Kurt Prödel & Timo Milbredt: »Was wir machen, ist nicht Low-Budget, sondern No-Budget.« // Feature

Endlich fliegen Delfine über die Bildschirme! Yachten, supercleane Zeitlupenaufnahmen von eingeölten Körpern voller Steroide braucht doch keiner mehr. Trotzdem waren Musikvideos im Deutschrap lange nur Mittel zur Demonstration von Kredibilität und als langweiliges Werbemittel akzeptiert. Kreative Ideen? Erst mal egal. Timo Milbredt und Kurt Prödel fangen jetzt fast ohne Budget den Sound und den DIY-Gedanken der neuen digitalen Deutschrap-Generation in Video-Trips ein.

»Komplett geisteskrank«, hallt es durch die Laptopboxen. Es riecht latent nach der Light-Version eines Energydrinks aus der Dose. Der ziemlich übermüdet wirkende Timo Milbredt hat ihn sich mitgebracht, weil darauf bestanden wurde, das Interview früh zu führen. Jetzt starren wir auf einen Bildschirm, auf dem nur der grüne Skype-Telefonhörer und eine sich verändernde Zeitanzeige zu sehen sind. Dann redet wieder die Stimme, die Kurt Prödel gehört und von bürgerkriegsähnlichen Zuständen beim Kölner Karneval erzählt, wo die Person hinter dem Pseudonym gerade lebt. Mehr als diese Stimme wird nicht zu greifen sein, weder Privatleben noch das Aussehen Prödels dürfen in diesem Text eine Rolle spielen – aber das müssen sie auch nicht. Immerhin ist doch eh alles digitales Bumsen, heute, 2017, auf Twitter, Youtube und Soundcloud. Menschliche Personen verschwimmen längst mit ihren digitalen Avataren.

Kurt Prödel und Timo Milbredt sind diejenigen, die all den hochemotionalen und unmittelbaren Künstlern, die trashige Trap-Nummern und cheesy (T)Raopsongs aufnehmen, eine Bildsprache verleihen. Sie drehen Videos für all die sympathisch überinszenierten Rapper mit zweiter Ebene und abseitigem Insider-Humor – du Larry –, die in Songs Geldspeicher haben wie Dagobert Duck und polytoxische Erfahrungen in den Arabischen Emiraten machen. Und im Hintergrund rollen die 808-HiHats unaufhaltsam in die Gehörgänge derer mit tradiertem HipHop-Bild. Trap ist der Zeitgeist, andere nennen Musik von Künstlern wie Juicy Gay, MC Smook, Haiyti und LGoony Cloudrap. Scheißegal, provoziert sowieso und ohnehin: »Komplett geisteskrank«, das alles. Auch die eskapistischen Videos, die zu Tracks wie »Sace Sace« von LGoony oder »Grinden mit Delphinen« von MC Smook gedreht wurden.

Dann: Neun Fußballer schießen gleichzeitig auf ein Tor. Ein dilettantisch animierter Hund schlurft durch digitale Pixelwelten. Ein Auto explodiert. Delfine fliegen durch eine gephotoshoppte Fantasiewelt. Ein Rapper spielt vor knalligem Hintergrund Tennis. In einer Tiefgarage fragen sich junge Männer, wie man sich nur so hart gönnen kann. All diese Eindrücke sind Sequenzen aus Arbeiten von Timo und Kurt, die genau genommen eine jeweils völlig unterschiedliche Bildsprache vermitteln, aber trotzdem in einen Topf geworfen werden. »Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist, dass wir für relativ unbekannte Leute Videos produzieren, die quasi ohne Budget entstehen«, sagt Kurt. »Und dass wir einen Twitter-Grind haben«, sagt Timo. Beide sind sich einig.

Timo Milbredt stammt aus dem Ruhrpott, kann sich damit, wie er sagt, identifizieren, geht vielleicht auch deswegen zu Borussia-Dortmund-Spielen und trinkt gerne Hansa Pils für unter fünfzig Cent pro Flasche. Außerdem studiert er Grafik­design, gerade arbeitet er bei Easy Does It in Berlin. Rap, den höre er schon immer, sagt er.

Im Frühjahr 2014 startete das Onlinemagazin splash! Mag ein Videobattleturnier Namens MOT. Der bis dato völlig unbekannte Rapper Goldroger nahm teil und gewann – auch, weil ein alter Kumpel die besten Videos ablieferte: Timo Milbredt. Goldroger erinnert sich an diese Zeit: »Ich habe das erst mit einer Freundin angefangen, dann wollte Timo mithelfen, aber die Videos lieber alleine drehen, weil er ein Einzelgängertyp ist.« Danach war klar, dass er fortan alle Videos produzieren würde, und am Ende teilten sich beide eine Sneakerflatrate sowie eine Connection zum Kölner Nerd-Label Melting Pot Music. Näher kennengelernt hatten sie sich einst irgendwo, irgendwann – nicht bei Hansa Pils, sondern bei zu viel Tequila. Das vermutet Goldroger jedenfalls. Ganz sicher ist er sich nicht mehr.

Was Goldroger, der Timos Videomaker-Karriere anstieß, an dessen Videos schätzt, ist das gute Auge fürs Colorgrading, also die Farbkorrektur am Ende des Editing. Tatsächlich haften den Timo-Milbredt-Streifen immer ein gewisser Glanz und eine Eleganz in der Farbgebung an, die durch trashige, mal dreckige Motive gebrochen wird. Es entsteht eine Art Ghetto-Schickeria-Flair. Timo sagt, dass ihn vor allem die Arbeiten des japanischen Regisseurs Hiro Murai inspirieren würden. Sehr clean sind die. Sie erhaschen ohne große Aufregung intime Details, statt stumpfen Personenkult zu
inszenieren. Und natürlich ist der ganze Internet-Trash wichtig. »Ich bin eh immer online«, sagt Timo in Richtung Bildschirm gewandt.

Das sind Schnittstellen zu Kurt Prödel. Der lässt sich zwar auch von Netzkunst der Neunziger anfixen, schaut aber gleichzeitig nach visuellem Datenmüll. »Ich gucke gerne Blender-Tutorials [eine kostenlose Animationssoftware; Anm. d. Verf.] von irgendwelchen russischen Kids, die seit Jahren auf Youtube sind, aber nur 13 Klicks haben. Fragmente daraus weiterzuverarbeiten, ist spannend.« So entstehen collagierte Bildrealitäten mit simpel animierten 3D-Welten, die wie knallbunte Fieberträume oder euphorische MDMA-Trips in Lo-Fi-Qualität über den Bildschirm flirren. Sie sehen ungefähr so aus, wie das Internet-Musikgenre Vaporwave klingt. Diese Videos sind gleichzeitig die perfekte Untermalung für den ganzen von Money Boy ausgelösten deutschen Trap und all die Künstler, die durch geschlossene Facebook-Fangruppen wie den Swag Mob damit begannen, unter miserablen Bedingungen Musik in ihren Kinderzimmern zu produzieren.

Ohne diese Künstler hätte es womöglich gar keine Kurt-Prödel-(Rap)Videos gegeben, weil er mit elektronischer Musik und generell allen möglichen Genres aufgewachsen ist – nur eben nicht mit Rap. »Ich hatte mit Deutschrap nicht viel am Hut. Erst als der Money-Boy-Wahnsinn anfing, hat es bei mir Klick gemacht.« Im Jahr 2013 war das. Damals erschien dessen Mixtape »Bravestarr«. »Da habe ich begonnen, die Musik zu verstehen. Das war pure Überforderung, und diese Überforderung hat mich neugierig auf das Genre gemacht.« Irgendwann landete Kurt Prödel so auf der mysteriösen MC-Smook-Homepage und sah sich plötzlich konfrontiert mit einem Song, in dem es darum ging, dass ­Delfinreiten ganz sicher bald zur olympischen Disziplin werden würde – schlecht abgemischt und vorgetragen von einer röhrenden Bassstimme. »Das habe ich auf Deutsch vorher nie gehört und fand es höchst interessant. Ich habe richtig dafür gekämpft, dazu ein Video machen zu dürfen«, erinnert sich Kurt. So entstand kurzerhand der Clip zu »Grinden mit Delphinen«.

Auch MC Smook kann sich noch genau an den Moment erinnern, in dem er das erste Mal, natürlich online, auf Kurt Prödel stieß: »Er hat mich vor drei Jahren angeschrieben, und irgendwann habe ich ihm unfassbar schlechtes Videomaterial zu dem Song geschickt, aufgenommen in meinem Zimmer mit einem aufgespannten blauen Bettlaken als Bluescreen. Daraus hat er ein Meisterwerk gezaubert.« Kurt Prödel wurde so unbewusst zu einem Teil des Deutschrap-Dunstkreises, obwohl sein Schaffen unter dem Pseudonym weit über Arbeiten mit HipHop-Bezug hinausgeht. Als er 2016 alle deutschen Elfmeter des EM-Halbfinales gegen Italien in einem Video gleichzeitig ablaufen ließ und das auch noch von der UEFA gesperrt wurde, kam der Internethype: Jan Böhmermann, das ZDF-Morgenmagazin, sogar eine russische Fußballplattform berichteten. Viele assoziieren ihn seitdem mit Fußball. Zuletzt veröffentlichte er das Mixtape »Internet Detox« mit meditativen Ambient-Stücken, davor erschien sein Hörbuch »Auf dem Grill sind alle Tiere gleich«, das sich mit der tristen Realität eines vulgären, sexgeilen Trinkers irgendwo im Ruhrpott beschäftigt, der sich »Klaren in den Korpus kippt«. »Ich habe einfach eine Liebe für die Mundart und für die Kneipenkultur in NRW«, sagt Kurt dazu. Und Timo, der ja tatsächlich aus dem Ruhrpott kommt, meint: »Da gibt’s diesen ‚Dumm, aber glücklich‘-Swag.«

Was auffällt: Ziemlich oft sind Timo und Kurt sich einig, ergänzen sich gegenseitig. Zusammengearbeitet haben sie aber noch nie, obwohl das »krass werden würde«, wie beide sagen. Timo nennt das Video zu »Dancing Anymore« von der britischen Indie-Band Is Tropical als Beispiel dafür, wie die Melange ihrer Stile aussehen könnte: Dort haben 3D-Modelle nackter Frauen in einer Villa mit einem jungen Mann Sex, der eigentlich den Pool putzen soll. »Bei uns würden einfach krass ästhetische Kamerafahrten und so 3D-Internet-Trash zusammenkommen.« Dafür bräuchten sie allerdings Budget und einen Rapper, der offen für Ideen sei.

Die Realität ist, dass aus Geldmangel noch immer Performance-Szenen gedreht werden müssen und dass ihr Vorteil angeblich nur sei, dass sie Rapper, mit denen sie zusammenarbeiten, persönlich kennen. Kurt Prödel fasst die Lage zusammen: »Was wir machen, ist nicht Low-Budget, sondern No-Budget.« Damit befinden sie sich in der gleichen Situation wie die Abnehmer ihrer Videos, die sich allerdings gerade zu professionalisieren beginnen, weswegen Timo und Kurt weniger interessiert an der deutschen Internet-Trap-Blase sind als noch vor einem Jahr. Es passiere einfach zu wenig Neues. Ausgenommen ist da Juicy Gay, mit dem Timo Milbredt sogar eine EP aufgenommen hat und von dessen Arbeitsweise Kurt Prödel begeistert ist. »Den Song ‚Ich bring euch ung‘ hat er 16 Stunden, bevor wir das Video gedreht haben, aufgenommen, mir geschickt und wollte sofort loslegen. Diese Arbeitsweise inspiriert mich.«

Gerade arbeitet Kurt aber an seinem ersten Buch, der No­velle »Bummsen, Digital«, die sich ästhetisch vermutlich bestens in das visuelle Wirrwarr von Youtube und das Sprachengewirr von Twitter integrieren wird. Timo versucht bei Easy Does It währenddessen Videoprojekte im Team zu realisieren. Nach drei Jahren spielen No-Budget-Rapvideos nicht mehr die Hauptrolle. Vorreiter für eine neue Ästhetik von Deutschrapvideos bleiben sie trotzdem. MC Smook bringt es schließlich auf den Punkt: »Die Lockerheit und Individualität der Videos hat den aktuell dominierenden hedonistischen Zeitgeist der Newschool mitgeprägt.«

Illustration: Aliza Austin

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