Life After Death: Die besten 2Pac-Verschwörungstheorien // Feature

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»Du bist ein erwachsener Mann und glaubst immer noch an 2Pac« – das schien die einzig angemessene Reaktion auf die Frage der JUICE-Chefredaktion nach einem möglichen »Kings Of HipHop« über Pac zu sein. Nicht weil Tupac Shakur, dessen Todestag sich im September zum 20. Mal jährt, keinen Platz in jener Reihe verdient hätte, ganz im ­Gegenteil. Aber seien wir mal ehrlich: Kein anderer Rapper wird bis heute so kultisch verehrt, keine HipHop-Lebensgeschichte wurde vom Teeniemagazin bis zur Bahnhofsbuchhandlung derart oft und ausdauernd erzählt. Ja, sogar eine JUICE-Sonderausgabe über Pac gab es schon vor zehn Jahren. Anstatt also erneut zu erzählen, was in den 25 Lebensjahren bis zu Pacs Tod geschah, nähern wir uns dem Phänomen von einer anderen Seite an: In den folgenden Zeilen geht es um die verwirrenden Randnotizen und die abwegigen ­Verschwörungstheorien über den bis heute ungeklärten Mordfall Shakur.

Das Schöne an Verschwörungstheorien ist ja: Wenn man einmal die gebotene kritische Distanz verloren hat, taugt jedes noch so sachliche Gegenargument zur Festigung der eigenen Wahrnehmung. Je fester man die Augen zukneift, desto mehr erleuchteten Durchblick schreibt man sich selbst zu. Nehmen wir also mal an: Tupac ist tot.

Am 7. September 1996 wurde Pac in Las Vegas von ­mehreren Kugeln getroffen, am 13. September im Kranken­haus für tot erklärt. Vorausgegangen sein soll Folgendes: Nachdem in einem Schuhgeschäft ein Mitglied von Pacs Entourage von einer Gruppe California Crips um Orlando Anderson angegriffen wurde, treffen beide Crews in der Lobby des MGM Grand nach einem Boxkampf aufeinander. Überwachungskameras halten fest, wie Pac auf Anderson losgeht, gefolgt von den Death-Row-Bodyguards, allesamt Piru Bloods. Am selben Abend fallen aus einem weißen Cadillac auf offener Straße die Schüsse auf Pac, der an einer roten Ampel auf der Beifahrerseite von Suge Knights schwarzem BMW sitzt. Bei aller gebotenen Vorsicht liegt in Anderson und seiner Crew die wahrscheinlichste Lösung des Rätsels. Aber das Chaos fängt hier erst an.

Polizisten auf Fahrrädern verfolgen Suge, der mit dem angeschossenen Pac im Auto einen panischen U-Turn macht und auf dem Mittelstreifen strandet. Der Tatort wird erst später abgesperrt, für die Spurensicherung ist nicht mehr viel übrig. Der Cadillac verschwindet. Ein Begleiter aus dem Auto hinter Suges BMW sagt noch, er wisse, wer geschossen habe. Als die Polizei ihn Tage später einbestellt, hat er es sich anders überlegt und macht nie eine Aussage. Zwei Wochen später wird er erschossen. Suge Knight, der vom Fahrersitz aus eine gute Sicht gehabt haben müsste, will den Schützen nicht gesehen haben. In einem späteren Interview sagt er, selbst wenn er etwas wüsste, würde er es der Polizei nicht verraten – von 31er her. Orlando Anderson wird mangels Zeugenaussagen indes nur einmal verhört und zwei Jahre später in Los Angeles erschossen. Der Mord an Tupac wird nie aufgeklärt.

Die zu diesem Zeitpunkt schon hitzige Fehde zwischen Pac und The Notorious B.I.G. ist der erste Ausgangspunkt für Spekulationen. Auch die Los Angeles Times vertritt die Theorie, Biggie habe Anderson und seine Crips für den Auftragsmord engagiert, eine Million Dollar als Honorar zugesagt und die Tatwaffe überreicht. Es gibt widersprüchliche Aussagen darüber, ob Biggie an jenem 7. September in Las Vegas oder in New York war, aber bei allen Unschulds­beteuerungen und Abwägungen – zumindest denkbar wäre es, und umso leichter, Biggies Tod im nächsten Jahr als Racheakt von Suge und seinen Bloods zu erklären.

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Aber auch Suge ist das Zentrum vieler Überlegungen. Meist gehen die so: Der lange umworbene Pac ist schon wieder kurz davor, Death Row Records zu verlassen – nur sein anstehendes fünftes Album ist dem Label noch sicher. Suge plant deshalb, Pac töten zu lassen, um das Ganze ein letztes Mal maximal kommerziell ausschlachten zu können. Gerüchteweise wurde Suge beobachtet, wie er Pac überredet, ausnahmsweise die schusssichere Weste wegzulassen, aber so unverzichtbar scheint die nicht gewesen zu sein: Fotos vom selben Tag zeigen Pac im weit aufgeknöpften Seidenhemd ohne Weste, und das ärmellose Sportjersey, das Pac abends trägt, sähe mit dicker Schutzschicht auch seltsam aus. Dass weder Pac noch Suge an diesem Abend bewaffnet sind, ist wirklich ungewöhnlich, könnte aber mit fehlenden Genehmigungen und dem von Staat zu Staat unterschiedlichen Waffenrecht erklärt werden. Mehr als fraglich bleibt jedoch, wieso Suge als Auftraggeber ausgerechnet diese Ausführung wählen würde, denn dass der massige Knight, direkt neben Pac sitzend, nur von einem der 14 Projektile leicht verletzt wird, muss eher als Glück denn als kalkulierte Aktion gelten. Das hätte nämlich ins Auge gehen können.

Der nächste logische Schritt in der Auftragsmord-Theorie ist klar: eine höhere, gar eine geheime Macht. Die CIA also, das FBI oder die Illuminaten. Schon im Verschwörungsgrundkurs lernt man, dass diese staatlichen Institutionen ohnehin von ihnen, nein, IHNEN gelenkt werden, von Freimaurern und dergleichen auf dem unbeirrbaren Weg zur Neuen Weltordnung. Ab hier wird’s endgültig wild. Gern wird argumentiert, dass diese Mächte – Illuminaten gleich Satanisten gleich untergetauchte Nazis – dafür sorgen, starke Anführer der schwarzen Community auszuschalten, bevor sie das Volk in die Revolution führen. So wie Martin Luther King, Malcolm X und nun den aus einer Black-Panther-Familie stammenden Tupac. Wer zu mächtig wird, wer zu vielen Menschen etwas von Freiheit und Eigensinn erzählt, landet auf der Abschussliste der Logen.

Es kursieren besonders hirnerweichende Theorien über eine homosexuelle Verschwörung der Mächtigen in der Entertainment-Branche, die mal mehr, mal weniger direkt mit den Illuminaten verknüpft sind. Aus dieser Warte betrachtet hat sich Tupac naheliegenderweise als junger Künstler mit diesen – schwulen – Mächten eingelassen, weil er sonst nie so schnell so erfolgreich als Musiker und Schauspieler geworden wäre. Irgendwann will er aber raus aus dem System, droht es gar aufzudecken und bringt sich somit selbst in Gefahr. Eine besonders bildliche Geschichte erzählt, wie der an Quincy Jones’ Tochter interessierte Pac sich den deutlichen sexuellen Forderungen von Vater Jones verweigert und damit den Eid der Geheimgesellschaft bricht. Woanders wird wiederum erklärt, dass Suge Knight als Teil des Systems seinen Schützling den Illuminaten als Blutopfer darbringt, weil er ahnt, dass Pac andere, nichtschwule Wege gehen ­möchte. (Es gibt wirklich Menschen, die diese Dinge glauben.) In »Niggas In Paris« von Jay und Kanye hört man schließlich etwas, das mit viel Fantasie nach »We killed Tupac« klingt – ein verstohlenes Mordgeständnis der Illuminati.

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Oder … Moment. Ist er überhaupt tot? Schließlich wäre es nur schlau, den Braten zu riechen und seinen Tod vorzutäuschen. Dafür ist es sogar egal, ob er den mörderischen Illuminaten entgehen möchte oder ganz konkreten Problemen mit Ruhm, Geld, Gesetz, Death Row und rivalisierenden Gangs. Es gab und gibt kaum Prominente, über deren Abtauchen so viel gemutmaßt und fantasiert wurde, und es ist ja auch eine romantische Vorstellung, wie der tragische Held keinen anderen Ausweg weiß, als in den Untergrund zu flüchten. Das berühmte letzte Foto von Pac und Suge im schwarzen BMW ist auf den 8. September datiert, einen Tag nach den Schüssen in Las Vegas. Suspekt? Dass die Schüsse nach 23 Uhr Ortszeit gefallen sind und die eingebaute Digitaluhr in einem Land mit vier Zeitzonen auch mal danebenliegen kann – geschenkt.

Suge Knight hält die Theorie des lebenden Pac immer mal wieder am Leben, fragt, wo der Leichnam geblieben sei und erzählt von dem Typen, dem er drei Millionen Dollar für Pacs Einäscherung bezahlt habe – er erklärt nie, warum das ein angemessener Preis ist – und der danach wie vom Erdboden verschwunden ist. Es gibt widersprüchliche Aussagen darüber, ob eine Autopsie durchgeführt wurde, möglicherweise gibt es davon gefälschte Fotos, es gibt Gemurmel über Größen- und Gewichtsangaben auf dem Bericht des Gerichtsmediziners, die nicht zu Tupac passen. Die Weedträger-Gruppe Outlawz behauptet gar, Tupacs Asche geraucht zu haben, nur um dann später zu korrigieren, die Asche sei doch nicht Pac gewesen. Man möchte gar nicht nachfragen.

Die beliebteste Art von Hinweisen auf den vorgetäuschten Tod kommt natürlich direkt oder indirekt aus Pacs Schaffen: all die Hinweise auf die eigene Vergänglichkeit, das märtyrerhafte Prophezeien des eigenen Endes, die versteckten Botschaften (»You should see me, I’ll be back«, »Yes, I’m alive and we missing you«), die man zu finden glaubt, wenn man nur lang genug Songs rückwärts hört. Das Netz liefert Unmengen dieser gefühlten Belege. Die Bezugnahme auf den Philosophen Niccolò Machiavelli mit dem neuen Künstlernamen Makaveli (ein Anagramm von »Am Alive K«!) nimmt bei treuen Fans schnell ein Eigenleben an und führt zu krude überliefertem Mischmasch aus der Wiederauferstehung Jesu in der Bibel, numerologischem Hokuspokus um die Zahl 7 und eben dem völlig überproportional aufgeblasenen Fakt, dass in einem Buch Machiavellis, das Pac gelesen haben könnte, tatsächlich kurz das Vortäuschen des eigenen Todes erwähnt wird. Wieso man ständig in Texten darauf anspielen sollte, wenn man als Rapper sein Ableben inszenieren möchte, erklärt halt ­irgendwie keiner. Aber auch das folgt der eingangs erwähnten Zirkellogik aller Verschwörungstheorien: Wenn du’s siehst, siehst du’s.

Seit jeher taugt es als Running Gag, wie viele Songs und Strophen von 2Pac denn noch aus irgendwelchen Archiven gekramt werden können. Dass der Mann gar nicht tot ist und heimlich nachproduziert, ist ein naheliegender Schluss, und auch dass der recht erfolglose Rapper Blac Haze irgendwie nach Pac klingt, reicht für ausufernde Diskussionen um ein mögliches Alter Ego. Ein erstaunlich rundes Post-Makaveli-Szenario ist aber dies: Pac hat sich nach Kuba abgesetzt, wo seine Patentante Assata Shakur, die in den USA wegen Mordes verurteilt wurde und als Terroristin gilt, tatsächlich seit 1984 politisches Asyl genießt. Seit Wiederaufnahme der politischen Beziehungen zwischen Kuba und den USA droht die Luft dort aber dünn zu werden, und weil auch die finanziellen Reserven eines schlauen Thugs irgendwann zu Ende gehen, bessert Pac die Kasse auf, indem er die Rechte an noch unveröffentlichten Aufnahmen verkauft – namentlich an Interscope für »Mortal Man«, den Epilog von Kendricks »To Pimp A Butterfly«, und an Coca-Cola für seine Stimme in einem Powerade-Spot. Vielleicht steht also ein Umzug an. Vielleicht sollten wir uns auch auf Pacs Rückkehr ­vorbereiten, die, Numerologie sei Dank, zuletzt für 2014 erwartet und dann offensichtlich verschoben wurde. Hauptsache, er kommt wieder, denn schon Eminem stellte besorgt fest: »HipHop ain’t been the same since 2Pac moved to Cuba on us.« Normal, dass auch das hier und dort für bare Münze genommen wurde.

So könnte das ewig weitergehen. 2Pac wird bei einem Celtics-Spiel und bei den BET Awards im Publikum gesichtet, auf einem Parkplatz (#bawrz), ausgerechnet in einem Outlawz-Video, in einem kubanischen Rapvideo und sogar als schizophrener Herr in Schweden – stundenlanger Google-Zeitvertreib für geduldige Gemüter. Auch wenn die meisten dieser Sichtungen gar nicht so ernst gemeint sind: Dass er so viele Menschen da draußen immer noch so sehr beschäftigt, spricht Bände über Schaffen und die ­Bedeutung des Tupac Shakur. Aber daran bestanden ohnehin nie ­Zweifel. Es gibt nur eine Sache, die uns wirklich skeptisch werden lässt … ◘

Illustration: Jan Feindt

Dieses Feature erschien in JUICE #176 (hier versandkostenfrei bestellen). juice-176