K.I.Z: »Wir sagen zwar, dass wir euch alle umbringen, aber wir haben keine Todesliste.«

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»Hard times call for hard measures«, heißt es so schön im radikalen Wirtschaftssprech. Wäre also gelacht, ­würde man als echter Kannibale in zivil nicht zu den ­Waffen ­greifen, bei aller akuten Schieflage der Welt. »Boom, Boom, Boom, Boom – Ich bring euch alle um!« – so ­kündigten K.I.Z. kürzlich nicht nur ihr fünftes ­Album, ­sondern gleich eine ­Apokalypse an. Im Video macht man Jagd auf ­Geschäftsmänner, lyncht Tarek, ­schneidet ­Maxim die Kehle auf und fuchtelt überhaupt mit jeder Menge ­Waffen rum. »Was ist politische Meinung und was ­Anstiftung zum ­Terrorismus?«, wird sich da in einem ­Artikel in der ­Zeitung Die Welt gefragt. Als wir die Truppe an einem ­lauen ­Frühsommernachmittag zum ­Interview treffen, ist ­besagter Text bereits Gesprächs­thema. Am Morgen erst hatte Tarek ihn vor versammelter Mannschaft verlesen – und wie erwartet freut man sich sichtlich über die Wirkung des ­Videos. Was wäre denn auch eine erste K.I.Z.-Single, die den Leuten nicht ordentlich ans Bein pinkelt?

Dabei ist diese Provokation ein wenig irreführend. Mit ihren überspitzten Bildern ist »Boom Boom Boom« einer­seits eine typische erste K.I.Z.-Single, doch die durchaus ernstzunehmende Kritik, die der Song übt, deutet gleichzeitig den Übergang in eine neue Welt an, die die vier Kameraden mit Album Nummero fünf beschreiten. »Hurra, die Welt Geht Unter« betitelt man das Werk ganz programmatisch. Doch – Spoiler Alert – die Freude über die schöne neue Welt nach der Apokalypse, sie kommt erst ganz zum Schluss. Bis dahin seziert man über zwölf Tracks lang vor allem unsere längst zum Abschuss freigegebene Gesellschaft. Und während man dem misslichen Gedankengut im Hause K.I.Z. bislang mit Zynismus und Ironie begegnete, finden Tarek, Nico und Maxim diesmal überraschend nüchterne, direkte und – nun ja – ehrliche Worte. Das mündet in einer Hymne für Außenseiter genauso wie in einer Ich-Erzählung einer Neuköllner Jugendgang, einem facettenreiche Porträt von Geld, das entgegen aller Erwartungen nicht abgedroschen klingt und einer kitschigen aber ehrlichen Liebesbekundung an eine Verflossene, bei der tatsächlich die Hosen heruntergelassen werden.

 
Dass K.I.Z. den Humor im Deutschrap zumindest neu erfunden haben, muss man an dieser Stelle nicht diskutieren. Darüber, wie erfolgreich Projekte à la 257er, Trailerpark oder Die Orsons ohne die Bunker-Wiederbeleber geworden wären, ließe sich zumindest streiten. Vielleicht ist die neu gewonnene Ernsthaftigkeit also der einzige Ausweg, wenn die Provokation zur Normalität wird?

K.I.Z. haben es sich nie gemütlich gemacht. Der doppelte Boden in ihren Lyrics bedurfte schon immer eines aufmerksamen Hörens und wurde nicht selten vorschnell für bare Münze genommen – man erinnere sich nur an die Deutschlandfahnen, die plötzlich im Publikum des letztjährigen splash! wehten, als die Kannibalen ihre Anti-Nationalismus-Hymne »Biergarten Eden« kurz vorm WM-Finale spielten. Wenn man die Probleme diesmal konkreter benennt, sinkt zwar die Gefahr, missverstanden zu werden. Doch was, wenn alle nur auf den Witz warten? Dann bleibt immerhin eine Platte, die alles ist, nur nicht egal. Eine Platte, mit der K.I.Z. als Gruppe einen notwendigen nächsten Schritt wagen. Und wohlgemerkt eine Platte, die bei allem Facettenreichtum endlich so kohärent klingt, wie sie es vielleicht schon lange hätte tun sollen. Hater, da habt ihr den Salat.

Ist »Boom Boom Boom« nun politische Meinung oder Anstiftung zum Terrorismus?
Maxim: In dieser Kategorie würde ich ­überhaupt nicht denken. Darin steckt doch die Frage: »Dürfen die das?« Das finde ich ziemlich uninteressant. Offensichtlich dürfen wir das.

Im Track redet ihr von Nazis und Party­patrioten. Wer sind letztere?
Maxim: Das sind Leute, die sich mit ihrem Land identifizieren, sich aber unterschieden wissen wollen von Nazis. Die wollen nur, dass »unsere Jungs« die WM gewinnen. Da heißt es gerne, es ginge nur um Fußball. Wenn dem so wäre, ­würde es aber nur interessieren, ob das Spiel gut ist und nicht, welche Nation am Ende gewinnt. Diese Menschen betonen halt gerne, dass sie es einfach schön finden, aus Deutschland zu kommen. Sie sehen nur die positive Gemeinschaft. Das Abgrenzen als coole Gemeinde funktioniert aber nicht, ohne andere damit auszugrenzen.

Wenn du politisch etwas aussagen willst, aber sich keiner dran stößt, dann hast du offensichtlich Kacke gebaut. – Maxim

Ist dieser akzeptierte Patriotismus ­so gefährlich, wie Menschen, die sich explizit rechts positionieren?
Maxim: Für den Ausländer in Lichtenberg sind die Partypatrioten natürlich nicht so direkt gefährlich. Aber wenn man über Flüchtlinge redet, dann ist es ja unsere freundliche Demokratie, die Grenzen hochzieht und Leute im Mittelmeer absaufen lässt. Und das geht wiederum als »politisch korrekt« durch. Aber die Kategorie »gefährlich« ist eigentlich Quatsch. Wir sagen zwar, dass wir euch alle umbringen, aber wir haben keine Todesliste. Wir sollten uns eher Gedanken darüber machen, was die Nazis und die freundlichen Nationalisten denken.

Ist »Boom Boom Boom« eine typische erste K.I.Z.-Single?
Tarek: Ne, der Song ist um einiges direkter. Bislang haben wir unsere Ansichten zu gesellschaftlichen Themen gerne durch die Blume formuliert oder in ein, zwei Zeilen innerhalb eines Battle-Tracks verhandelt. Aber in diesem Fall machen wir das sehr konzentriert und ohne Augenzwinkern – bis auf die Hook. Obwohl, ich könnte mir schon vorstellen, den einen oder anderen umzubringen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und ich gut betrunken bin. (lacht)
Nico: »Boom Boom Boom« ähnelt unseren bisherigen ersten Singles am ehesten musikalisch. Der Song gibt brutal aufs Maul und funktioniert live.
Maxim: Und es ist immer schön, ein neues Album mit ’nem Tritt ins Gesicht zu beginnen.

 
Ihr habt Sachen, die euch ankotzen, selten so konkret benannt. Ein Song wie »Biergarten Eden« thematisierte zwar den Partypatriotismus, war aber noch sehr ironisch. Wart ihr nun ­besonders wütend, als ihr das Album geschrieben habt?
Nico: Nicht mehr als sonst. Wir haben nur eine ­andere ­Herangehensweise gewählt, um ­unsere Emotionen zu kanalisieren. Oder sie im Falle von »Boom Boom Boom« eben nicht zu ­kanalisieren. (lacht)
Tarek: Eigentlich gibt es auf dem Album nur Thementracks. Und »Boom Boom Boom« hat sehr gut in diese Zeit gepasst, in der man von Pegida-Demos und 900 ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer liest. Natürlich stimmt einen das wütend, aber das Thema Rassismus spielt für mich eine Rolle seitdem ich denken kann.
Maxim: Wut klingt so nach »Empört euch!«. Es ist einfach interessant, direkter zu sein als früher.

Dazu habt ihr euch aber bewusst ­entschieden?
Maxim: Ja. Früher hatte ich immer Schiss, dass wir nicht so gut darin sind, ernst zu sein. Bei ­vielen, die früher harten Rap gemacht haben und dann softer wurden, hat das ja auch nicht funktioniert. Und natürlich hat man Bedenken, dass das alle scheiße finden und nach dem typischen K.I.Z.-Humor suchen.
DJ Craft: Deutsche Musik ist oft so sehr mit Selbstmitleid behaftet und nicht konkret oder wütend genug. Wenn mal etwas ausgesprochen wird, dann eher zaghaft und aus der ­Defensive heraus – oder aber mit totalem Pathos. Ich halte das nicht unbedingt für die richtige Lösung. Lieber ab und zu in die Welt hinausbrüllen, was einen ankotzt und was wehtut. Sonst ändert sich nichts und man geht als Mensch kaputt.
Maxim: Oft genug sagen Leute, dass sie jetzt einen deepen Song machen. Die verstehen das quasi als Genre. Drauf geschissen, ich will gar keine deepen Songs. Ich will gute Songs. Egal, ob es ums Mütterficken geht oder um Liebe, du musst etwas Interessantes erzählen. Viele »deepe« Songs stecken voller Geh-deinen-Weg-Plattitüden, da frage ich mich: Welchen anderen Weg soll ich denn gehen als meinen? Ich habe daher bei ernsten Songs noch einen viel krasseren Anspruch. Wenn du politisch etwas aussagen willst, aber sich keiner dran stößt, dann hast du offensichtlich Kacke gebaut.

Etwas nett und sachlich zu erklären, scheint in einem Rap-Song schon aus Platzgründen schwer, oder? Die Worte reichen einfach nicht aus.
Maxim: Ja, das ist unfassbar schwer. Vor allem, wenn man perfektionistisch ist. Wenn ich einen Ich-töte-deine-Mutter-Song schreibe, ist das nicht schlimm, wenn mal eine Aussage daneben ist. Es geht in solchen Songs ja darum, andere Leute abzunerven. Wenn Rapper aber politisch werden, regt es mich ungemein auf, wenn dabei Dummheiten rumkommen.
Tarek: Ich finde schon, dass einem ein Kopf-Hoch-Song etwas geben kann. Ich kann auch nachvollziehen, dass man solche Songs macht, wenn man gerade fünf Jahre im Knast saß. Ich finde es nur problematisch, wenn solche Typen auf sich selbst hereinfallen. Nur weil du Tracks machst, in denen du »Bleib stark, glaub an dich« sagst, bist du noch nicht tiefgründig.
Nico: Um Audio88 zu zitieren: »Du willst persönliche Texte, fang ein Tagebuch an.«

Du wirst das Weltbild von irgendwelchen Menschen nicht ändern, indem du einen Song wie »Boom Boom Boom« aufnimmst. Aber es freut einen, Leuten an den Karren zu pissen. Daraus kann man viel für sich ziehen. – Tarek

Ein Problem besteht sicher darin, dass viele »deepe« Songs möglichst viele Leute ansprechen sollen. Und damit sich niemand daran stößt, trifft man am besten keine direkte Aussage.
Maxim: Man darf aber auch seine Rolle als Künstler nicht überschätzen. Wenn Musiker erzählen, sie hätten eine politische Verantwortung und müssten für die Jugend oder die politische Linke reden, dann ist das großer Quatsch.
Tarek: Du wirst das Weltbild von irgendwelchen Menschen nicht ändern, indem du einen Song wie »Boom Boom Boom« aufnimmst. Aber es freut einen, Leuten an den Karren zu pissen. Daraus kann man viel für sich ziehen. Als wir angefangen haben, waren wir bei The Game Vorgruppe und die ganze Halle war gegen uns – das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Hierfür tue ich das! (alle lachen)

Habt ihr aus dem Grund auch »Biergarten Eden« auf dem splash! kurz vor dem WM-Finale gespielt?
Tarek: Ich glaube, dieses Lied haben viele so interpretiert, wie sie wollten. Und das ist einer der besten Songs, den wir je geschrieben haben. Textlich ist das ganz großes Tennis. (lacht)

Im Publikum haben jedenfalls Leute die Deutschlandfahne geschwenkt.
Maxim: Es gibt viele Gründe dafür, ein Stück gut zu finden. Du kannst dich ja an einem Beat festhalten, ohne den Text richtig zu realisieren. Ich höre auch Soul-Sachen, bei denen ich die Texte eigentlich richtig Grütze finde, aber das ist mir egal. Ich finde das auch nicht dramatisch. Sobald du 10.000 Leute an einem Platz versammelst, sind auf jeden Fall Idioten dabei. Immerhin verdiene ich Geld mit denen. (lacht)
Nico: Man sollte nicht unterschätzen, wie sehr Menschen dazu in der Lage sind, die Inhalte von Liedgut auszublenden, um die Musik zu feiern. Selbst bei »Biergarten Eden« kam irgendwann mal ein Soldat zu mir und meinte, der Song hätte ihm an der Front Kraft gegeben. Dicker, hast du das Lied zu Ende gehört?
Tarek: Ich find das irgendwie schön. (lacht) Dieses Album ist jedenfalls unmissverständlicher. Und es ist schön, etwas von sich preiszugeben.