Interview: K.I.Z. – DJ Craft

 

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Erstaunlich, dass K.I.Z. überhaupt noch einen richtigen DJ hat. Das ist ja fast schon ein HipHop-Klischee.
Wir haben es noch nie wirklich mit einer Band probiert. Wir sind eine ganz klassische HipHop-Crew: ein DJ, drei Rapper. So macht es einfach am meisten Sinn. Es gibt ja auch zu viele Rapper, die jetzt plötzlich mit einer Band daherkommen. Das hat nicht jedem gut getan. Das hat auch was von Verzweiflung, wenn man das nur macht, weil das bei einem anderen Künstler funktioniert.

 

Du bist der Einzige von K.I.Z., der einen richtigen Rap-Namen hat.
Den Namen habe ich, seit ich elf Jahre alt bin. Da hab ich angefangen, mich fürs DJing zu interessieren. Später bin ich einfach bei meinem Namen geblieben. Ist ja sonst blöd, man wird ja auch unter diesem Namen gebucht und weiterempfohlen.

 

 

Wie bist du zum HipHop gekommen?
Durch meine große Schwester. Sie war mit einem DJ zusammen. Nach der Schule durfte ich mich an seine 1210er stellen. Der hat mir seine Platten gezeigt und mich in den New Noise Record Store mitgenommen. Durch ihn habe ich auch Illvibe von Seeed und Boba Fettt, der damals für Savas aufgelegt hat, kennen gelernt. Mit denen bin ich dann abgehangen, und da war für mich klar: Das ist genau mein Ding, das will ich weiter verfolgen. Mit 14 habe ich dann das erste Mal im Club auf einer Party aufgelegt, das war der 18. Geburtstag von DJ Fiks.

 

Was hast du damals aufgelegt?
Viel Westcoast-Underground wie Freestyle Fellowship und Project Blowed. Dann war ich an der Costa Brava auf Jugendreise und ein Typ hatte »Hoes, Flows, Moneytoes« auf Tape dabei. Das haben wir die ganze Zeit gepumpt. So was wie Fischmob oder 5 Sterne Deluxe hat mich halt nicht berührt. Kool Savas war der Erste, den ich voll feiern konnte. Das war auf der einen Seite hart, auf der anderen Seite lustig. Zur gleichen Zeit habe ich auch Tarek auf dem Schulhof kennen gelernt. Er hat damals schon mit Maxim auf dem Vierspur-Gerät aufgenommen. Ich hab mir ihre Tracks angehört und fand, sie konnten mit Kool Savas oder Creutzfeld & Jakob mithalten. Also wollte ich dabei sein. Ich hab dann für die Jungs aufgelegt und wir sind jeden Tag zusammen rumgehangen. Das machen wir ja bis heute.

 

Welche DJs haben dich inspiriert?
Q-Bert, Mixmaster Mike, Rob Swift. Die haben mich inspiriert, neben den DJs hier in Berlin, mit denen ich abgehangen bin.

 

Du warst aber selbst kein Turntablist, sondern schon eher Club-DJ.
Ganz am Anfang habe ich auch mal bei ein, zwei Battles mitgemacht, aber das war nicht mein Ding. Ich war auch nicht der Nerd, der sich stundenlang die Technik reinhackt. Ich bin lieber in den Laden gegangen und hab neue Platten gecheckt. Ich wollte lieber im Club auflegen oder als Live-DJ auf der Bühne stehen.

 

2001 saßt ihr dann schon auf Staigers Sofa, der euch aber abgelehnt hat.
Ja, da habe ich ein wenig geflunkert meinen Jungs gegenüber. Ich hab denen erzählt, dass ich voll down mit Staiger bin. Die meinten dann, dass wir sofort hingehen sollten. Also sind wir hin, Staiger fand die Platte aber scheiße und meinte, er könne damit nichts anfangen. Danach haben wir relativ schnell den Gedanken wieder verworfen, zu einem Label zu gehen. Wir haben dann das Album »Rap für Geld« aufgenommen, auf dem wir Straßenrap mit Humor verbunden haben. Dabei ist der jetzige K.I.Z.-Sound entstanden. Mit diesen neuen Erkenntnissen haben wir dann eine neue Platte angefangen und das wurde »Das ­RapDeutschlandKettensägenMassaker«.

 

Hat euch Rap aus Berlin inspiriert?
Klar. Da kam halt Bushido gerade raus, der erste coole deutsche Straßenrapper. Wir sind ja in Kreuzberg aufgewachsen, da hattest du immer Banger um dich herum. Das war ­einfach die Mentalität: engere Hosen, Lederjacken, Air Max oder Reeboks. Aber wir waren ja nie selbst irgendwelche Gangster, wir haben das nur als Einfluss mitbekommen. Uns ging es eher darum, Spaß zu haben und Sprüche zu klopfen.

 

In was für einem sozialen Umfeld seid ihr aufgewachsen?
Wir hatten alle nie wirklich Geld. Ich habe die ersten Jahre mit fünf Geschwistern in einem Zimmer in einer Sozialwohnung gewohnt. Auch Maxim ist in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, seine Mutter war alleinerziehend und Krankenschwester im Nachtdienst. Wir haben aber alle eine gute schulische Ausbildung abbekommen. Dadurch ist es zu einer Mischung geworden, aus Straße und dem Interesse an anspruchsvoller Literatur, Filmen oder auch Kabarett. Wir haben manchmal Phasen, in denen wir auf nichts Bock haben und uns einfach nur abschießen wollen. Aber dann gibt es auch Abende, an denen wir uns über ernsthafte Themen unterhalten.

 

Hast du einen Schulabschluss?
Ich habe das Abitur leider nicht geschafft. Ich konnte das nicht. Trotzdem habe ich oft überlegt, ob ich mein Abi nachhole und was studiere, um was anderes zu machen. Dafür läuft es aber gerade zu gut. Man muss ja das Alte nicht gleich über den Haufen werfen und was grundlegend Neues anfangen. Ich finde die Entwicklung in Frankreich sehr gut. Da gibt es Straßenrapper, die bei TV-Gesprächsrunden mit Politikern an einem Tisch sitzen und da mitreden können und dürfen. Wir hatten noch keine »Maischberger«-Einladung. So was fände ich für das Ansehen der HipHop-Szene wichtig. Man nimmt HipHop hier immer noch nicht ernst. In den USA wird es nur ernst genommen, weil damit viel Geld umgesetzt wird. In Frankreich geht es aber um die Inhalte.

 

 

Du stehst sehr stark für HipHop ein.
Hey, ich steh immer noch jeden Tag an den 1210ern. Ich mache jede Woche Mixtapes und lege auf. Ich höre immer die neuesten Platten. Ich muss zwar nicht zu jedem Freestyle-Battle, das ist mir zu anstrengend und oft auch zu wack. Aber ich bin ganz klar immer noch voll und ganz HipHop.

 

Auch auf »Urlaub fürs Gehirn« bleibt ihr eurem Sound treu.
Schritt für Schritt verändern wir uns schon. Tarek hat einen Solo-Song namens »Fleisch«, der ist wie ein Theaterstück. Nico hat wieder seine Atzen-Styles ausgepackt, und Maxim hat einen richtig guten Popsong geschrieben. Melodien waren immer wichtig für uns. Wir haben auch viel Ärzte gehört, gerade Maxim und ich. Wir finden es geil, wenn ein Refrain Ohrwurmcharakter hat. Eingängige Melodien, aber gleichzeitig harte Bilder und harte Wörter, die damit brechen. Diese Mischung finde ich großartig.

 

Gibt es Vorbilder für diesen Ansatz?
Vielleicht Blowfly. Seine sexistischen Partysongs finde ich super. Und natürlich Richard Cheese. Das ist ein Sänger, der neue Versionen von HipHop-Songs einspielt und mittlerweile eine regelmäßige Show in Las Vegas hat. Der spielt halt »Me So Horny« von der 2 Live Crew als Swing-Nummer. Großartig.

 

Wir verlief denn eure humoristische Sozialisation?
Das sind schon unsere Wurzeln: Bei Maxim das Spiel mit Zweideutigkeiten, das die Franzosen extrem drauf haben. Tarek hatte durch seine Zeit in Spanien einen verrückten Wortschatz, so altertümliche Sprüche, die bei uns niemand mehr kannte. Nico kommt aus dem Norden Berlins, da wurde immer viel Party gemacht und Sprüche geklopft. Ich habe ein bisschen den ungarischen Humor abbekommen. In der ungarischen Sprache haben viele Wörter unterschiedliche Bedeutungen, die man zweckentfremden kann. Ein gemeinsamer Einfluss von uns allen waren die Bücher von Rocko Schamoni.

 

Das neue Album heißt »Urlaub fürs Gehirn«. Wenn man beim Hören von K.I.Z. sein Gehirn ausschaltet, dann geht einem doch die Hälfte verloren.
Ja, aber manchmal will man einfach sein Gehirn ausschalten. Ich mache seit drei Jahren eine Therapie und beschäftige mich sehr viel mit mir selbst, weil ich als Kind viel Scheiße durchgemacht habe. Bei der Therapie habe ich auch gelernt, dass es hin und wieder wichtig ist, den Kopf abzuschalten. Nicht alles zu hinterfragen, sondern einfach mal zu machen. Wir haben ja auch Fans, die unsere Musik ausschließlich zur Unterhaltung hören. Die wollen kein politisches Kabarett, die wollen »TV Total« sehen. Aber bei unseren Konzerten bekommst du beides.

 

Text: Alex Engelen

 

Fotos: Christoph Voy

 

Das Interview mit Nico von K.I.Z. findest du hier.
Das Interview mit Tarek von K.I.Z. findest du hier.
Das Interview mit Maxim von K.I.Z. findest du hier.