Kaas

 

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Kaas ist pure Liebe. Das Orsons-­Mitglied hat in diesem Jahr wohl die schwerste Zeit von den vieren hinter sich. Doch wie das so ist im Leben: Es kommen auch bessere. Und so schreibt Kaas bereits an seinem nächsten Solo-Album. Doch jetzt steht erstmal das zweite Werk der Orsons an, denn auch an diesem hatte er durchaus gewissen Anteil – auch wenn er diesmal vielleicht nicht die treibendste Kraft war…



Was zeichnet die Orsons aus?
Wir sind einfach vier Freunde, aber auch vier unterschiedliche ­Charaktere, die eine wundervolle Mischung ergeben. Vier Visionäre, die sich auf eine Vision einigen wollen. Das kam bei diesem Album auch mehr zum Tragen als beim letzten. Vielleicht, weil es beim letzten etwas mehr nach meiner Nase ging. Das ist mir gar nicht aufgefallen, Tua aber schon. (lacht) Aber da war ich eigentlich nur mit dem Artwork etwas unzufrieden, weil ich es ganz anders machen wollte. Nur hat der Orsons-Kompromiss was anderes gewollt.

 

 

Was war diesmal der Orsons-Kompromiss?
Dass Plan B und ich das Cover nach unseren Vorstellungen machen lassen können, wenn Maeckes seinen Albumtitel behalten darf. Er war so euphorisch, als er uns den Titel vorstellte. Und wir alle so: “Äh, okay, was willst du uns damit sagen?” (lacht) Er konnte gar nicht glauben, dass wir das nicht gut finden. Ich persönlich fand es etwas blasphemisch. Inzwischen sage ich: Diese Formulierung ist eine Ode an das O, sprich das Göttliche, das Unfassbare, den ­unberechenbaren Kreis. Am Ende steht ja statt “Amen” “Orsons”, und dieses Amen ist für mich immer so eine Art Gruß, mit dem man den Brief ­unterschreibt. Denn dein ist das Reich, du allmächtige ­Supermacht, die all das Tolle erfindet. Und alles Grausame… Deshalb passt das eigentlich. (lacht)

 

Warum ist dieses Album so anders geraten als das erste?
Unter anderem, weil ich nicht so stark in eine Richtung gepresst habe. Irgendwie war der Vibe nicht mehr so wie beim letzten Mal, sondern wir wollten auch Songs mit mehr Substanz machen. Wir wollten ganz speziell Songs schreiben, in denen wir zu einem ­einzigen Orson verschmelzen. Und die Personen, die am aktivsten an dem Album gearbeitet haben, haben sich in diesem Prozess auch am meisten durchgesetzt.

 

Warum warst du denn diesmal nicht so aktiv beteiligt?
Nach meinem Album steckte ich in einer Schaffenskrise, habe lange nichts geschrieben und mir Gedanken gemacht, wie ich jetzt weitermache. Ich war noch in dieser Findungsphase, als wir das Album begonnen haben, deswegen war ich sehr zurückhaltend. Maeckes hat der Platte mit seinen Ideen dann seinen Stempel aufgedrückt, was für mich gut war, weil ich da ein bisschen mitschwimmen konnte.

 

Wie sehr hat dich das Nachspiel des Amoklaufs in ­Winnenden mitgenommen?
Von Depression bis Wut habe ich wohl alles durchgemacht – das war eine interessante Phase in meinem Leben. Nach dem Amoklauf habe ich ja zuerst gedacht, ich wäre wirklich schuld daran – nicht vom Verstand, aber vom Gefühl her. Das Furchtbarste war, als ich einen Jungen kennen lernte, der seine Freundin verloren hat und der zu mir sagte: “Als ich ‘Amokzahltag’ hörte, habe ich dich gehasst, aber ich hab ‘Amok Nachtrag’ gehört, und da hab ich verstanden.” Vor dem Amoklauf war mir klar, dass das ein Song ist, der falsch verstanden werden kann, wenn man ihn falsch verstehen will. Deshalb ja auch diese Botschaft am Anfang, die kam vom Herzen. Ich habe den Song für die geschrieben, die in der Schule eine schwere Zeit erleben, damit sie ein bisschen Wut rauslassen und inspiriert werden, dasselbe zu tun wie ich, nämlich den Hass in Kunst umzuwandeln. Im Nachhinein hätte ich die Botschaft lieber noch deutlicher gemacht. So, dass man sie nicht ignorieren kann.

 

 

Wie anstrengend ist es eigentlich, auf den ganzen Hass immer mit Liebe zu reagieren?
Disses im Rap nehme ich nicht persönlich, sondern sportlich. Wenn jemand unter die Gürtellinie geht, dann wurmt mich das, aber es ist eine schöne ­meditative Übung. Ich versetze mich dann in die Person (lacht) und frage mich: “Was bringt ihm das, das über mich zu sagen?” Vielleicht versteht man dann die Motive und merkt: “Oh, dieser Mensch ist eine traurige und wütende Person. Vielleicht wecke ich in dieser Person auch irgendwelche Ängste.” Auf eine ganz harmonische, natürliche Weise kommt dann Verständnis für diese Person auf. Ach, über Fettes Brot und Deichkind haben sich auch alle damals aufgeregt. Aber was ist aus denen geworden? Sie machen übertrieben kreative Musik, sind extrem erfolgreich. ­Deshalb: Fettes Brot, Deichkind, Die Orsons und… äh, 2Pac!

 

Sogar Bushido erwähnt dich neuerdings in Interviews.
Darüber habe ich mich so gefreut. Bisher haben ja immer nur Leute was gesagt, die auf meiner Ebene waren. Bushido ist ja ein ganz anderes Kaliber, da freut man sich gleich doppelt. Natürlich wäre es mir lieber, wenn er mich positiv erwähnt hätte und meine Kunst verstehen würde. Andererseits ist es für mich auch motivierend, denn ich will ja auch dahin kommen, wo er ist. Und jetzt will ich es ihm auch beweisen. Bushido ist offiziell mein neuer Gegenspieler, mein persönlicher Dr. Evil. (lacht)

Interview: Sherin Kürten