Mach One [Feature]

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In Berlin-Kreuzberg ist Mach One, zumindest für jene, die schon ein paar Jahre länger im Bezirk weilen, eine ­lebende Legende. Sein Status im Kiez entspricht ungefähr dem, den beispielsweise die Herren Delay und Deluxe in ­Hamburg ­genießen. Außerhalb seiner Heimat gilt Mach, der zum ­Release seines dritten Soloalbums seinen 35. Geburtstag feiern wird, aber noch immer als Geheimtipp, als Liebhaberding. Überhaupt konnte er sich so richtig erst mit seinem letzten Album »Meisterstück Vol. 2« (2012) auch national eine größere Fan-Base erspielen. So überraschend der Erfolg dieser Platte nach sieben Jahren ohne Solo-LP kam, so sehr steigerte er auch die Erwartungshaltung aller Beteiligten für die Zukunft. Sein Management, sein Booker und auch der Künstler selbst wollten zudem unbedingt vermeiden, dass der Mach One-Fan ein zweites Mal so lange auf ein neues Soloalbum warten muss. Das Ergebnis der Mühen, »M.A.C.H.«, bestätigt ein weiteres Mal, was man in ­Kreuzberg mittlerweile seit fast einem Jahrzehnt weiß: Mach One ist einer der stärksten, weil abgründigsten und witzigsten ­Erzähler, die der deutsche HipHop zu bieten hat.
 
Im Café
 
Christoph Bodenhammer war sich lange Zeit gar nicht sicher, ob er mit »M.A.C.H.« seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden könne. Der Zeitplan für das Album stand schon lange (mehr oder weniger) in Stein ­gemeißelt: Im Sommer 2013 sollte es gemeinsam mit Mo (»mein Arschtreter«), sowie den Produzenten BRKN und Mike Marten zurück ins Studio gehen, bis Februar 2014 sollte dann ein fertiges Album stehen. Gleichzeitig wurde eine Tour gebucht, die im März beginnen wird und am 4. April, dem Tag der Veröffentlichung und einen Tag vor Machs Geburtstag, im Berliner Postbahnhof vor 1.000 Menschen enden soll. Soweit der Plan. Doch dann kam, wie so oft in solchen Fällen, das Leben dazwischen. Kurz nach Beginn der Produktion wurde Christoph Bodenhammer Vater. Lange Zeit sah es so aus, als wäre sein Kind krank zur Welt gekommen. Viele Untersuchungen und Tests später sollten sich die Befürchtungen als falsch erweisen – das Kind ist kerngesund. »Trotzdem hat diese Zeit unwahrscheinlich viel Kraft und Nerven gekostet. Dadurch sind wir mit dem Album lange nicht so gut vorangekommen, wie wir das eigentlich geplant hatten«, erklärt Mach, als wir uns an einem ungewöhnlich sonnigen Nachmittag Ende Februar im Café Kotti, einem orientalisch angehauchten, links-alternativen Treffpunkt für allerlei Kiez-Publikum mit ­günstigen Getränkepreisen (eine Flasche Cola für Einsachtzig), treffen.
 

 
Mach One wirkt müde, dabei ist es erst 15 Uhr. »Wir waren bis tief in die Nacht im Studio, weil wir bis Freitag noch das halbe Album aufnehmen müssen«, erklärt er mit sichtbar tief hängenden Augenliedern und ergänzt: »Ich möchte nicht rumheulen, aber ich schaffe es immer wieder, mir in der Endphase der Produktion eines Albums mein Immunsystem so herunterzuwirtschaften, dass ich krank werde. Dieses Mal lag ich ganze drei Wochen lang flach.« Zu allem Überfluss erwischte Mach kurz vor Abgabe eine üble Lungenentzündung. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass unser Interview notgedrungen zu diesem denkbar ungüns­tigen Zeitpunkt stattfindet. An dieser Stelle steigt Mo, der wie schon beim letzten Album die meisten Hooks einsingt und im Zuge des Interviews als gleichberechtigte zweite Hälfte der Künstlerpersona Mach One auftritt, ins Gespräch ein: »Wir können halt immer nur am späten Abend ins Studio.« Der Grund dafür? Die Musik von Mach und Mo entsteht immer noch Untergrund. Zwar nicht mehr im »Lätzten Loch«, Machs altem, ­vercrackten Home-Studio, in dem sich ­damals die ­Berliner Szene tummelte, sondern im Souterrain unter einem Jugendzentrum in Kreuzberg 36. Das Studio selbst sieht zwar für ein HipHop-Studio unerwartet aufgeräumt aus, geraucht wird hier nicht, Müll stehen ­gelassen auch nicht, aber das liegt nicht zwingend an nun doch ­erwachsen ­gewordenen Berliner HipHop-Chaoten, sondern wohl vor allem daran, dass hier tagsüber Jugendliche lernen, Beats zu bauen und Instrumente zu spielen. »Dadurch können wir hier zwar nur sehr spät und sehr früh arbeiten, aber dürfen dafür auch die Instrumente mitbenutzen. Vieles, was man am Ende auf dem Album hört, habe ich hier selbst, teilweise aber auch Gastmusiker, eingespielt«, erläutert Mach.
 
Tatsächlich merkt man dem Album die ­vergleichsweise strukturierte Aufnahme­situation an. Überhaupt scheint sich, so der oberflächliche Eindruck, im Leben von ­Christoph Bodenhammer einiges getan zu haben. Da passt es fast schon zu gut ins Bild, dass man im Amazon-Produkttext zu »M.A.C.H.« auf ein »Grown-Man-Rap-Album« vorbereitet wird. Als ich versuche herauszufinden, wie diese Platte, von der ich bis zu diesem Zeitpunkt nur eine handvoll Pre-­Masters hören konnte, nun wirklich klingt, spreche ich ihn auf diese Promo-­Formulierung an. Mo fängt an zu lachen, Machs Augen öffnen sich ein gutes Stück weiter: »Im Ernst, das steht da? Nee, das auf keinen Fall. Es gibt auf der Platte zum Beispiel einen Song, der heißt ‚Kleiner, dicker Bruder‘. Das ist ganz einfach nur geschmackloser, sexistischer Blödsinn. Ein einziger Witz, den wir, als wir im Studio ­abhingen, einfach verdammt gut fanden.«
 
Dennoch hat sich, wie sich im weiteren ­Verlauf des Gesprächs herausstellt, mit den seit »Meisterstück Vol. 1« vergangenen ­Jahren auch die Perspektive des Texters Mach One auf sein Umfeld verändert. Wie im Song »Annie«, der die Geschichte eines ­Junkie-Mädchens vom Kottbusser Tor ­erzählt, und der Ansätze von Sozialkritik hinter tiefschwarzem Humor versteckt. Christoph Bodenhammer ist eben nicht mehr Mitte 20. »Wir machen das alles hier jetzt schon ziemlich lange, natürlich ist man da reflektierter. Ich blicke auf diesem Album auf gewisse Dinge schon aus erwachsener Perspektive zurück.« Da ist zum Beispiel der bereits als Single ausgekoppelte Song »Bekennerschreiben«, auf dem Mach One erzählt, wie er zu Beginn seiner Karriere in erster Linie als »Drogenfreak« wahrgenommen wurde. »Ich bin mitschuld, wenn eure Kinder hängen bleiben (…), ich kann nicht aus meiner Haut, am Ende heißt es Mach One 3-6-1, das ist mein Bekennerschreiben«, rappt er. Auch wenn er hier die Behauptung aufstellt, sich nicht ändern zu können, beweist doch alleine das große Maß an Selbstreflektion, das Songs wie dieser ausstrahlen, dass Mach heute tatsächlich ein anderer ist.
 

 
Dennoch ist er auf gewisse Weise derselbe geblieben. Das klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nur scheinbar. Denn, wenn man das so sagen darf, treu geblieben ist sich Mach One auf jeden Fall. Seinen Humor hat er, im Gegensatz zu manch ­anderem Rapper seiner Generation, bis heute nicht verloren. Er bleibt nach wie vor seine große Stärke. Zudem hat Mach sich seine ­eigenbrötlerische Art, seinen Unwillen, mit jedem in der sogenannten Rap-Szene »down« zu sein, bis heute erhalten. ­Außerhalb Kreuzbergs ist Mach One immer noch eher ein Außenseiter, das hat er sich so ausgesucht. »Die Szene interessiert mich nur so weit, wie sie mein Leben tangiert. Und die meisten anderen Rapper kenne ich einfach nicht. Warum sollte ich mich also fühlen, als sei ich in derselben Szene wie die?«, erklärt Mach und ergänzt, man solle lieber sein Ding machen und sich mit seinen Freunden seine eigene »Szene« schaffen. »Rap an sich ist keine Brücke zu anderen Menschen für mich. Wir können nur für uns stehen«, sagt Mo wenig später, kurz bevor wir unsere ­Getränke bezahlen, um noch ein wenig durch den Kiez zu laufen.
 
Am Engelbecken
 
Auf dem Weg zum Engelbecken, einem künstlich angelegten Wasserbecken mitten auf dem ehemaligen Todesstreifen, reden wir kurz über Kreuzberg, den Bezirk, in dem Mo, nachdem er in Tempelhof aufgewachsen war, seine Heimat fand (»endlich normale Menschen!«) – und der Mach One zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. »Mach One ist Kreuzberg«, sagt Mo und lässt ihn selbst erklären, was damit gemeint ist: »Ich komme gar nicht drum herum, dass Kreuzberg und Berlin immer in meiner Musik mitschwingen, auch wenn ich definitiv kein Berlin-Album gemacht habe. Trotzdem ist alles an mir Kreuzberg. Kreuzberg hat mich geformt, kaputt gemacht und wieder aufgebaut. Ich bin zu 100% dieser Bezirk.«
 
Als wir uns einige Minuten später auf eine Parkbank setzen, landen wir noch mal beim Thema der anstrengenden Album-Produktion. »Wie gesagt, wir haben uns schon vor einem Jahr hingesetzt und den Veröffentlichungszeitraum mehr oder weniger festgezurrt. Ich habe mich zu Tode gefreut, dass ‚Meister­stück 2‘ sowohl bei den alten, als auch bei neuen Fans so gut angekommen ist, und natürlich wollte ich da dieses Mal nicht so lange warten. ­Alleine schon um zu beweisen, dass ich das kann. Ich bin ganz ehrlich, eine Zeit lang dachten wir, wir würden dieses Album jetzt hinscheißen und gut ist. Aber ich kann das nicht. Ich will am Ende dann doch, dass alles perfekt wird, und schraube ewig an kleinen Details. Wenn Mo mir nicht ab und zu in den Arsch treten würde, würde ich an manchen Songs vermutlich Jahre lang sitzen«, holt Mach aus und erzählt weiter, wie Mo, sein Manager Massimo und er bereits vor knapp einem Jahr den Zeitplan für die Produktion festlegten, sich schließlich jede Woche trafen und Beat-Skizzen sammelten. Zum ersten Mal hielt sich Mach dabei aus diesem Arbeitsschritt komplett heraus. Die Ursprungs­versionen der Beats stammen fast alle aus der Feder von Mike Marten. Auf dessen Skizzen schrieb Mach drauf los und als zehn Songs standen, ging es ins Studio. »Es lief alles sehr strukturiert, bis dann das Leben in Gestalt meines Kindes dazwischen kam«, schließt Mach.
 
Bevor wir uns verabschieden, Mo muss noch in das Prenzl’berger Tattoo-Studio, in dem beide momentan arbeiten, und Mach hat noch die letzte Hook fürs Album fertig zu schreiben, möchte ich mit den beiden noch über ihr persönliches Bud-Spencer-und-­Terrence-Hill-Verhältnis sprechen. »Ich schreibe einfach besser im Team. Ich fragte mich immer, warum es mir so viel Mühe macht, alleine Texte zu schreiben. Aber dann brachte mich Staiger irgendwann auf die Idee, doch beim Schreiben eine Art Ratgeber an meine Seite zu nehmen. Mit Mo komme ich sehr viel schneller voran als alleine«, erklärt Mach. Während er selbst stets loyal und fair, aber bisweilen auch beinahe autistisch und cholerisch (»meiner Meinung nach aber immer zu recht«) sei, wäre Mo eher ein grummeliger, eigenbrötlerischer Typ »mit leicht divenhaften Zügen«, wie Mach witzelnd erklärt. Er fügt hinzu: »Mo ist außerdem ein ganz krasser Gerechtigkeitsfanatiker und deswegen manchmal total im Kampf mit sich selbst. Er hätte es so gerne, dass alle Leute gut sind und wird richtig stinkig, wenn andere Menschen seinen Ansprüchen nicht ­gerecht werden.« Mo ergänzt: »Ich bin eben ein Idealist. Natürlich sind Ideale nicht dazu da, zu 100% erfüllt zu werden, aber ich komme damit nur schwer klar. Wenn Menschen mich enttäuschen, dann werde ich zum Arschloch.« Und Mach schließt ab: »Der kümmert sich selbst um eine tote Taube zwei Stunden lang und wundert sich dann, dass er keine Kraft mehr hat. Mo ist der beste Mensch der Welt.« Danach ist fürs Erste alles gesagt. Wir verabreden uns noch für das kommende Wochenende, dann soll das Album endlich in einer hörbaren Version vorliegen, und gehen unserer Wege.
 
Im Studio
 
Ein paar Tage später treffen wir uns wieder. Am Samstag, dem Tag nach der Abgabe des »M.A.C.H.«-Masters. Die Version, die mir Mach One heute vorspielen will, ist also, mit ­Ausnahme kleiner Details, die finale. Am Montag müssen die Daten zum Presswerk und zu iTunes überstellt werden. Wir sind vor jenem anfangs angesprochenen Zentrum für Jugendliche verabredet, in dem beinahe das komplette Album entstanden ist. Am Späti stocken wir noch den Heineken-Vorrat auf, dann geht es in den Keller. Vorab sagt mir Mach: »Ich bin gespannt. Ich hoffe auf deine ehrliche ­Meinung zum Album. Ich selbst bin mir natürlich gerade unsicher, wie gut mir das Ding gelungen ist.« Ich bin außerhalb seines engsten Kreises der Erste, der das Album hören wird. Eine größere Bürde kann man mir zu diesem Zeitpunkt kaum auferlegen. Schließlich versucht man als Journalist in der Regel, seinen ­ersten, zwangsläufig eher oberflächlichen Eindruck möglichst nicht sofort kund zu tun. Zum Glück macht »M.A.C.H.« es mir leicht, es zu mögen. Die vom Künstler selbst aufgestellte ­Befürchtung, die kurze Produk­tions­­zeit könne sich im End­ergebnis bemerkbar machen, beweist sich als haltlos. Das ­Album erfindet zwar das Mach-Rad nicht neu, aber verpasst ihm auch keine Delle in der Felge. Noch immer vermag Mach One es von allen deutschen Rappern am besten, humorvoll die Geschichten der Jungen und Kaputten nachzuerzählen. Als MC ist er ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und musikalisch mischen sich dieses Mal noch mehr unerwartete Töne unter die altbekannte Berliner Härte. Sofern die Songs auf gesungene Hooks setzen, sind sie sich dem Risiko, in Richtung Kitsch abzudriften, stets bewusst und vermeiden selbiges durch Charme und Ironie. Zum Glück ist zudem auch das mancherorten vielleicht befürchtete, ­abgeklärte Album eines satten Erwachsenen nicht Realität geworden. Also Mach: Alles gut, wieder mal alles richtig gemacht! ◘
 

 
Foto: Lorenz & Cheesecake
 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #158 (hier versandkostenfrei nachbestellen).