Interview: Macklemore

Macklemore

 

Ein Rapper mit Röhrenjeans und cleveren Indierock-Samples spielt 2012 nicht mehr mit Überraschungsbonus. Es braucht mehr. Bei Macklemore ist es eine thematische Vielfalt, die von einem Song über seine irischen Wurzeln und einem doppelbödigen Track über die Hassliebe zu sündhaft teuren Basketballstiefeln über eine obligatorische Hymne für die Heimatstadt Seattle bis hin zu einem der berührendsten Stücke über die Auswirkungen von Drogenmissbrauch am eigenen Körper reicht. Zum Ende des Jahres schossen die Klickzahlen der überaufwendigen Videos zu all diesen Songs in die Höhe und der Name Macklemore machte – meistens in Verbindung mit Kumpel und Produzent Ryan Lewis – die Runde. Vielleicht auch, weil der 30-Jährige sich bei Shows und Interviews so ungekünstelt, sympathisch, nahbar und aufrichtig gibt wie die anderen Freshmen. Ben »Macklemore« Haggerty ist kein typischer Rapper, aber einer der spannendsten Newcomer des Jahres.

 

 

Hast du als Jugendlicher darüber ­nachgedacht, auf der Bühne zu stehen, zu rappen und CDs zu verkaufen?
Ich wollte schon auf der Bühne stehen, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Als ich mit dem Rappen begann, war mir klar, dass ich alle mir zur Verfügung stehenden Energien da hineinlegen würde. Es war natürlich nur ein Hobby, aber gleichzeitig auch eine richtige Leidenschaft. Und immer wenn ich etwas leidenschaftlich tue, mache ich es zu 100 Prozent. Vor zehn Jahren war mein Ziel, mir einen Namen in der Industrie zu machen. Ich wollte von der Musik leben, touren und den Leuten meine Kunst vermitteln.

 

Das erste Mal haben viele wohl durch den »Otherside«-Remix von dir gehört. Aber du bist schon länger aktiv. Dein erstes Album kam 2005 raus. Wann hast du gemerkt, dass sich da langsam wirklich was tut?
Dass es langsam losgeht, habe ich wohl 2005 gemerkt, als ich zum ersten Mal in meiner Heimatstadt performt habe. Ab 2010 bekam ich mit, dass immer mehr Leute meine Musik hörten. Als ich im Frühling 2011 meine erste, fast überall ausverkaufte Headliner-Tour spielte, merkte ich auf einmal, dass da mehr sein könnte.

 

Wo hast du denn das erste Mal gerappt?
Bei der Poetry Experience. Das war ein kleiner Treff von Leuten, die sich etwa 2000 zusammenfanden, als das Slam Poetry-Ding richtig groß wurde. Wir waren alle Rapper, aber haben uns eben auch gegenseitig unsere Gedichte vorgelesen. Das ging Hand in Hand: Erst lasen wir ein wenig vor, dann wurde gefreestylet. Da bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung von diesem Community-Gedanken im HipHop. Aber auch in meinem Freundeskreis wurde viel gecyphert und gebeatboxt. Wir hatten kein Equipment um zu recorden. Also hingen wir viel draußen rum, schwänzten die Schule und rappten.

 

 

Denkst du, dass diese Poetry Slam-Sache deine Art zu rappen beeinflusst hat?
Absolut. Ich habe den Anspruch an mich selbst, dass meine Lyrics auch dann noch genauso stark wirken, wenn sie ohne Beat vorgetragen werden. Jedes Mal, wenn ich einen Song schreibe, stelle ich mir die Frage, ob das Ganze als Acappella immer noch diese Power haben würde. Meine Richtlinie lautet immer: Ist der Inhalt gut genug, um für sich alleine zu stehen?

 

Lass uns ein wenig über dein »VS. (Redux)«-Mixtape mit Ryan Lewis sprechen. Der Song »Irish Celebration« verwendet ja ein Sample von Beirut. War das deine Idee?
Nein, aber Ryan ist ein großer Beirut-Fan. Ich war mein ganzes Leben immer ein HipHop-Head. Seit ich ein kleines Kind war, habe ich immer nur Rap gehört. Ryan dagegen hat eine sehr viel größere Palette an musikalischen Einflüssen als ich. Er war zu Highschool-Zeiten in einer Screamo-Band. Er spielte mir also den Song »Scenic World« von Beirut vor, der mich sofort beeindruckt hat. Mittlerweile zeigt er mir immer mehr andere Musik und ich höre mich da gerne auch rein.

 

Arbeiten Ryan und du im Studio ­zusammen? Oder gibt es da eine strikte Arbeitsaufteilung?
Das kommt darauf an. Manchmal macht Ryan einen Beat, ich schreibe darauf und komme dann mit den fertigen Lyrics ins Studio. Dann sprechen wir darüber, was ihm und was mir gefällt. Manchmal schreibe ich auch etwas und dann bastelt er den Beat drumherum. Wir legen viel Wert darauf, dass wir zusammen an Songs arbeiten. Ich gebe ihm einen Input für die Produktionen, er mir für die Lyrics. Unsere Zusammenarbeit ist sehr kreativ.

 

 

Würdest du sagen, dass du Ryan, also jemanden mit den gleichen Ideen und Visionen, schon deine ganze Karriere gesucht hast?
Absolut. Jeder MC wird besser, wenn er einen Produzenten mit gutem Gehör an seiner Seite hat. Das kann eine Platte wirklich verändern. Er kitzelt das Letzte aus mir heraus und ist ein ähnlicher Perfektionist wie ich. Wir arbeiten tagelang an einem Song, damit er so klingt, wie er klingt. Es tut gut, jemanden wie ihn zu haben. Jemanden, der hohe Standards bezüglich der Kreativität hat. Und wir sind im Laufe der Zeit sehr gute Freunde geworden.

 

In eine ganz andere, sehr HipHop-typische Richtung geht dafür der Remix von Jake One. Wie kam das zustande?
Jake ist ein guter Freund von mir. Er schickt mir immer wieder Beats, auf die ich auch rappe. Die Songs dazu sind allerdings noch nicht rausgekommen.

 

Der Fokus liegt ganz klar auf der Zusammenarbeit mit Ryan Lewis, den Macklemore nach seinem »The Unplanned Mixtape« kennen lernte. Ein gutes Jahr nach dem Release im Jahr 2010 brachten sie ein gemeinsames Remix-Tape an den Start. Seitdem ist Lewis Haus- und Hofproduzent, wenn nicht sogar ein Teil des Projekts Macklemore. In dieser interessanten Konstellation trifft mit Ryan Lewis der supernormale College Graduate auf den draufgängerischen Typen mit Drogen­vergangenheit Macklemore. So sehr die beiden Freunde sind, wird die Idee des klassischen MC/DJ- bzw. Produzentengespanns hier fortgeführt. Dazu ist Ryan Lewis auch ein begnadeter Musiker und schießt dem Charisma und der Persönlichkeit von Macklemore auch genau die musikalische Offenheit zu, die Songs wie »Irish Celebration« oder »Otherside« mit Fences-Sänger Christopher Mansfield zu mehr als herkömmlichen Rap-Tracks machen. Mit einem Beirut-Sample catcht man heute eben noch ein paar mehr Studenten-Indie-Hörer als mit der Originalversion, die die Red Hot Chili Peppers flippten, während ein zugehackter Christopher Mansfield noch ein bisschen für die nötige Trueness bei den Hardcore-Haudegen sorgt. Das ist eben genau jener Eklektizismus, der hierzulande im letzten Jahr auch Casper eine Hörerschaft aus den unterschiedlichsten Genres garantierte.

 

 

Du hast deine Tour ja in Irland und im UK gestartet. Wie war das?
Bevor ich die Shows spielte, wusste ich nicht, dass es so viele Fans von mir dort drüben gibt. Das war die verrückteste und durchgedrehteste Crowd überhaupt. Die Leute waren wirklich irre, fast wie auf einer Odd Future-Show. Sehr viel, vielleicht sogar zu viel Energie. Ich habe noch nie so etwas erlebt. Überhaupt: Dort zu spielen, wo meine Familie herkommt – damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen, das wollte ich schon immer tun. Dass es dann auch noch so gut war: Wahnsinn. Ein Highlight meiner Karriere, definitiv.

 

Magst du ernsthaft Guiness-Bier?
Ich trinke ja seit gut drei Jahren keinen ­Alkohol mehr. Aber als ich noch trank, habe ich Guiness geliebt. Mein Vater ist ein großer Fan und ich wurde da schon sehr früh ­herangeführt. (lacht)

 

Du sagst auf »Otherside«, dass ihr als Rapper oft den Einfluss unterschätzt, den ihr auf die Kinder habt. Sollte Rap eine erziehende Funktion haben?
Ich denke, dass wir als Musiker generell einen großen Einfluss auf die Leute haben, die die Musik hören. Ich sage das aus meiner ganz persönlichen Erfahrung heraus. Lil Wayne war eine lange Zeit mein Lieblingsrapper. Und er war jemand, zu dem ich aufgeschaut habe. Er inspirierte mich, ich ahmte ihn nach. 2008 sah man ihn immer mit diesem Styroporbecher, in dem er Hustensaft mit sich herumschleppte. Ich war zu dem Zeitpunkt schon ein erwachsener Mann, aber als ich ihn damit sah, wollte ich Promethazin mit Codein probieren. Das wurde für mich zum Horror. Und auf Kinder und Jugendliche haben solche Substanzen eine noch schlimmere Wirkung. Wir Menschen lassen uns schnell beeindrucken. Und ich denke, Musik ist eine Form der Kommunikation, die einen ganz tief im Herzen trifft. Man kann Musik fühlen. Wenn jemand illegale Substanzen und Drogen glorifiziert, will man sie auch probieren. Wir müssen uns unseres Einflusses wirklich bewusst sein und genau deshalb besser aufpassen.

 

Was hat dich denn so schwach gemacht, als du Lil Wayne mit dem Hustensaft sahst? Wolltest du so high sein wie er? Wolltest du so cool sein wie er?
Lil Wayne war für mich immer ein unglaublicher Rapper. Ich dachte, es wäre vielleicht die Droge, die ihn so gut machte. Ich bin definitiv jemand, der viel mit Drogen experimentiert hat. Zu diesem Zeitpunkt habe ich eine Menge Gras geraucht. Wenn man das einige Jahre macht, will man eben etwas Neues ausprobieren. Besonders wenn dein Idol diese Droge in den Himmel lobt und dabei immer noch sehr kreativ und produktiv ist.

 

 

Was denkst du denn über Leute wie Lil B und Soulja Boy? In den letzten Monaten sind sie ja sehr erfolgreich gewesen. Denkst du, dass so etwas gefährlich ist?
Ich kann nicht wirklich über Lil B oder Soulja Boy sprechen, da ich wenig von ihrer Musik kenne. Aber ganz generell fällt mir natürlich auch selbst auf, dass Drogen mit Musikstilen einhergehen. Ich denke nicht, dass das ­generell schlecht ist. Aber es kann einen schlechten Einfluss auf die nachfolgende Generation haben. Das ist ein sehr schmaler Grat. Wenn Soulja Boy über Koks rappt, dann soll er das machen. Ich rede viel mit Kindern in der High School und spreche mit ihnen darüber, was sie beeinflusst. Es gibt Künstler, die etwas beim Hörer verändern und andere dazu bringen können, bewusster zu leben. Und es gibt eben welche, die Drogen verherrlichen. Ich mag beide Arten von Musik. Beides ist fresh. Aber ich denke, dass der negative Effekt nicht vergessen werden sollte.

 

Du hast ja in einer Jugendstrafanstalt gearbeitet. Denkst du, du erreichst die Kinder und Jugendlichen dort besser, weil du selbst schon solche Sachen durchgemacht hast?
Ja, absolut. Jedes Mal, wenn du so etwas erlebst, kannst du besser darüber sprechen. Leute, die durch eine ähnliche Situation gegangen sind, verstehen dich besser und glauben dir, was du sagst. Sie können es nachvollziehen. Da ist eine bestimmte ­Verbindung – wie ein unsichtbares Band.

 

Kannst du dir vorstellen, wieder in diesem Job zu arbeiten, wenn es mit der Musik vorbei ist?
Auf jeden Fall. Es ist gut, mit der Community in Kontakt zu bleiben. Sie ist der Grund, warum ich hier bin. Es ist wichtig, sich konstant daran zu erinnern und anderen Leuten zu helfen. Durch die Arbeit mit Kindern habe ich eine Menge gelernt. Ich höre mir die Geschichten der Kinder an. Und 2011 in die High School zu gehen, lässt mich an meine eigene Situation zurückdenken und erdet mich auch ein Stück weit.

 

Die Art und Weise, wie du über Musik und die damit verbundene Verantwortung sprichst, entspricht deiner Art dich zu kleiden: Sie ist anders. Derzeit gibt es immer mehr Künstler, die etwas Neues ausprobieren und eine ähnliche Richtung einschlagen. Ist das nur ein schneller Hype oder wird sich so etwas durchsetzen?
Ich denke, es wird im HipHop immer Trends geben, die sich für eine Weile halten. Es gibt ja so viele Subgenres, die sich alle unter Rap bzw. HipHop zusammenfassen lassen können. Es geht um Stimme und Charisma – ganz egal, ob da jetzt im Video Frauen in G-Strings durch die Gegend laufen oder der Rapper eine enge Hose trägt. HipHop wird sich immer weiterentwickeln, mal einen Schritt zurück gehen, dann wieder einen nach vorne – das ist eine unendliche Geschichte. Und HipHop wird sich nie nur in eine Richtung entwickeln.

 

 

Zu »Irish Celebration« und ein paar anderen Songs habt ihr Videos ­aufgenommen. Die Visuals sind sehr stark und wirken äußerst ­professionell. Wie macht ihr das? Das kostet doch alles eine Menge Geld, oder nicht?
Wir haben jetzt fünf oder sechs Videos gemacht und arbeiten dafür mit Freunden zusammen. Zia Mohajerjasbi hat »Irish ­Celebration« gedreht. Jason Koenig war für »My Oh My« zuständig. Die Idee zu »Otherside« kam von Ryan und mir. Weißt du, wir sind alle sehr visuelle Menschen. Ryan war Fotograf und Grafiker, als ich ihn kennen lernte. Ich habe auch viel Grafisches gemacht. Wir sind alle Leute, die einen hohen Standard und gewisse Ansprüche an das Visuelle haben. Wir versuchen, das Beste aus unseren Mitteln herauszuholen. Zwar sind wir nur ein sehr kleines, dafür aber auch talentiertes Team und können ein Video, das nach 50.000 Dollar aussieht, für vielleicht 5.000 Dollar drehen.

 

Lass uns zum Schluss noch über dein Album sprechen.
Wir arbeiten gerade daran und hoffen, dass es im Frühling rauskommt. Es ist ein Album, dass ich komplett mit Ryan Lewis aufgenommen habe. Ich hoffe, die Leute können etwas damit anfangen.

 

Ist es einfacher für dich, mit diesem Hype am Album zu arbeiten oder ­verspürst du einen gewissen Druck?
Unterschiedlich. Ich habe im letzten halben Jahr schon so etwas wie Druck verspürt, ja. Aber ich denke, dass das etwas sehr Gutes sein kann. Zumal der Druck nur von mir selbst kommt. Ich will etwas Großes abliefern – ein bisschen so wie Kanye West oder Lil Wayne. Leute, die auf dem Level sind. Ich will mit solchen Künstlern verglichen werden. Und deshalb muss man sich eben den Arsch aufreißen. Ich will nicht nur ein tolles Album machen, ich will ein großartiges Stück Kunst abliefern. Ganz egal, wie groß ich bin oder werde. Die Kunst steht ganz klar im Vordergrund.

 

 

Kommt das Album auf einem Label raus? Du bist ja noch ungesignt.
Ich werde es selbst herausbringen. Ich bin nicht daran interessiert, bei einem Major zu signen. Wir haben zwar Gespräche geführt, aber 2012 macht so etwas keinen Sinn mehr. Wir schauen mal, was sich ergibt, wenn das Album fertig ist. Aber im Moment liebe ich es, die Kontrolle zu haben und für meine Karriere komplett selbst verantwortlich zu sein.

 

Text: Jan Wehn