KAAS: »Ich versuche mein Leben zu leben wie in diesem Shrek-Film.« // Interview

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Eurodance auf Albumlänge – einer musste es ja tun, »um diesem flachen Genre eine Seele einzuhauchen«. Fünf Jahre hat KAAS’ letzte Soloveröffentlichung »Liebe, Sex und Twilight Zone« mittlerweile auf dem Buckel. Zuvor hatte der Reutlinger in einer von harter Beton-Lyrik geprägten D-Rap-Ära als Rapper der Liebe auf sich aufmerksam gemacht. Und war damit, genau wie mit seiner Band Die Orsons, immer wieder angeeckt. Denn K-doppel-A-S ist ein Lebemann, der keinerlei Scheu besitzt, sich musikalisch in den unterschiedlichsten Genres auszutoben. So machte er sich im April zusammen mit dem Soundsystem Jugglerz aus Stuttgart und Sänger Miwata auf nach Jamaika, um eine EP unter dem Dancehall-Deckmantel mit einer gehörigen Prise Reggae zu produzieren. Tatsächlich ist »KAAS & Jugglerz in Jamaica« viel mehr eine Melange aus Rap, Trap und Pop gepaart mit KAAS’ Trademark-Löwengesang. Zeit für einen Plausch über jamaikanisches Essen, Genies von Schreibern, Trendabzeichnungen im US-Rap, seinen Gehversuchen als Reggae-Hörer, Meditationsanleitungen, einer kommenden EP sowie Barteks und Tuas Soloplänen. Power uuup!

Wie intensiv war deine Ankunft auf Jamaika? Hattest du einen Kulturschock?
Ich war völlig perplex, Alter. Ich bin ausgestiegen, stand am Flughafen und habe das Tempo erst mal auf mich wirken lassen. Das Klima, die Düfte, die Kulisse. Die Sonne ist gerade untergegangen und wir sind sofort mit Leuten ins Gespräch gekommen. Der Flughafen ist ja an sich schon ein geiler Ort. Dort trifft so viel Hoffnung auf Vorfreude. Die ganzen ersten Tage waren ein völliger Input-Overkill, weißt. Du kriegst die ganze Zeit neue Sachen geballert, das macht natürlich was mit einem. Das ist ein natural high – diese ganzen Eindrücke und Einblicke in die verschiedensten Leben, wenn du durch das Land fährst und Dinge an dir vorbeiziehen siehst. In Sekundenschnelle wechselt sich das ab. Das war sehr eindrucksvoll und faszinierend.

Als die erste Single »Jamaica, Jamaica« herauskam, war eine der ersten Infos aus Hörer-Sicht: Du bist angekommen und hast drei Tage gebraucht hast, bis du schreiben konntest. Musstest du die ganzen Eindrücke auf dich wirken lassen?
Ja, Mann. Ich hatte das auch schon einberechnet und dachte mir: »Hey, ich mache jetzt erst mal paar Tage locker.« Aber dann kommst du da an und hast das Ziel, Musik zu machen. Ich wollte von Anfang an schreiben und habe schon im Flugzeug die ersten Zeilen getextet. Aber es war dann doch schwieriger, neben dem ganzen Rumgereise überhaupt Zeit zu finden, in sich zu gehen. Am dritten Tag habe ich zum ersten Mal was geschrieben, wovon ich dachte, dass es endlich mal wieder flowt und rauskommt, anstatt immer nur Input zu haben.

 

Hattest du vor der Reise eine längere Pause vom Schreiben?
Nee, gar nicht. Ich kam eigentlich gerade aus einem Projekt und bin aus dem deutschen ins jamaikanische Studio. Ich hatte eine andere EP fertig gemacht und dann kamen die Jugglerz und fragten, ob ich diese Jamaika-Sache mitmachen möchte. Ich war so: »Voll geil, lass‘ machen, Alter.«

Was von dem, was du bisher über Jamaika wusstest, hat sich bewahrheitet und was nicht?
Ich wusste natürlich, dass Reggae aus Jamaika kommt und Musik dort eine große Rolle spielt. Was ich nicht auf dem Schirm hatte, war der Struggle der Leute, den du in gewissen Gegenden hautnah miterlebst. Mir war das ein bisschen bewusst, weil die Schwester eines Kollegen in den Flitterwochen auf Jamaika war und voll schockiert zurückkam. Viele Frauen haben dort Narben, weil häusliche Gewalt anscheinend ein allgegenwärtiges Problem ist. Ich habe während meiner Zeit auf der Insel davon allerdings gar nichts mitbekommen. Aber dann lernst du Leute kennen, die – so wie ich es in dem Song sage – drei Jobs haben. Eine Frau hat erzählt: »Mein freier Tag ist der, wo ich nur einen Job habe.« Die arbeitet morgens im Hotel, mittags passt sie auf Kids auf und abends fährt sie bei der Müllabfuhr Nachtschichten. Ich kannte das natürlich aus gewissen Reggae-Songs, da geht’s ja immer darum. Aber das live mitzuerleben, ist natürlich noch mal eine andere Nummer. Was mich auch geschickt hat: Ich war in einer kleineren Stadt und war da tagsüber dicht, Alter. Da habe ich paar Mal von älteren Leuten mitbekommen, dass die das voll scheiße und asozial finden und so: »Hey, mach das für dich irgendwo alleine abends und nicht mitten in der Stadt.« Wahrscheinlich lag’s auch an mir, weil ich richtig raus war. (lacht) Aber das war dann schon so: »Boah, der asoziale Drecks-Touri kifft hier am hellichten Tag? Was für ein Mongo.« Das fand ich überraschend, weil ich dachte, dass überall gekifft wird. Ich hatte den Eindruck, dass das in den Touri-Orten so ist. Da kommen die Locals wie Rosenverkäufer mit Büscheln an, um das Weed zu verkaufen.

Gibt es irgendwelche kulinarischen Spezialitäten, die man sich gönnen muss? Wie ist das Essen auf Jamaika im Allgemeinen?
Jerk Chicken ist das große Ding. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Hühner gegessen wie in diesen zwei Wochen: morgens, mittags und abends. (lacht) Jerk Chicken on Jerk Chicken on Jerk Chicken. Da gibt’s aber auch Qualitätsunterschiede. Mir hat neulich einer gesagt, dass das eigentlich die schlimmsten Chlorhühnchen sind, die man essen kann. Und Obst halt. Wie in tropischen Ländern so eine Mango oder Banane schmeckt, ist ganz was anderes. Es gibt die Spezialität Ackee and Saltfish. Das ist eine Frucht, die wie Rührei schmeckt, wenn man sie richtig kocht und anbruzzelt. Da mischt man Fisch rein. Das ist ganz scharf und mega lecker: Bestes Frühstück. Ansonsten gibt’s guten Rum.

Die Jugglerz sind ja tief verwurzelt in der Reggae-/Dancehall-Kultur und du hast durch sie den Zugang zu Reggae gefunden. Wie war es dir möglich, erst so spät auf Reggae zu stoßen? Gab es davor eine Abneigung oder hast du als Kind zwar mal Bob Marley gehört, aber nicht weiter verfolgt?
Ich habe ein bisschen Reggae gehört, hatte irgendeine Bob-Marley-Platte und eine Mr.-Vegas-Platte, weil der in irgendeinem DMX-Film vorkam. Das fand ich cool. In der JUICE habe ich sogar darüber gelesen, Alter. JUICE hat mir erklärt, was »heads high« bedeutet, und zwar: Mädchen, blas‘ dem Typen keinen, das ist nichts Gutes. Roots Reggae habe ich nicht wirklich gehört, sondern komplett ignoriert. Und weil ich gottesintelligent bin, konnte ich nicht mal eins und eins zusammenzählen. Als die Jugglerz mir das Mixtape gezeigt haben, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Darin ging’s nur um Love, Positivity und »Never give up«. Ich war richtig so: »Wow, es gibt ein ganzes Genre, das Musik macht, die ich hoch zehn feiere, Alter. Stimmt! Wie konnte ich nur?« Voll dumm, Alter. (lacht)

Aber das war dann schon so: »Boah, der asoziale Drecks-Touri kifft hier am hellichten Tag? Was für ein Mongo.«

Was genau ist das für eine Roots-Reggae-Bewegung, die in Jamaika gerade stattfindet und wovon man hier eigentlich gar nichts mitbekommt?
Jetzt bräuchten wir Shotta Paul [von den Jugglerz] hier. Der hat das Insiderwissen. Wie gesagt, ich habe mein ganzes Reggaewissen über die Mixtapes von den Jungs, die ich immer pumpe. Jetzt aktuell ist auch eins rausgekommen, was sie original nach meinem Song »Power Up« benannt haben. Ey, ich fühl mich so geehrt. Auf Jamaika gibt es ganz viele neue Künstler, die diese Tradition wiederbeleben mit aktueller, neuer Musik, die ein bisschen fresher klingt, aber trotzdem noch sehr traditionell. Da gibt es echt gute Acts: Chronixx, Protoje, Kabaka Pyramid. Ich bin großer Fan, aber ich bin halt richtig so ein »Ah, du hörst jetzt auch Reggae?«-Typ. »Echt? Das ist dein Lieblingsalbum?« (lacht) So unreales Zeug höre ich mir dann an. Von Busy Signal kam z.B. ein Roots-Reggae-Album, das ich gehört habe, als ich angefangen habe mit Reggae. Der ist aber normalerweise Dancehall-Artist. Daher waren alle so: »Hä, wieso macht der jetzt Roots Reggae?« Und ich höre das Album und war so: »Woah, das ist eines der besten Alben ever!« (lacht)

 
Ich erinnere mich an einen Orsons-Tourblog, wo du dafür, dass du Reggae gespielt hast, stark gehatet wurdest. Wie kam die Idee, dass du die EP mit Reggae-/Dancehall-Vibe machst, bei deinen Bandkollegen an?
Jaja, von allen. Alle haben mich weggehatet, als es 2012 damit anfing. Und dann habe ich langsam angefangen, die damit zu nerven. Immer mal wieder im Tourbus einen Song laufen gelassen: »Ey, guck mal, das ist voll der geile Song. Hört mal!« Und irgendwann haben sie sich so langsam daran gewöhnt, dass es auch coole Reggae-Songs gibt. Die Reaktion war dann eigentlich eher: »Ja, okay. Macht Sinn, dass du das endlich machst. Wieso eigentlich erst jetzt?« (lacht) Tua kam auf einmal mit Sachen an: »Also, ich mag ja Reggae eigentlich nicht. Aber kennste den? Popcaan ist schon geil.« Ja man, geil. Tua hört jetzt auch Reggae. (lacht)

»Power Up« hat Meska [von den Jugglerz] ja gemacht, nachdem ihr am Blue Hole wart. Was ist das für ein Prozess, gute Vibes in Musik zu übertragen bzw. einen Ort musikalisch einzufangen? Sind da die Harmonien der Schlüssel?
Ich gebe im Prozess der Musikentstehung meinen Senf dazu, aber den Beat hat Meska einfach so ausgepackt. Ich so: »Boah, willst du mich verarschen? Was ist das für ein Brett?« Die Jungs haben sich um die Musik gekümmert. Ich bin auch eher so’n Typ, der Beats pickt, Alter. Ich mag es, Beats zu bekommen, die schon fertig sind. Du kannst auch Tua fragen: Ich bin der nervigste Typ. Der macht mir einen Beat und für ihn ist es eine Skizze: »Der’s noch nicht fertig, weisch. Ich bearbeite noch, weisch.« Und ich denke mir: Nein, der ist fertig. Und dann geht immer der Kampf los und wir streiten uns hunderttausend Jahre. Aber ich mag das, auf einen fertigen Beat zu viben. Wenn ich einen Beat so liebe, dann schaffe ich das auch, den Vibe zu übertragen. Ansonsten ist es natürlich immer dasitzen mit dem Block in der Hand und schreiben, schreiben, schreiben. Dann heißt es warten, bis der Inspirationsfluss kommt. Ich habe neulich einen megageilen TED-Talk über den kreativen Prozess des Schreibens angeguckt, und zwar von der Frau, die »Eat Pray Love« geschrieben hat [Elizabeth Gilbert, Anm. d. Verf.]. Das handelt davon, dass heutzutage der Schreiber oft als Genie betitelt wird. Und ihr fällt dann auf, dass früher eher gesagt wurde, ein Schreiber habe ein Genie, das ab und zu über ihn kommt. Daraufhin hat sie die Geschichte einer amerikanischen Poetin erzählt, die immer auf dem Feld gearbeitet hat. Irgendwann flog ihr ein Gedicht zu und sie musste nach Hause rennen, um so schnell wie möglich an Stift und Papier zu kommen. Wenn sie es nicht schnell genug schaffte, hat sich das Gedicht einen anderen Poeten gesucht. Ich fand das so schön. Das ist doch oft so: Man schreibt 60 Sachen und die 61. Sache passiert auf einmal so. Das hält einen bei der Stange, Alter. (lacht)

Welcher Song von der EP gefällt dir persönlich am besten?
Mit »Jamaica, Jamaica« bin ich schon sehr zufrieden. »Cadillac« mag ich auch sehr gerne. Eigentlich mag ich alle Songs. »Delta Quadrant« ganz arg. Dazu muss ich sagen, dass ich den nicht selber geschrieben habe. Aber man hört’s bisschen raus, wer das gewesen sein könnte. Zu dem Song habe ich daher eine gewisse Distanz und Fan-Dasein. Und bin so geheimagentenmäßig: »Geil, von dem habe ich einen Song bekommen?« (lacht geheimnisvoll)

Der Song hat mich an ein, zwei Orsons-Songs erinnert, z.B. an »Zum Mond« von eurem 2009er Album.
Oh, krass! Geil! Witzige Verbindung, wäre ich gar nicht drauf gekommen.

Meine Überlegung war, ob die EP dann vielleicht gar nicht so weit vom Orsons-Kosmos entfernt ist, wie man auf den ersten Blick vermuten würde?
Bei den Orsons ist es ja mittlerweile so, dass wir versuchen, unser Solo-Zeug mit aufs Album zu bekommen. Daher hast du diese Vielfalt auf einem Orsons-Album schon von Grund auf gegeben. Das einzige, was es auf der letzten Platte nicht gab, waren Songs zu viert. Ich habe auch wieder Bock, ein Orsons-Album zu machen. Jetzt ist es wieder so weit, man. Ich bin echt gespannt, wann das passieren mag. Tua macht jetzt noch sein Soloalbum. Bartek, Maeckie – alles voll die Maschinen. Ich habe neulich einen Megahit von Bartek gehört, Alter. Unfassbar schön.

Kannst du dir vorstellen, mehr in die jetzige Richtung zu machen oder war das ein einmaliges Projekt?
Auf jeden Fall kann ich mir das vorstellen. Ich tue mich schwer, einen Stil die ganze Zeit durchzuziehen, sogar auf der aktuellen EP. Mich zieht’s immer in alle Richtungen. Aber durch diese EP fällt es mir leichter, Reggae mehr in das zu integrieren, was kommt. Ich habe auch immer noch nicht die Fantasie aufgegeben, ein komplettes Roots-Reggae-Album zu machen.

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