Kings Of HipHop: Kendrick Lamar // Feature

Den wichtigsten seiner bis heute über 200 (!) Gastparts leakt Big Sean am 13. August 2013. Auf »Control«, das wegen Sample-Clearance-Problemen nicht auf »Hall Of Fame« landet, killt Kendrick mit über 64 Bars nicht nur die direkten Kontrahenten Big Sean und Jay Electronica, er nennt noch neun weitere Rapper seiner Todesliste beim Namen. Lamar verzerrt seine Stimme, bremst ab, beschleunigt zu neuen Bestzeiten. Viel mehr kann ein Rapper nicht leisten. Ein Competition-Ding, das die Kultur wertschätzt – und vor allem die Nichtgenannten mit Disstracks antworten lässt. Der Part des Jahres und dreisteste Spotlight-Diebstahl seit Nickis »Monster«-Move regiert wochenlang die Musikpresse. Wie sich Hype bemessen lässt: In den Tagen nach »Control« steigt Kendricks Twitter-Followerschaft um 500%. 2014 soll ein Part von ihm bis zu 250.000 Dollar wert sein.

Kendrick eignet sich auch zu gut für die harmlose Radio­single des Major-Popacts als politisch korrekter Gast-Rapper. Er ist conscious und Compton. ­Reaktionär und Revoluzzer. Sinner und Saint. Und vor allem ein Vorzeige­schwiegersohn. Seine Kollaborationen mit Taylor Swift, Maroon 5, Robin Thicke und Sia sind unangenehme Crossover-Versuche, klar kalkuliert, die urbane Hörerschaft abzuholen. Ganz anders: die Beiträge für Flying Lotus und George Clinton. Zu den afrofuturistischen Freigeistern entsteht eine enge Freundschaft, die auch sein nächstes Album beeinflussen wird. An seiner integren Respektsperson kratzt jedenfalls keines der Features. Den Rücken der Straße und des Feuilletons hat Lamar mit »Good Kid« sicher.

Drake, der Kendrick und Rocky 2011 noch auf »Club Paradise«-Tour mitnimmt, und auf »Poetic Justice«, der dritten »Good Kid«-Single, gefeaturet ist, trifft das »Control«-Momentum, auf dem sich Kendrick obendrauf zum »King of New York« erklärt, besonders. Obwohl die beiden kurz darauf noch Hände schütteln, entflammt im Anschluss ein unausgesprochener Beef – im Mutterland als Kalter Krieg betitelt. Das Duell Kendrick gegen Drake erinnert an Messi versus Ronaldo, die zwei größten Talente ihrer Generation: Auf der einen Seite der kleine Zwerg, mit mehr Talent als Eitelkeiten, respektvoll, unvorhersehbar, mit einer Technik, die man nie für möglich hielt. Auf der anderen Seite Aubrey Graham mit den klar besseren Zahlen, der Physis und Ausdauer, dem höheren Output und glamouröseren Leben. Immer wieder lassen sich Zeilen der beiden als Schüsse interpretieren. Aber es warten höhere Feinde.

»LOVING U IS COMPLICATED«

»Good Kid, M.a.a.d. City« bringt Lamar aus dem Ghetto auf Welttournee. Er spielt quasi das ganze Jahr danach live, lernt die Verführungen des Erfolgs kennen und findet sich allein, den Teufel im Nacken, schreiend, in einem Hotelzimmer wieder. Außer dass die Louis-Burger-Kette mittlerweile mit kugelsicheren Fensterscheiben ausgestattet ist, hat sich die Lebensrealität in afroamerikanischen Communities nicht verändert. Im Sommer 2014 sterben Chad Keaton, S. Braze und Pupp, drei enge Freunde, an Ganggewalt. Mit dem Privatjet geht es von Fashion-Party-Gigs auf Beerdigungen und zurück in die Glamourwelt, in der Lamar sich wie ein Fremdkörper fühlt. Fans wollen keine Selfies, sie wollen reden, ihm ihre aufgeritzten Arme zeigen. Die Verantwortung, die er nie kannte, wächst ihm über den Kopf. Allem Hype zum Trotz fällt King Kendrick in eine waschechte Depression.

Eines Nachts im Nightliner, Lamar zappt durch die Kanäle. Im Fernsehen sieht er Trayvon Martin, tot, erschossen von einem Polizisten. »Das brachte ein paar meiner schmerzhaftesten Erinnerungen hervor: Wie die Polizei meine Tür eintrat, als ich 16 war, mich mit Handschellen abführte; Geschichten, die ich auf ‚Good Kid‘ gar nicht ansprechen wollte, oder noch nicht bereit war zu erzählen.« Zweimal richteten Polizeibeamte eine Waffe auf den jugendlichen K.Dot. »The one in front of the gun« könnte jeder Schwarze in den USA sein. Eine Stunde nachdem er von Trayvons Tod erfährt, schreibt er »The Blacker The Berry«, seinen radikalsten, kontroversesten Track über die Zusammenhänge von institutionellem Rassismus und black-on-black-violence.

Als Kendrick zurück nach Kalifornien kommt, steht seine Welt Kopf. Sein Umfeld verhält sich anders. Der Junge wurde zum Star, ohne es selbst zu merken. Vom Erfolg überrannt, glaubt er, Familie und Freunde in Compton zu vernachlässigen. Mit dem Kontostand wächst die Unsicherheit, und der Black Hippy tut das, was er immer tut, wenn die Außenwelt ihm zu viel wird: Er zieht sich in seine Welt zurück.

In den No Excuses Studios von Dr. Dre und im Tourbus entstehen in sieben Monaten 60 bis 80 Songskizzen für »To Pimp A Butterfly«. Kendrick schart ein Team um sich, das den ganzen Tag nur frühen Siebziger-Soul hört: die Bass-Gewalt Thundercat, Soulquarians-Barde Bilal, das Indie-Stimmchen Anna Wise, Taz Arnold vom Space-Rap-Trio Sa-Ra – und knapp 60 weitere Musiker als Puzzlestücke. Derek Ali schleust die pompösen Arrangements durch Dres altes SSL-4000-Pult, auf dem auch »Chronic« gemischt wurde. Jazzmusiker Terrace Martin, Drummer Rahki, Tae Beast und Sounwave arbeiten sowieso vom ersten Tag bis zum letzten Mix als Masterminds an dem Kollektivkunstwerk. Die Outtakes dieser Sessions erscheinen genau ein Jahr nach »TPAB«, im März 2016, als »untitled. unmastered«.

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