Kings Of HipHop: Madlib

Madlib by B+ #2

Madlib aka Madlib the Bad Kid aka The Beat Konducta aka Ill Loop Digga aka ­Quasimoto aka Lord Quas aka Mr. Buddah aka The Unseen aka Yesterdays New Quintet aka DJ Rels aka DJ Lord Such… Pseudonyme sind spätestens seit Wu-Tang ein alter Hut im Rap-Game. Otis Jackson Jr. aber meint es ernst mit den chaotisch ­wuchernden, immer neuen ­Selbstbezeichnungen und zündet konsequent ­namenstechnische ­Nebelkerzen, um noch die letzten ­Zusammenhänge der eigenen Projekte zu verschleiern. Am liebsten wäre es ihm ohnehin, wenn die Leute endlich all seine Alter Egos als eigenständige Persönlichkeiten wörtlich nehmen würden.
 
Wohl vor allem, weil er selber – der leibhaftige Otis – dann ­wunderbar unbemerkt durch die ­Hintertür ­verschwinden könnte, um sich, statt ­journalistischen Frage-&-Antwort-Nervereien, lieber den wichtigen Dingen zu widmen: Platten ­diggen zum Beispiel. Wo soll man beginnen, um von einem Ausnahme-Producer zu ­erzählen, der fast so viele Alter-Egos besitzt wie Vinyl-Crates (vier Tonnen!), der aber ­andererseits seine höchst seltenen (!) ­Interviews einleitet mit den ­Worten: »I’m a man of few words«.
 
Wir schreiben das Jahr 2000. Allen anders lautenden ­Vorhersagen zum Trotz hat man das Millennium gerade frisch überlebt, und die US-HipHop-Maschine beginnt damit, sich nach und nach in ­plastikschimmernde Synthie-Presets und dünnwandig glitzernde Drums zu hüllen. Vielleicht deshalb, weil all der verschüttete Champagner dort einfacher herauszuwaschen ist. Wie das halt immer so ist, versagen nur einige wenige, sprichwörtlich gallische Dörfer die bereitwillige Gefolgschaft. Zunächst sind da die New Yorker Altmeister – Premo, Pete Rock, die D.I.T.C.-Clique –, die sich nun wirklich nicht reinreden lassen und Samples choppen als wäre es 93 ’til infinity. Ein weiterer Widerstandsherd liegt irgendwo zwischen Detroits dirty districts und Hendrix’ Electric Ladyland, wo Jay Dee, mit ­seiner MPC bewaffnet, gerade den Soul neu erfindet. Und dann ist da noch ­irgendwo kurz vor Los Angeles ein tiefergelegtes Raumschiff in ein Erdbeerfeld gekracht.
 

 
Inmitten solcher Erdbeerfelder liegt die 200.000-Einwohner-Gemeinde Oxnard, etwas nördlich der Stadt der Engel an der kalifornischen Küste. Eine Gegend ­geprägt von Landwirtschaft und ­schnurgeraden, sonnenbadenden Boulevards. Da passt es ­irgendwie, dass die Platte, die im Juni 2000 aus eben dieser gänzlich unverdächtigen Ecke des Golden State, aus dem Abseits des ­großen Zentrums von HipHops Westcoast kommt und in ihrer Exzentrizität neue ­Maßstäbe setzt. Quasimotos »The ­Unseen« kommt von ganz weit draußen: far out!
 
Wenn es stimmt, dass Rap immer die ­Stimme, der Sound der Marginalien war, dann war es auch nur eine Frage der Zeit, bis sich schließlich diejenigen zu Wort melden, die es ganz buchstäblich an den Rand verschlagen hatte: Astro-Travellers & Aliens. Quasimoto ist ein ebensolcher – ein gelber Zwerg zwischen Alf und Elefant, mit der Stimme eines heiseren Chipmunks und den Persönlichkeitsmerkmalen eines jungen Iceberg Slim, der völlig ungerührt und in bester G-Talk-Manier darüber rappt, wie er den Birds nachstellt, Whack-MCs einen Brick ins Gesicht drischt und mit Hilfe des guten Cali-Weeds dicke Rauchschwaden in die Luft bläst. Lord Quas – das stellt er gleich zu ­Beginn klar – ist der prototypische Bösewicht, »the new bad character in town«.
 
We’ve been out there in orbit
 
Und dann sind da eben noch diese Beats. Während überall sonst das Big Pimpin’ auf ­Instrumentals gefeiert wird, die so fresh’n ­clean klingen wie Hovas Yachting-Outfit, erklärt uns der extraterrestrische ­Oberhustler Quasimoto, wie er das Spiel zu spielen gedenkt: umgeben von Vinyl-Knistern, ­knackenden Loops und schließlich Drums, ­die einem so ­knochentrocken sonst vor allem an der ­Ostküste um die Ohren gepustet werden. Auf Tracks wie »Basic Instinct« zerkratzen die klirrenden Aliasing-Frequenzen der SP-1200 die Samples so wunderschön, wie man es vorher vielleicht nur von Pete Rocks Beats auf »Mecca And The Soul Brother« ­kannte. All die kurzen Beatskizzen des Albums lassen ihre Quellen irgendwo im Dickicht von Axelrod’scher Avantgarde und Van-Peebles-Soundtracks nur erahnen und werden meist kaum länger als zwei Minuten angespielt, bevor ein obskures Interlude oder Film-Sample sie mit ihrem Nachfolger verklebt.
 

 
Für die komplette Produktion von »The Unseen« ist wiederum der Oxnard-Native Otis Jackson Jr., besser bekannt als Madlib, verantwortlich, der außerdem immer wieder mit Quasimoto im Dialog rappt. Dass auch hinter dem hochgepitchten Organ des dunklen Lord Quas der umtriebige Producer, DJ und Teilzeit-MC Madlib the Bad Kid höchstselbst steckt, bleibt nicht lange geheim. Die Wirksamkeit dieser in Vinyl gepressten Persönlichkeitsspaltung leidet unter der Enthüllung jedoch keineswegs. Noch heute spricht Madlib im Interview mit BBC-Selector Benji B über Quasimoto bevorzugt in der dritten Person, um zu berichten, wie dieser ihm die Frauen ausspannt. Es muss eine innige Hassliebe sein.
 
Chopped and shroomed
 
Der extraterrestrische ­Erstkontakt spielt sich ­zusammengefasst ungefähr so ab: Allein in seinem legendären Kellerstudio The Bombshelter sitzend, haut Madlib sich etwas zu viele Pilze auf die Spaghetti. Die Beats, die dazu aus den Monitorboxen scheppern, sind der Sage nach noch deutlich weiter draußen als alles, was wir später auf »The Unseen« zu hören bekommen. In einer Art psychedelisch angefeuerten chopped-and-screwed-Session beginnt der Producer dann, auf die runtergepitchten Instrumentals Zeitlupen-Raps zu spitten. »I was on a completely different level. (…) I was so high, I just slowed the music down. Then you gotta rap real slow. I was so high it sounded right.« Als er die entstandenen Tapes schließlich wieder zurück auf die Originalgeschwindigkeit der Instrumentals bringt, wird aus Madlibs bassig-sonorer Stimme, die er selbst nie so recht gemocht, und die ihm bei seinen Leuten bereits den fragwürdigen Titel eines »Barry White des Rap« eingebracht hatte, plötzlich eine helium-schwangere Ätzigkeit. The ship landed. Quasimoto ward geboren.
 
Um ein Alter Ego reicher, hat Madlib damit plötzlich einen Output zur Hand, der es ihm erlaubt, all die Stripclub- und Whack-MC-Slaying-Phantasien quas(i)-anonym auf seinen avanciertesten Beat-Gerüsten ­unterzubringen. Anlässlich der ­Veröffentlichung des Sequels »The Further Adventures Of Lord Quas« im Jahr 2005, erklärt Madlib der JUICE das Verhältnis zu seiner schlechteren Hälfte: »Er verkörpert die Gedanken, die viele Menschen zwar haben, aber niemals aussprechen würden. Er ist das Spiegelbild meiner Persönlichkeit. Ich bin cool, er ist crazy. (…) Es ist das alte Yin-und-Yang-Prinzip.« Dass er mit der Hilfe seines gelbgerüsselten Krawallbruders all jene Authentizitätsstolperfallen, die schon so viele selbsternannte Street- und Gangsta-Rapper zu Fall gebracht haben, ganz lässig links ­liegen lässt, interessiert Otis Jackson natürlich nur am Rande. Wie das wohl ­ohnehin für den größten Teil seines ­immensen Katalogs gilt, macht er die Quasimoto-Platte erst einmal schlicht und allein für sich selbst: ­­»I do this shit for my own health first.« Eine Wendung, die man von Madlib immer dann als Antwort bekommt, wenn er auf den erstaunlichen Erfolg seiner abseitigsten Projekte angesprochen wird.
 
Es ist Peanut Butter Wolf, Chef von Madlibs legendärem Haus-Label Stones Throw, der das erste Quasimoto-Tape in die Hände bekommt und den Helium-Hustler zu einem Feature-Part auf seiner ’98er Single »Styles, Crews, Flows, Beats« überreden kann. ­Ebenfalls auf diesem klassischen Posse-Track vertreten: Madlibs Crew The Lootpack. Back in Oxnard hatte Madlib zusammen mit Wildchild und DJ Romes zuerst Pop-­Locking-Circles und später Highschool-Parties gerockt. Mit dem Track »Turn Tha Party Out« hatte man bei den Kollegen des Westküsten-Kollektivs Tha Alkoholiks bereits 1993 ein erstes Feature sowie erste Madlib-Production-Credits platzieren können. Es folgten weitere Produktionen für den Likwit-Crew-Dunstkreis sowie ein ­Engagement als deren Tour-DJ, für das der junge Otis kurzerhand das College abbrach. Er kam nach eigener Aussage zwar völlig pleite, dafür aber ordentlich trinkfest zurück.
 

 
Die erste eigene Veröffentlichung als The Lootpack erschien schließlich ’96 mit der EP »Psyche Move« auf dem von Madlibs Vater, dem Soul-Musiker Otis Jackson Sr., eigens dafür gegründeten Label Crate Diggas Palace. Es blieb allerdings fürs Erste bei dieser einsamen CDP-Katalognummer. Stones-Throw-Gründer Wolf hörte zur richtigen Zeit die richtige College-Radio-Welle, bekommt die Nummer von Jackson Sr. raus und wenig später waren The Lootpack bei dem damals noch aus der Bay Area heraus operierenden Label unter Vertrag. Überhaupt: Stones Throw! Spätestens seit Lootpacks LP »Soundpieces: Da Antidote« von 1999 ist Madlibs Name aufs Engste mit dieser ersten Adresse des Westcoast-Undergrounds verwoben. Wie das Bombshelter-Studio im Keller des damaligen Stones-Throw-Büros, bildeten die dort entstandenen Produktionen das Fundament für die frühen Erfolge des Labels. Seitdem hält man sich nicht nur die Treue, sondern hat die schon in Sachen Quasimoto so erfolgreiche, ganz eigene Art der Zusammenarbeit immer weiter perfektioniert: Madlib taucht für unbestimmte Zeit unter, irgendwo zwischen Vinylbergen und Haze-Schwaden, und ist nicht einmal für engste Vertraute wie den Stones-Throw-A&R Egon erreichbar. Irgendwann erscheint er zurück auf der Bildfläche mit Material für ein bis zehn Alben, das weder Genre-Grenzen noch HipHop-Purismen kennt.
 
Sounds of Yesterday
 
Ganz ähnlich erzählt man sich auch die Vorgeschichte des nächsten großen Madlib-Moments. Nachdem Lootpack und Quas die Whackness fürs erste zurückgeschlagen haben, hat Otis zunächst genug von Rap. »I grow tired of it every three or four years.« Was dann folgt, ist gleichzeitig Neuanfang und Rückkehr in die eigene vinylgestiftete Musiksozialisation: der Jazz. 1973 in eine Musiker-Familie hineingeboren – Otis Sr. arbeitete mit H.P. Barnum, Mutter Sinesca ist Songwriterin, Onkel Jon Faddis ein berühmter Trompeter und mit Größen wie Dizzy Gillespie per du – antwortet der Beat Konducta auf die Frage nach seiner musikalischen ersten Liebe ganz ohne Umschweife: »Jazz!« Den ­prägenden Zugang zu dieser Musik stellte für den kleinen Otis die elterliche bzw. großelterliche Plattensammlung her, wie er den Kollegen von Wax Poetics erzählt: »(As a kid) I was just a record dude, trying to listen to records and figure out how people arrange. I’d look at the instruments, and who produced what. (…) I tried to emulate what I was hearing. (…) That’s all I liked really, was music.«
 
Als Madlib seinem Chef und derzeitigen ­Mitbewohner Peanut Butter Wolf um 2000 herum eröffnet, dass er jetzt eben Jazz zu machen gedenke, beginnt wieder alles wie gehabt mit Vinyl. Mad diktiert kurzerhand eine Liste all der benötigten Instrumente, die er zuvor auf unzähligen Plattencovern entdeckt hatte. Das Wohnzimmer der damaligen Stones-Throw-WG, bestehend aus Wolf, Egon und Madlib, füllt sich daraufhin mit E-Piano, Synthies und einem Drum-Set. Ein Vibraphon wird – weil in der Anschaffung zu teuer – für vier Wochen gemietet. Nachdem er sich zuvor Keyboards, Drums und den Upright-Bass draufgeschafft hat, bringt sich Madlib binnen dreier Wochen, mit ­autodidaktischem Eifer und den einschlägigen Roy-Ayers-LPs ausgestattet, auch noch dieses Instrument bei. In der vierten nimmt er schließlich die kompletten Vibes-Parts für das erste Album seines neuen Alias’ auf: ­Yesterdays New Quintet.
 

 
»Angles Without Edges« wird – wie zuvor schon »The Unseen« – auf einem einfachen Tascam-Portastudio-Mehrspur-Kassettendeck recorded. Frei nach dem Motto: »It don’t matter what you record on or what you use basically. It’s what you do.« Beginnend mit den Drums, die auf der ersten LP teilweise live ­gespielt, ­teilweise noch mit einem Sampler ­produziert werden, legt der frisch gebackene Multi-Instrumentalist immer weitere Schichten an chorus-klebrigen Fender Rhodes darüber, verziert mit Sprenklern von Vibes und WahWah-­Clavinet-Gequake, bevor das Portastudio alles mit einem gehörigen Guss Tape Hiss überzieht. Die im September 2001 veröffentlichte LP ist kommerziell kein großer Erfolg, dafür aber ein Statement, das eines unmissverständlich klarstellt: Der musikalische Output des Otis Jackson Jr. lässt sich schon lange nicht mehr vom Singular eines einzelnen Künstlernamens ­zusammenhalten. Stattdessen also gleich ein Multitrack-Quintett. Kaum jemand versteht ­(geschweige denn: glaubt) auf Anhieb, dass alle weiteren Mitglieder der Gruppe, die später mit eigenem Namen Platten auf Stones Throw veröffentlichen, auf Madlibs Geburtsnamen hören. Das Wuchern von Alter Egos ist von hier aus nicht mehr ­aufzuhalten. Die folgenden Platten – die gefeierten Blue-Note-Remixe, das Stevie-Wonder-Tribute … – präsentieren immer weitere ­Charaktere und das einstige Quintett ist mittlerweile zu einem ganzen Yesterdays Universe explodiert, in dem die unterschiedlichen Figuren um den Madlib-Fixstern kreisen.
 
Back in the Bombshelter
 
Mit einer gelegentlichen Quasimoto-Single, Produktionen für Declaime oder Lootpack-Homie Wildchild hält der zum Jazzer ­konvertierte Beat Konducta ­währenddessen die HipHop-Heads bei Laune. Und am Horizont zeichnet sich bereits Großes ab: In Peanut Butter Wolfs DJ-Sets einerseits sowie Filesharing-­Plattformen ­andererseits tauchen immer ­wieder Tracks auf, auf denen Madlib über Beats rappt, die eine ­eindeutige Handschrift tragen: J Dilla himself. Frei nach Radio-Host Benji B: Hätte man 2002 einen beliebigen Flexfit-Cap-behüteten und Rucksack-tragenden Head nach seiner ­Idealvorstellung eines Kollabo-Albums gefragt, hätte die Antwort ziemlich ­wahrscheinlich ­ausbuchstabiert, was mit Jaylibs »Champion Sound« ein Jahr später in die Plattenläden einschlägt. Der fraglose Klassiker-Status dieser Platte findet sich noch einmal kondensiert auf der Doppel-A-Seite »The Red/The Official«: Madlib and J Deezy on top of their beat game, mit dem fiesesten Bläser-Loop aller Zeiten – Madlib bedient sich an Gap Mangiones »Diana in the Autumn Wind«, zuvor prominent ­gesampelt in Slum Villages »Fall in Love« – und vor Coolness triefenden Dilla-Drums, die selbst aus einer Folk-Songwriterin ihre Cutting Edge herausschnitzen.
 
Das Zusammentreffen der beiden Underground-Überproducer hat eine ­Vorgeschichte, die sich von Madlibs Remixen für den Slum-Village-Offspin J88 über eine geplante Zusammenarbeit für Dillas ­berüchtigtes MCA-Album und gecancelte Flüge von L.A. nach Detroit bis zu einer Dilla-Beat-CD spannt, die Madlibs Cousin, der world-famous Beatjunkie J. Rocc, diesem zusteckt. Der verschwindet – wie immer – im Studio und kommt mit einer CD-R wieder heraus, auf die er gerade noch »Jaylib« geschmiert hat. Der Post-Quas-Rap-Verdruss ist gebannt und ein ganzes Demo über Detroiter Trademark-Swing im Kasten. Wolf presst eine Kleinstauflage Whitelabels der Furious-Five-Hommage »The Message«. Als Dilla davon hört, schlägt er eine offizielle Zusammenarbeit vor. Die läuft in den frühen 2000ern noch über ganz handfest postalisch versandte CDs. FedEx karrt stundenlangen Beat-Wahnsinn hin und her. Madlib pickt die cleansten Synthie-Bretter, Dilla die am dreckigsten knisternden Sample-Konstruktionen. Als es letzteren schließlich von Detroit nach Los Angeles zieht, haben sich zwei notorisch wortkarge »musical cousins« endgültig gefunden. Anstatt Small Talk zu halten, spielen sie sich lieber ­kichernd Loops vor, wie sich eine nostalgische Erykah Badu auf der Red Bull Music Academy-Couch erinnert.
 
Und es gibt weiteren, ebenso produktiven wie ­schweigsamen Besuch in Madlibs Bomb­shelter. MC-Mysterium MF Doom findet auf den Beat-Konducta-Skizzen optimale Bedingungen für sein heiser-geniales Wordplay – und Lord Quas mit dem Masken-Mann einen neuen besten Freund. »Madvillainy« ist bis heute eine der erfolgreichsten Stones-Throw-­Veröffentlichungen überhaupt, critically ­acclaimed to the fullest, und ­entstanden während des weitgehend wortlosen ­Abhängens von »America’s Most Blunted«, wie Doom ebenfalls der RBMA berichtet: »We hardly spoke really, it was more through like telepathy and like we spoke really through the music. He would hear the joint and that’s my conversation with him, then I hear a beat and that’s what he’s sayin’ to me. Still to this day, that’s how we do it.«
 
»That was the best time of my life«, erzählt ­Madlib dem Dazed & Confused Magazin. Am 10. Februar 2006 enden diese guten Zeiten abrupt mit dem tragischen Tod James »Dilla« Yanceys. Die globale Backpack-Beatsmith-Gemeinde trauert auf unzähligen Tribute-Mixes und T-Shirts um den Life-Changer Dilla Dawg. Madlib – ganz der »man of few words« – ­veröffentlicht mit der »Dil Cosby« sowie der »Dil Withers Suite«, den Ausgaben 5 und 6 seiner Beat-Konducta-­Serie, eine ebenso sprachlose wie ergreifende Elegie auf den viel zu früh verstorbenen »Coltrane of beats«. Wenn sich etwa am Ende des keine zwei Minuten dauernden »The Mystery« die ­unverkennbare Melodie-Linie aus Slums »Fall in Love« langsam und fast unbemerkt ­emporwindet, wischt wohl noch heute so manch kopfnickend vergossene Träne den Staub von der ­Plattenkiste.
 

 
Shadows of Tomorrow
 
Die Madlib-­Produktionsmaschine läuft seitdem jedoch weiter auf vollen Touren und spuckt Produktionen und Remixe am laufenden Band aus – für so unterschiedliche Leute wie Dwight Trible, Jay Z, De La Soul und Erykah Badu. Und dann sind da noch die klassischen Rap-Kollabo-LPs, mit denen Madlib immer wieder und gerne überraschend um die Ecke kommt. Nach Talib Kweli, Guilty Simpson, Percee P und Strong Arm Steady macht sich ganz aktuell Freddie »Gangster« Gibbs an seiner zebragestreiften »Piñata« voller Beat Konducta-Instrumental-Schnipsel verbal zu schaffen. Dass sich immer wieder gerade MCs mit einem ausgeprägten Hang zu Street-Talk und Drug-Tales auf Madlibs Beats die Klinke in die Hand geben, überrascht ohnehin nur noch einige unverbesserliche ­Dogmatiker. Wie gut seit jeher die ­Kombination aus lyrischem Thugging und Sample-Dirt soundmäßig aufgeht, bekommt man sofort in Erinnerung gerufen, wenn etwa Gibbs auf »Deeper« eine verkorkste Hood-Lovestory Revue passieren lässt (von der nicht ganz klar ist, ob es dabei um dieselbe Hauptdarstellerin geht, die schon ein gewisser Common Sense einmal geliebt hat), während darunter Madlibs »Love/Hate«-Beat eine Streicher-Gemeinheit zerchoppt und die Bassline sich gurgelnd um die Kick-Drum windet. Otis Jackson selbst überlässt die Gangster-Posen derweil Lord Quas und lehnt sich im Interview mit Dazed & Confused in eine entspannt unprätentiöse Haltung zurück: »It’s just painting images you know. (…) You got to treat it like you’re watching the Godfather.«
 
Auch das Yesterdays Universe expandiert stetig weiter. Mit Gruppen wie den Young Jazz Rebels oder dem Last Electro-Acoustic Space Jazz & Percussion Ensemble kuratiert Madlib mittlerweile im wahrsten Sinne ein Sound-Universum, ganz wie es schon sein »musical father«, der ranghöchste Free-Jazz-Astronaut Sun-Ra, mit seinen Arkestras vorgemacht hat. Mit der »Beat Konducta«-Reihe sowie der auf dem eigenen Madlib-Invazion-Label erscheinenden »Medicine Show«-Serie hat man im Stones-Throw-Mutterschiff außerdem neue Kanäle installiert, um endlich das zu veröffentlichen, was an Beat-Tape- und Demo-Material ganz wörtlich am Boden des Bombshelters und dem Nachfolge-Studio Loopdigger’s Hideaway anfällt. Trotzdem geht der emsige Beat Konducta selbst davon aus, dass nur magere 30 Prozent seines nicht versiegen wollenden Outputs überhaupt das tiefe Schwarz der Vinylpressen erblicken. In seiner Sound-Pipeline wartet also noch jede Menge »future music«, von der Madlib nicht einmal sagen mag, ob er selbst bereit dafür sei – von Allerweltsohren wie den unseren ganz zu schweigen.
 

 
Lisa Blanning hat Otis Jackson Jr. in einem ausführlichen Artikel für The Wire als einen Historiker porträtiert, der in seinen Beats Musikgeschichte schreibt. Doch mit einer linearen ­Geschichtsschreibung, wie sie die historischen Abteilungen von Bibliotheken füllt, hat Madlibs Output natürlich wenig bis gar nichts am Hut. Seine Platten stellen kommentarlos Tracks nebeneinander, zwischen deren Entstehung unter Umständen mehr als ein Jahrzehnt liegt, und die aus den Tiefen der Crates ausgegrabenen Samples potenzieren diese abgedrehte »Ungleichzeitigkeit« seiner Musik noch viel weiter. Vielleicht könnte man sagen, dass der Loop Digger gar nicht so sehr Historiker, sondern vielmehr eine Art ­zeitreisender Archäologe ist, der sich versiert durch die in staubigem Vinyl ­sedimentierten Schichten vergangener Musiken buddelt, vorsichtig Fragmente darin freilegt und zerhackstückte Sound-Proben entnimmt, um sie zurück ins Jetzt zu schleppen. »Today is the present future of yesterday« – oder so ähnlich. Diese Mission hat ihn vom HipHop zum Jazz, von Brasilien nach Indien, von Weldon Irvine zu Stevie Wonder geführt. Die letzte Station lautet mit der »Rock Konducta«-Platte Gitarren-Psychedelia – und den nächsten Halt beschreibt er selbst mit ­Industrial. In jedem Fall sind die Grabungsarbeiten des Loop ­Diggers im vollen Gange. Und auch für den Fall, dass unser allzu weltlicher Sound-Vorrat mal vollständig kartiert sein sollte, ist Langeweile keine Option. Madlib hat – im ­Gespräch mit dem Schweizer Elektronik-­Musiker ­Thomas Fehlmann – das nächste Projekt schon vor ­Ohren: »I’m ready to sample some Martian music, aliens and what not. I’ll ­perform for all Martians, you know what I mean?«
 
Back to astro-travellin’ also. Wir wünschen eine gute Reise! ◘
 
Text: Malte Pelleter
Fotos: B+
 
»Kings Of HipHop: Madlib« ist erschienen in JUICE #158 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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