Kings Of HipHop: Sean Price // Feature

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All I do is rap and rhyme

Es ist nicht nur aus aktuellem Anlass eine traurige Aufgabe, diese Seiten über Sean Price zu füllen. Wortreich über das Leben und Schaffen von Sean Price zu berichten, ist auch schwierig, weil er selbst nie ein großes Bedürfnis zu haben schien, seine Musik zu kommentieren. Wozu auch? Als Rapper war Price fast immer selbsterklärend – egal ob am Anfang seiner Karriere mit Heltah Skeltah oder nach seinem Comeback als Solokünstler. Nicht dass seine Texte immer ganz geradeaus gewesen wären, von wegen: Wenn Price seine grummeligen Zeilen mit frei assoziierten Referenzen an Comic-Helden, Rap-Trivia und popkulturelle Geistesblitze vollstopfen wollte, tat er das ohne jede Zurückhaltung. Trotzdem gab es nie etwas zu erklären. Es musste einfach dope sein und jeden anderen MC zum Schweigen bringen. Das war Anspruch, Image und Kernkompetenz zugleich, und genau deswegen darf hier auch einfach einer seiner Halbsätze stehen, der mehr Battlerap ist als andernorts ganze Karrieren: »Sean P a.k.a. you the worst«. Rest in P.

Sean Prices Karriere als Rapper beginnt 1995 mit einem der unwahrscheinlicheren Hits der Rapgeschichte auf der Single-B-Seite einer Newcomer-Combo, bei der noch nicht mal richtig klar ist, wer genau die Interpreten sind – geschweige denn, was der Titel bedeutet: »Leflaur Leflah Eshkoshka«. Gut, ein Platz 75 in den Billboard Single-Charts ist nicht das Krasseste auf der Welt. Aber für die Hochstufung vom Untergrund-Raunen zur ungeteilten Aufmerksamkeit der Rapwelt reicht die Platzierung locker. Allein schon, weil für ebenjene Rapwelt die Künstler noch relativ blutige Anfänger sind, die zunächst als »Heltah Skeltah and Originoo Gun Clappaz as the Fabulous Five« oder als »The Fabulous Five featuring: Heltah Skeltah and Originoo Gun Clappaz« aufgeführt werden. Genug Verwirrung für Absatz eins? Normal. Gehen wir ein paar Jahre zurück.

Sean Price wird 1972 in Brownsville, Brooklyn, geboren und durchlebt eine recht typische HipHop-Sozialisation. Routinemäßig zieht er Radioshows von Chuck Chillout, Red Alert, Mr. Magic und Marley Marl auf Tape und lässt sie in seinem Walkman rotieren. Nach motivierten, aber fruchtlosen Gehversuchen als DJ, Breakdancer und Graffiti-Writer findet Sean sein Talent im Schreiben. Seine Lebensumstände sind derweil erträglich. Zwar lebt die Familie offiziell von Sozialhilfe und Sean wächst ohne seinen Vater auf, aber für das materielle Wohl ist gesorgt, weil Seans Mutter und Großmutter als Numbers Runner unter der Hand gutes Geld mit der Straßenlotterie verdienen. (Später erwähnt Sean, er sei eigentlich von seiner Tante großgezogen worden, die er deswegen »Moms« nannte.) Die Familie hat ein, zwei Autos vor der Tür, einen schicken Teppich auf dem Boden und Plastikfolie auf den Sofas. Auch die Klamotten des jungen Sean sind fresh and clean. Als Jugendlicher hilft er am Wochenende beim Numbers-Business der Familie aus und verdient sich so ein Zubrot. Familie Price ist sicher nicht reich, aber ohne unmittelbare Geldnot.

Im jungen Alter kommt Sean Price in Berührung mit der Nation of Gods and Earths und interessiert sich für deren Lehren, aber erst 2009 legt er das islamische Glaubensbekenntnis ab. Während Sean die High School besucht, gehören die Straßen in Brooklyn weitgehend den Decepticons, einer kleinen, aber als gefährlich verrufenen Gang. Durch zahlreiche Affiliates, darunter auch Sean, erreichen die Decepticons in der kurzen Zeit ihres Bestehens beachtliche Macht. Sean gewöhnt sich an Straßenaktivitäten, verkauft später auch Crack, bezeichnet sich rückblickend aber als eher gedankenlosen »Opportunisten«, nicht als Gangster. »Ich dachte, in ein paar Jahren sei ich sowieso tot.« Irgendwie also alles egal – außer Rap, der in Seans Freundeskreis zum Glück wichtiger wird als das Gang-Ding.

Prescribed poetry that people perceive as potent

Schon als Kind ist Sean mit Jahmal »Rock« Bush befreundet. Im Teenageralter lernt er Steele, Tek und Buckshot kennen, allesamt aus Brownsville. Jener Buckshot veröffentlicht als Teil von Black Moon 1993 eine der wichtigsten Platten der New Yorker Rap-Renaissance, die den Weg für Alben wie »Enter The Wu-Tang« und »Illmatic« ebnet: »Enta Da Stage« wird zwar nicht so erfolgreich wie die Single »Who Got Da Props?«, stellt aber unter Kritikerlob das Duo Smif-n-Wessun, bestehend aus Tek und Steele, der Welt vor. Von hier aus läuft’s wie am Schnürchen: Smif-n-Wessun nutzen das Momentum für sich und präsentieren auf »Dah Shinin’« Anfang 1995 wiederum eine frisch geschlüpfte Rap-Supergroup in Tarnklamotten und Timberlands, die Boot Camp Clik aus Smif-n-Wessun, Buckshot, O.G.C. und Heltah Skeltah.

Heltah Skeltah sind also Sean Price als Ruck und Jahmal Bush als Rock. So grimy und düster wie ihr Auftreten ist auch ihre Namenswahl, denn seit den rassistisch motivierten Morden der psychopathischen Manson Family hat der Begriff Helter Skelter einen eher gruseligen Beigeschmack. Das Duo Heltah Skeltah thematisiert (neben Rap) gern die dunkleren Seiten des Lebens und erinnert ästhetisch durchaus an das Subgenre Horrorcore, ist diesem aber inhaltlich nicht zuzurechnen. Auf dem allerersten Possecut (»Cession At The Doghillee«) ahnt man schon, dass Rock vor allem durch seine imposant tiefe Stimme glaubhafte Drohungen aussprechen kann. Sean Price, der mit Anfang zwanzig noch eine viel sanftere Stimmlage hat, gibt eher den Sidekick, der durch schlau verschachtelte Zeilen und eigenwillige Wortwahl glänzt.

 
Buckshot verlässt als Anführer der Boot Camp Clik wegen finanzieller Unstimmigkeiten das bisherige Label Nervous Records und nimmt den Mitarbeiter Drew »Dru Ha« Friedman gleich mit, um mit ihm Duck Down Music zu gründen. Zum Einstieg nimmt das Label Heltah Skeltah und O.G.C. unter Vertrag und platziert einen BCC-Track auf dem »New Jersey Drive«-Soundtrack. Kurz darauf folgt die eingangs erwähnte, verwirrende Fab-5-Single mit »Leflaur Leflah Eshkoshka« auf der Flip. (Der Titel hat übrigens keinerlei tieferen Sinn, wie immer wieder erklärt wird.) Die Fabulous Five sind keine eigenständige Gruppe, sondern ein Hallo des neuen Labels, das 1996 die Debütalben von O.G.C. und Heltah Skeltah veröffentlicht. Das erste Album von Ruck und Rock heißt »Nocturnal«, macht logischerweise die Dunkelheit und das lyrische Hin und Her des Duos zum Konzept und ist ein bestimmender Untergrund-Klassiker der Ära. Wenngleich Ruck und Rock kurz zuvor noch Crack vertickt und Leute abgezogen haben, merkt man »Nocturnal« das Arbeitsethos dahinter an: Buckshot verbietet einfach, Strophen aus mehreren Takes zusammenzuschneiden (»If you wrote it, say it, motherfucker«), und wer zu spät kommt, muss im Studio Liegestütze pumpen.

Keine der weiteren Singles – »Operation Lockdown«, »Da Wiggy« und das schräg-gefällige »Therapy« – schafft es in die Billboard Hot 100. »Nocturnal« erklimmt die Top 40 der Albumcharts und bleibt irgendwo nach 250.000 verkauften Einheiten hängen. Für derartigen Hardcore-Rap ein Erfolg, aber kein Crossover-Ereignis. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass Heltah Skeltah sich mit enttäuschten Fans konfrontiert sehen, als zwei Jahre später »Magnum Force« fertig ist. Wie schon das durchwachsene BCC-Album »For The People« (1997) verzichtet »Magnum Force« auf die Dienste der bewährten Beatminerz und rekrutiert unbekanntere Produzenten für ein langes, recht fahriges Album, das auf die kompromisslose Düsternis von »Nocturnal« verzichtet, ohne eine erkennbare neue Richtung zu finden. Trotz Features von Method Man bis Dogg Pound – so richtig glücklich ist am Ende niemand, der große Erfolg bleibt aus. Während sich auch beim Rest der Boot Camp Clik Probleme bemerkbar machen, trennen sich die Wege von Ruck und Rock, die wieder anderweitig Geld verdienen müssen. Rock muss eine Haftstrafe absitzen, Seans Mutter stirbt, er verkauft und konsumiert Drogen, macht irgendwelche Geschäfte mit Motorola-Pagern, und schließlich landet eben auch Sean Price – offenbar wegen wiederholter Waffendelikte – hinter Gittern. Heltah Skeltah ist vorbei, der Hustle ist zurück.

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