Kings of HipHop: Nas

Nas

Es gibt nur eine Handvoll MCs, die die Kunstform des MCings nachhaltig verändert haben, sei es durch entscheidende Neuerungen in Technik, Flow oder Metaphorik. Nasir bin Olu Dara Jones ist einer von ihnen. Der heute 38-Jährige verband die intellektuelle Straßenpoesie seiner New Yorker Vorbilder mit einem unnachahmlichen, unvorhersehbaren Reimfluss und wurde nach dem Tod von Biggie und Tupac zum zweitrelevantesten Rapper der Welt. Sein Einfluss ist ungebrochen, sein Status (beinahe) unbezweifelt. Ein kritischer Lobgesang.

»Nas hat eine alte Seele.« Besser als Faith Newman, die A&R-Managerin, die Nas 1992 bei Columbia/Sony unter Vertrag nahm, kann man seinen Charakter kaum umschreiben. Was sie damit meint, zeigt der Hype-Williams-Film »Belly« von 1998. In einer Szene trifft Nas’ Filmfigur Sincere, ein melancholisch veranlagter Kleingangster, in der Hood auf einen zwölfjährigen Jungen und setzt sich zu ihm auf die Parkbank vor den Hochhäusern. Als dieser ihm stolz seine Waffe zeigt und einen Blunt anzündet, hält Sincere eine motivierende Ansprache. »It’s a war out here, mad niggas is dying. (…) Just make sure you rise above all this madness. Mind elevation, man.«

Nas spielt sich in dieser Szene selbst. Aber er spricht in diesem Moment auch mit sich selbst. Wobei Nas zu keinem Zeitpunkt seines Lebens so naiv war wie Shorty in »Belly«. Die alte Seele war ihm angeboren. »Watching niggas get rich beside me, pushin’ a 5 B while me/up in the passenger seat, but I see me as Haile Selassie in my kingdom/sippin’ Asti Spumante, dripped in, reality kicks in.« Wie oft trifft man bitte einen 17-Jährigen aus dem Ghetto, der solche Bomben in seinen Texten fallen lässt? Nas’ Reime eröffneten uns eine bis dahin ungekannte Bilderwelt zwischen abgeklärter Straßenweisheit und religiöser Metaphorik. Gleichzeitig erzählte er das kathartische Märchen von Aufstieg, Ruhm und Fall des Gangsters so bildhaft wie kein anderer MC vor ihm.

Zum Zeitpunkt, als Nas die zitierten Zeilen schrieb, rappte er bereits seit acht Jahren. Nas war ein Kind der Hood, Sohn eines mittelmäßig erfolgreichen Jazz-Musikers und einer Postbeamtin, die ihre beiden Kinder alleine großzog, seit sie ihren untreuen Ehemann 1985 verlassen hatte. Die Familie lebte in den Queensbridge Housing Projects, dem größten Sozialbau der Vereinigten Staaten. Nasir und sein Bruder Jabari, genannt Jungle, lebten für HipHop. Sie studierten die Reime von Run-D.M.C. und lungerten auf den Park-Jams herum, zu denen die B-Boys mit ihren High Top Fades und Cazal-Brillen erschienen, aber auch die Zuhälter in den teuren Pelzen und die Crack­dealer von der Straßenecke. Nachts, wenn draußen Schüsse fielen und Revierkriege tobten, schrieb der junge Nasir in seinem Kinderzimmer Reime. Er nannte sich Kid Wave.Advertising Inflatable Man

Wenn man Verwandte und Freunde fragt, so sagen sie stets dasselbe: Nas war ein fröhliches, stilles Kind mit enger Bindung zur Mutter und wurde nach der Trennung der Eltern zu einem ernsten, stillen Jugendlichen. Zwar hatte er viele Freunde in der Nachbarschaft, jedoch verbrachte er auch viel Zeit alleine auf seinem Zimmer. Ab seinem neunten Lebensjahr schrieb er Geschichten, später verschlang er von Nachschlagewerken bis hin zu Gesetzbüchern alles, was gedruckt zwischen zwei Buchdeckel passte. Wenn man an Nas denkt, dann ist das am häufigsten bemühte Bild das des Straßenreporters, der die kaputte Welt aus seinem »Project Window« beobachtet. Nas ist ein romantischer Melancholiker, ein begnadeter Dichter in der Tradition von F. Scott Fitzgerald oder Langston Hughes. Die mysteriöse Aura, die ihn schon damals umgab, beruht auf den Dingen, die er in Queensbridge erlebt, gesehen und gelesen hat.