Lakmann: »Wenn du mich bookst, kriegst du zwanzig Jahre Rap-History.«

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Lakmann hat das Rapgame schon einmal durchgespielt. Auf die frühen Bunkerwelt-Tage und den kommerziellen Durchbruch mit Partner Flipstar folgte ein kurzes Gastspiel von Creutzfeld & Jakob beim Major, und auf das Platzen der ersten Deutschrap-Blase dann der freie Fall. Laki zog sich als Familienvater zurück in den Untergrund und entwickelte sich vom bissigen Doubletime-Spitter zum grundehrlichen Grown-Man-Rapper, der sich 2013 mit »2 Gramm gegen den Stress« selbst rehabilitierte. Als Witten-Untouchable-Drittel rückte er sein Standing als Rap-Malocher wieder gerade, wurde der Go-To-Guy im Mammut-Remix-Zeitalter und erarbeitete sich den Ruf als einer der integersten Charaktere der Szene. Sein neues Album »Aus dem Schoß der Psychose« erscheint wieder über das ­eigene Indie-Label Eartouch und deutet an, dass Lakis zweiter Karrierefrühling gerade erst anbricht.

Du hast mal gesagt, dass du zu Creutzfeld-&-Jakob-Zeiten mehr Fame hattest, aber der schlechtere Rapper warst. Findest du eure alten Tracks immer noch schlecht gerappt?

Unnatürlich gerappt. Ich hab mich zwar nicht verstellt, aber wenn du sehr schnell und angestrengt rappst, wird deine Stimmlage automatisch höher. Deswegen ist das nicht schlechter, nur stilistisch anders. Mich ärgert mehr, dass es unnatürlich klingt. Früher gab es im deutschsprachigen Rap einfach wenige Künstler mit dunklen Voices. Marteria hat diese Stimmfarbe populär gemacht. Vorher waren alle von Savas und Dipset geprägt, die sehr nasale, spitze Stimmen haben.

Auf deinem neuen Album gibt es die Zeile: »Ich rapp’ nicht Doubletime, ich hab genug Zeit.«
(lacht) Die Zeile war eigentlich als Joke gedacht. Auf den Film kam ich erst, als ich mit Flipstar bei Brenna & Desasta im Studio war. Das war zu »Der Pott ist back«-Zeiten. Brenna stellte mir die Prämisse, so zu schreiben, dass ich das auch live rappen kann. So hab ich gemerkt, dass ich eine viel tiefere Stimme habe und relaxter rappen kann. Da begann ich, nicht mehr alles one-take aufzunehmen. Viele sagen mir, dass ich jetzt so rappe, wie ich rede. So sollte es sein.

Ich finde deine heutigen Parts technisch nicht weniger anspruchsvoll.
Manchmal zweifle ich daran, ob die Leute das mitkriegen. Da mein Flow langsamer geworden ist, könnte man vergessen, dass ich Technik ernst nehme. Viele ­verwechseln auch schnelles mit gutem Rappen. Ich versuche den Bogen zu spannen, indem ich frei assoziativ schreibe, und trotzdem nicht den erstbesten Reim nehme. Der Reim kann auch simpel sein, dann muss er aber ein Gefühl treffen. Technisch gibt es bestimmt krassere Rapper. Aber wenn man die hochtechnischen Studio-Verses runterbricht, erkennt man immer dasselbe Prinzip.

Ich hab das Gefühl, ich bin der Einzige, der sich weiterentwickelt hat – oder einfach mal auf die Bremse getreten ist und begonnen hat, langsamer zu rappen.

Du nennst dich auf deinem neuen Album »most improved player« – und das mit Ende dreißig.
Ich komme halt aus einer Zeit, in der die anderen alle besser waren als ich: Curse, Samy, Azad, Savas. Zu der Zeit war ich auch fame, und hatte genauso viel Kohle. Aber ich hab das Gefühl, ich bin der Einzige, der sich weiterentwickelt hat – oder einfach mal auf die Bremse getreten ist und begonnen hat, langsamer zu rappen.

Technik ist heute ja Voraussetzung. Du gehörst zu einer Generation, die sich das Rappen erst beibringen musste.
Meinen ersten Text schrieb ich Anfang der Neunziger. Wir haben das nicht übers ­Fernsehen gelernt, sondern von Onanon und Dike, die als Reimwärts im Ruhrpott unterwegs waren. Die haben das wahrscheinlich von Gallah oder Aphroe, die es wiederum von den Stieber Twins, Torch und Too Strong erlernten.

Als ihr mit Creutzfeld & Jakob euren ­ersten Plattenvertrag bei Put Da Needle To Da Records unterschrieben habt, hast du ziemlich schnell die Schule abgebrochen. Warum?
Das war in der zwölften Klasse, kurz vor dem Abi. Der schnelle Erfolg war wie ein Lottogewinn, und wir dachten, das wird jetzt immer so laufen. Wir haben uns gar nicht die Frage gestellt, ob wir dabei alles auf eine Karte setzen. Das Blatt war längst gespielt. Das musst du dir mal vorstellen: Wir bekamen einen Vorschuss, ohne jemals einen Song veröffentlicht zu haben. Wir hatten die »Partner«-Maxi aufgenommen, die Verhandlungen geführt, den Vertrag unterschrieben und die Kohle war sofort auf unserem Konto. Für 10.000 Mark haben wir uns dann ein Studio gebaut, gut von dem Vorschuss gelebt und einfach nur Musik gemacht.

Wie lernt man, mit so viel Geld umzugehen?
Gar nicht. (lacht) Ein halbes Jahr später war unser erstes Album fertig, und wir hatten einige Jahre lang jedes Wochenende Auftritte, also zusätzliches Taschengeld. Trotzdem ist schnell alles weg, wenn man nicht direkt nachfeuert. Wenn man vier, fünf Jahre von so einem Run lebt, denkt man, das ist der Status Quo im Musikbusiness. Ist es natürlich nicht: Du musst konstanten Output haben, noch mehr arbeiten, um irgendwann hohe Gagen zu kriegen. Wir hatten sofort ganz viel, damit aber nicht gehaushaltet.

Euer Major-Album »2 Mann gegen den Rest« floppte aus kommerzieller Sicht und wurde szeneintern stark kritisiert. Hat euch das zurück auf den Boden geholt?

Bei Universal waren wir jedenfalls die Personae non gratae – die Künstler, die nicht funktionieren. Was mich nie störte, weil unsere HipHop-Sozialisierung noch immer da war: Wir waren jedes Wochenende auf Jams, und die Bookings liefen direkt über uns. Wir hatten den Vorschuss für unser erstes Album schnell eingespielt und dann gleich einen zweiten bekommen. »2 Mann gegen den Rest« hat uns schon geerdet. Es gab eine Art Übernahme in der Szene. Es war absehbar, dass etwas Neues kommt und ganz andere Leute übernehmen.

 
2007 erschien dein erstes Solo-Mixtape »All In«. Bis zu »2 Gramm gegen den Stress« vergingen dann nochmal sechs Jahre. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
In der Zeit hing ich viel mit Brenna & Desasta und Ercandize ab. Erc hatte gerade Assazeen gegründet. Neben der Verlangsamung meiner Raptechnik bin ich auch als Mensch runtergekommen und war nicht mehr der Mittzwanziger mit Kohle auf der Tasche. Wenn es eine Phase gab, in der ich wirklich nicht wusste, wohin mit mir, war das 2009 nach der Schließung von Assazeen. Da konnte man sich als Außenstehender wirklich fragen: »Wofür macht er das?« Für mich, nach 15 Jahren als Rapper, der in der Bunkerwelt sozialisiert wurde, stellte sich die Frage nicht mehr. Für mich ist das eine Berufung.

Von der man irgendwann vielleicht nicht mehr leben kann.
Aber wir können davon leben. Nur halt ­schlechter.

Was war dann der Punkt, der dich wieder zurück zur Musik brachte? Und welche Rolle spielten Mess und Kareem dabei, mit denen du die Crew Witten Untouchable formst?
Eine ganz große. Obwohl Mistah Nice die Hauptantriebsfeder war, »2 Gramm gegen den Stress« zu machen. Ich wurde damals das erste Mal Vater und ging durch eine schwierige Phase. Als ich es irgendwann zu Hause nicht mehr aushielt, kam ich eine Woche bei Mistah Nice in Siegen unter. Jens, der heute das Eartouch-Label führt, wohnte über ihm in einer WG, wo ich alles aufnahm. Und dann haben wir »2 Gramm gegen den Stress« einfach rausgehauen. Wir haben das nur in 500er-Kleinstauflage rausgebracht und mussten in anderthalb Jahren mehrfach nachpressen. Damit schufen wir die Basis für Eartouch und Witten Untouchable. Das war das erste Mal, dass für das Label Geld reinkam. Davor war es nur ein Hobby. Mit Mess und Kareem war ich dann wieder viel live unterwegs. Kareem ist ja der Jüngste von uns und viel mehr ins aktuelle Rap-Geschehen involviert.

Das war die Zeit, in der du durch Feature-Parts wieder wahrgenommen wurdest.
Ein wichtiger Meinungsmacher war da das HipHop.de-Interview vor zwei Jahren. Wenn mir Toxikk nicht erzählt hätte, wer mir alles Props gibt, hätte ich das gar nicht mitbekommen. Auf den HipHop-Jams sind ja immer alle nett zu dir. Und ich bin harmoniebedürftig. Ich mag es lieber, wenn Leute auf Jams nett zu mir sind und dann hinterm Rücken lästern, als wenn man auf den Konzerten im Backstage Bauchschmerzen hat.