Kings of HipHop: Beastie Boys

Die Beastie Boys sind die coolste HipHop-Band aller Zeiten. Sie haben drei der besten und wichtigsten HipHop-Alben gemacht und sich dabei drei mal selbst neu erfunden. Sie sind eine der bekanntesten HipHop-Bands – jeder kennt die Beastie Boys – und sie haben dieses HipHop-Ding immer bestens repräsentiert da draußen, in der Welt der »Rock am Ring«-Geher. Doch für mich bleibt entscheidend, dass sie die Coolsten sind. Oder waren. Heute, wo ihnen Coolness wahrscheinlich ähnlich schnuppe ist wie mir, ist ihre Musik ziemlich grütze. »5 Boroughs«, jemand? Ich hoffe nicht. Aber in den Neunzigern konnte man als weißer, europäischer HipHop-Fan mit den Beastie Boys cool sein, cool bleiben und sogar erwachsen werden.

Dabei sah das am Anfang ganz anders aus. »Licensed To Ill« war eine Granate von Album, aber niemand nahm die Beastie Boys ernst. Sie waren die ersten Spaßrapper, mit Dosenbierduschen, Käfigtänzerinnen und hydraulischen Riesenschwänzen. Sie wollten ihr Debüt ursprünglich sogar »Don’t Be A Faggot« nennen. Die Aufregung um ihr skandalöses, sexistisches Auftreten war dabei sehr amerikanisch. Jeder Trottel konnte erkennen, dass es sich bei den frühen Shows um einen meisterhaften Mix aus jugendlichem Leichtsinn und Parodie handelte. Als die Platte Ende ’86 erschien, lief der Rapfilm bei mir bereits im Hauptprogramm, doch im alten Pott regierte der Rock. Die einzige Möglichkeit, unsere Musik zu hören, war das »Logo«, eine Post-New-Wave-Disco in Bochum, wo Run DMC neben The Clash liefen. Die Beastie Boys waren wie gemacht für den Laden: »No! Sleep! Till…« – kurz Luftholen, dann: Bam, dieses fette AC/DC-Riff. Ich weiß nicht, wieviele Millionen mal ich das im Club gehört habe. Tatsächlich spielte ja Kerry King von Slayer die Gitarre. Slayer waren zu dieser Zeit ebenfalls bei Def Jam, und Rick Rubin produzierte ihr »Reign In Blood« parallel zum ersten Beasties-Album. Mit »Licensed To Ill« brachte Rubin den Sound von Run DMCs »Raising Hell« aufs nächste Level. Dass dabei drei weiße, jüdische Bengel aus gutem Hause so etwas Ähnliches wie Rap ins Mikro brüllten, war natürlich ein entscheidender Faktor dafür, dass die Platte als erstes Rap-Album an der Spitze der US-Charts landete.

Hört man das Album heute, ist man überrascht. »Licensed To Ill« hat eben so viel 808-Gewitter wie Rockgitarren, und auf der B-Seite gibt es überhaupt nur zwei Tracks mit Gitarrensamples. Vor allem aber ist die Musik eines: ganz hervorragender, innovativer Krach. Und dazu dann Mike D, Adrock und MCA am Mic. Der Vorwurf, sie könnten nicht rappen, ist so alt wie ihre erste Platte. Sie schreien, quaken, blöken, was das Zeug hält – und wen das nervt, der kann kein Fan sein. So viel zu Phase eins.


 
Phase zwei begann mit der Trennung von Def Jam und dem Umzug von New York nach Los Angeles, wo statt Rick Rubin die Dust Brothers den grünen Tee kochten. Heute gilt »Paul’s Boutique« als der heilige Beasties-Gral: das Sample-Meisterwerk, die perfekte B-Boy-Bouillabaisse. Tatsächlich aber wollte die Platte 1989 niemand hören. Mich eingeschlossen. Wir hatten eine echt gute Zeit gehabt, aber irgendwie schien die Sache mit den Beasties vorbei zu sein. HipHop war jetzt politisch, afrozentrisch und pro-black. Die zweite Public Enemy und die dritte BDP waren draußen, De La Soul hatten mit »3 Feet High And Rising« den Übershit am Start, und Spike Lee holte uns mit »Do The Right Thing« zur Blockparty in Brooklyn ab. Daneben waren die Beastie Boys irgendwie uncool. Und überforderten eine ganze Generation späterer Digger und Random-Rap-Checker mit ihrem zweiten Album. Nehmen wir die erste Single »Hey Ladies«, die noch heute zurecht als Sureshot auf jeder besseren Party funktioniert. Allein für diesen Song luden die Dust Brothers Afrika Bambaataa, The Bar-Kays, B-Side & Fab Five Freddy, Kurtis Blow, James Brown, Cameo, The Commodores, Disco Dave & The Force Of The Five MCs, Jeanette »Lady« Day, Kool & The Gang, The P-Funk Allstars, Sweet, Roger Troutman, Edwin Starr und Zapp in den Sampler. Im dazugehörigen Video persiflierten sie dann noch Discoszenen aus »Saturday Night Fever«. Soviel Popkultur-Mashup in 3 Minuten 47 war zuviel auf einmal und seiner Zeit definitiv voraus.

»So What’cha Want«

Gleichzeitig taten die drei selbst alles, damit Fans wie Medien nicht den Weg in »Paul’s Boutique« fanden. Auch dies eine typische Beastie Boys-Eigenschaft, die ihren Coolnessfaktor mittelfristig wieder erhöhte. Dass es sich bei Mike D, Adrock und MCA um leidenschaftliche Musiker und ausgebuffte Popkultur-Nerds handelt, davon erzählen ihre Platten, Videos und Konzerte Bände. Aber auf ein auch nur halbwegs ernsthaftes Interview mit den Beastie Boys konnte man bis zur Millenniumswende vergeblich warten. Stattdessen kultivierten sie eine Antihaltung in Sachen Presse und Promotion, die ebenso unterhaltsam wie enervierend sein konnte. Als ich die Band 1992 zum bevorstehenden Release von »Check Your Head« interviewte, hatte ich noch vergleichsweise Glück. »Was geht?« begrüßte mich Adrock. »Als du reinkamst, dachte ich, du wärst Flea von den Chili Peppers.« Ich war mit relativ geringen Erwartungen nach London gereist und kehrte als bekehrter Fan zurück nach Hause. Zuerst war da dieser Gig im Marquee, einem recht überschaubaren Londoner Traditionsclub. Vor 500 Gästen rockten die Beasties ein Set aus alten und noch ungehörten neuen Songs, das so ziemlich alles wegblies, was ich bis dato an Rap-Shows erlebt hatte. Three MCs and one DJ, in diesem Fall noch Hurricane.

Und das als Introduction zu dem Album, das die bis heute andauernde Bandphase der Beasties einleitete (eine historisch nicht ganz korrekte Aussage, wenn man bedenkt, das alle drei ihre ersten Erfahrungen in Schüler-Punkbands gesammelt haben). Eigentlich braucht man nur die erste 12” herunterzubrechen, um zu erklären, warum »Check Your Head” das perfekte und beste Beastie Boys-Album ist: »So What’cha Want«. Im Original eine Blaupause für den rauhen, feedbackverzierten Sample-/Band-Mix-Sound, den »Check Your Head« ausmacht. Dazu ein Remix von DJ Muggs mit Gastvers von B-Real (checkt den TV-Auftritt in der »Arsenio Hall«-Show mit Cypress Hill – Classic Material!). Auf der B-Seite dann »Groove Holmes«, ein Prototyp des neuen Rare-Groove-Sounds der Beasties, ergänzt von einer sechsminütigen »Live vs. The Biz«-Version, wo die Beasties »Groove Holmes« in SloMo jammen und Biz Markie ohne Punkt und Komma freestylet. Das Ganze verpackt in ein Cover von Graffiti-Legende Haze. Nicht vergessen: Wir schreiben das Jahr 1992. Wer hat damals bitte schon der OldSchool Props gegeben und die Roots gepflegt? Natürlich, ohne je ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren und im nächsten Moment mit ­irgendetwas weird anderem abzuspacken.


 
Mit »Check Your Head« wurden die Beastie Boys zu den ersten und einzigen Hipster-Rappern, die es jemals gab. Entstanden war das Album in dem bandeigenen G-Son-Studio in Atwater, Los Angeles, einem Große-Jungs-Abenteuerspielplatz mit Indoor-Basketballplatz und Skaterampe. Die Dust Brothers hatten den Produzentensessel für Mario Caldato Jr. frei gemacht, und Keyboard Money Mark gehörte ebenfalls zum neuen Ensemble. »Check Your Head« war auch das erste Beasties-Album, auf dem das Grand Royal-Logo prangte.

Die ersten Platin-Rapper waren jetzt auch eine der ersten Rap-Gruppen mit eigenem Label (das tatsächlich erst einmal Capitol gehörte). Im Gegensatz zu heute war dies aber weniger ein Business-Move, die Beasties wollten in erster Linie Musik rausbringen, die sie gut fanden. Das war dann zwar überwiegend komischer Punkrock, aber auch DJ Hurricane und Mr. Lif – doch immerhin nie irgendwelche Grasbesorger mit B-Versionen des Chef-Sounds. Mit X-Large waren sie auch die ersten Rapper mit eigener Clothing Line. Zu den Hochzeiten gab es schräg gegen­über vom Kölner Groove Attack-Store die weltweit einzige Deutschlandfiliale – auf 15 Quadratmetern im Souterrain. So geht cool. Mit dem ganzen Markenquatsch hatten die Beastie Boys eh nie was am Hut. Natürlich waren sie die ersten, die OldSchool-Sneakers und Vintage-Lacoste-Poloshirts sporteten, doch immer nach dem DIY-Rezept des Punk: Nimm’s dir von woanders und mach dein eigenes Ding draus. Eine Haltung, die sich genauso durch ihre Musik zieht. Die Sahneschnitte des Beastie-Nerdtums war natürlich das »Grand Royal«-Magazin: von Lee Perry über Bruce Lee bis Bass Music. ­Poster von Plattenspielern (!) und Biz Markie-­Flexidiscs inklusive.


 
»Ill Communication« ging 1994 als guter zweiter Teil von »Check Your Head« durch und war ihre letzte Platte, die ich mir gekauft habe. Mit dem Fansein habe ich aufgehört, als es am schönsten war. Heute kann ich sagen: Danke fürs Rolemodeln, Jungs. Ihr wart zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Text: Oliver »Olski« von Felbert

Teil 2 gibt es hier.