Juicy Gay: »Die Musik verliert ja nicht an Wert, nur weil sie schnell veröffentlicht wird.« // Interview

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Als schwuler Rapper steht Juicy Gay in Deutschland ziemlich alleine da. Damit nicht genug: Gewiefte Journalisten wollen ihm jetzt auch noch nachweisen, dass seine ­Homosexualität nur Show sei. Die wichtigste Frage übersehen sie dabei, nämlich: Wen kümmert’s? Der »Trapgaylord« ist nicht nur wegen seines schwulen Images einer der außergewöhnlichsten jungen MCs dieses Land. Als erster Rapper aus Money Boys Glo-Up-Kosmos vermittelt Juicy Gay ernstzunehmende politische Botschaften – auch wenn er selbst das ganz anders sieht.

Auf den ersten Blick ist Arthur Rudt ein 19-Jähriger wie viele ­andere. Rundes Gesicht, brave Brille, schüchternes Lächeln. Gerade kämpft er etwas mit seiner Ausbildung – irgendwas im Logistik-Bereich –, aber darüber spricht er ungern. Wenn man ihn danach fragt, lacht er nur leise und sagt: »Egal.« Er wirkt also erst mal ziemlich gewöhnlich, dieser Arthur Rudt aus dem Münsterland – wäre da nicht sein Alter Ego: Juicy Gay. Seit eineinhalb Jahren mischt er in der Cloud-Rap-Szene mit. Die zwei EPs (»Musik ist Haram«, »Hip Hop stirbt für mich«) und Mixtapes (»Trapgaylord«, »I’m Lil B (I’m Happy)«), die er in dieser Zeit veröffentlicht hat, changieren zwischen wuchtigen Trap-Beats und verschwurbelten Autotune-Refrains. Wie sich das gehört, hat Juicy Gay ein Faible für Dada und DIY, Twitter und Trap, Codein und E. Aber der selbsternannte Trapgaylord ist anders als die andern Rauschkinder. Nicht nur, weil er selbstbewusst das Image des schwulen Rappers pflegt. In Tracks wie »Musik ist Haram« oder »Deutscher Bär« verhandelt Juicy Gay zuweilen auch sozialpolitische Themen mit smarten, sarkastischen Texten. »Ich bin kein politischer Rapper. Ich habe einfach das Bedürfnis, mich auszudrücken«, protestiert er sanft, und wirkt wirklich gar nicht wie derselbe Typ, der auf Youtube frech proklamiert, dass sein Anus brennt. Im Interview spricht Juicy Gay über Homosexualität im HipHop und über übereifrige Journalisten, und er erklärt, warum er den Begriff Cloud-Rap nicht mag.

Man nennt dich den ersten offen schwulen Rapper Deutschlands. Wie kann das denn sein im Jahr 2016?
Krass, oder? Das verstehe ich auch nicht.

Wirst du in der Szene deswegen manchmal angefeindet?
Letzte Woche in Berlin hatte ich Stress. Ein Typ meinte, ich solle ihn nicht anfassen, weil er mir sonst eine scheuert. Ich habe auch schon mal Produzenten nach Beats gefragt, und die haben gesagt: »Ich geb dir keinen, weil du schwul bist.« Total bescheuert.

Empfindest du HipHop als reaktionär?
(überlegt) Das kann man so nicht sagen. HipHop ist so groß. Ich glaube, das Genre reflektiert alles, was in der Welt so passiert.

 
Wäre HipHop langweilig, wenn er politisch korrekt wäre?
Er wäre langweilig, wenn nicht jeder Rapper seine eigene Meinung hätte.

Viele vertreten widersprüchliche Meinungen. Dein Homie Money Boy zum Beispiel: Einmal wettert er gegen Schwule, dann nimmt er einen selbstironischen, homoerotischen Track mit dir auf.
Bei ihm hab ich das Gefühl, dass er…ich will jetzt nicht sagen, schizophren ist, aber er ändert oft seine Meinung. Diese Widersprüchlichkeit ist faszinierend. Man kann’s aber auch übertreiben.

War er ein wichtiger Einfluss für dich?
Auf jeden Fall. Ich bin ein großer Fan. Er hat mich 2014 entdeckt und auf Facebook angeschrieben. Wir haben dann einen gemeinsamen Track gemacht [»Juicy Gay«; Anm. d. Verf.]. Daraufhin begann für mich der Hype und ich habe begonnen, die Musik ein bisschen ernster zu nehmen. Alle aus der Glo Up Dinero Gang waren immer nett zu mir. Klar, manchmal sind ihre Aktionen fragwürdig. Hast du das gestern in Wien mitbekommen? Money Boy hätte um 21 Uhr auftreten sollen, er ist aber erst um 0:30 Uhr auf die Bühne gegangen. Ein paar Fans haben Becher geworfen. Money Boy und seine Leute haben daraufhin Glasflaschen zurückgeschleudert. Das geht meiner Meinung nach gar nicht.

Wann habt ihr euch kennengelernt?
Das war auf einem Konzert in Düsseldorf. Ich war sein Support. Es war das erste Mal, dass ich auf der Bühne stand. Ich war total nervös. Ich glaube, ich kam auch unsicher rüber. Ich wusste nicht mal, wie man das Mikro richtig hält. Aber beim zweiten Mal in Münster war die Nervosität komplett weg. Ich hatte einfach nur Bock, meine Sachen zu spielen. Money Boy hat mich seitdem immer eingeladen, wenn er in NRW war. Irgendwann hab ich eigene Bookings bekommen.

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