Kings Of HipHop: Big L

From the Danger Zone where MCs get slain

Hand aufs Herz: Wie viele JUICE-Leser wissen kaum mehr über Big L, als dass sein Tod die ersten zwei ­Sekunden von Gang Starrs über alle Maßen kaputtgespieltem Rap-Standard »Full Clip« inspiriert hat? Es passt jedenfalls ganz gut ins Bild, dass die meisten Menschen DJ Premiers heiseres »Big L, rest in peace« besser im Ohr haben als das überschaubare Lebenswerk des MCs, der kurz vor seinem 25. Geburtstag auf der Straße erschossen wurde, auf der er aufgewachsen war. Dabei reichen schon die 48 Minuten Spielzeit seines einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Albums aus, um zu ­verstehen, wieso Big L seinen oft vergessenen Platz in jeder ­Lieblings-MC-Liste – dead or alive – redlich verdient hat. (Nas und Eminem sehen das übrigens auch so.) Für die ­Würdigung von Lamont Coleman als »King of HipHop« holen wir trotzdem etwas weiter aus: eine Geschichte über Harlem, das Rapgeschäft und den »most valuable poet on the M.I.C.«, dessen Erfolg immer hinter seinem Talent zurückblieb. Yo, check it.

Harlem, das New Yorker Stadtviertel im Norden Manhattans, trug nicht ganz grundlos den Spitznamen »Black Mecca«, Jahrzehnte bevor dort Diddy, Dipset oder der A$AP Mob berühmt wurden. ­Während der massenhaften Abwanderung von Afroamerikanern aus den Südstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Struktur des zuvor italienisch und jüdisch geprägten Viertels nachhaltig: Um 1930 ­waren 70 % der Einwohner in Central Harlem schwarz. In den Zwanzigerjahren wurde Harlem ein Hotspot afroamerikanischer Kultur, dessen Errungenschaften in Theater, Literatur, Musik und bildender Kunst auch viele Weiße faszinierten und die unter dem Begriff »Harlem Renaissance« grob ­zusammengefasst ­werden. Wichtige Spielstätten wie das bis heute bestehende Apollo Theater auf der 125th Street oder der Savoy Ballroom an der Lenox Avenue waren umgeben von unzähligen Bars, Nachtclubs, Tanzlokalen und – in Zeiten der Prohibition – illegalen Kneipen. Von Jazz über Rhythm ’n’ Blues bis zur großen Zeit von Soul spielte sich schwarzes kulturelles und ­subkulturelles Leben hochkonzentriert in Harlem ab. Kleinkriminalität und organisiertes Verbrechen, Drogen und Prostitution waren nie fern. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der De-industrialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigten die Ausbreitung der Armut, bis in den Sechzigern kaum noch Weiße oder wohlhabendere Schwarze in Harlem lebten. Malcolm X klagt in einer Rede an: »Stealing runs rampant in Harlem. Gambling runs rampant in Harlem. All types of evils and vices that tear apart our community run rampant in Harlem.« Zeitgenössische Filme wie »Across 110th Street« (1972) oder »Black Caesar« (1973) porträtieren Harlem Anfang der Siebziger ebenso wenig als friedlichen Ort wie »American Gangster« (2007), die Verfilmung der Geschichte des Heroinhändlers Frank Lucas. Ein desolater Stadtteil kippt in Zeitlupe aus der Heroin-Welle der Fünfziger und Sechziger in die Crack-Epedemie der Achtziger.

Lamont Coleman, der am 30. Mai 1974 zur Welt kommt, ist schon als Kind Nutznießer illegaler Geschäfte. Seine Mutter Gilda Terry (tatsächlich ist Gilda Terry Lamonts Tante und Adoptivmutter) ist als Numbers Runner beteiligt an einem beliebten, nicht lizenzierten Lotteriespiel, das für seine ­Betreiber sehr einträglich ist. Sie leben an der Ecke 139th Street und Lenox Avenue. Lamont und seine älteren Brüder Leroy und Donald Phinazee (sie tragen den Nachnamen ihres Vaters) wachsen in relativem Wohlstand auf: »Unsere Mutter zog uns immer diese lässigen Anzüge an, Dreiteiler mit Hut. Als wir älter wurden, hatten wir schicke Hemden, Goldringe und Ketten«, erinnert sich Donald. »Wir waren Anfang der Siebziger die Ersten, die in jedem Zimmer Telefon und Fernseher hatten. Meine Freunde hatten nicht mal ein Drittel von dem, was wir hatten.« Als sie älter werden, arbeiten Leroy und Donald auch für ihre Mutter.

Für die 1974 noch taufrische, aber schnell Popularität gewinnende Jugendbewegung, die man später HipHop nennt, ist Harlem zunächst nicht von Bedeutung. Die wichtigen frühen Blockpartys finden weiter östlich in der Bronx statt, die hippen Clubs, in die HipHop später schwappt, sind in südlicheren Gegenden von Manhattan. Lamont ist für all das ohnehin noch zu jung. Seine erste Begegnung mit der neuen Kultur findet statt, als der sechs Jahre ältere Donald ihn zu einem Konzert von Run DMC mitnimmt. Lamont – Mont Mont, wie er genannt wird – ist völlig fasziniert von dem, was er da erlebt, und möchte auch rappen. Inzwischen gibt es im 139th Street Park regelmäßige Partys, zu denen Lamont mit Donald geht, während Leroy sich eher fürs Geschäftemachen auf der Straße interessiert. Die hartnäckigen Kids freunden sich mit der Phase 2 Crew an, die die Partys schmeißt, bis sie auch mal die Anlage in ihrer Hood übernehmen dürfen: der große Bruder als DJ, der kleine Bruder am Mic. Von ihrer Mutter bekommen sie zu ­Weihnachten ihr eigenes DJ-Equipment. »We got our boogie on«, sagt Donald.

Write it or recite it off the top of the dome

1988 ist der junge Lamont schon voll und ganz Rapper, so Hobby. Er freestylt tagein, tagaus vor sich hin und battlet jeden, der in der Nachbarschaft ein paar Reime ­aufsagen kann. Seine großen Einflüsse sind Big Daddy Kane, LL Cool J und die Cold Crush ­Brothers. Da Leroy, der als furchteinflößender, nie lächelnder Typ beschrieben wird, in der Nachbarschaft bald den Ruf des unerbittlichen Geschäftsmanns hat, bleibt Lamont in der Pubertät ziemlich unbehelligt von dem unentspannten Klima, das der Gegend um den 139th Street Park den Namen Danger Zone einbringt. Zwar versucht er sich auch mal im Drogenticken, rutscht aber nie tief ins ­stressige Geschäft – sonst hätte er wahrscheinlich schon bald andere Prioritäten gehabt als seine erste Rap-Gruppe Three The Hard Way zu gründen (die sich bald wieder auflöst) oder in einem Plattenladen auf der 125th Street herumzuhängen, wo Lord ­Finesse 1990 eine Autogrammstunde gibt.

Lord Finesse, Bronx-Native, Jahrgang 1970, promotet gerade »Funky Technician«, sein Debütalbum mit DJ Mike Smooth. Finesse, damals hauptsächlich MC und nicht wirklich Produzent, betreibt in seiner Hood schon seit einer Weile den gleichen Corner-Battle-Sport wie Lamont in Harlem. Das Aufeinander­treffen von Finesse und Percee P 1989 ist legendär, extrem unterhaltsam und auf Youtube zu finden. »Funky Technician« gilt mit Produktionen von DJ Premier, Diamond D und Showbiz als kleines Referenzwerk der Ära und sorgt im Sommer 1990 für ordentlich Buzz auf New Yorks ­Straßen. Und eben diesem Lord Finesse will Lamont, der sich inzwischen Big L nennt, etwas vorrappen. Als besonders aufdringlich nimmt Lamont niemand wahr, im Gegenteil. Im Freundeskreis ein ständig witzelnder, trashtalkender Entertainer, wird Lamont von Fremden zeitlebens als eher verschlossen, manchmal auch als arrogant beschrieben. Bei Finesse bleibt er hartnäckig. Zum Glück.

Donald Phinazee hat eine ­Theorie, wieso die ­Chemie zwischen den beiden Rappern sofort stimmte: »­Finesse konnte ein arroganter Motherfucker sein. Lamont auch. ­Deshalb ­haben sie sich so gut ­verstanden. Gleicher Sound, gleiche Reime, gleiche Arroganz.« Wie dem auch sei, L und Finesse tauschen sofort Nummern, und Finesse ist restlos begeistert von dem jungen Talent: »Ich habe sofort Showbiz angerufen, um ihm zu sagen, wie nice dieser Typ ist. Ich habe schon viele Leute gebattlet und viele gute Rapper gehört, aber ich war noch nie so begeistert, dass ich jemanden sofort ans Telefon hole und etwas vorrappen lasse. Showbiz meinte nur: ‚Ja, der ist nice.‘ Danach habe ich L überall mit hingenommen.« Also so richtig überall. Wenn Finesse einen Gig hat, hat Big L seine zehn Minuten. Wenn Finesse ein Interview hat, hat auch Big L ein Interview. Finesse bei »Yo! MTV Raps?« Big L ist dabei. Punchline-Brüder im Geiste.

1991 sorgt Lord Finesse dafür, dass sein Schützling in Jazzy Jays Studio in der Bronx seine ersten professionellen Demoaufnahmen macht. Wenn er nicht gerade mit Finesse rollt, ist Lamont die treibende Kraft einer Harlem-Rap-Crew namens Children Of The Corn, die neben L aus Killa Cam (später Cam’ron), Murda Mase (genau, Ma$e), Herb McGruff und Bloodshed besteht. Bei allem schlummernden Starpotenzial: Die später hochprominenten Kollegen Cam und Mase haben eher die Straße im Kopf als Rap, und außer L ist so früh noch niemand als Übertalent zu ­erkennen. Die Children Of The Corn bekommen nie einen Deal, lösen sich nach Bloodsheds Tod bei einem Autounfall 1997 auf, und erst 2003 erscheint eine durchwachsene Compilation ihrer Aufnahmen. Umso konzentrierter ist Big L hinsichtlich seiner Solokarriere. Auf den ­Aufnahmen aus dieser Zeit hört man schon ­deutlich, was den jungen MC von der Masse abhebt: präzise gesetzte, mehrsilbige Reime, makellose Flows, eine besondere Begabung für Wortspiele, doppeldeutige Punchlines und rücksichtslose, absurde Übertreibung zum richtigen Zeitpunkt. Big L ist ein MC für ­Szenenapplaus, der beim ­informellen Battle an der Ecke das Publikum für sich gewinnt. Big L macht Spaß, und ­trotzdem ist alles ­durchdacht.

A lyricist who never sweat

Lamont ist noch 17, als er 1992 auf dem Remix von »Yes You May« aus dem ­zweiten Finesse-Album seinen ersten großen Auftritt abliefert. Sein trockenes »Everywhere that I go brothers know my ­fuckin’ name/I’m floorin’ niggas and I only weigh a buck and ­change« ­eröffnet eine perfekte ­Debütstrophe voller Prahlerei, ­Selbstironie und humorvoller Drohungen in höchster ­Punchline-Dichte. Vom Trademark-»Ah, check it out, yo« bis »I’d like to say peace the fuck out« hat Big L fortan die ungeteilte Aufmerksamkeit der Rap-Auskennerschaft. Später im Jahr darf L auf »Runaway Slave« von Showbiz & AG am Rad drehen (»L is the rebel type, I’m rough as a metal pipe/Fuck a Benz, cause I could pull skins on a pedal bike«), er gewinnt einen großen Rap Contest und schließt nebenbei die High School ab. Big L wird das einzige nicht aus der Bronx stammende Mitglied des Kollektivs Diggin’ In The Crates, das aus Finesse, Diamond D, Fat Joe, Showbiz & AG, O.C. und Buckwild besteht. Nur ein Plattenvertrag fehlt noch. Deshalb entgehen ihm Slots auf den prestigeträchtigen Beiträgen von Lord Finesse zu den Soundtracks von »Set It Off« und »Class Act«, die wie dessen zweites Album auf Warner-Labels erscheinen und nicht als Plattform für fremde Künstler dienen sollen. Den entscheidenden Kontakt stellt Ende 1992 ausgerechnet Tim Dog her. Der kontroverse und mittlerweile verstorbene Rapper aus dem Umfeld der Ultramagnetic MCs bringt Big L zu Kurt Woodley, der als A&R bei Columbia Records arbeitet. Zur gleichen Zeit wie Nas unterschreibt Lamont einen Vertrag mit dem Sony-Label, das die beiden neben den Fugees, Kurious und Jamalski als Teil einer Rap-Kampagne mit dem Slogan »No Doubt« vorstellt.

Die erste Promo-Single trägt 1993 nicht unbedingt der Tatsache Rechnung, dass da jemand einen Major-Deal in der Tasche hat. »Devil’s Son« ist, ganz im Gegenteil, der überdrehte Übertreiber Lamont auf Hundert-achtzig: Da wird gemordet, vergewaltigt und Satan gefeiert. Und um alles völlig auf die Spitze zu treiben, gibt es zum Schluss noch einen »special shoutout to all the niggas with AIDS«. Big L wird wegen dieses Tracks hin und wieder als Horrorcore-Pionier bezeichnet, was aber Quatsch ist. Er provoziert ­einfach gern und sehr, sehr gut. Die Hook von »Devil’s Son« besteht übrigens aus frühen Zeilen von Labelkollege Nas: »When I was twelve I went to hell for snuffing Jesus/I’m waving automatic guns at nuns«, und ­Columbia findet’s sogar gut.

Fast das komplette Material für Big Ls erstes Album wird von 1991 bis 1993 aufgenommen und von Buckwild, Showbiz und Lord Finesse produziert. Columbia scheint aber keine Eile mit dem Release zu haben. Über den gemeinsamen Freund Damon Dash trifft Big L in der ­Zwischenzeit einen nervösen Kerl namens Jay Z zu einem – leider undokumentierten – Freestyle-Battle in Harlem, das der Legende nach unentschieden endet. Die beiden ­bleiben in Kontakt. L tourt mit Biggie, bevor der »Ready To Die« veröffentlicht. 1994 macht endlich ein Promo-Tape für »Lifestylez Ov Da Poor & Dangerous« die Runde, das sich noch von der endgültigen Version unterscheidet. Columbia ruckelt auf der Suche nach Singles ein wenig an der Tracklist herum, was zur verspäteten Entstehung von drei weniger provokanten und halbwegs radiotauglichen Stücken führt, darunter die Videosingle »Put It On« mit der simplen Hook von Kid Capri. Während aber schon im April 1994 das epochale »Illmatic« von Nas erscheint – und überhaupt viele Weichen für Rap in diesem Jahr neu gestellt werden, muss Lamont sich in Geduld üben. A&R Kurt Woodley wechselt zu RCA, und die Verantwortlichen bei ­Columbia sind angeblich dagegen, das bereits abgegebene Material noch einmal überarbeiten zu lassen.

A livin‘ legend of rap quotes

»Lifestylez Of Da Poor & Dangerous« erscheint erst im März 1995, als das Gros des darauf enthaltenen Materials schon zwei, drei Jahre auf dem Buckel hat. Nachdem gerade Alben wie »Illmatic« (im Hause Columbia), »Tical« oder »Ready To Die« (sonstwo) als Hochkarat-Blockbuster die Szene bis in den Mainstream hinein aufgewühlt haben, hat es das Debüt des Jungen aus Harlem trotz größtmöglichen Respekts in Fach-kreisen nicht leicht, überall auf offene Ohren zu stoßen. Eine qualitative Einordnung fällt heute aus der Distanz leichter, auch wenn das hier nicht der Ort für eine Review sein soll: »Lifestylez Ov Da Poor & Dangerous« ist kein Sechs-Kronen-Instant-Klassiker, kein unantastbares Meisterwerk. Dafür hat es zu viele kleine Unebenheiten – man schmeckt ein bisschen zu sehr, dass Stücke wie das auf ­einer Big-Daddy-Kane-Zeile basierende »MVP« oder eben »Put It On« dem Wunsch nach einer Single ­entstammen, dass sie wie das ebenfalls erst 1994 aufgenommene »Street Struck« auch ein Gegengewicht zu aggressivem Material wie »All Black« oder »Danger Zone« sein wollen. Mit zwei Posse-Cuts will Big L seine Jungs (gleich zwölf davon!) in den Vordergrund stellen, aber außer vielleicht Herb McGruff und Party Arty (wer ist dieser irre Microphone Nut?) bleibt da wenig hängen. Nicht einmal Jay Z hinterlässt auf »Da Graveyard« etwas von Bedeutung. Die Beats aus dem D.I.T.C.-Camp sind klar ­Oberklasse, als sie entstehen, also 1992 oder 1993, verlieren aber den direkten Vergleich mit frischeren »Illmatic«-Produktionen von Large ­Professor und Premier. Und ein paar Highlights sind sicher auch auf den ’92er-­Alben von Finesse und Showbiz & AG ­gelandet statt beim jungen L. Egal: Big L ist unbestritten ein Sechs-Kronen-MC. Jede Facette seines Talents – Reime, Metaphern, Wortwitz, Humor, Präzision – glänzt auf ­kompletter Albumlänge. Die größere Themenvielfalt tut ihm auch gut, weil er sich abseits seiner bekannten Kernkompetenzen ­beweisen muss. »Fed Up With The Bullshit« ist zum Beispiel eine persönliche ­Auseinandersetzung mit Rassismus und Polizeigewalt, die auch heute noch ­unkommentiert stehen kann. Aber, klar, am meisten Spaß macht Lamont, wenn es respektlos um Angeberquatsch (»Once a ­burglar broke into my house and I robbed him«), abstruse Drohgebärden (»You might be kinda big but they make coffins your size too«) und Frauen (»I wouldn’t give a chick 10 cents to put cheese on a Whopper«) geht. Nur das Timing der Kampagne bleibt schrecklich, und die Promoabteilung von Columbia geht eher fantasielos mit dem ganzen Thema um. Spätestens als sich Ende 1995 abzeichnet, dass »Fu-Gee-La« von den Fugees groß wird, ist komplett die Luft raus. »Lifestylez Ov Da Poor & Dangerous« bleibt kommerziell gesehen eine Enttäuschung. Mehr als Platz 149 in den Billboard-Albumcharts ist nicht drin, daran können auch große Features von Source über HHC bis »Yo! MTV Raps« nichts ändern. 1996 trennt Columbia sich von Big L.

Lamont ist entsprechend enttäuscht: »Ich hatte da mit einem Haufen Fremder zu tun, die nicht mal wirklich meine Musik kannten.« Showbiz erzählt, dass Big L sogar davon gesprochen habe, das Rappen ganz an den Nagel zu hängen. Diese Sinnkrise relativiert sich bald. Wie anders Lamont sich das bei Vertragsunterzeichnung beim mächtigen Major ausgemalt haben dürfte und wie tief jetzt der Frust sitzt, kann man sich aber ausmalen. Seinen ungebrochenen lokalen Fame nutzt er zunächst als Partyveranstalter. Die Einnahmen aus diesem Nebengeschäft, Live-Gagen und restliches Geld aus dem Sony-Deal, finanzieren Lamonts Leidenschaft fürs Würfelspielen. Ein Jugendfreund erinnert sich, wie Lamont nach einer Tour mit 10.000 oder 15.000 Dollar in bar direkt zum Zocken geht, und sein großer Bruder Donald erzählt von einem Abend, an dem Lamont mit einem einzigen Wurf 6.000 Dollar verliert. Zwischen­durch erscheint die einzige Indie-Single von Children Of The Corn, die sonst einfach Mixtapes auf der Straße verticken, und L nimmt beständig hier und da Strophen auf. 1997, nach dem Ende von Children Of The Corn, beginnt schon die Arbeit an »The Big Picture«, Big Ls zweitem Album. Gleichzeitig landen die ersten untergrundigen D.I.T.C.-Maxis in den Läden, auf denen L ­zumindest solide Sprüche klopft.

Die Ereignisse der vergangenen Jahre bekräftigen Lamont darin, sein ­musikalisches Schicksal nicht mehr in die Hände eines Großkonzerns zu legen. Gemeinsam mit seinem Manager Rich King und unter ­Beteiligung seines Bruders Leroy, der kurz danach inhaftiert wird, gründet er ­Flamboyant Entertainment und positioniert sich klar gegen den Zeitgeist. Nach Puffys Erfolgsformel, einfach nur noch Songs zu samplen, die schon mal sehr erfolgreich waren – exakt das Gegenteil davon, wofür D.I.T.C. einsteht – erklimmt catchy HipHop mit gesungenen Hooks ungeahnte Charthöhen. Big L geht mit Fat Beats als Vertrieb einfach Indie. Aus Überzeugung: »My underground niggas, y’all can shine with me/I got my own label now, so y’all can sign with me/Y’all can take it from the bottom and climb with me/That’s fine with me, that’s how it was designed to be«. Das kleine Formtief, das man den zuvor veröffentlichten Strophen noch unterstellen kann, ist vom Tisch, als 1998 die erste Flamboyant-Maxi die Runde macht: »Ebonics (Criminal Slang)« ist ein smart gerapptes, hochoriginelles ­Straßenslang-Wörterbuch, mit dem die ­obligatorische Ich-bin-immer-noch-da-was-willst-du-Ansage »Size ’Em Up« locker auf die B-Seite verbannt werden kann. Für die Hook von »Ebonics« werden, wie schon bei »Devil’s Son«, wieder zwei Nas-Zeilen benutzt – zumindest ein Indiz dafür, dass Big L den Erfolg von »Illmatic« sportlich sieht und nur mit dem Ex-Label, nicht aber mit dem Ex-Labelkollegen Probleme hat. Jedenfalls ist Big L nach diesen zwei Bilderbuch-Beispielen für starken New Yorker Indie-Rap wieder im Gespräch. »Ebonics« und »Size ’Em Up« sind die letzten Solo-Songs, die vor seinem Tod erscheinen.

Where I live it ain’t a nice town

Ende 1998 kümmern sich Killa Cam und Murda Mase anderweitig um ihre Solo-­karrieren. Schon nachdem Mase als einziges Mitglied von Children Of The Corn ­keine Strophe auf »Lifestylez Ov Da Poor & Dangerous« hatte, gab es offenbar Verstimmungen zwischen ihm und L. Fat Joe erinnert sich an einen eskalierenden Streit zwischen L und Mase – jeweils mit großer ­Entourage – in einem Club. Danach ist das ­Verhältnis vorbelastet. Nur Herb McGruff und Lamonts neuer Protegé C-Town bleiben im engsten musikalischen Umfeld. Mit Damon Dash gibt es konkrete Gespräche über einen Deal mit Roc-A-Fella Records, wo zwar Jay Zs Karriere ­inzwischen Fahrt ­aufgenommen hat, aber sonst noch wenig passiert. Memphis Bleek und Beanie Sigel auf dem Abstellgleis und Probleme mit Def Jam sorgen für Engpässe. Dash will Big L unbedingt zu Roc-A-Fella holen, aber L hat keine große Lust, wieder als Solokünstler zu unterschreiben. Er will ­Flamboyant ebenso zu einem Teil des Deals machen wie seine Jungs McGruff und C-Town. Es entsteht die Idee einer Supergroup namens The Wolfpack mit Big L, Jay Z, McGruff und C-Town. Die Gespräche ziehen sich in die Länge, Dash zögert, aber Anfang Februar 1999 deutet alles darauf hin, dass der Wolfpack-Deal Realität werden kann. Verträge werden vorbereitet. Am Abend des 15. Februar 1999 ist Big L in Harlem unterwegs, um Flyer für eine Party von Flamboyant Entertainment am 18. Februar zu verteilen. Aus einem ­vorbeifahrenden Auto fallen Schüsse in seine Richtung. Lamont Coleman wird neunmal getroffen und ist sofort tot. Die Polizei identifiziert ihn anhand seines Fotos auf den Flyern, die er bei sich hat. Leroy und Donald Phinazee sitzen Gefängnisstrafen ab, als ihr Bruder stirbt, seine Mutter ist zu Hause und hat ihn noch kurz zuvor gesehen. Big L stirbt auf der 139th Street, auf der er aufgewachsen ist – in der »Danger Zone«, wenige Wochen nachdem er in einem Freestyle die Zeilen rappt: »I be droppin’ like early August, late July/with tracks that’ll make you cry«.

Der Mordfall ist bis heute nicht aufgeklärt. Im Mai 1999 wird zwar ein Verdächtiger ­verhaftet, ein Jugendfreund von Lamont und seinen Brüdern namens Gerard Woodley, dieser gelangt aber schließlich aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß. ­Dementsprechend gibt es eine Vielzahl von Theorien darüber, was zu den Schüssen auf Big L geführt haben könnte. Die Tatsache, dass man in Harlem Straßendinge nicht gern mit Hilfe der Polizei klärt, ist sicher ein Grund dafür, dass mehr Fragen als Antworten ­zurückbleiben. Lamonts großer Bruder ­Donald erzählt eine vage Geschichte, die etwa so geht: Leroy, der zuerst inhaftierte Bruder, gibt einem Partner in Harlem den Auftrag, irgendwem irgendetwas anzutun – wahrscheinlich jemandem, der mit seiner Verhaftung zu tun hat. Lamont begleitet diesen Partner eigenmächtig. Er tut nichts, wird aber gesehen, während die ­Aktion irgendwie schiefgeht. Damit könnte der Mord an Lamont eine Racheaktion sein, die eigentlich Leroy treffen soll. Mit weiteren Mutmaßungen wollen wir uns hier aber nicht beschäftigen. Kurz nach seiner Haftentlassung wird Leroy Phinazee im März 2002 auf derselben Straße erschossen wie sein kleiner Bruder. Sein Mörder wird gefasst und verurteilt.

Word up, I try to leave the streets alone

Am 6. März 1999 versammelt sich die komplette D.I.T.C.-Crew im Club Tramps für ein Konzert zu Ehren ihres verstorbenen ­Freundes, das auch veröffentlicht wird, während das Album der Gruppe immer weiter verschoben wird. »The Big Picture«, Big Ls zweites Album, ist bei seinem Tod erst gut zur Hälfte fertiggestellt. Um die Komplettierung kümmert sich Rich King, und obwohl auch Vertraute wie Lord Finesse und Showbiz beteiligt sind, bleibt das Endergebnis diskussionswürdig, als »The Big Picture« im August 2000, fast eineinhalb Jahre nach Big Ls Tod, endlich erscheint. Zunächst hört man deutlich, wie L sich als MC weiterentwickelt hat: Die ignorante, rotzfreche Jungspund-Attitüde von früher blitzt seltener auf, dafür ist er als Lyricist noch souveräner als zuvor, gibt den reiferen, aber nicht minder angriffslustigen Geschäftsmann. Das Kopfkino, das er auf »The Heist« oder »Casualties Of A Dice Game« fabriziert, hätte auch Biggie nicht besser hinbekommen. Nur ist eben nicht alles so sauber. In den Worten von O.C.: »L war sehr wählerisch, wenn es um Beats ging und darum, mit wem er rappte. Diesmal wusste er genau, was er wollte.« Dieses posthume Album sei »nicht so, wie er es selbst machen würde. Das sind nicht die Leute, mit denen er aufnehmen würde oder deren Beats er picken würde.« Die Hälfte der Songs, spekuliert O.C., wäre Big Ls Anspruch nicht gerecht geworden. Ungeachtet dessen erreicht »The Big Picture« nach vier Wochen Goldstatus für 500.000 verkaufte Einheiten. Auf dem Album findet man neben D.I.T.C.-Kollegen auch Sadat X und Guru, die etwas ermatteten Helden Big Daddy Kane und Kool G Rap, und ein seltsames 2Pac-Feature, Zweitverwertung von Exclusives für den DJ Ron G. Man hört, dass einige Songs offenkundig Stückwerk aus herumliegenden ­Strophen in schlechter Soundqualität, alten Ideen und nachträglich produziertem Material sind. In keiner Zeile der Gastrapper wird dabei auf Big Ls Tod eingegangen. Obwohl das Album trotz all dieser Unstimmigkeiten ganz unterhaltsam bleibt und ein paar blitzsaubere Highlights hat – hauptsächlich sind es die Solosongs, die so klingen, als hätte niemand posthum daran herumgefummelt –, sind wir damit leider mittendrin im Sumpf der Resteverwertung, in dem Big Ls Vermächtnis zu versinken droht. Das D.I.T.C.-Album, das im Februar 2000 erscheint und auf der Hälfte der Songs Big L featuret, bleibt das bessere posthume Manifest des Lamont Coleman. Die Ansammlung von Compilations und Bootlegs, die seit Big Ls Tod erschienen ist, hier detailliert zu erfassen, wäre Unsinn. Auch aus dem Grund, dass sie fast alle dem gleichen Schema folgen und sich inhaltlich überschneiden: ein paar Freestyles, Live-Mitschnitte, vergessen geglaubte B-Seiten und Features, nachträglich montiertes Allerlei. Zu den Highlights zählen neben einigen Radiosessions grundsätzlich die Demos aus der Zeit zwischen 1991 und 1993, die nicht auf dem ersten Album gelandet sind. Auf »Harlem’s Finest – A Freestyle History« ­sammelt Rawkus verschiedene Dinge, Rich King bringt mehrere Alben über Flamboyant (»139 & Lenox«, »L ­Corleone«), und nachdem er 2006 auf freien Fuß kommt, schaltet sich auch Donald Phinazee ein und kompiliert Sachen aus der Zeit vor Flamboyant.

Ripping mics is the light of my life

Lord Finesse ist wie so viele andere mit »The Big Picture« nachhaltig ­unzufrieden. So sehr, dass er nach dem Tod von Gilda Terry, Lamonts Mutter, im Jahr 2008 ­anfängt, seine Archive aus den Neunzigern zu ­entstauben. Gemeinsam mit Premier plant er eine überarbeitete Version von »The Big Picture«, die den Vorstellungen Big Ls besser gerecht werden soll: andere Beats, neues Mixing und ­Mastering. »The way it shoulda sounded.« Ob und wieso die angedeuteten Features von Eminem, Jay Z und Big Daddy Kane besser ins Bild gepasst hätten, bleibt aber offen. Nach dem Tod der Mutter kommt ­überraschend Lamonts Vater ins Spiel, der jahrelang wie vom Erdboden verschluckt war. Er gibt vor, sich wahnsinnig für das Werk seines Sohnes zu interessieren, und erkämpft die Rechtsnachfolge von Gilda Terry. Damit liegt Big Ls Nachlass bei dem Vater, den er nicht kannte. Lord Finesse gibt das geplante Projekt auf, um nicht in die Taschen dieses Mannes zu wirtschaften. Unterdessen arbeitet Donald Phinazee mit dem Regisseur »Jewlz« Farrar, einem alten Freund der Brüder, an einem Dokumentarfilm. Aus rund neun Stunden altem Videomaterial und zahlreichen Interviews entsteht schon 2009 der erste ­Trailer für »Street Struck: The Big L Story«. Auch ein Soundtrack wird angekündigt. Zuletzt wird im Mai 2014 bekanntgegeben, der Film sei in der Postproduktion und eine Crowdfunding-­Kampagne in Vorbereitung. Seitdem ist absolute Stille. Dass der Film, wie damals angekündigt, im ersten Quartal 2015 kommt, ist damit eher unwahrscheinlich.

An der Ecke 140th Street und Lenox Avenue erinnert ein Mural an Lamont Coleman, während Harlem nicht aufhört, sich zu ­verändern. Seit hundert Jahren war der Anteil der schwarzen Bevölkerung in Harlem nicht so gering wie heute. Eine neue Generation bringt hippe Restaurants und teure ­Geschäfte in den Stadtteil, die für die meisten der alten ­Einwohner unbezahlbar sind. Ärmere ­Schichten werden marginalisiert. Die Mieten für Wohnraum sind um bis zu 200 % ­gestiegen, das Gesicht von Harlem ist ein ­völlig anderes als noch zur Jahrtausend-­wende. Aber manche Dinge ändern sich vielleicht nie. ◘

Text: Ralf Theil
Foto: Katrin Melchior

Dieser Teil unserer »Kings Of HipHop«-Reihe erschien in JUICE #165 (hier versandkostenfrei nachbestellen).