Kanye West – 808s & Heartbreak (2008) // Review von Ahzumjot

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Roc-A-Fella Records/Def Jam/Universal

 
Ich weiß noch genau, wie ich mich gerade erst von dem wahnsinnigen Impact von »Graduation« erholt habe – wie Kanye West vom großmäuligen, aber umso talentierteren Beat-Produzenten (»Blueprint« und »College Dropout«) zum akzeptablen Rapper (»Late Registration«) und schließlich durch »Stronger« zum größten Popstar der amerikanischen Hiphop-Szene wurde. Ich weiß noch, wie ich damals versucht habe, »Flashing Lights« nachzuproduzieren und eine ähnlich epische Hymne auf meine Herkunft zu schreiben wie Kanye mit »Homecoming« (beide Songs von mir kamen natürlich nie raus). Ich weiß noch, wie groß meine Erwartungen waren, als Ye bereits ein Jahr nach seinem bis dato poppigsten Album dann »808s & Heartbreak« ankündigte. Ich weiß noch, wie »Love Lockdown« bei den VMAs Premiere feierte. Ich weiß noch, wie ich dachte: »Ist das sein gottverdammter Ernst!?« Bis »Graduation« konnte ich jeden musikalischen Schritt von Ye nachvollziehen. Klar war es überraschend, wie er Daft Punk sampelte, um seinen kommerziellen Durchbruch mit »Gold Digger« noch einmal zu übertrumpfen. Aber was genau sollte dieser Autotune-Quatsch? Wo waren die Soul-Samples? Wieso schien er plötzlich Gefühle zu haben? Und wieso zur Hölle umgab er sich auf einmal mit diesem merkwürdigen Briten Mr Hudson und diesem Kid Cudi? Nachdem ich den darauffolgenden Internet-Leaks eine Chance gab und »See You In My Nightmares« hörte, wurde mir klar: Hier war etwas Großes geboren. Klar, mit diesem Gemisch aus minimalistischsten Produktionen, Autotune-Vergewaltigung bis ans Limit, melancholischen Thematiken zwischen Tod der Mutter, Trennung von der Verlobten und den verheerenden Folgen des Stardaseins konnte nicht jeder etwas anfangen, trotzdem kann heute niemand mehr leugnen: Eine ganze HipHop-Kultur hat von diesem Album profitiert. Sei es die Reanimation der 808 jenseits des Dirty South, sei es die thematische Auseinandersetzung mit sich selbst jenseits des üblichen Hedonismus, sei es das Türöffnen für Künstler wie Drake, Kid Cudi und B.o.B. Und auch mich hat die Platte stark beeinflusst. Die größte Inspirationsquelle meines Erstlings »Monty« von 2011 war die Dreistigkeit von Clipses »Hell Hath No Fury« und der Minimalismus von »808s & Heartbreak«. Außerdem sorgte dieses Album dafür, dass ich für ein Yeezy-Konzert einen Job gekündigt habe – also war bei mir sogar der private Einfluss erheblich. Für mich ist »808s & Heartbreak« bis zu diesem Zeitpunkt sein bestes und inspirierendstes Album. Doch dann veröffentlichte Kanye zwei Jahre später seinen Meilenstein und das für mich – you can hate me now – beste Rapalbum aller Zeiten: »My Beautiful Dark Twisted Fantasy«.

Text: Ahzumjot

 
Die Yeezyografie – Kanyes Diskografie rezensiert von deutschen Künstlern:Kanye-West-Album-Cover_Collage-1