Kamasi Washington: »Wir erreichen Menschen, die bisher nicht offen dafür waren, sich mit Jazz zu befassen.« // Interview

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Kamasi Washington ist müde. Von Amsterdam nach Hamburg mit dem Bus. Jetlag. Ausverkaufte Shows. Lange Nächte. Es dauert also etwas länger, bis der Saxofonist und Bandleader sich für unser Treffen aus dem Nightliner schält. Aber wenn man mal einen Blick auf seine Diskografie wirft: Übertriebene Eile war noch nie die Sache des heute 34-Jährigen. Eher geht es darum, zur richtigen Zeit die richtige Gelegenheit zu ergreifen. Der Sandkastenkumpel von Basswunder Thundercat wächst in einer der kulturell fruchtbarsten Gegenden des rauen Southern Los Angeles auf und durchläuft eine Entwicklung, die ihm seit der Jahrtausendwende kontinuierlich Arbeit als Session- und Tourmusiker bringt und ihn schließlich ins Brainfeeder-Camp von Flying Lotus führt.

Der Überdaddy aller Beatdinge verpflich­tet Kamasi für sein Album »You’re Dead«, arbeitet mit ihm an Kendrick Lamars »To Pimp A Butterfly« und veröffentlicht im Sommer 2015 sein offizielles Debütalbum. Und was für eins. »The Epic« ist nicht nur das meistdiskutierte Jazzalbum der letzten Jahre, sondern obendrein völlig frei von naheliegen­den Crossover-Moves wie FlyLo-Beats und Kendrick-Strophen. Wahnwitzige drei Stunden Spielzeit nimmt sich Kamasi Washington für sein erstes, definitives Statement als Musiker. Ganz so lang müssen wir dann doch nicht warten, bis er in Dashiki und Strickmütze auf dem Backstage-Sofa Platz nimmt, um so höflich wie bestimmt seine Sicht der Dinge darzulegen.

Eine der Erwartungen an »The Epic« war, dass du ein jüngeres Publikum für Jazz gewinnen könntest. Denkst du, das ist dir gelungen?
Ich sehe jedenfalls viele junge Leute bei unseren Shows. Ich glaube zwar, dass immer auch junge Leute Jazz mochten, aber ich treffe tatsächlich viele, die sagen, »The Epic« sei ihr erster Kontakt mit der Musik gewesen. Wir erreichen wohl Menschen, die bisher nicht offen dafür waren, sich mit Jazz zu befassen.

Ich habe dieses Jahr von mehreren Menschen gehört, dass sie »To Pimp A Butterfly« nicht mochten, weil es eine Jazz-Platte sei. Kannst du das nachvollziehen?
Natürlich ist es eine sehr Jazz-beeinflusste Platte. Aber Jazz war im HipHop immer präsent. Kendrick geht mit seinem Album einfach tiefer, mit den Soli, den Harmonien und Strukturen. Es ist doch seltsam, dass jemand die Platte nicht mag, nur weil sie jazzig ist. Ich beobachte auch, dass außergewöhnlich viele Leute den Jazz-Anteil auf Kendricks Album wahrnehmen. Dabei haben die beteiligten Musiker davor so viele Sachen gemacht, die niemand als Jazz bezeichnet hat. Die Hörer sind einfach nicht offen für Jazz. Sie glauben von vornherein, ihn nicht zu mögen, dabei mögen sie wohl nur das nicht, wofür Jazz steht. Dabei ist der Grundgedanke hinter HipHop sehr eng mit Jazz verwandt.

Wofür steht Jazz denn?
Das Problem sind die Vorstellungen, die man von Musik hat. Jazz wird oft mit der Vergangenheit assoziiert, jede neue Platte wird mit etwas verglichen, was fünfzig Jahre alt ist. Wer sich nicht für Musikgeschichte interessiert, verliert das Interesse an Jazz. Und wer keinen Jazz hört, erkennt auch seinen Einfluss auf andere Musikstile nicht. Musikalisch war die Verbindung zwischen Jazz und HipHop immer da. Du findest sogar auf Jay-Z-Platten Jazz. (singt das Bläser-­Sample aus Jay Zs »Show Me What You Got«)

 

Jazz-Musiker haben immer wieder aktuelle Musikstile aufgegriffen, um ein neues Pub­li­­kum zu erreichen. Früher waren das Funk, Soul und Rock, später oft HipHop. Warst du in Versuchung, eine leicht zugängliche Platte zu machen, mit Vier-Minuten-Songs, HipHop-Beats und Rap-Features? Die richtigen Leute kennst du ja.
Mit diesem Album wollte ich immer nur ausdrücken, wer ich als Musiker bin. Ich habe den Großteil meiner professionellen Karriere damit verbracht, HipHop und R’n’B zu spielen, und ich habe diese Musik so gespielt, wie sie gespielt werden sollte. Ich wollte ihr nie meinen Stempel aufdrücken. Als es um meine Platte ging, wollte ich die Musik machen, die ich in meinem Kopf höre. Ich war nicht bereit, Kompromisse einzugehen, das war ein sehr puristischer Ansatz. Trotzdem wurde ich stark von anderen Stilen beeinflusst, nur nicht ganz so offensichtlich. Wenn du dir zum Beispiel anhörst, wie Ryan Porter und ich zusammen phrasieren, das haben wir von Snoop gelernt [der Posaunist Porter und Kamasi waren Teil von Snoop Doggs Liveband; Anm. d. Verf.]. Auch viele meiner Melodien und Akkordfolgen – die Einflüsse sind da, aber eben subtil. Ich habe keine einfache, leicht verdauliche Musik gemacht, aber ich habe auch keine komplizierte Musik gemacht, nur um zu beweisen, dass ich einen 13/8-Takt spielen kann. (lacht) Dieses Phänomen gibt es im Jazz ja auch.

Auch in Los Angeles gab es früh eine Verbindung zwischen Jazz und HipHop, denkt man an Freestyle Fellowship, Project Blowed oder The Pharcyde. Hast du das damals wahrgenommen?
Oh ja, ich bin in Leimert Park großgeworden, da ist all das passiert. Schon als Kind war ich dort unterwegs. Ich bin mit Myka 9 und Aceyalone [von Freestyle Fellowship; Anm. d. Verf.] aufgewachsen und habe alles mitbekommen. Ich glaube, genau deswegen hat diese Trennung zwischen HipHop und Jazz in L.A. nie richtig existiert. Snoops ganze Band bestand aus Jazzmusikern. In Leimert Park waren die Jazzclubs nicht weniger beliebt als Project Blowed.

Ist diese Trennung dann eher New-York-typisch?
New York ist eine Stadt der Spezialisten. Es gibt dort sicher Musiker, die Jazz und HipHop spielen, aber meist entscheidet man sich für einen Stil. Wenn du hingegen in L.A. nur eine Sache machst, ist das eher uncool: »Ach so, du spielst nur Jazz?« Die besten Musiker in L.A. sind die, die verstehen, dass man jede Musik spielen kann, wenn man nur offen genug ist. Alles besteht aus den gleichen Bausteinen, es geht nur darum, wie man sie zusammensetzt. So wird Jazz zu HipHop, HipHop zu Funk oder Funk zu Rock’n’Roll. Es gibt keinen Grund, sich auf einen Stil zu beschränken. Wenn man Musik spielen will, die mehr Raum für Improvisation lässt, spielt man plötzlich Jazz. Wenn man nur gute Bausteine zur Verfügung hat, ist das nicht schwer.

Wie würdest du dein Verhältnis zu Gangstar­ap beschreiben?
Das ist ziemlich paradox. Ich bin mit Gangstarap aufgewachsen, diese Kultur ist ein Teil von mir. Man sieht Gangs ja als etwas sehr Negatives. Das liegt aber auch daran, dass man in der Gegend, aus der ich komme, ein sehr negatives Selbstbild hat. Im Prinzip sind Gangs einfach Freundeskreise in einer Hood, mehr nicht. Aber weil die Selbstwahrnehmung dort so negativ ist, fangen sie an, Böses zu tun. Wenn man in diesem Umfeld aufwächst, lehnt man die Gangs nicht ab. Im Gegenteil: Man blickt zu den OGs auf. Gangstarap ist der Soundtrack dazu. Als Kind war es keine negative Vorstellung für mich, ein Gangster zu sein, Leute abzuziehen oder zu dealen. Das war einfach so. Ich musste erst lernen, mich selbst nicht mehr so zu sehen. Ich liebe diese Musik, aber ich versuche eine gewisse Distanz zu ihr zu wahren. Das ist ganz komisch und schwer zu erklären. Ich liebe Gangstarap, er gibt mir ein gutes Gefühl, aber gleichzeitig mag ich nicht, welches Bild er von mir und meinesgleichen vermittelt. Niemand lebt gern in Angst, niemand lebt gern in einer Gegend, in der man nicht über die Straße gehen kann, ohne darauf zu achten, dass man die richtigen Sachen trägt. Aber jeder möchte eine Stimme haben. Genau das war Gangstarap.

»The Epic« ist fast drei Stunden lang. Trotz dieses Umfangs – fehlt noch etwas?
Nein. »The Epic« spiegelt sehr vollständig wider, wo ich 2011 war [2011 fanden die vierwöchigen Studiosessions mit Kamasis Kollektiv West Coast Get Down statt; Anm. d. Verf.]. Es ist ein sehr gutes Abbild dieser Zeit in meinem Leben. Aber ist es alles, was ich damals war? Schwer zu sagen … nein, ist es nicht. Wenn es wirklich alles wiedergeben sollte, müsste es elf Stunden lang sein. (lacht) Selbst das würde wahrscheinlich nicht reichen. Aber ich finde, man soll auch nicht alles auf einmal verraten.

Text: Ralf Theil

 

Dieses Interview erschien in JUICE #172 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd