JAY-Z: Blueprint Of An American Gangster // #20JahreJUICE

THIS IS BLACK SUPER-HERO MUSIC RIGHT HERE, BABY

Ein junger, flüchtiger Bekannter Jay-Zs aus gutem Hause erkannte ebenfalls das Potenzial maingestreamten Gangstaraps: Irving Lorenzo scharte Rapper wie den stadtbekannten Abzieher DMX um sich und bekam von Jigga aufgrund seiner großen geschäftlichen Ambitionen den Spitznamen Ire Gotti – in Anlehnung an den extrem populären Don der Gambino-Familie, John Gotti, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 wegen 13-fachen Mordes einsaß. Nach Gotti haben sich mittlerweile Dutzende Rapper benannt, die zahlreichen »Teflon Dons« im Game sowie Verballhornungen á la Dapper Dan nicht mit eingerechnet. Irv Gotti jedenfalls stellte dem talentierten Absolventen einer katholischen Schule Jeffrey Atkins (aka Ja Rule) den gefürchteten Straßenschläger Chris Black als Kredibilitäts-Starthilfe zur Seite und konnte in den kommenden Jahren mit Murder Inc. ein wahres Imperium aufbauen, das zwischenzeitlich auch Hollywood-Stars wie Jennifer Lopez mit Megahits ausstattete (für eine halbe Million pro Track, wie jüngst in der aktuellen Ausgabe des »Scratch«-Magazins zu lesen war). Mit den ganz harten Jungs hatten sowohl Irv Gotti als auch Ja Rule in ihrer Jugend lediglich den Schulweg gemein gehabt. Mit dem immensen Raperfolg aber wurde er später wirklich zum Gangster: Ohne recht zu Wissen, worauf er sich einließ, connectete Irv Gotti Jahre später mit Kenneth “Supreme” McGriff, einem der einflussreichsten New Yorker Crack-Könige in den Jugendtagen unserer heutigen Raphelden und zuletzt Vorlage für 50 Cents Erzfeind Majestic in dessen Halb-Biopic »Get Rich Dr Die Tryin’«.

Einen Teil seines überregionalen Fames hat Supreme sicherlich etlichen Erwähnungen auf New Yorker Rapsongs zu verdanken, zum Beispiel auf Nas’ »Memory Lane« und 50 Cents »Ghetto Qu’ran (Forgive Me)« – der Song, der maßgeblich für die Differenzen zwischen dem Rapper / Kleindealer 50 Cent und dem legendäran Großdealer ‘Preme verantwortlich sein soll. Fifty hatte in dem Song die Geschichte der bekanntesten Dealer Queens’ nacherzählt, Supreme fühlte sich gesnitcht, und manche führen heute selbst den berüchtigten Mordversuch an 50 Cent und den eiskalten Mord an Fiftys erstem Mentor Jam Master Jay auf diesen Beef zurück. In seinen besten Tagen jedenfalls beherrschte McGriffs »Supreme Team« 50 Cents Heimatviertel Jamaica, Queens nach Belieben und sportete beeindruckende Gimmicks wie einen mit Panzerturm und Ölteppich—Abspritz-Vorrichtung ausgestatteten Mercedes. Zurück aus dem Knast suchte der inzwischen recht abgebrochene Supreme 1995 Partner, um seine Lieblingsbücher aus der Zeit hinter Gittern zu verfilmen: Irv Gotti war geehrt und der Film »Crime Partners« das Ergebnis. Murder Inc. brüstete sich mit der neuen Connection und Ja Rule reimte »Big Shout to my nigga Preme/ It ain’t nothin’ illegal about keepin’ ya’ cash clean / When you sellin’ millions of records, and send me some jeans«. Die Rapwelt wunderte sich, wie tief die Gangster-Legende in 50 Cents liebstem Hass-Label drinsteckte und ob es sich hier vielleicht erneut um einen Fall musikalischer Geldwäsche handelte. Als sich das auch die staatlichen Behörden fragten, wurde das einst übermächtige Label noch härter getroffen als Ja Rules Image von den Attacken der G Unit. Ein jahrelanger Prozess isolierte das Label in der Geschäftswelt, nicht nur Vertriebspartner Universal kappte die Verbindungen zu Murder Inc., Ja Rule und Irv Gotti verschwanden von der Bildfläche und haben noch heute, zwei Jahre nach dem Freispruch, an den Folgen zu knabbern: Zuletzt war Jas Comeback—Album »The Mirror« wegen mangelnden Hypes auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Wollte man eine allgemein akzeptierte Definition dessen finden, worum es bei Rap idealerweise gehen soll, wäre es wohl, sich selbst und das eigene Umfeld darzustellen. Wie auch bei den alten Schwestern Graffiti und Breakdance, die inzwischen verheiratet in einer anderen Stadt leben, wie eben bei der gesamten HipHop-Familie, von Customized Clothing bis Slap Tagging. Die Comic-Helden, die uns heute, auf dem aktuellen Stand der Spirale aus Gangster-Images und Massenerfolg, so verdammt gut unterhalten und motivieren, unser Leben genauso kommerziell erfolgreich zu gestalten, werfen eben nur die ekelhaft alte, zigfach durchgekaute und nur ganz individuell zu beantwortende Frage auf, was eigentlich real ist. Also authentisch, authentisch genug. Ihr einfach aus dem Weg zu gehen, indem man die eigene Lieblingsmusik nicht mehr ernst nimmt und sagt, dass man eh nur unterhalten werden will, ist erbärmlich. Wer den Bogen überspannt, gehört getreten, damit Nastradamus am Ende nicht doch noch Recht hat und wir alle irgendwann 50 Cent auf dem 2027er-Oldie-Sender abfeiern müssen, während die Enkel raven gehen.

Rap hatte von Anfang an seinen Battle-Charakter, weil die ersten Lyrics nicht den Weltfrieden, sondern lediglich den eigenen DJ preisen sollten. Rap kam aus eher abgebrochenen Vierteln, in denen kleine Jungs wie der junge Shawn Carter zu jugendlichen Scheinewerfern in deutschen Autos aufschauten und nicht Aspen oder St. Moritz meinten, wenn sie Schneequalität diskutierten. Wer battlen will, muss besser sein, und Analogien zu den harten Jungs vom Block oder dem heftigsten Film bieten sich da nun mal mehr an als Vergleiche mit Glenn Goulds Skills am Flügel. Gerade wenn du sowieso niemals studieren wirst, ist niemand so cool wie die Pimps, Hustler und Gangster, die sich von niemandem ficken lassen, auf alle Regeln außer ihre eigenen scheißen und das gute Leben genießen, das ihnen niemand gönnen wollte. Rebellische Frauenhändler, Giftverkäufer und Abzieher schlagen im kurzfristigen One-on-One so ziemlich jeden ehrlichen Blaumannarbeiter, und »Ich steh täglich um sechs auf, während ihr im Club Beck’s sauft« kommt in etwa so unspektakulär wie »Ich zieh mehr Wurzeln als ein Zahnarzt«. So schleppte man schon in »Wildstyle« Maschinengewehre auf die Bühne und lässt sich bis heute mehr oder weniger bedingungslos in den Bann der G-schichten von Jim Jones, Ghostface und Trae ziehen. »From Nothin’« war mal der Mittelpunkt von HipHop-real — heute ist es wohl eher das »To Something« (was, nebenbei bemerkt, in der Grundtendenz weniger ein Fall für Chappelles »When keeping it real goes wrong« ist, als sich um den Titel des brokesten Motherfuckers zu streiten…). »American Gangster« ist dabei der amerikanische Traum für Ausgeschlossene ohne schlechtes Gewissen, und hierzulande zumindest ein kurzer Ausweg aus der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens im deutschen Mittelstand. Wenn hier jeder wie Mike sein will, dann nicht wie Michael Jordan, sondern wie Michael Corleone. Und das nicht, weil wir alle dumm sind, sondern weil das die spektakulärsten Geschichten sind, die das Leben schreibt. Und vielleicht auch, weil wir alle dumm sind.

Seit die so genannte »Corporate World« mit ihren Massenmedien und Majorlabels aus finanziellen Gründen die Berührungsängste mit Songtexten über »Frauen mit der Rückhand schlagen« verloren hat, RTL2 mit »P.I.M.P.« die 50 Cent-Tour bewirbt und auch die BamS gerne mal ausblendet, dass Dealen nicht nur echte Menschen tötet, sondern auch für den Schneemann selbst verdammt gefährlich ist, hat Gangstarap endgültig auch mehr Mittel als die gewissenhaften Lehrstücke von Little Brother, und Nicky Barnes bleibt mehr HipHop-Kids ein Begriff als Banksy — selbst wenn beide mal mit einer ähnlichen Geisteshaltung in die weite Welt aufgebrochen sein mögen. Die Spirale aus Publikumswunsch, kommerziellem Erfolg, Gangstarappern und Rappergangstern schraubt sich unaufhaltsam tiefer und tiefer ins Zentrum unserer Kultur. Conscious-Wellen kommen dabei trotzdem so regelmäßig, wie Gangsta-Booms abebben, Kanye hat gerade erst Fifty geschlagen, und Gangstarap ist vielleicht überzogener Straßenrap, aber immer noch gehaltvoller als Schnippsfinger-Pop-Rap. Mama HipHop wird auch weiter mit den schweren Jungs abhängen und gemeinsam die »Der Pate«-Special Collector’s Edition feiern. Mazel tov, it’s a celebration bitches!

Text: Tobias „Toxik” Kargoll & Marvin Müller

Fotos: Philipp Rathmer