Lil Yachty: »Irgendwie weiß ich instinktiv, wie ich mich verkaufen muss.« // Feature

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Er ließe sich als schrillster Vertreter einer rücksichtslos gut gelaunten Anti-Bewegung gegen die Lamars, Wests und Cudis beschreiben. Mit gerade einmal 19 Jahren begegnet Miles Parks McCollum HipHops großer Depression mit dauerbreitem Grinsen, bunter Flechtfrisur und einem Selbstverständnis, das sich über alles erhebt, was einschränkt. Seht der Wahrheit in die Augen: Die so oft heraufbeschworene Zukunft ist da, und sie spielt nach keinerlei Regeln. Und ob man will oder nicht, das führt uns unweigerlich den Spiegel vor: Wer Lil Yachty hasst, hasst Spaß.

Aber beruhigen wir uns kurz. Musik ist immerhin noch Geschmacksache. Kaum jemand kann das besser beurteilen als der hartgesottene Rapfan. Wen hatte man nicht schon alles zum Messias einer neuen Zeitrechnung auserkoren und dann doch wieder verworfen? Dabei sollte man sich als Beobachter der Szene bewusst werden, wie differenziert die HipHop-Kultur mit der Zeit geworden ist und wie vielfältig die unterschiedlichen Subgenres mittlerweile sind. Wenn man so möchte, lassen sich trotzdem alle unter dem Sammelbegriff HipHop fassen, denn ihre Einflüsse beziehen sich ganz klar auf die Vorbilder der originären Kultur. Ohne sie, die Vorbilder, wäre HipHop also nicht da, wo er heute steht.

Ganz klar polarisiert dann jemand, der mit 18 bereits seine erste Million verdient hat, 2Pac und Biggie als überbewertet bezeichnet, kaum veröffentlichte Projekte in der Diskografie aufweisen kann, aber Zeilen für einen Katy-Perry-Remix übrig hat. Manche sehen in Yachty den Beginn einer Punkphase des Rap. Nicht aus modischen Gründen und schon gar nicht aus musikalischen. Das Ablehnen von Konventio­nen aber, die bislang noch kaum jemand – ob bewusst oder unbewusst – hinterfragen wollte, konnte man bereits im Rock der frühen Siebzigerjahre beobachten. »Der Schlüssel für meinen schnellen Erfolg ist wahrscheinlich, dass ich mich an nichts halte. Warum sollte ich? Wäre ich sonst hier?«

Hier, das ist in diesem Fall der amtliche Tourbus, den er für seinen Tour-Einstand in Europa bezogen hat. »Nacht für Nacht im Rampenlicht zu stehen, fühlt sich wie ein wahr gewordener Traum an; als wäre es so für mich vorhergesehen. Irgendwie weiß ich instinktiv, wie ich mich verkaufen muss.« Und wie er kaufen muss. Folgt man seinem Snapchat-Account, sieht man regelmäßig Kassenzettel im fünfstelligen Bereich. »Ich bin da ein bisschen komisch und kaufe Dinge, die mir gefallen, direkt in allen Farben.« Das ist tatsächlich nicht normal. Genau nach solchen Charakteren aber verlangt das Publikum, insbesondere im Internet. Yachty, der einerseits Schützling von Manager und Independent-Guru Kevin »Coach K« Lee ist und andererseits Maskottchen unserer Konsumgesellschaft sein könnte, ist durch seine plakative, manchmal paradoxe Art längst zum Meme geworden.

»Über Social Media habe ich in kürzester Zeit so viel lernen können. Das Internet ist die Nummer-Eins-Ressource, der schnellste und einfachste Weg sich zu vermarkten. Ich habe gemerkt, welche Kraft es haben kann; und wie leicht es ist, Leute zu verletzen. Ich weiß, wovon ich mich fernzuhalten habe. Das Internet ist ein wichtiges Werkzeug und ein großer Faktor für meinen Erfolg.« Die überaus reflektierte Seite an McCollum überrascht deshalb besonders. Ist Alter noch ein Indikator für Erfahrung? Und muss Musik überhaupt Erfahrung ausstrahlen, damit man sie genießen kann?

»Ich habe einen klaren Vorteil, bereits so viel erreicht zu haben, obwohl ich so jung bin. Ich weiß nicht, warum mich die Leute so unterschätzen. Vorschnelle Urteile wie ‚der braucht noch Zeit, sich zu entwickeln‘, oder ‚der weiß oder kann es nicht besser‘ sind doch sinnlos. Leute nehmen das Potenzial der Jugend nicht ernst, bis sie eines Besseren belehrt werden. Wenn du deinen Traum hast, setz ihn um! Viele versuchen das aber gar nicht mehr. Ich wollte Millionen, und zwar schnell. Wenigstens kann ich behaupten, es versucht zu haben. Wenn ich es nicht geschafft hätte, hätte ich auch einfach zurück aufs College gehen können. Ich erinnere mich an so viele wirklich talentierte Freunde von früher. Die wollten aber alle nicht zu Open-Mic-Sessions gehen, weil sie Angst hatten. Deshalb: Nehmt eure Chancen wahr!«

Seit mit »1 Night« einer von Yachtys ersten Tracks viral ging, hat sich innerhalb weniger Monate viel getan, aber wenig geändert. Vom kurzfristigen Model-Engagement an Kanye Wests skurrilem Abend im Madison Square Garden über Werbedeals für Lebensmittel und eine vierfache Platin-Auszeichnung für »Broccoli« bis hin zum fertigen Debütalbum »Teenage Emotions« in der Pipeline betont McCollum eisern, dass er trotz des Lebens in der Fastlane ein Teenager wie jeder andere ist. »Klar, ich habe nicht sehr viel Freizeit im Moment. Aber sonst mache ich nicht viel anders: Ich hänge zu Hause ab und langweile mich, gucke Fernsehen, esse Pizza oder versuche, Mädchen aufzureißen.«

Auf der einen Seite steht ein junger Senkrechtstarter, der versucht, das Optimum aus sich herauszuholen. Auf der anderen Seite stehen seine Kritiker und mahnen an den Erhalt vermeintlich echter Werte. Wer HipHop mache, müsse diesen schließlich leben. Offensives Selling Out sei deshalb ein No-Go. Dass nun jemand daherkommt, der seine Karriere genau darauf aufbaut, stößt vielerorts auf Unverständnis. Sich mit dem Vokabular der Street Credibility zu rühmen, war allerdings noch nie Teil der Persona Yachty. Straight edge zu leben und trotzdem mit jeder Show die Generation Turn-up zu versammeln, zeigt den Paradigmenwechsel auf.

HipHop kann alles und HipHop darf alles, dafür hat sich die Kultur gesund genug entwickelt. Yachty scheint daraus die logische Konsequenz zu bilden. Als König der Jugend befüttert er sein Publikum mit einem gesunden und freien Selbstverständnis. »HipHop hat ein Mentalitäts­problem. Deshalb hoffe ich auf noch mehr Trap-Rapper und Gangster-Killer. Das gibt mir nur noch mehr Freiraum, ich selbst zu sein. Ich bin einzigartig.« ◘

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