Marteria: »Ich habe eine unfassbare Dankbarkeit verspürt« // Titelstory

Nein, Marteria ist kein Superheld. Er selbst weiß das spätestens seit 2015, als ihn sein exzessiver Lebens­wandel fast unter die Erde brachte. Mit ­»Roswell« greift er gut zwei Jahre nach ­seinem Nieren­versagen erneut nach den ­Sternen. Geläutert und trotzdem angriffslustig bleibt Marteria dabei Deutschlands interessantester Popstar, ohne seine HipHop-Wurzeln auch nur einen Augenblick zu verleugnen.

So abgedroschen das klingen mag: Am 29. März 2015 spielt Marten Laciny das Spiel seines Lebens. Der ehemalige Juniorennationalspieler, das verlorengegangene Hansa-Talent, ist zurückgekommen in seine Heimatstadt Rostock. Aber nicht für einen müden Bolzplatz-Kick. Marten denkt stets groß. Die Vorzeichen wollen es nicht anders: Hansa bangt um die Lizenz, ist nach Jahren des sportlichen Misserfolgs in finanzieller Schieflage. Die Rettung soll ein Benefizspiel bringen, bei dem Martens Elf auf die Truppe von Hansa-Legende Stefan »Paule« Beinlich trifft.

Das Ostseestadion ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Marteria spielt angeschlagen, untrainiert, die Lunge geplagt vom gerade absolvierten Jamaika-Trip mit Geistesbruder Marsimoto. Aber Marten, der die hoffnungsvolle Kickerkarriere einst für einen Vertrag bei einer Modelagentur in New York City wegwarf, hat den eisernen Willen eines Athleten. Mit Standing Ovations auswechseln lassen? Niemals, solange das eigene Team hinten liegt. Wie bei Benefizspielen üblich, ist es ein heiterer, vor allem torreicher Schlagabtausch. Die entscheidende Szene spielt sich kurz vor Ende der regulären Spielzeit beim Spielstand von 5:6 ab. Marteria pfeift aus dem letzten Loch, aber bekommt kurz vor dem gegnerischen Strafraum noch mal den Ball. Er lässt die Kugel am rechten Innenrist abtropfen. Halb Grätsche, halb Schuss bugsiert er das Spielgerät mit letzter Kraft in Richtung linker Ecke. Halbhoch schlägt die Kugel ein, während Marten längst schwer atmend kurz hinterm Elfmeterpunkt auf dem Rücken liegt. Das Endergebnis ist nur ein vermeintliches Happy End. Wenige Stunden später bricht er zusammen, wird mit akutem Nierenversagen ins Krankenhaus gebracht.

Dass Marteria mich knapp zwei Jahre später kerngesund und bestens gelaunt zum ersten Interview anlässlich seiner dritten The-Krauts-Kollabo »Roswell« empfängt, ist ein kleines Wunder. Und schnell wird klar – sowohl im Gespräch als auch auf Platte: das Erlebte hat seine Spuren hinterlassen.

Der erste Eindruck, den ich beim Hören der Platte hatte, war: Der Geist von Marsi schwebt über »Roswell«.
Diese Platte ist eine Befreiung. Es steckt viel Marsi in Marteria – gerade, was Patterns und Power angeht. Es gibt Hooks wie auf »El Presidente«, wo ich ganz laut shoute, nicht immer dieses tiefe, langsame. »Zum Glück in die Zukunft II« war eine langsame Platte, nach »Kids« und »OMG« kamen erst mal sehr viele ruhige Songs. »Roswell« hingegen geht voll nach vorne. Bis auf »Blue Marlin« und »Große Brüder« haben alle Songs richtig Punch. Ich wollte jetzt nicht auf Nummer sicher gehen und mich wiederholen, sondern mit der Platte Mut beweisen. Die Vision ist Hardcore.

Was genau ist denn die Vision?
Dieser Elfenbeinjunge, die ganze Roswell-Szenerie. Da gab es einen Startschuss: Eine Szene wie bei »Akte X«, die vor meinem inneren Auge entstand, wo man dieses Ortseingangsschild sieht, auf dem »Roswell« steht, was dann verwischt wird – und plötzlich steht da »Rostock«. Und aus Area 51 wird Marteria 51. Das war der Aufhänger. Das bedeutet aber nicht, dass jedes Lied nur von Aliens handelt.

Wie darf man sich den Schreibprozess vorstellen?
Ich habe dieses Mal ohne Beats ganz viele Hooks geschrieben. Als ich die Hooks zu »Roswell« und »Aliens« hatte, entstand daraus besagtes Bild. Auf dem Album geht’s darum, dass man die Welt immer mit anderen Augen sehen kann.

Was bedeutet das fürs Texten?
Bei mir hat sich über die Jahre eine Faustregel herauskristallisiert: Wenn die Hook steht, brauche ich innerhalb von fünf Minuten zehn starke Bilder zu einem Thema. Wenn das nicht passiert, ist das Thema scheiße. Oft bist du auf einem Flash, setzt dir etwas in den Kopf, aber wenn dann diese Bilder nicht kommen, wird es nichts. Der Prozess des Schreibens macht aber unglaublich viel Spaß. Das Gefühl, wenn du nach einer Woche Herumdenken auf einer Zeile etwas geknackt hast, ist unbeschreiblich. Damit das passieren kann, brauche ich diese zehn Bilder. Und: Große Alben leben nunmal auch von ihren Hooks.

»Ich arbeite immer für das Album, nicht für die Singles.«

Hattest du denn bezüglich des Textens ­selber noch mal das Gefühl, ein neues Level erreicht zu haben?
Im Vergleich zu Marsimoto findet Marteria im Mainstream statt – obwohl dieser Rahmen der textlichen Dichte gar nicht gerecht wird. Viele hören die Songs gar nicht wirklich. Teilweise sind auf Marteria-Platten die outesten, um die Ecke gedachten Songs drauf, geprägt von Co-Flow-, Dilla- und Madlib-Referenzen – weil die Krauts und ich diese Soundwelt lieben! Irgendwo habe ich gelesen, Marsi-Sachen wären so viel krasser und wahnsinniger, aber das stimmt nicht! Ich arbeite immer für das Album, nicht für die Singles. Ich will über zwölf, 13, 14 Songs verschiedene Klangfarben, verschiedene Musikwelten anbieten, die zu einem Ganzen verschmelzen. Das bedeutet, dass da jedes Mal verfrickelte Lieder drauf sind, die in der HipHop-Szene vielleicht gar nicht so wahrgenommen werden. Aber ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich mache das, weil ich es geil finde. Und deswegen sitze ich drei, vier Tage mit den Krauts da und überlege mir, welche Emotionen ein Song evozieren soll. Und dann wird gerappt! Dann wird geil gerappt.

Das Storytelling passiert auf »Roswell« wieder auf sehr persönlicher Ebene, vielleicht sogar noch persönlicher als sonst.
Ich erzähle Geschichten, die es so noch nicht gab. »Skyline mit zwei Türmen« behandelt meine Zeit als Model in New York. Es gibt ja diese geschönte Version vom deutschen Jungen, der auf der Straße entdeckt wird und dann in die große Metropole geht. Aber der Song erzählt stattdessen auch, wie scheiße das damals war. Meine Mutter musste mir einmal pro Woche Geld schicken, damit ich was zu fressen hatte, weil diese Modeljobs kaum Kohle abwarfen. Das war eine Zeit voller Heimweh und Tränen. Gleichzeitig war es unglaublich geil, als 17-Jähriger mit seinem Walkman durch diese Stadt zu laufen. Ich hatte einen Kumpel dort, ein Straßenjunge, der ursprünglich aus Atlanta kam. Der rappte auch, also haben wir immer zusammen gefreestylt, und ich hab ihm meine komischen Deutschrap-Tapes gezeigt. Und dann sind wir gemeinsam in die Bronx gefahren, um bei Cyphers in irgendwelchen Wohnungen mitzumachen. Ich war aber nicht lange genug da, um akzentfreies Englisch zu sprechen, also habe ich straight auf Deutsch weitergerappt. Und das hat die Leute interessiert. Ich habe jetzt in meinen alten Reimbüchern nachgeschaut, da finden sich vereinzelt Zeilen auf Englisch. Aber selbst so was hab ich nicht ohne deutsche Referenz hinbekommen: »You heard my name, everything’s green like Werder Bremen.« (Gelächter) Meine Schwester war zur selben Zeit Au-pair-Mädchen in New Rochelle, die habe ich einmal in der Woche gesehen. Ich bin damals immer von Grand Central mit der U-Bahn aus der Stadt rausgefahren und hab während der Fahrt geschrieben. Als Rostocker Kind in dieser großen Stadt den Rapper-Traum auszuleben, das war unbeschreiblich. Wir sind oft rausgefahren nach Stamford, weil es dort Partys gab, wo man bis Mitternacht Drinks für einen Quarter [25-Cent-Stück; Anm. d. Verf.] bekam. Das war geil, aber ich musste mich damals von Job zu Job hangeln. Die Agentur hat immer mindestens die Hälfte der Gage als Kommission einbehalten. Am Ende jeder Woche war ich broke, fühlte mich verloren, musste von 30, 40 Dollar in der Woche leben und wollte noch Platten kaufen bei Beatstreet und Fat Beats, weil ich eben mit 17 absoluter HipHop-Fanatiker war.

Dass die persönliche Komponente wichtiger ist, zeigt auch die Tatsache, dass du für »ZGIDZ« mit »Catwalk« einen Song über die New-York-Zeit aufgenommen hattest, der dann aber nie erschien. Wieso war jetzt die Zeit reif für einen solchen Track?
Der Song damals war wack. Das war eher eine Geschichte übers Model-Dasein: »Du hast laufen gelernt mit nem Buch aufm Kopf, doch hast es nie gelesen, dieses Buch aufm Kopf.« Das Modeln stand immer meiner Männlichkeit im Weg. In dieser Phase, in der es darum ging, seinen Mann zu stehen und Eier zu zeigen, da war Model sein ja nicht cool. Ich habe Jahre gebraucht um zuzugeben, dass das Teil meines Lebens ist. Viele Models waren Idioten, aber da gab’s genügend Skater, Writer oder Kiffer, die einfach ein bisschen Kohle abgreifen wollten. Das ist ein hammerhartes Business, vor jedem Casting stehen tausend Leute, acht davon kriegen den Job. Das frustriert natürlich, irgendwann geht man dann nicht mehr hin, kifft nur noch und nimmt das mit, was einem die Stadt bietet. Diese wahnsinnige Entscheidung, meine Karriere als Fußballer dafür aufzugeben, habe ich lange bereut. Aber jetzt habe ich verstanden: Deswegen bin ich, was ich bin.

Durch diese persönliche ­Komponente offenbarst du auf »Roswell« deinen Struggle noch viel mehr. Beispielsweise auf »Tauchstation«, wo du dich mit deinem persönlichen Schicksal der letzten zwei Jahre auseinandersetzt.
Auch das ist ein Aufsaugen von Erinnerungen, die sich auf einen bestimmten Zeitraum beziehen. Ich verarbeite da autobiografisch die Veränderungen.

Ich halte den Song für einen Schlüsselmoment auf der Platte. Hat es Überwindung gekostet, das zu schreiben?

Ich hab das Gefühl, dass ich mittlerweile gefes­tigt bin. Ich weiß jetzt, wofür ich stehe. Ich bin Rostocker, da ist es das Normalste, dass man Ecstasy in ein Glas schmeißt, das macht jeder. Aber irgendwann frisst dich das auf. Du feierst es zwar ab, aber checkst die Realität nicht mehr. Das Gefühl hab ich jetzt auch, dass alle so krass drauf sind und das verherrlicht wird. Heutzutage wäre es eigentlich das Realste, in einem Song zu sagen: Diese ganzen Drogen sind wacke Scheiße. Aber das kriegt HipHop oft nicht hin. Wie sieht die Realität in puncto Drogen denn aus? Es fickt dich und macht deinen Kopf kaputt. Natürlich ist das meine subjektive Wahrnehmung, aber ich habe eben auch jahrelang sehr exzessiv gelebt. Wenn ich durchgedreht bin, dann war es Hardcore bis zum Ende. Da waren wir drei Tage weg – und natürlich war das zu viel. Es gab bei mir keinen Abend in der Bar, an dem ich nur drei Bier getrunken habe – es waren immer zwanzig Bier, zehn Nasen und zehn Vodka-Red-Bull oder so ein Scheiß. Wobei ich nie Junkie war, das ist ja ein steter Kampf mit sich selbst. Ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich einen Monat lang Sport gemacht und ganz auf Alkohol verzichtet habe. Aber wenn gefeiert wurde, dann hart und ohne Ende. Denn nichts ist schlimmer als das Ende: zerstört im Bett zu liegen.