Kaaris: »Die meisten Flüchtlinge wollen gar nicht nach Frankreich, weil sie wissen, dass sie dort nicht akzeptiert werden« // Interview

Es war Kaaris’ erstes Mal. Das erste Mal in Berlin – und in Deutschland überhaupt. Das erste Konzert vor deutschem Publikum. Wie ein Boxer in einen elektrisch-blauen Trainingsanzug gehüllt und von seiner bärtigen Crew umzingelt, kommt Kaaris am frühen Abend für den Soundcheck im Berliner Yaam an. Die Handvoll Menschen, die sich vor dem Eingang der jamaikanischen Bude tummelt, dreht sich kaum nach ihm um. Hier ist Kaaris noch kein Star. Im Nachbarland Frankreich fällt er 2011 durch sein Feature auf Boobas »Kalash« auf. Ein paar Tracks später gehen beide Rapper getrennte Wege und beschimpfen sich regelmäßig per Twitter oder Instagram. Ein Clash, wie ihn die Rap-Industrie liebt. Seit 2013 und dem Erfolg seines Albums »Or Noir« spielt Kaaris allerdings auch ganz ohne Booba in der ersten Liga. Sogar die Zeitung Le Monde spricht mittlerweile mit dem Rapper – zwischen kreativem Untergang und dem Anfang einer neuen strahlenden Mainstream-Rap-Ära scheint nun so gut wie alles möglich. Kaaris empfängt die JUICE einige Stunden vor seinem Auftritt in einem dunklen Nebenraum des Clubs. Der Manager nennt zwei Tabus: Religion und Booba. Kaaris setzt seine Sonnenbrille ab, das Gespräch kann beginnen.

Wir treffen uns hier in Berlin, wo du dein erstes Konzert in Deutschland spielst, richtig?
Ja, ich bin zum ersten Mal hier. Das ist eine neue Welt für mich. Ich finde es erstaunlich, hier vor Deutschen aufzutreten. Ich gehe nicht davon aus, dass die meisten meine Lyrics verstehen, aber ich hoffe, dass sie zumindest den Vibe genießen.

Einige Hörer hier dürften dich von deinem Feature mit Haftbefehl auf seinem Album »Russisch Roulette« kennen. Wie kam es dazu?
Wir haben gemerkt, dass er online viel Aufmerksamkeit bekommt – die Leute hier mögen wohl, was er macht. Er hat auch gemerkt, dass ich in Frankreich erfolgreich bin und hat mich kontaktiert, daraus ist dann ein Feature entstanden.

Hast du vor Haftbefehl mal Rap aus Deutschland gehört?
Ich muss ehrlich sein: Ich höre eigentlich keinen deutschen Rap. Es treten nicht viele deutsche Rapper in Frankreich auf, das müsste sich wohl mal ändern, damit ich mehr mitbekomme.

Ein anderes prominentes Feature ist der US-Rapper Future, der auf deinem Album »Le bruit de mon âme« vertreten ist. Wie seid ihr zusammengekommen?
Mein Manager Farid und mein Produzent Therapy waren mit Futures Team in Kontakt. Und als er irgendwann nach Paris kam, haben wir einen Song zusammen aufgenommen. Future ist ein Rapper, der nur Hits macht. Seine Songs sind der Hammer, genauso wie die Refrains, die er für andere rappt. Ich würde nicht sagen, dass es für mich ein Traum war, einen Song mit einer so begabten US-Größe zu machen, aber es war ein wichtiges Ziel für mich. Und unsere Zusammenarbeit war großartig. Wir sind ins Studio, haben uns gegenseitig unsere Videos gezeigt und dann habe ich ihm den Track vorgespielt, um den es ging. Er war von dem Beat begeistert und hat einfach angefangen, non-stop zu singen – unglaublich!

 

Wo du gerade die Arbeit mit Future erwähnst: Er ist bekannt für seinen Freestyle-artigen Flow. Wie entstehen deine Lyrics?
Das kommt ganz darauf an. Ich nehme an, dass es den meisten Songwritern so geht wie mir: Manchmal schreibe ich sehr schnell, manchmal dauert es länger. Einige Songs habe ich in 5 Minuten geschrieben, wie »Zoo« zum Beispiel. Für andere brauche ich bis zu einem Monat, wieder andere lasse ich nach einer Zeit sogar ganz liegen, wenn ich nicht weiterkomme.

»Zoo« ist vielleicht dein bekanntester Song, zumindest hierzulande. Was hat dich eigentlich zu diesem Song inspiriert?
Der Beat. Ein Song ist für mich vor allem eine Frage des Feelings. Mehdi hat mir einige Produktionen vorgespielt, und »Zoo« hat mich echt berührt. Außerdem hat mich meine damalige Einstellung motiviert. Ich wusste, dass mein Album bald veröffentlicht werden würde, und die Erwartungen waren extrem hoch. Also musste ich das Allerbeste aus mir herausholen. Ich war dadurch in einer besonderen Dynamik, und der Song hat sich letztlich wie von alleine geschrieben.

Wie siehst du deine Zukunft? Hast du je in Erwägung gezogen, ein eigenes ­Label zu gründen, um den französischen Nachwuchs zu produzieren?
Nein, Produktion und Labelgründung sind nichts für mich. Wenn du in einem Viertel wie dem meinen aufwächst, wirst du mit vielen Rappern groß. Und wir helfen uns gegenseitig, wenn es möglich ist. Ich helfe vielen Freunden oder Verwandten – oder ich verleihe ihnen Kraft, wie man bei uns sagt. Aber produzieren ist nicht mein Ding. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte.

Welche Rolle spielt deine Heimatstadt Sevran in deiner Musik?
Sevran ist für mich genauso eine Inspirationsquelle, wie für Francis Cabrel [französischer Chansonnier; Anm. d. Verf.] sein Dorf. Deine Heimatstadt ist immer inspirierend. Wenn jemand den ganzen Tag in einem öffentlichen Park verbringt und anfängt zu rappen, wird er wahrscheinlich über diesen Park rappen.

Lebst du noch in Sevran?
Nein, ich bin mittlerweile in die Nachbarstadt gezogen.

Was inspiriert dich denn neben deiner Heimatstadt beim Schreiben?
Meine Angehörigen. Viele der Leute, mit denen ich lebe, geben mir Kraft und ­Inspiration. Manchmal fällt in einer Unterhaltung ein interessanter Satz, ohne besondere Absicht, und der inspiriert mich. Auch das Verhalten der Leute um mich herum kann etwas beflügeln. Ich will da jetzt keine Namen nennen. Aber ehrlich gesagt sind meine Texte in der Regel vor allem Egotrips.

 

In dem Song »80 Zetrei« rappst du, dass es »nie einen Neger im Élysée-Palast geben wird«. Diskriminierung und Rassismus scheinen immer wieder wichtige Themen in deinen Songs zu sein.
In Frankreich gibt es zu viele Leute, denen man das Mikrofon hinhält, obwohl man ihnen eigentlich gar nicht zuhören sollte. Sie gaukeln den Leuten vor, dass sie alles verändern werden. Zu viele Menschen denken einfach falsch. Der Beweis dafür ist, dass die meisten Flüchtlinge gar nicht nach Frankreich wollen, weil sie wissen, dass sie dort nicht akzeptiert werden.

Motiviert dich die fremdenfeindliche Stimmung in Frankreich vielleicht sogar dazu, dich politisch zu engagieren?
Nein, ich bin kein geborener Politiker. Aber wenn, dann würde ich mich wahrscheinlich in einem Verein engagieren. Zur Zeit habe ich noch kein richtiges Projekt, aber wenn mich etwas wirklich bewegen sollte, könnte ich sofort loslegen. Allerdings nur auf der ­lokalen Ebene. Und nicht mit einem Mikrofon vor einer großen Menge, das nützt meiner Ansicht nach nichts.

Reden wir mal über Filme. Du hast eine Rolle in dem nächsten Film von Julien Leclercq, »Braqueurs«, der bald in die französischen Kinos kommt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das war reiner Zufall. Das Schauspielen hat für mich mit einer kleinen Rolle im Film »Fast Life« von Thomas Ngijol angefangen [in dem Kaaris sich selbst spielt; Anm. d. Verf.]. Thomas hat mich angerufen und wollte mich unbedingt für einen Gastauftritt haben. Später hat man mich für diesen Film von Julien Leclercq angefragt. Ich bin zu keinem Casting gegangen und habe mich auch nicht beworben, man hat mich einfach angerufen.

Hat dir die Arbeit am Film denn gefallen?
Ja, wenn man mich wieder für einen Film anfragt, mache ich auf jeden Fall mit. Aber die Musik hat bei mir immer noch höchste Priorität.

Im Gegensatz zu vielen Rappern, die schon als Jugendliche weltweit bekannt werden, bist du erst in deinen ­Dreißigern erfolgreich geworden. War das von Vorteil für dich, um diesen öffentlichen Wirbel zu verkraften?
Ich hoffe, dass ich heute weiser bin. Mit 17 hätte ich wahrscheinlich mein ganzes Geld in Luxusklamotten gesteckt, was mich heute gar nicht mehr interessiert. Natürlich kaufe ich mir ab und an mal schöne Kleidung, aber ich habe mehr Halt, bin erwachsener.

Hast du dir ein Ziel für die nächsten zehn Jahren gesetzt?
Nein, ich glaube an das Schicksal. Was geschehen muss, wird geschehen.

Text: Alexander Abdelilah

Dieses Interview erschien in JUICE #171 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_171_ohneBR.indd