LE1F [Interview]

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Spätestens seit seinem millionenfach geklickten »Wut«-Video kommt man nicht mehr an LE1F vorbei: In dem Clip sieht man den New Yorker Rapper tanzen, schrill posieren und unter anderem auf dem Schoß eines gutgebauten und halbnackten Mannes sitzen, der eine Pikachu-Maske trägt. Dazu honkt ein aufreizendes Saxophon – während LE1F mit unwirklich tiefer Stimme Schmähworte für Schwule wie persönliche Auszeichnungen aneinanderreiht.
 

 
Die kontroversen Reaktionen waren absehbar: Auf der einen Seite standen Hate-Mails und belustigte Schlagzeilen einiger HipHop-Magazine im Internet. Auf der anderen die Bewunderung für seinen Flow und die mutige Selbstinszenierung. Spank Rock und Danny Brown gehörten zu den ersten HipHop-Kollegen, die LE1Fs Qualitäten als Rapper entdeckten und mit ihm zusammen Tracks produzierten. Khalif Diouf alias LE1F hatte an der Wesleyan University Tanz und Musik studiert, bevor er in der New Yorker Untergrund-House-Szene seine Berufung als MC fand. Zunächst produzierte er Songs für die alternative HipHop-Band Das Racist. Inspiriert von Dizzee Rascal, M.I.A. und Spank Rock nahm er 2012 sein erstes Mixtape auf einem billigen 60 Dollar-Mikrofon auf: »Dark York«. LE1Fs humorvolle bis akrobatische Rap-Kadenzen entfalteten sich da über clublastigen bis ambienten Beats. Ein Rezept, dem er auch auf dem 2013er-Mixtape »Fly Zone« treu blieb. Für diesen Frühling hat LE1F sein Debüt-Album angekündigt.
 
Du hast mal gesagt, du wärst als Schwarzer und Schwuler doppelt stigmatisiert. Ist angesichts angesehener, queerer Rappe wie Zebra Katz oder Mykki Bianco Schwulsein heute immer noch ein Hindernis für eine HipHop-Karriere?

Klar, als Schwuler ist man schnell eingeordnet. Viele Menschen tun sich schwer, über meine sexuelle Orientierung hinweg zu schauen, und die Musik als solche auf sich wirken zu lassen. Das ist rassistisch und homophob. Wenn ich ein schwarzer Hetero-Mann wäre, oder auch nur eine andere Hautfarbe hätte, würde man ganz anders über meine Kunst reden.
 
Wie passt es dazu, dass du dich in deinen Texten als »fag«, also Schwuchtel, bezeichnest?
Das ist meine Retourkutsche an alle, die mich damals in der High School als »nigger« und »fag« beschimpften. Kann man effektiver zurückschlagen, als sich so ein Wort anzueignen und mit Stolz zu tragen? Das macht richtig Spaß! Manchmal beschimpfe ich mein Hetero-Publikum als »faggots«.
 
In einem häufig homophoben Genre wie HipHop gewinnt man mit so etwas natürlich Aufmerksamkeit. Die Wortkombination »gay« und »rap« magst du aber auch nicht, richtig?
Ich wiederhole das schon seit eineinhalb Jahren: Es gibt kein Ding namens gay rap. Trotzdem kommen die Journalisten noch immer damit an: Als ob man meine Musik mit diesem Etikett fassen könne. Aber hören die überhaupt meinen Raps zu? Ich lasse mich doch nicht auf meine Sexualität reduzieren …
 
Würdest du denn lieber zum Beispiel, deiner Herkunft gemäß, als senegalesisch-amerikanischer Rapper bezeichnet werden?
(lacht) Warum nicht? Noch niemand hat großes Aufhebens um diesen Teil meiner Persönlichkeit gemacht, obwohl bekannt ist, dass ich bürgerlich Khalif Diouf heiße.
 

 
Spielt deine senegalesische Ahnenlinie denn eine Rolle für deine Musik?
Mein Vater kommt aus dem Senegal. Aber er entstammt einer adligen Familie, die sich nie dazu herablassen würde, selbst Kunst zu machen. Der Musikerberuf ist für niedere Klassen. Ihrer Ansicht nach hätte ich lieber ein Doktor oder Anwalt werden sollen. Zum Glück aber bin ich mit meiner amerikanischen Mutter – einer ausgebildeten Sängerin, die schon in der Carnegie Hall auftrat – aufgewachsen. Sie ließ mir in dieser Hinsicht jede Freiheit. Warum nennen mich die Journalisten denn nicht einfach einen New Yorker Rapper? Oder einen schwarzen Rapper? Das klingt wohl nicht campy und spaßig genug!
 
Andererseits spielst du im Video zu »Wut« doch explizit mit »campy« Qualitäten: Wie du deine Haare kämmst oder in kurzen Höschen tanzt, zitiert schon jede Menge Klischees über Schwule.
Aber ich wollte kein Video über Homosexualität drehen, sondern einfach auf aggressive Weise provozieren – und dabei alles Schrille, was mich ausmacht, in den Mix werfen. Mich inspirieren alte Missy Elliott– und Busta Rhymes-Videos: Dieser Scheiß ist wirklich verrückt – dagegen bin ich doch fast konservativ. Auch die Clips von Tyler, the Creator und Earl Sweatshirt haben bei mir ihre Spuren hinterlassen. Du siehst schon: Ich lebe in keinem ausschließlich schwulen Universum.
 
Zumindest scheinen die einst starren homophoben Fronten in letzter Zeit in Bewegung zu geraten. Seit dem Outing von Frank Ocean diskutiert man im HipHop offener. Hat sich seitdem wirklich etwas geändert?
Das angebliche Outing von Frank Ocean wird für den HipHop oft überbewertet: Er hat sich erstens nicht als Schwuler bezeichnet – und er rappt auch nicht. Frank Ocean ist einfach ein bisexueller R’n’B-Sänger, na und? Seit Jahrzehnten haben so viele queere Sänger im Rhythm’n’Blues Karriere gemacht. Merkwürdigerweise kommt aber niemand auf die Idee mich oder ihn in eine Reihe mit Little Richard oder Sylvester zu stellen.
 

 
Was bedeuten die schwulen Zuschreibungen für deine Fan-Basis? Sprichst du vor allem ein queeres Großstadtpublikum an?
Nein, zum Glück überhaupt nicht. Zu meinen Fans gehören viele weiße Hetero-Männer aus Kleinstädten. Diese Menschen identifizieren sich mehr mit meiner Kunst als mit irgendwelchen Vorurteilen. Sie sagen einfach: »Der Typ hat swag«. Das macht mich glücklich.
 
Trotzdem zeigen die vielen Hate-Mails an deine Adresse, wie tief verwurzelt hasserfüllte homophobe Klischees noch in der HipHop-Gemeinde sind …
Davon merke ich auf der Bühne nichts. Ich trete allerdings auch weniger in reinen HipHop-Läden auf, als in Electro-, House- oder Indie-Clubs. Da herrscht eine größere Freiheit – auch was die Kleiderordnung betrifft. Nur von der Industrie wird diese Seite von HipHop nicht vermarktet.
 
Aber immerhin ist es heute einfacher, aus der Norm herauszustechen, oder?
Ja, mir gefallen Typen wie Dizzee Rascal oder Danny Brown, mit dem ich ja zwei Stücke aufgenommen habe. Sie sind ganz einfach bizarr. In dieser Hinsicht fühle ich mich ihnen verbunden: Meine grünen Haare, die violetten Zöpfchen, das hat nichts mit meiner Sexualität zu tun: Ich fühle mich weder weiblich noch männlich, eher wie ein Alien. Außerirdisch: Dieses Etikett gefällt mir viel besser als »schwul«.
 
Andererseits scheint es gerade chic zu werden, sich für die »gay community« zu engagieren. Sogar straighte Rapper wie Mackle­more machen sich für Schwulenrechte stark.
Ja, das entspricht einem Trend in Amerika. Staat für Staat kämpfen breite liberale Allianzen für die Rechte von Homosexuellen. Das begrüße ich natürlich. Schwulenfeindlichkeit gilt nicht mehr als cool. Das bedeutet natürlich nach all den Gangstarap- und Eminem-Tiraden einen großen Fortschritt.
Bei Macklemore hätte ich mir nur gewünscht, dass er auch mal seine Privilegien als weißer Hetero-Mann eingesteht.
 
Du hast mal gesagt, du würdest dich mit Politik zu wenig auszukennen. Ist das der Grund dafür, dass du dich gegen eine Vereinnahmung als Schwulenaktivist so wehrst?
Natürlich habe ich eine dezidierte Meinung zu Schwulenrechten. Aber meine Musik zielt eben in erster Linie auf die Tanzfläche. Ich hatte für mein letztes Mixtape eine Menge kritischer Raps geschrieben – Raps gegen Rassismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit … Aber dann schmiss ich sie alle wieder raus: Will ich predigen? Oder den Leuten Spaß bereiten? Der beste Aktivismus ist doch, einfach man selbst zu sein.
 
Text: Jonathan Fischer
Fotos: Tibor Bozi
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).