Kings of HipHop: Public Enemy

Public-Enemy

Genau wie ich müssen Ende der Achtziger zahlreiche weiße Mittelstands­kinder in Europa mit einer Musik in Berührung gekommen sein, die sie als Rezipienten nicht ­eingeplant hatte. Doch unabhängig von den konkreten Thesen Chuck Ds ambitionierten Texten war allein der rebellische Gestus und der revolutionäre Sound der Band genau jener Aufwärts­haken ans Kinn westlicher Populärkultur, der in den späten Achtzigern dringend notwendig war. Public Enemy waren alles, was gerade amerikanischer HipHop heute in den allermeisten Fällen nicht mehr ist: unangepasst, wütend, aufsässig, subversiv, zerstörerisch, kämpferisch. Wenn man mich heute fragt, welche Band meine subkulturelle Sozialisation am meisten beeinflusst hat, fällt mir die Antwort einfach: Es war Public Enemy.

Dabei war Public Enemy eigentlich streng ­genommen keine Band, es war vielmehr eine Bewegung – nicht im Diplomats’schen oder gar Massiv’schen Sinne, sondern eine reale politische Bewegung. Wie man besonders eindrucksvoll auf dem DVD-Mitschnitt »It Takes A Nation – The First London Invasion Tour 1987« nachvollziehen kann, war ein Konzert der Gruppe in ihrer Anfangszeit keine friedlich-bierselige Hand-hoch-Parade wie das durchschnittliche heutige Rap-Konzert, sondern eine bewusstseinserweiternde Demonstration politischer Wut: Chuck D(angerous), der rhetorisch geschulte Agitator, an seiner Seite der böse Clown Flavor Flav, hinter ihnen an den Decks der technische Vollstrecker Terminator X. Und natürlich stets dabei: der martialisch auftretende Professor Griff mit seinen uniformierten Securitys Of The First World (S1Ws), die während der Performance über die Bühne marschierten.


Public Enemy – Fight the Power !! von marmotte54

Die Geschichte dieser Band ist notwendig gekoppelt an die Geschichte ihres ersten Produzententeams, das für das Sounddesign aller legendären Alben der Band zwischen 1987 und 1991 verantwortlich war: The Bomb Squad, bestehend aus den Shocklee-Brüdern Hank und Keith, Eric »Vietnam« Sadler und Chuck D. Die Anfänge des Teams reichen zurück in die mittleren Siebziger, als der Technik-Nerd und Soundfrickler Hank Boxley (später Shocklee) in Long Island das mobile DJ-Soundsystem Spectrum City gründete, zu dem später sein Bruder Keith sowie Radiomoderator, Grafikdesign-Student und Master Of Ceremony Chuck D stießen. Hank war Anfang der Achtziger bereits eine DJ-Legende im Stadtteil Roosevelt, und Spectrum City eine feste Größe in der lokalen Partyszene von Hempstead und Roosevelt in Long Island.

1982 bekamen Spectrum City ihre erste Radiosendung beim Sender WBAU, wo der Programmdirektor Bill Stephney arbeitete, der einen wesentlichen Einfluss auf die Karriere der Band ausüben sollte. Die 90-minütige »Super Spectrum City Mix Show« machte ihre Runde auf kopierten Kassetten und trug entscheidend zum Ruhm der Crew bei. Spectrum City mieteten sich bald in ein Studio in Hempstead ein, wo sie fortan mit lokalen Nachwuchsgruppen und talentierten MCs an Demotapes arbeiteten. Dort trafen sie auch den Berufsmusiker Eric »Vietnam« Sadler, der schnell zum engeren Zirkel um Spectrum City gehörte. Flavor Flav, ebenfalls ein Teilzeit-Radio­moderator und Studienkollege von Chuck D, stieß als Hypeman zur Band. Die Formation nahm zahlreiche Kassetten auf, die bei WBAU gespielt wurden, und 1984 erschien die erste und einzige Vinylsingle der Band: Ihre Songs »Lies« und »Check Out The Radio« haben zeitgleich aufstrebende Bands wie Run-DMC und Beastie Boys merklich beeinflusst.

Deren Manager Russell Simmons hörte 1985 den Song »Public Enemy #1« im Radio, der letztlich zum Signing von Chuck D und seiner Crew bei Simmons’ noch jungem Label Def Jam Records führte. Chuck D und Hank Shocklee verließen den Radiosender ein Jahr später, um ihren eigenen Club zu betreiben und endlich mit den Aufnahmen für ein Debütalbum zu beginnen. Neben Eric Sadler und den Shocklee-Brüdern engagierte Chuck D auch deren Freund Professor Griff als »Minister Of Information« – ein Titel, den sich der Bürgerrechtler Eldrige Cleaver bei den Black Panthers gegeben hatte. Die Gruppe, mit DJ Terminator X komplettiert, nannte sich fortan Public Enemy, da der Name Spectrum City zu sehr an ihre Radiosendung gekoppelt war. Public Enemy spielten in der Folge einige Konzerte als Vorgruppe für die Beastie Boys. Die Band war der logische nächste Schritt in der Evolution von HipHop: Die OldSchool war längst von Run-DMC abgelöst worden, aber auch deren simple Shout-Styles klangen langsam überholt, und mit Rakim, KRS-One oder Kool Moe Dee waren MCs auf den Plan getreten, die Lyrics, Flows und Delivery auf neue technische Ebenen hoben. Chuck D und Public Enemy verbanden diese Entwicklung mit einer radikalen inhaltlichen Abkehr vom Friede-Freude-Eierkuchen-Konzept der Blockpartys und revolutionierten damit die Kultur.

Als »Yo! Bum Rush The Show« 1987 erschien, hatte man eine derartige Härte im HipHop bis dahin noch nicht gehört. Zu den typischen Battle-­Rhymes der MidSchool gesellten sich sozialkritische und politische Kommentare, Chuck D war zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 27 Jahre alt und rappte logischerweise über andere Themen als seine jugendlichen Rapperkollegen, die sich noch von materiellem Popanz beeindrucken ließen. The Bomb Squad hatte den dazu passenden, lärmigen Soundentwurf aus 808-Drums, Breakbeats, Funk-Samples und Live-Gitarren kreiert, der mit einer Geschwindigkeit zwischen 107 und 109 bpm deutlich über den damaligen Standard lag und die Dringlichkeit der Anliegen der Band adäquat untermalte. Chucks durchdringender Kommandoton und Flavs comichafte B-Boy-Adlibs ergänzten sich auf dieser Basis zu einer Form unterhaltsamer Systemkritik. Public Enemy hatten auf Basis der Bandkonzepte von Run-DMC oder The Furious Five ihre ganz eigene Gruppendynamik erschaffen, deren Brillanz sich schnell unter begeisterten HipHop-Heads ­herumsprechen sollte.

»Yo! Bum Rush The Show« wurde ein mäßiger kommerzieller Erfolg, bekam jedoch sehr gute Kritiken. Die Band bekam die Gelegenheit, eine erste größere Tournee zu spielen, die sie im Dezember 1987 sogar nach »overseas«, sprich ins entfernte England führte, wo man die Revolutionäre mit reichlich Euphorie empfing. Chuck Ds Themen waren Black Power, die Nation Of Islam, Medienkritik, Rassismus, Afrozentrismus, die Drogenproblematik der Großstädte und Polizeibrutalität – damit konnten sich die schwarzen Kids in den Ghettos identifizieren. Doch genauso wichtig war der Umstand, dass Public Enemy diese rebellischen Inhalte mit einer spannenden Soundästhetik umsetzten, die ­linksgerichtete und staatskritische Teenager und junge Erwachsene weltweit bewegte. In jener Melange aus HipHop, Sampling-Pop, House und Clubmusik, die Ende der Achtziger in Europa und speziell in England als »Rave-Musik« rezipiert wurde, spielte auch der Sound des Bomb Squads eine entscheidende 
Rolle.