Kings of HipHop: Gravediggaz

Gravediggaz-press

Das Jahr 1994. Aus HipHop-Sicht vor allem das Jahr, in dem Nas mit »Illmatic« die Rap-Welt für immer verändern sollte; und auch das Jahr, in dem Biggie großspurig und nichts ahnend verkündete, er sei »Ready To Die«. Doch 1994 ist auch das Jahr, in dem vier MCs aus New York, die man als Solokünstler schon fast abgeschrieben hatte, unter gemeinsamer Flagge und gefühlt aus dem Nichts plötzlich einen Rap-Meilenstein veröffentlichten, der unter dem Namen »Niggamortis« beziehungsweise »6 Feet Deep« in die HipHop-Geschichtsbücher einging. Der Name dieser Rap-Supergroup, dieser Kings Of HipHop: Gravediggaz.
 
Wie eingangs bereits erwähnt: Die einzelnen Mitglieder der Gravediggaz sind bei der ­Veröffentlichung von besagtem Debütalbum im Jahr 1994 keine Unbekannten in der Szene und kommen zusammen locker auf mehr als vierzig Jahre aktive Rap-Erfahrung. Sowohl die drei MCs der Crew, die im Gravediggaz-Kosmos die Namen The ­RZArector, The Gatekeeper und The Grym Reaper tragen, gemeinhin aber vor allem unter den Pseudonymen RZA, Frukwan und Poetic bekannt sind, als auch das musikalische Mastermind hinter dem Projekt namens The Undertaker, den man wohl eher unter seinem Moniker Prince Paul kennt, haben bereits vor den Gravediggaz so etwas wie Karrieren am Laufen. Diese Karrieren jedoch verlaufen alle eher, wie soll man sagen, suboptimal, und auch das Gravediggaz-Projekt steht anfangs unter keinem allzu guten Stern. Aber fangen wir einfach mal ein paar Jahre vorher an.
 

 
The Gatekeeper (Frukwan)
 
kommt als Arnold Hamilton in New York auf die Welt und wächst in den Breukelen Projects auf. Als Teen fängt Arnold schon früh Feuer für die aufflammende HipHop-Kultur Ende der Siebziger Jahre und beginnt kurz darauf, erste Reime zu schreiben. Weil er den älteren Jungs einer DJ-Crew namens Phase 3 Disco hilft, deren Plattenkisten zu ihren Gigs zu schleppen, ist er bei vielen Blockpartys in und um New York zugegen und kann sich direkt vor Ort abschauen, welche Fähigkeiten einen guten MC auszeichnen. Das ­bekommen auch Wise und Delite mit, die beiden ­Gründer der Band The Stetson Brothers. Die beiden bieten Arnold, der sich als MC Frukwan nennt (der Name Fruitkwan, unter dem er auch manchmal geführt wird, ist lediglich auf einen ­Schreibfehler seines damaligen Labels ­zurückzuführen), einen Platz in ihrer Gruppe an, zu der sich im Verlauf der frühen ­Achtziger auch noch ­Daddy-O, DBC und, ja, der spätere ­Gravedigga Prince Paul gesellen. Die Band benennt sich in Stetsasonic um, wird zu einer der ersten Rap-Gruppen, die mit Live-­Instrumentierung und Jazz-Samples ­arbeiten, und geht damit als Vorreiter sämtlicher Alternative-HipHop- und Jazz-Rap-Combos der Welt durch. Insgesamt bringt die Band drei Alben raus (»On Fire« 1986, »In Full Gear« 1988 und »Blood, Sweat & No Tears« 1991), Frukwan ist allerdings nur bei den ersten beiden dabei und verlässt Stetsasonic 1989 aufgrund interner Differenzen, vor allem mit dem Label Tommy Boy. Er kehrt der Musikindustrie weitgehend den Rücken und macht in maßgeschneiderten Klamotten, als eines Tages im Jahr 1992 das Telefon klingelt.
 
The Grym Reaper (Poetic)
 
heißt mit bürgerlichem Namen Anthony Berkeley und erblickt das Licht der Welt im November 1964, und zwar in Trinidad und Tobago. 1971 zieht die ­siebenköpfige Familie (Anthony ist der Älteste von vier Brüdern und einer Schwester) jedoch nach Wyandanch, New York, wo Anthony fortan aufwächst. Seine Eltern sind beide leidenschaftliche Sänger und fördern die ­künstlerischen Begabungen ihrer Kinder schon früh. Im ­Familienverbund klappt das sogar so gut, dass der Clan unter dem Namen The ­Berkeley Singers regelmäßig Auftritte absolviert – die Eltern, Anthony und dessen jüngerer Bruder Joel am Mic, der jüngste Bruder Eddie am Keyboard. Derart in die Rolle des Vokalisten hineingewachsen, schreibt Anthony bereits früh Gedichte, entdeckt dadurch das Rappen für sich und legt sich fortan das Rap-Alter-Ego MC Supa Flea zu. Unter diesem Namen agiert er kurze Zeit später auch in der Gruppe The Phantom Squad und macht sich als Battle-MC einen Namen, doch die Crew geht schon bald wieder auseinander. Anthony, der sich kurz darauf in Poetic umbenennt, findet jedoch schnell Ersatz: 1986 tut er sich mit seinen Schulfreunden Fred (DJ Capital K) und ­Randy (DJ Woody Wood) zusammen, ­gründet die Crew Too Poetic und kann in diesem Verbund binnen kürzester Zeit einen Buzz erzeugen, der das Label Tommy Boy (ja, auch hier) auf das Trio aufmerksam werden lässt. Das Resultat: die 1989 veröffentlichte Single »God Made Me Funky/Poetical Terror«, auf der Poetic mit viel Style, Charisma und einem guten Gespür für den Gebrauch von Worten den Grund für die Wahl seines Künstlernamens in die Rillen spuckt. Nur Tommy Boy scheint nicht überzeugt zu sein und kappt die Verbindung, noch bevor das bereits fertiggestellte, jedoch nie veröffentlichte Debütalbum mit dem Titel »Droppin’ Signal« erscheint. Ordentlich gefrustet erklärt Anthony das Kapitel Too Poetic daraufhin für beendet, doch der MC ist hungrig und keept es für seinen nächsten Karriereschritt nicht nur real, sondern auch in the family: Er tut sich mit seinen Brüdern Joel aka Brainstorm und Edward aka E# (aka E Sharp) zusammen und gründet das Trio Brothers Grym – letzteres ein Akronym, das für »Ghetto Repaired Young Minds« steht. Die drei stellen ein erstes Demo fertig, kantiger New-York-Sound mit metaphernreichen Hardcore-Lyrics und grimmigen [sic!] ­Geschichten aus der Hood. In der Source werden sie daraufhin zur »Best Unsigned Rap Group« des Jahres 1989 erklärt. ­Besagtes Demo gelangt auch in die Hände von Prince Paul, der sich sofort mit der Gruppe connectet, sich als Produzent ins Spiel bringt und fortan als deren DJ in Erscheinung tritt. Es könnte also ­schlechter laufen – und leider tut es das kurze Zeit ­später auch. Kurz vorm Abschließen eines Majordeals ein erneuter Rückschlag für ­Poetic: Brainstorm entschließt sich, die Gruppe aus persönlichen Gründen zu ­verlassen – er wolle sich auf die Suche nach persönlicher Erleuchtung machen, die er in der Musik nicht finden könne. Er schenkt ­seinem Bruder zwar sein Reimbuch und erlaubt ihm, sämtliche Inhalte nach eigenem Ermessen zu benutzen, doch diese erneute Enttäuschung, dieser abermals zerplatzte Traum von einer Karriere als Profimusiker wirft Poetic aus der Bahn; und zwar so sehr, dass er kurzzeitig obdachlos wird und die Straße noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenlernt – bis er eines Tages im Jahr 1992 eine Nachricht erhält.
 
The RZArector (RZA)
 
wird als Robert Fitzgerald Diggs (benannt nach den beiden Kennedy-Brüdern RFK und JFK, seine Mutter ist von denen derbe ­geflasht) am 5. Juli 1969 in Brooklyn ­geboren. Einige Vorschuljahre verbringt er aufgrund familiärer Schwierigkeiten bei ­seinem Onkel in North Carolina, der Roberts Interesse an Büchern weckt und fördert. Doch als dieser stirbt, kehrt er wieder nach New York zurück und wohnt ­zeitweise mit 18 (!) Verwandten in einer muffigen Zwei-­Zimmer-Butze. Logischerweise ist er in ­dieser Zeit wenig zu Hause, bekommt dadurch auf der Straße mit voller Wucht die erste HipHop-Welle mit und nimmt bereits als 11-Jähriger an ersten Rap-Battles teil. Er hängt viel mit seinen beiden Cousins Gary (GZA) und Russell (Ol’ Dirty Bastard) ab, die Roberts Leidenschaft für HipHop und Kung-Fu-Filme teilen, sodass sie kurzerhand das Trio Force Of The Imperial Master gründen. Sie nehmen 1984 gemeinsam den Track »All In Together« auf, der auf Tapes in New York die Runde macht und dazu führt, dass die FOI (allerdings unter dem Crew-Namen All In Together Now) im Gedächtnis bleiben. Dann krepelt Robert ein bisschen herum, arbeitet hier und da mit ­verschiedenen Leuten ­zusammen und lernt 1989 Prince Paul kennen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb und arbeiten zusammen an einigen Demos. Paul ist begeistert von Roberts ­lyrischen Skills, doch etwas Zählbares entsteht aus dieser ersten Kollaboration nicht – außer dem unwesentlichen Umstand, dass sich Robert auch für die ­Produzentenseite des Spiels zu ­interessieren beginnt. 1990 zieht Rob kurzzeitig weg aus New York und zu seiner Mutter nach ­Steubenville, Ohio, wo er eine kriminelle Karriere einschlägt und anfängt, mit Drogen zu dealen. Das Ganze eskaliert, als er wegen versuchten Mordes angeklagt wird und ihm acht Jahre Gefängnis drohen. Doch er ­bekommt vom Staat eine zweite Chance – und die nutzt er, indem er sich wieder voll und ganz auf die Musik konzentriert und kurze Zeit später (es ist 1991) unter dem Namen Prince Rakeem die EP »Ooh I Love You Rakeem« bei – tadaa – Tommy Boy ­herausbringt. Doch auch hier ist die Verbindung nur von kurzer Dauer, und so steht Robert bald wieder ohne Label da. Er hat jedoch bereits eine Idee für ein neues Rap-Projekt, das er mit seinen beiden ­Cousins und ein paar anderen Jungs umzusetzen gedenkt und das einige Monate später unter dem Namen Wu-Tang Clan Furore machen wird, als eines Tages im Jahr 1992 das Telefon klingelt.
 
The Undertaker (Prince Paul)
 
wird am 2. April 1967 als Paul Edward Huston geboren und verbringt eine weithin als normal zu bezeichnende Kindheit in New York. Klar, auch ihn nimmt die entstehende HipHop-Kultur auf Anhieb gefangen, aber als technikinteressierter Jugendlicher interessiert er sich auf Anhieb vor allem fürs DJing und Produzieren und beginnt schon als kleiner Steppke, auf Blockpartys ­aufzulegen. Eines Nachts, Paul steht gerade hinter den Turntables auf einer Party in Brooklyn, kommen zwei finster dreinblickende Typen in Lederjacken und komischen Hüten auf ihn zu und Paul sieht sie schon mit seinem Equipment abrauschen. Stattdessen fragen sie ihn ­jedoch, ob er nicht ihr DJ werden möchte. Will er. Der Name der Crew: ­Stetsasonic. Doch wie bereits erwähnt: Nach drei Platten löst sich die Band 1991 auf. In der Zwischenzeit hat sich Paul jedoch längst zu einem gefragten Beatbastler gemausert. Tracks auf dem »The Cactus Album« (1989) von 3rd Bass gehen genauso auf sein Konto wie die ersten drei Platten einer nicht ganz unbedeutenden HipHop-Combo namens De La Soul, mit denen er 1989 auf deren Klassiker »3 Feet High And Rising« das Daisy Age einläutete und mal eben den Skit erfindet. Doch dann laufen die Dinge irgendwie aus dem Ruder. Bereits beim zweiten De-La-Album »De La Soul Is Dead« (heute ebenfalls ein Classic) macht sich szeneintern erster Unmut breit, das Album floppt. Und auch sonst läuft es alles andere als rund. Für seine 3rd-Bass-Beats wartet Paul vergeblich auf die Kohle von Def Jam. Das Sublabel Dew-Doo Man, das er bei Def Jam gründet, zerfällt aufgrund mangelnder Unterstützung noch in seine Bestandteile, bevor dort überhaupt irgendetwas erscheinen kann. Frust macht sich breit. Paul zieht sich einige Zeit aus dem Spiel zurück. Der Mangel an Kohle und die geringe Wertschätzung seines Talents lassen ihn wütend werden. Das Gute: Als Ventil für diese Wut nutzt er die Musik. Er fängt wieder an, Beats zu produzieren, und die fallen entsprechend düster aus. In ihm wächst das Bedürfnis, seinem Frust über die Musikindustrie auf Albumlänge Luft zu machen, und so begibt er sich auf die Suche nach geeigneten MCs, die ähnliches durchgemacht haben und sich von der Industrie unfair behandelt fühlen. Auf Anhieb fallen ihm drei Namen ein, und so greift er eines Tages im Jahr 1992 zum Telefon.
 

 
Beware! Four figures appear through the fog
 
Ergebnis der drei Telefonate ist ein erstes Treffen des Quartetts bei Paul zu Hause, wo sich Frukwan, Poetic und Prince Rakeem zum allerersten Mal begegnen. Jeder weiß zwar von der Existenz der anderen, aber wie das jeweilige Skill-Level aussieht, wie jeder einzelne tickt, das gilt es erst noch herauszufinden. Also spielt Paul den Jungs die Mucke von jedem einzelnen vor und erklärt, warum er jeden von ihnen in seiner neuen Band haben will. Und die Jungs verstehen sich auf Anhieb – künstlerisch und menschlich. Es entsteht sogar direkt ein erster Song, »The House That Hatred Built«, der später auch auf dem ersten Demo enthalten ist. Als die Jungs hören, wie gut sie zusammen harmonieren, ist das gemeinsame Projekt bereits ­beschlossene Sache. Bis zum nächsten Treffen zieht Paul den drei Rappern jeweils zwei Beats auf Tape, damit sie sich schon mal ein paar ­Gedanken dazu machen können – einer davon ist der zu »2 Cups Of Blood«; ein Track, der später auf ihrem Debütalbum landet. Doch unter welchem Namen soll die neu zusammengefundene Formation laufen? Poetic erklärt das so: »Wir hatten damals alle solo gearbeitet, einen gewissen Fame erreicht und plötzlich brach das weg. Durch Tommy Boy hatten wir unser Todesurteil erfahren, waren ­musikalisch erledigt. Das erste Grab, das wir daher schaufeln mussten, war unser eigenes. Wir mussten uns aus der Situation herausgraben, uns selbst wieder zum Leben erwecken. So kamen wir auf den Namen Gravediggaz.« Und Frukwan fügt hinzu: »Zudem haben wir uns auf der Straße umgesehen, auf der alle rumliefen wie Zombies. Der Name ­Gravediggaz steht daher auch für die Auferweckung der geistig Toten aus ihrem Zustand der ­Lethargie, Unwissenheit und Ignoranz.«
 
Die Gravediggaz sind ein Neuanfang für alle Beteiligten. Daher beschließen sie auch, sich für das Projekt neue Künstlernamen zuzulegen. Frukwan wird zum Gatekeeper, zum Pförtner zwischen dem Reich der Lebenden und der (geistig) Toten. Poetic ­mutiert zum Grym Reaper (Sensenmann) und schlägt anhand der Schreibweise gleichzeitig noch eine Schneise zu seiner Brothers-Grym-Vergangenheit. Prince Paul will sich eigentlich erst Pall Bearer (Sargträger) nennen, ­entscheidet sich dann aber doch für Undertaker ­(Bestatter), weil er ­derjenige ist, der sich um alles kümmert. Und der ehemalige Prince Rakeem nimmt seine künstlerische ­Auferstehung wörtlich. »Be the RZArector, resurrect the mental dead« rappt er auf »2 Cups Of Blood« – er wird zum ­RZArector, von dem im weiteren Verlauf seiner ­aufhörenerregenden Karriere nur noch das RZA übrig bleibt.
 
Gemeinsam erarbeiten die vier ein erstes Demo, um sich damit bei verschiedenen Plattenfirmen vorstellen zu können. Sie stellen sieben Songs fertig, darunter bereits »2 Cups Of Blood« und »1-800-Suicide«, die später auch auf ihrem Debütalbum zu finden sind. Paul: »Ich war total überzeugt von uns. Ich hatte vier Leute zusammengebracht, die alle dasselbe durchgemacht hatten und eine ungeheure Leidenschaft mitbrachten.« Aber: Niemand will die Gravediggaz signen. ­Irgendwann meldet sich zwar mal Eazy-E, dem das Demo gefällt und der Prince Paul nach Kalifornien einlädt, doch der ­angebotene Vertrag ist ein Witz. »Ich dachte erst, der will mich verarschen«, erinnert sich Paul. »Lieber hätte ich keinen Vertrag unterzeichnet als den von Eazy!« Zu diesem Zeitpunkt ist die Stimmung im Graveyard düsterer als es die Musik der Gravediggaz je sein wird. Die Band stellt sich ein Ultimatum und glaubt selbst schon nicht mehr daran, dass es noch klappen wird. Poetic hat ­bereits einen Job in einer Brotfabrik angenommen, als plötzlich Gee-Street-Gründer Jon Baker bei Prince Paul anruft und den Gravediggaz den langersehnten Vertrag anbietet – eine Woche vor Ablauf des selbst gestellten Ultimatums.
 
Here comes the Gravediggaz
 
Sechs Monate dauern die ­Arbeiten an »Niggamortis«. Dabei ist den Jungs vor allem wichtig, keine anderen Bands zu kopieren und mit Vielseitigkeit zu ­überzeugen. Die Gangster-Thematik ist ihnen bereits zu ­ausgelutscht, also bedienen sie sich ­stattdessen ausgiebig im Horrorgenre und paaren deren Extrakte mit schwarz ­überzeichnetem Humor, ­Gesellschaftskritik und ­esoterischen Referenzen an die Nation Of Gods And Earths. Zusammen mit den blutgetränkten Reimen der drei MCs sowie Prince Pauls düsteren ­Soundlandschaften werden die Gravediggaz so zu einer der einflussreichsten Gruppen des sogenannten Horrorcore – eine Schublade, die den Gravediggaz selbst jedoch nicht so recht passt. Schließlich geht es ihnen nicht um bloße Effekthascherei, sondern um den alltäglichen Horror um uns herum – die Hölle ist für sie bloß eine weitere Metapher fürs Ghetto. ­Poetic bringt es im Song »Constant Elevation« auf den Punkt: »Critics say: ‚Go to hell‘, I go: ‚Yeah/Stupid motherfucker, I’m already here!’«
 

 
Ein Teil der Platte entsteht in ­mühevoller Kleinarbeit zu Hause bei Prince Paul, andere Teile im Firehouse in Brooklyn und dem GLC in Manhattan. Beide ­Studios sind zwar nicht gerade für HipHop bekannt, aber sie sind billig. Die gemeinsame Terminfindung mit RZA ­gestaltet sich bereits schwierig, weil der, parallel zur Arbeit an ­»Niggamortis«, noch am Debüt-album des Wu-Tang Clans werkelt – eine Platte, die ab November 1993 ja auch keinen ganz ­unwesentlichen Eindruck in der HipHop-Szene hinterlässt.
 
»Niggamortis« erscheint im August 1994, feierte im letzten Jahr also 20-jähriges Jubiläum, steigt auf Anhieb auf Platz 36 der Charts ein und verkauft sich allein in den USA bis 1995 über 200.000 Mal. Prince Paul: »Nicht schlecht für ein Album, das ganz ohne Hooks auskommt.« Aber »Niggamortis« (aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen wegen des N-Wort-Gebrauchs in Amerika in »6 Feet Deep« umbenannt) ist tatsächlich eine Macht. Drei gestandene MCs, die sich im Vorbeigehen mal eben neu erfinden, ihre ­individuellen Qualitäten im ­gemeinsamen Zusammenspiel bis zur Perfektion ­potenzieren und trotz eines quasi-­konzeptuellen Leitfadens eine inhaltliche Vielfalt sondergleichen an den Tag legen, die – bei aller vermeintlichen Schwere einiger Themen – stets leicht wirkt. Dazu ein Produzent, ­dessen Frust über die Musikindustrie in einen unnachahmlichen kreativen Output mündet; in einer »Ich zeig’s euch allen«-Mentalität, die alle Beteiligten mitreißt und dadurch ein ungemein rundes Album entstehen lässt, das keine Schwachstellen hat.
 
Im Anschluss an den Release gehen die Gravediggaz auf Tour durch Europa, Japan und natürlich die Staaten – und zwar als Support vom Wu-Tang Clan. Für RZA gestalten sich die ­Auftrittsabende entsprechend lang: Erst heizt er dem Publikum als Gravedigga ein, dann formt er das große W. Aber die Gravediggaz teilen sich die Stage nicht nur mit Rap-Gruppen, sondern treten auch mit Bands wie Korn und Biohazard auf, weil sie aufgrund ihrer düsteren Brachialität auch Anklang in der Rock- und Metal-Szene finden. »Selbst heute werde ich immer noch von allen möglichen Leuten auf die Platte angesprochen, muss Autogramme darauf geben und bekomme gesagt, wie viel die Platte den Menschen bedeutet«, erzählt Prince Paul. »Und jedes Mal denke ich: Wo wart ihr denn bloß alle vor zwanzig Jahren, als es mir schlecht ging und ich nicht verstanden habe, warum alle Leute mich hassen?«
 
Wickedness straight from hell
 
Ein Jahr nach der Veröffentlichung ­veröffentlichen die Gravediggaz die 4-Track-»The Hell EP« mit dem britischen TripHop-Veteran Tricky, die im UK immerhin auf Platz 12 der Single-Charts einsteigt. Und dann beginnen auch schon die Arbeiten am zweiten Album »The Pick, The Sickle And The Shovel«, das im September 1997 erscheint. Diesmal zeichnen vor allem RZA und dessen Wu-Zöglinge True Master und 4th Disciple, wohl entsprechend beflügelt durch den unglaublichen Hype des Clans, für die ­musikalische Umsetzung ­verantwortlich. Lediglich beim Mini-Hörspiel »Hidden ­Emotions« und dem Outro legt Prince Paul noch Hand an.
 
Die inhaltliche Ausrichtung geben die Jungs bereits im »Intro« bekannt: »Life is ugly and life is beautiful at times/We’re expressin’ both sides of that.« Dementsprechend liefern die Jungs einen brillant zusammengereimten Einblick ins Ghetto-Leben, der die Spannung zwischen lebenswert und qualvoll, zwischen profan und erhaben aufgreift und bis auf die Detailebene fortführt: In »Dangerous Mindz« bringt RZA gar auf wenigen Zeilen Jesus, ­Lazarus und die vollgekackten Windeln seines Juniors unter.
 

 
Insgesamt ist »The Pick, The Sickle And The Shovel« weniger humorvoll als ­»Niggamortis«, es gibt mehr soziale und ­politische Themen und quasi-philosophische ­Abhandlungen über Sterblichkeit und den Tod. Die Platte soll Hoffnung machen und ihre Hörer geistig schulen. Frukwan beschreibt die Entwicklung vom Debüt zum Zweitling wie folgt: »Auf ‚Niggamortis‘ waren wir wie in einem Kokon gefangen, der als Bild für das Ghetto steht. Auf ‚The Pick, The Sickle And The Shovel‘ haben wir die Metamorphose widergespiegelt, die uns in einen schwarzen Schmetterling verwandelt hat.« Und ja, das Album ist gut, aber eben auch viel unspektakulärer. Das Brillanz-Level seines Vorgängers erreicht es nicht. Doch der Erfolg gibt den Gravediggaz Recht, und der beschert ihnen hierzulande nicht nur ­einen Artikel in der Bravo, sondern auch einen Slot auf dem Rock am Ring 1998, bei dem der vielbeschäftigte RZA allerdings von Gang Starrs Guru am Mic ersetzt wird.
 
Another episode of the Gravediggaz saga, yo
 
Ums Millennium herum schrumpft das ­Quartett schließlich zum Duo zusammen, fortan bestehend aus Poetic und Frukwan. RZA tanzt eh auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig: Er ist uneingeschränkter ­Herrscher über das gesamte Wu-Tang-Imperium, ­startet als Bobby Digital eine Solokarriere und hat sich derweil zu einem der ­gefragtesten Produzenten des Games ­gemausert, der nicht nur den ­gesamten Clan-Kosmos mit Beats versorgt, ­sondern neben Biggie, Cypress Hill und Big Pun auch noch Dog Eat Dog, Björk und Shaquille O’Neal. Nicht zu vergessen, dass RZA ab 1999 auch noch einen Fuß ins Filmgeschäft setzt. Und für Prince Paul haben sich die Gravediggaz einfach nicht ganz in die ­Richtung entwickelt, in der er sie selbst gerne gesehen hätte, sodass er sich lieber seiner Solokarriere widmet und nach ­»Psychoanalysis: What is it?« (1996) mit seinem zweiten Soloalbum »A Prince Among Thieves« (1999, übrigens wieder über ­Tommy Boy) erneut einen fulminanten Szeneklassiker abliefert.
 
Also nehmen Poetic und Frukwan die Arbeit am dritten Gravediggaz-Album »Nightmare In A-Minor« ohne RZA und Prince Paul auf – bis ein Vorfall im April 1999 alles überschattet: Poetic bricht in seinem Homestudio mit massiven Bauchschmerzen zusammen, wird kurze Zeit später von seiner ­Schwester ­gefunden und sofort ins Krankenhaus gefahren. Diagnose: Darmkrebs, der über die Lymphknoten bereits bis in die Leber gestreut hat. Die Ärzte geben ihm höchstens noch drei Monate zu leben.
 
Doch Poetic hält weitaus länger durch; wohl auch, weil die Musik ihm Kraft gibt. Er will unbedingt noch das dritte Gravediggaz-Album fertigstellen und kniet sich ­entsprechend rein, kollaboriert sogar noch mit Last Emperor und Maxim von The Prodigy und nimmt unter dem Namen Tony Titanium (die Referenz an das Metall zum einen, weil es so hart ist wie sein Wille zu ­leben, zum anderen aber auch deshalb, weil er nach einer Darmresektion ein Titanium-Ventil in seine Brust bekommt, wodurch ihm die Medikamente der Chemotherapie verabreicht werden) die Arbeit an einem Soloalbum auf, das jedoch nie erscheint. Seinen Kampf mit dem Krebs verarbeitet Poetic auch musikalisch – etwa auf dem Gravediggaz-Track »Burn, Baby, Burn« oder dem bereits erwähnten Song mit Last Emperor namens »One Life«. Der darauf befindliche Vers ist der letzte, den Poetic vor seinem Tod aufnimmt. Darauf spricht er über den Tag, an dem er die Krebsdiagnose erhalten hat, und über die Verwundbarkeit, die die Krankheit mit sich bringt. Gepaart mit dem Zittern seiner Stimme und seinem furchtlosen Flow ergibt das wohl eine der realsten Strophen, die wohl je von einem Rapper auf einen Beat gespuckt wurden. Am 15. Juli 2001 stirbt Poetic im Alter von 36 Jahren – fünf Wochen vor dem Release von »Nightmare In A-Minor«.
 

 
Es gibt unzählige Trauerbekundungen aus der Szene, unter anderem von Chuck D auf der Public-Enemy-Website. Die Beerdigung findet am 4. August in Harlem statt, bei der seine Familie und enge Freunde inklusive Frukwan und Prince Paul anwesend sind. Am 23. August kommt dann »Nightmare In A-Minor« in die Läden, das von Frukwan und Poetic größtenteils selbst produziert wurde und sicherlich das düsterste Album der ­(verbliebenen) Gravediggaz ist. Kurz nach dem Release des Albums kündigt Frukwan bereits ein weiteres Gravediggaz-Album mit ­unveröffentlichtem Material von Poetic an, doch es erscheint nichts (wohl auch, weil Poetic verfügt hat, dass nach seinem Tod nichts releast wird – zumindest nicht ohne ausdrückliche Zustimmung der ­Rechteinhaber, seiner ­Familie). Stattdessen verkündet Frukwan im Jahr 2002 offiziell die Auflösung der Gravediggaz.
 
Die drei verbliebenen Gründungsmitglieder gehen allesamt getrennte Wege und ihren jeweiligen Karrieren nach. Frukwan legt sich ein neues Alter Ego namens Sun Star zu und veröffentlicht die Alben »Life« (2002) und »Greatness« (2009). Prince Paul bringt ebenfalls einige Soloplatten heraus, gründet mit Dan the Automator die Handsome Boy Modelling School und produziert für Künstler wie Del tha Funkee Homosapien, MC Paul Barman und MF Doom. Und RZA ist sowieso ein Tausendsassa vor dem Herrn und macht einfach mal alles.
 
2010 erscheint, mehr oder weniger aus dem Nichts, ein neuer Gravediggaz-Song: »2 More Cups Of Blood«. 2011 wird bekannt, dass Frukwan und RZA sowie ­Shabazz the Disciple und Killah Priest ­(die beiden ­letzteren waren bereits auf »Diary Of A Mad Man« vom »Niggamortis«-Album zu hören) an neuem Gravediggaz-Material ­arbeiten. Prince Paul hat zu diesem Zeitpunkt zwar noch nichts beigetragen, möchte aber wohl ebenfalls dabei sein. Angeblich fehlen wohl nur noch drei Songs, dann sei das Album fertig. Erschienen ist es bis heute nicht. Bleibt also abzuwarten, ob sich die drei verbliebenen Gravediggaz samt ­erweiterter Familie noch mal aus dem Graveyard ­emporbuddeln, das Andenken an ihren Bruder Poetic ­künstlerisch weiterführen und gemeinsam von den musikalisch Toten auferstehen: »Out of the deep of the darkness.« ◘
 
Text: Daniel Schieferdecker
Foto: Christian Lantry
 
Dieses Feature ist erschienen in JUICE #163 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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