Marsimoto: »Ich bin viel weiter als HipHop gerade ist.«

Marsimoto_2_Paul Ripke

Drei Jahre ist es her, dass Marsimoto das Land in grünen Samt hüllte, jede Boombox in eine Grünanlage verwandelte und mit seinem weltraumweiten Soundentwurf zum ersten intergalaktischen Superstar der hiesigen HipHop-Szene wurde. Ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, da noch einen draufzusetzen – aber Marsimoto hat die Herausforderung gegen sich selbst ohne zu zögern angenommen und mit furchteinflößender Easiness nun ein regelrechtes All-bum vorgelegt, das einem Highratsantrag an die Ewigkeit gleicht: mit dem »Ring der Nebelungen«.

Tief durchatmen, kurz die Bassfrequenzen prüfen und den Volume-Regler auf maximale Lautstärke ziehen. Eenie meenie. Und plötzlich rollt der Wahnsinn los. Bereits die ersten marsi-magischen Klänge machen klar: Hier schallt etwas aus den Boxen, das größer und grüner ist als ein angepisster Hulk auf Anabol. Der »Häuptling vom Stamm der Marsianer« hat sich mal wieder ins All geschossen und unendliche Weiten erkundet – binnen neun Sekunden zum Mond und wieder zurück.

 
Eines wird bereits beim ersten Durchlauf des Longplayers sternenklar: Green Berlin als Hauptstadt der »Halloziehnation« ist Marsi längst zu klein geworden. Seine verquere Outness hat mehr Platz eingefordert als wir ihm in unser aller Herzen einräumen können. Und so hat Marsimoto sich auf den Jakobsmuschelweg begeben, ist nach Jamaika gepilgert und hat von dort aus ein gesetzloses Gebiet besetzt; er hat unsere Köpfe zur autonomen Zone erklärt und weltallerorts die Anarchie ausgerufen. So schlechtwettert er vom Majathron aus auf sternennebelverhangenen Beats gegen Babylon. Was Babylon ist? »Ich glaub, ein Prophet/Oder ein Komet/Oder eine schlechte Großraumdiscothek.« Marsimoto hat nach wie vor die Antwort auf all die Fragen, die ihrerseits mehr Fragen aufwerfen als sie Antworten liefern. Aber das hat er immer schon getan. Weil er immer schon da war und gar nicht anders kann. Wie erklärt er im Stück »7 Leben« doch so schön: »Alles begann, als der Anfang noch der Anfang war/Als es noch kein Gestern gab, Marteria kein Rapstar war/Seit Beginn der Galaxie bin ich dabei/Hab den Urknall verpasst, denn ich war sternhagelhigh.« Eenie meenie.

Bemerkenswert und einzigartig beim Phänomen Marsimoto ist jedoch nach wie vor eins: Bei all der instrumentierten und lyrischen Abseitigkeit entsteht zwischen Marsi und seinem Publikum nie eine Distanz. Im Gegenteil. Je mehr Lichtjahre er sich von uns entfernt, umso näher rücken wir an ihn und seine Welt heran. »Warum scheinen manche Sterne heller als die anderen?«, fragt Marsimoto sich auf dem Track »Fly With Me« selbst und liefert die Antwort gleich mit: »Vielleicht weil sie einfach näher an uns dran sind.« Und Marsimoto ist auch so ein Stern: so ein grüner Star, der viel heller leuchtet als all die anderen Rapper um ihn herum, der kernaussagekräftige Sternenbilder malt wie niemand sonst in diesem Universum und sich mit seinem »Ring der Nebelungen« nun selbst beschenkt hat – denn das Soundjuwel ist im wahrsten Sinne des Wortes eine runde Sache geworden, passt wie angegossen in die Jetztzeit und legt sich wie ein grellgrün leuchtendes Kleinod um den Finger, der Richtung Zukunft zeigt. Eenie meenie.

Interviews wollte Marsimoto zur Platte nicht geben. Wir haben trotzdem mit ihm gesprochen. Denn wenn es jemanden gibt, der das Unmögliche möglich macht, dann er: Marsi-fuckin‘-moto.

 
Dein letztes Album »Grüner Samt« ist in Spanien entstanden, die neue Platte hast du mit der Marsimoto-Crew nun auf Jamaika geschrieben und aufgenommen.
Eigentlich wollten wir beim letzten Album schon nach Jamaika, sind dann aber doch in die Heimat unseres Lieblingsspaniers Kid ­Simius nach Granada gefahren, um ihm, seinem Land und seiner Kultur Respekt zu zollen.

Warum ausgerechnet Jamaika?
Ist doch logisch, denn: Jamaika macht das Würstchen! (lacht) Das habe ich bereits auf dem »Grüner Samt«-Album im Song »Der springende Punkt« gesagt. Jamaika ist zudem eine Insel, der ihr Ruf vorauseilt: Bob Marley, die Rastafari-Kultur, Kiffe, Plantagen, Karibik – das ist etwas ganz Besonderes. Außerdem hat Jamaika neben Brasilien die schönste Landesflagge.

Also die perfekte Umgebung, um an einem Marsimoto-Album zu arbeiten.
Absolut! Nicht zu vergessen: Die Ursprünge Urbaner Musik liegen in Jamaika – und nicht in New York, wie viele Leute denken. Die ersten DJs stammen aus Jamaika und haben dort mit ihren Soundsystems die Leute zum Tanzen gebracht. Und diesen Vibe versprüht die Insel nach wie vor. Jamaika ist zwar klein, hat es aber zu musikalischem Weltruhm gebracht und nicht nur die Urbane Musik, sondern auch die Pop­musik maßgeblich beeinflusst. Deshalb sage ich: Hut ab vor Jamaika – und bin mit der Marsimoto-Crew dorthin geflogen!

Marsi-Musik entsteht stets aus dem Bauch heraus.

Die Marsimoto-Crew hat sich ein wenig verändert. Die Produzenten BenDMA und K-Paul sind neu dazugekommen, Robot Koch ist dieses Mal dagegen nicht dabei.
Die Marsimoto-Crew ist eben kein starres Gebilde, sondern genauso in Bewegung wie ich auch. Robot Koch ist immer noch ein unfassbarer Produzent, den ich sehr schätze, der aber mittlerweile in Los Angeles lebt, sodass der Kontakt nicht mehr so eng ist. K-Paul von Lexy & K-Paul stammt aus der Technoszene, das war ein Experiment. Der hat auch gar nicht so viele Beats beigesteuert, aber viel für den Vibe getan und textlichen Input gegeben. Und BenDMA hat die typische Marsimoto-Crew-Laufbahn absolviert und sich dabei hervorgetan: Erst Merchandiser auf Konzerten, dann ist er Neuner-Bus gefahren und später hat er auch mal gemischt. Auf Jamaika musste er sich erst beweisen, aber das hat er getan und mit »Trippin« einen grandiosen Song auf der Platte. Er hat es geschafft! BenDMA hat ja auch bereits für Zugezogen Maskulin produziert und wird seinen Weg nun gehen. Er ist ein Freund geworden.

Wie wichtig ist der Freundschaftsaspekt im Marsimoto-Kosmos?
Der ist das Wichtigste überhaupt! Man muss die Schwächen und Geheimnisse der anderen kennen, über alles schon mal geredet haben, schon mal miteinander betrunken und stoned gewesen sein, alles miteinander geteilt haben – erst dann kann dieser besondere Marsi-Vibe entstehen.

Wie schaffst du es, diesen Vibe herzustellen?
Das kann man nicht planen. Leider. Das hat viel mit Glück zu tun. Aber man kann eine gute Basis schaffen, und Freundschaft ist dafür die Grundvoraussetzung. Wir haben unsere Tage auf Jamaika aber auch immer sehr gut gestaltet. Ein typischer Tag sah in etwa so aus: Aufstehen, Kaffee trinken, Joint rauchen, Fußball spielen, angeln, Fußball spielen, Beats bauen, Fußball spielen, Jerk Chicken essen, kiffen, Fußball spielen, angeln – und so hat es wunderbar geklappt.

 
Wie lange wart ihr auf Jamaika?
Einen Monat. Und alle Beats, alle Texte sind vor Ort entstanden.

Ihr habt die Platte in vier Wochen komplett aus dem Boden gestampft und fertiggestellt?
So ist es. Das kriegt aber außer mir auch niemand hin. Nimm nur mal Marteria: Der braucht für ein Album drei Jahre. (lacht hämisch)

Wieso bekommst du das hin, Marteria aber nicht?
Schwer zu sagen. Das kann man ja nicht ­planen, denn Marsi-Musik entsteht stets aus dem Bauch heraus. Wenn man zu viel auf seinen Ideen herumdenkt, geht der Vibe flöten.

Wenn ich einen Beat anmache und binnen drei Sekunden etwas dabei fühle, landet er auf dem Album. Sonst nicht.

Aber ihr seid doch nicht allen Ernstes mit nichts nach Jamaika geflogen und nach vier Wochen mit dem fertigen Album zurückgekommen?!
Doch! Klar, ein paar Ideen hatten wir schon im Kopf, aber eigentlich ist alles vor Ort entstanden. Dead Rabbit, die Krauts, Kid Simius, BenDMA, K-Paul, Nobodys Face – der diesmal die Rolle des Executive Producers übernommen hat – und ich saßen jeden Tag zusammen, haben gebrainstormt und die Marsimoto-Welt nach Jamaika geholt.

Wie sind die Produzenten mit dieser Arbeitsweise umgegangen? Klar, ihr mögt untereinander alle befreundet sein, trotzdem will doch jeder möglichst viele Beats auf dem Album platzieren. Wie hast du die Konkurrenz untereinander wahrgenommen?
Das ist ein schmaler Grat. Und natürlich kommen die Produzenten immer heimlich zu mir und wollen mir ihre Beats als die besten verkaufen. Aber da lache ich nur laut. Ich alleine entscheide, was auf die Platte kommt.