließlich der komplette Freidreher »YOLO« auf Dubstep-Basis. Runtergebrochen beschäftigt sich MC Fitti also mit Retroismus, sozialen Medien und der immer weiter um sich greifenden Schulterzuckermentalität der Jugend.

 

Stopp. Liest man es so, dann wirkt es ja fast schon, als stecke da mehr dahinter. Sprich: vornerum Deichkind-Dadaismus und hintenrum knallharte Gesellschaftskritik? »Klar, ein bisschen sozialkritisch ist ­‘WhatsApper’ schon gemeint«, erklärt Fitti. »Alle Leute hängen vor ihren Geräten, treffen sich mittags zum Essen und sind nur auf das Teil konzentriert. Oder sie gehen am Wochenende raus und sind nur mit der Maschine beschäftigt. Das ist ja ein krasses Thema, das so in den Medien gar nicht stattfindet. Da kann ein Song wie ‘WhatsApper’ schon was in den Köpfen der Menschen bewegen. Die Hörer reichen von ganz jung bis ganz alt. Vom Handwerker oder Arbeiter zu Studenten, zu Agenturchefs. Ein Kumpel von mir ist bei Jung von Matt und sein Chef feiert das total. Es gibt schon viele, die dahinterblicken.« Der überwiegende Teil der Leute wisse schon, wie das gemeint ist. »Die sind nicht so stulle, sag ich jetzt mal.«

 

Tatsächlich ist Fittis Musik mehr als der Soundtrack für die nächste Party irgendwelcher ballermanngeschädigter Atzen-Adepten, mehr als halbironischer Hipster-Hop. Natürlich gibt es Quatschmacherei und die Neuauflage von Evergreens im Stile der »Tekkno ist cool«-Reihe von den Schlümpfen oder SpongeBob Schwammkopfs Neuinterpretationen tagesaktueller Popmusik. Aber es gibt auch knallharte Trap-Simulationen mit 808-Geklapper und allerlei Verweisen auf aktuelle Bassmusik-Trends aus UK, saufette Basslicks, breitwandige Synthies und satte Drums, die eine erstaunlich stilgetreue Lobpreisung der Achtziger-Kitschmusik samt all ihrer Auswüchse zelebrieren.

 

 

Man muss »#Geilon« zumindest ­attestieren, dass es ausnahmslos gut produziert ist. Zu danken ist dafür Udo Zwackel. Fitti lacht. »Udo Zwackel hat das Zuppelorchester. Das ist so eine ganze Mannschaft mit ­Keyboardern, Bassisten, Schlagzeugern, die alle nicht spielen können. Das ist meine Playback-Band. Udo Zwackel ist einfach ein Superproduzent, der nebenbei auch noch andere Sachen macht. Der fährt in seinem Passat CC durch die Gegend und baut darin die Beats.« Noch Fragen?

 

Wie schon erwähnt, zollt Fitti den Achtzigern auch optisch Respekt. Er sieht aus wie eine Mischung aus Macho Man Randy Savage, ZZ Tops Billy Gibbons und Peter Steiner aus dem »It’s cool, man«-Video (falls sich noch wer erinnert). Fitti sagt einen tollen Satz über diese Zeit: »Da gab es noch nicht so viel doppelt.« Und dann: »In den Achtzigern war alles ein bisschen lockerer und entspannter. Das gefällt mir. Insofern ist die Musik eine stressfreie Richtung in dem stressigen neuen Leben, das wir jetzt alle führen. Jeder ist im Internet, jeder ist auf Action.« Außerdem habe da das ganze Graffiti-Ding angefangen. Wie die ganz Großen, mit Swings und ­Supertags, habe er aber nie malen können. »Ich habe immer Toy-Style gemalt und das halt für mich entwickelt.«

 

Graffiti, aha. Schnell mal nachhaken: Ist MC Fitti also HipHop? Besser: Ist das noch Rap? »Rappe ich denn überhaupt? Es kommt immer darauf an, wie man das sieht. Aber ob das jetzt so wichtig für mich oder für die MC-Fitti-Hörer ist, ist eine andere Frage.« Wenn man ehrlich ist, dann ist ein Großteil der Vocals auf »#Geilon« eine per AutoTune verstärkte, endlose Aneinanderreihung von Schlagwörtern, Redewendungen, Nebensätzen, Triggerwörtern und Catchphrases, ein Twitter- und Instragram-Stream – der immer wieder von Werbespots unterbrochen wird: G-Shock, Neff, Wemoto, Club Mate, Jägermeister. Von Golf bis Passat wird so ziemlich jedes Automodell von VW erwähnt. »Ich komme aus der Ecke, in der VW seine Werke hat. Und dieses Nennen von Marken hat man im HipHop ja schon immer so ­gemacht. ­Manche reden nur über Bitches oder ­Schießen und Stechen, ich über ­Marken. Vor allem sind es ja auch coole Marken, die kann man dann ruhig nennen. Und die geben einem auch mal Geld oder Autos. Das hat also einen guten Beigeschmack.«

 

 

Gerade innerhalb der HipHop-Szene zerreißt man sich gerne das Maul über diesen Markenwahn, das »Party-Accessoire« MC Fitti und das »YOLO«-Video inklusive Curse-Cameo sowie Gastauftritten von, nennen wir es mal, Gleichgesinnten wie Palina Rojinski, Wilson Gonzales und Bonnie Strange, als Höhepunkt dieser »Alle kennen, nichts können«- respektive »Kein Bock, aber Gästeliste«-Mentalität. Kein Problem für Fitti: »Ist doch cool. Ich wollte schon immer auf Partys abhängen und Fotos mit Bonnie Strange machen. Mich stört das nicht, wenn andere das nicht gut finden.« Wenn das Projekt MC Fitti nur ein riesiger Feldforschungsversuch darüber ist, ob man mit möglichst vielen zusammengeklauten Referenzen möglichst viele Endorsement-Deals abstauben kann und es nebenbei noch in die Charts und zum »Bundesvision Song Contest« schaffen kann, dann ist er geglückt.

 

Immer schwieriger wird es hingegen im heutigen Zeitalter, die eigenen Digitalspuren zu verwischen. Man beobachte nur, mit welcher Vehemenz versucht wird, die Identitäten von Cro, Genetikk oder Lance Butters offenzulegen. Auch im Fall MC Fitti liefert Google Indizien für das Interesse an der digitalen Demaskierung. Nicht wenige suchen »MC Fitti ohne Brille«, »MC Fitti ohne Cap« oder »MC Fitti ohne Bart«. Vergeblich. Also wurden auch bei Fitti schnell die wildesten ­Mutmaßungen angestellt: Er sei Viva-Beau Jan Köppen, auch eine Rapper-Vergangenheit in der Big-Bud-Posse um Michael Mic, Plaetter Pi und Rhymin Simon dichtete man ihm an. Was man weiß: Er heißt Dirk, kommt aus Niedersachsen, war dort Sprüher und Künstler und in Berlin erst Werber, dann Kulissenbauer, aber immer dabei, wenn seine Rapperfreunde zum Mikrofon griffen. Man müsse handwerklich begabt sein für den Job, so Fitti. »Du musst dich mit Oberflächen auskennen – und mit den Materialien dahinter.« Es ist ein Satz, den er so beiläufig fallen lässt, aber wie gut passt er bitteschön auf das Kunstprojekt MC Fitti?

 

Die Materialien dahinter also. Sucht man ein bisschen in den Tiefen des Internets, dann findet man natürlich die längst bekannten Ausschnitte aus den »Orgi Pörnchen«-Filmen, in denen Fitti meist den dickbäuchigen Vollidioten »Die Legende« mimt. Und wenn man noch ein bisschen tiefer gräbt, dann findet man Videos von Fitti, der im Park Witze erzählt, mit einem Mikrofon durch Berlin läuft und spaßige Umfragen macht. Oder erste Vorläufer der »Hoodcheck«-Reihe: Fitti filmt sich selbst während der Autofahrt durch Berlin, während aus der Anlage feinster 80s-Sound plärrt. Und man findet ältere Songs wie »Ostkreuzsuperhelden« oder »Der neue Scirocco« samt Video. Da ist auch von einem geplanten Album mit dem Namen ­»Qualität ist kein Zufall« die Rede. »Das kommt ­vielleicht noch«, grinst Fitti.

 

 

In den neueren »Hoodcheck«-Videos von Fitti taucht immer wieder ein gewisser MC Izzo auf. Seine Videos sind verdrogte Trash-Collagen in Neon-Optik, deren Dada-Raps an HGich.T erinnern. In manchen der Videos treibt auch Udo Zwackel samt Zuppel­orchester sein Unwesen. Und MC Fitti. Von hier aus ist es nur noch ein kurzer Weg zu einer weiteren absurden Figur aus dem Fitti-Kosmos: Jürgen Schmallop, auf dessen YouTube-Kanal all diese Videos geladen wurden. Wer Schmallop sei? Fitti lacht. »Eine Graffiti-Legende, sozusagen mein Teacher. Der hat den Graffiti-Humor erfunden.«

 

Klickt man sich durch die Favoritenliste des YouTube-Accounts von Jürgen Schmallop, findet man Videos von King Orgasmus One, Rhymin Simon, Torch und Toni-L, Après-Ski-Hits, den Schlümpfen, Scooter, den New Kids, Laserkraft 3D, Fancy, JJ Fad, Dr. Octagon, aber auch alte Werbespots und Skate-Dokus aus den Achtzigern sowie ­Aufnahmen von seltsamer Performance-Kunst auf Krücken. Und schließlich eine ganze Reihe Clips von Künstlern wie ­Kavinsky oder Grum, die im Zuge der French-House-Emanzipation bereits um 2004 herum die Achtziger in Wort, Bild und Musik glorifizierten. Außerdem: eine Videocollage mit Aufnahmen aus Gifhorn, Fittis Heimatstadt. Und schließlich: Clips von Riff Raff, Money Boy, Das Racist und dem rappenden Andy Milonakis. Es ist, wenn man so will, die per Mausklick zusammengesetzte digitale DNA von MC Fitti.

 

Ist Jürgen Schmallop am Ende sogar MC Fitti selbst? Oder doch Vokalmatador? Jürgen Schmallop ist auf Tumblr und Instagram, es gibt Fotos von ihm. Aber ist das wirklich er? MC Fitti grinst die Frage weg. Er spricht nicht oft von sich, sondern von »wir« und »man«. »Wenn ich die Brille abnehme, bin ich wie Cro ohne Maske«, sagt Fitti und lacht. Man denkt noch einmal an DCVDNS, der für seine vermeintliche HipHop-Parodie gehasst wird, als Sprüher und MC aber seit jeher größten Respekt in der Saarbrücker Szene genießt. Auch Fitti bekommt Props von Graffiti­größen – nicht zuletzt wegen seiner eigenen Verdienste für die Szene, seien es eigene Magazine, Shirts oder Design-Sperenzchen. »Bei mir fließt viel aus dem Graffiti-Background mit in meine Kunst ein. Graffiti und Style entwickeln sich ja auch krass weiter. Realness gibt es heute ja gar nicht mehr so richtig – beziehungsweise, die braucht eigentlich niemand.«

 

Fitti erzählt noch davon, wie er mit dem frischgemachten Führerschein in der Tasche Torch und Too Strong auf Jams hinterhergereist sei und jede Hall of Fame in Deutschland ausgecheckt habe. Wie er früher im Bunker abhing. Gerappt habe er aber nie. Das Interview ist vorbei. Fitti muss zum nächsten Termin. Das Aufnahmegerät ist ausgeschaltet, alle schieben ihre Stühle zurück. Und Vokalmatador sagt noch diesen einen Satz: »Fitti hat schon immer besser gerappt als der eine oder andere Feature-Gast auf Orgis Alben.« Moment. Hatte Fitti nicht eben gesagt, er habe nie gerappt? Überhaupt hat man noch so viele Fragen. Vor allem könnte Fitti vielleicht mal Rhymin Simon fragen, was aus dem Macksimus-Prime-Album geworden ist.

 

Text: Jan Wehn