JAY-Z: Blueprint Of An American Gangster // #20JahreJUICE

KEEPIN‘ IT GANGSTA

In dem Song »Fallin’« setzt Jay—Z das unausweichliche Ende jedes Gangster—Films musikalisch um und zieht die Parallelen zwischen all den DeNiros und Pacinos nicht nur zu Frank Lucas’ Karriere, sondern auch zu der eigenen. Lucas hätte er gerne gefragt, warum zur Hölle er nicht einfach aufgehört hat, damals Anfang bis Mitte der Siebziger, als sein Vermögen bei 250 Millionen Dollar angekommen war. Wann er selbst aufhoren will, verrät er nicht, jedenfalls sieht er sich im Gegenteil zu Frank Lucas nicht in einer Reihe mit den Jungs aus Godfather—Goodfellas—Scarface-Casino: »It’s not me. I made it. I’m a bad motherfucker. I really made it [out of the streets]. Al Capone didn’t make lt. Michael Corleone, Scarface – I’m iller than all them niggas.« (Entertainment Weekly) Blogger T.C. von »The Smoking Section« sieht die Parallelen zwischen »Fallin’« und Jay-Zs Karriere etwas negativer und fragt, wie viele Filme wohl noch da seien, um auch in Zukunft »fehlgeleitete Rapper« zu inspirieren. Soll heißen: Wohin mit rappenden Rentnern, wenn es gerade keinen Film zum Abschreiben gibt? Doch egal, wie man es dreht und wendet, es geht um das, was die Leute wollen. Und das ist scheinbar eher »American Gangster« als Authentizität. Damals ermittelnde Polizisten behaupten, an der filmischen Darstellung von Frank Lucas wäre das einzige Authentische, dass der Mann Frank Lucas heißt und einst Drogendealer war. Ende Gelände. Aber der Film kann was, also wayne? Rap muss selber wissen, ob er realistische Selbstdarstellung oder einfach nur Unterhaltung sein will. Und Forumsdiskussionen hin oder her, woran liegt es wohl, dass Joe Pesci nach allgemeiner Erkenntnislage zwar deutlich »realer« ist als Robert DeNiro, aber trotzdem Robbie die Oscars, den Fame und die dickeren Schecks abgreift? Am Ende des Tages wollen wir alle nicht belogen, vor allem aber auch gut unterhalten werden – wie viel wovon entscheidet jeder selbst. Was überzogene Gangster-Geschichten angeht, ist die Rapwelt jedenfalls nicht erst seit gestern angefixt.

Worin aber liegt dann die Faszination dieser Bigger-than-life-Gangster-Ikonen? Sind wir alle so stumpfe und ignorante Teenies, wie es die Enge-Hosen-Welt denkt oder wohin mit all dem halb-realen Gangster-Gehabe? 50 Cent ist so jemand. 2Pac und N.W.A. sowieso. Von Ice-T ganz zu schweigen. Die Rede ist von Gangstarap-Ikonen, Mainstream-Rappern, die die dunkle Seite des Lebens in all ihrer faszinierenden Rawness zeigen, ungesühnt und ohne Zensur. Realität halt. Doch wie real ist Reality Rap? Wie echt sind all die selbst proklamierten Kriminellen, die da in einer schalldichten Gesangskabine Verse über Musik legen? Sucht man nach den Ursprüngen des Phänomens, nach der historischen Basis, so stößt man unweigerlich auf einen Namen: Schoolly D. Der heute 41-Jährige aus Philadelphia war wahrscheinlich der erste überregional relevante MC, der sich auf seinen Songs, ohne mit der Wimper zu zucken, als Gangster stilisierte – Freddy Fresh etwa verweist auf die 1983 erschienene 12“ »Gangster Boogie«, im Grunde eine Partyplatte nach Art der Zeit, auf der Schoolly aber die Textzeile »I shock all the ladies with my gangster lean« verwendet.

Was damals im krassen Gegensatz zum Zulu-Nation-Credo »Peace, Love, Unity And Having Fun« stand, lässt sich heute ohne Probleme und vollkommen wertfrei als Pionierarbeit identifizieren. Ice-T drückte sogar explizit aus, dass er von Schoolly Ds asozialen Texten so beeindruckt war, dass er ganze Textzeilen oder Reimschemata von ihm übernahm: »All he did was represent a gang on his record. I took that and wrote a record about guns, beating people down, and all that with ‚Six In The Morning‘.« (Ice-T gegenüber dem »Props Magazine«). Und selbst KRS-One, der eifrigste Fahnenschwenker des Conscious Rap, der nimmermüde Hood-Teacher, der Straßenprediger aus dem Temple of HipHop, war früher ein Bullets sprayender Hardcore-Rapper. Vor der Release des Boogie Down Productions-Überklassiker »Criminal Minded« aus dem Jahr 1987 machte KRS vor allem durch seine Songs wie »9mm Goes Bang« auf sich aufmerksam, in dem er beschreibt, wie er rivalisierende Weed-Dealer erschießt, nachdem sie vorher versucht haben, ihn in seinem Haus zu töten. Kurz nach dem Release von »Criminal Minded« wurde BDPs DJ Scott LaRock erschossen, und die Frage nach der Realness hast erstmals einen so handfesten wie bitteren Hintergrund. War KRS-One wirklich der Typ, als der er sich on wax ausgab? Und holten seine Crew jetzt also ihre Lyrics auf der anderen Seite der Scheibe wieder ein, gnadenloser, als eine Line jemals sein könnte?

Gut ein Jahr später jedenfalls sollte eine noch greller leuchtende Kugel den Gangstarap-Himmel durchmessen – und zwar straight aus Kalifornien. Die Mischung aus der krächzenden, nasalen Stimme des vorgeblichen Ex-Dealers Eazy-E, gepaart mit der knallharten Delivery von Ice Cubes, den Reimen von MC Ren und den treibenden Beats von Dr. Dre und DJ Yella, ließ das prüde Amerika aufstöhnen. Die Massenmedien bannten das Erstlingswerk »Straight Outta Compton« aus sämtlichen Playlists, alle Moralisten dieser Erde demonstrierten empört gegen die explizite Art der Gewaltdarstellung. Gangstarap wurde zur Zielscheibe von Politik und Medien und drehte nebenbei die alte Diskussion einfach um: Es ging nicht mehr darum, wie das weiße Establishment die afro-amerikanische Community klein hält, sondern wie die Musik der Schwarzen die (weiße) Gesellschaft ins Verderben stürzt. Die Angst ging um, und trotzdem: Gangstarap war im Mainstream angekommen. Echter Gangstarap von Menschen mit einer (zumindest teilweise) unwiderlegbaren kriminellen Vergangenheit, die nicht mehr ungeliebte Schockproleten waren, sondern globale Popstars. Man vergisst das heute ja gerne. Weil man die Geschichten schon so oft gehört hat. Aber ist es nicht eigentlich schon ein bisschen erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit heute aktenkundige Gewaltverbrecher und Drogenhändler bei »MTV Cribs« ihre Luxusapartments herzeigen, Galas moderieren oder für Mobiltelefone und Wellness-Getränke werben?

Der Zusammenhalt, die Verschlossenheit nach außen, die unbedingte Loyalität der Mafia-Clans, gepaart mit dem Glamour, der einen Gangster von Natur aus umgibt, sind Leitmotive des Gangstarap.

Parallel zur immer tieferen Verankerung von Gangstarap im Mainstream wurden auch die Fragen immer lauter, wie das denn alles so sei mit den Images und ihrer Entsprechung in der realen Welt. Prodigy von Mobb Deep zum Beispiel, Mitte der Neunziger einer der Protagonisten des aggressiven New Yorker Thug-Raps, musste öfter Disses anderer MCs ertragen, die davon erzählen, dass er nicht durch die eigene Hood laufen könne, ohne abgezogen zu werden. Dabei war offensichtlich, dass Gangstarap seine Inspiration zumindest nicht ausschließlich aus dem direkten Umfeld bezog, berühmte Drogendealer oder Mafia-Bosse wurden ebenso oft zitiert wie Kultfilme aus eben diesem Milieu. Scarface von den Geto Boys zum Beispiel ist schon in seinem Rapnamen offensichtlich beeinflusst von Tony Montana, dem Kilos verschiebenden Exilkubaner aus Brian DePalmas »Scarface« von 1983. Tonys Aufstieg vom politischen Flüchtling zum mächtigen Kokainlord war der amerikanische Traum, ohne der amerikanische Traum zu sein, ein Tellerwäscher-Millionär-Märchen in hart. Ein mensch vom Rande der Gesellschaft, der mit Gewalt und Härte, Cooles und Straßenintelligenz den Aufstieg zu purem Luxus gewagt und geschafft hat – viele Menschen in den Ghettos der US—Großstädte sahen darin eine perfekte Identifikationsfläche. Kaum ein Album kam ohne mindestens einen Skit oder Verweis auf den Film aus: Biggies »10 Crack Commandments« basiert auf »Scarface«, Mobb Deeps »It’s Mine« basiert auf »Scarface«, und die Introszene von Mariah Careys »Heartbreaker«, in der Jay-Z seinen Verse in einem Badezimmer tappt, während er eine Zigarre und einen Cognacschwenker hält, basiert auf »Scarface«. Tony Montana, ein Idol der Rapper, from nothing to something – die Rückkehr zu »nothing« wurde meist galant unter den Tisch fallen gelassen.

Aber nicht nur der schnelle Reichtum, auch die Verhaltensregeln von organisierten kriminellen Gruppen üben auf HipHop seit jeher eine verführerische Wirkung aus. Der Zusammenhalt, die Verschlossenheit nach außen, die unbedingte Loyalität der Mafia-Clans, gepaart mit dem Glamour, der einen Gangster von Natur aus umgibt, sind Leitmotive des Gangstarap. Bekannteste Inspirationsquelle: der Film »Goodfellas«. Dessen prägnantestes Zitat: »You know, we always called each other good fellas. Like you said to, uh, somebody: You’re gonna like this guy. He’s all right. He’s a good fella. He‘s one of us. You understand? […] See, it’s the highest honour they can give you. It means you belong to a family and crew. It means that nobody can fuck around with you. It also means you could fuck around with anybody just as long as they aren’t also a member. It’s like a license to steal. It’s a license to do anything.« Memphis Bleek zum Beispiel benutzte diese Stelle in leicht abgewandelter Form für sein Intro zu »M.A.D.E.«. Auch der heute so populäre und von Cam’ron oder Busta Rhymes aktiv (oder vielmehr: passiv) praktizierte Slogan »Stop Snitching« ist im Grunde eine Abwandlung der eisernen Mafia-Regel der Omerta, der »Pflicht des Schweigens«, deren Bruch mit dem Tod geahndet wird. Loyalität und Stolz ist oberstes Gebot. Die Macht, über das Leben eines Menschen zu bestimmen. Du kooperierst nicht, du bist tot. Du kannst nicht zahlen, du bist tot. Du verrätst die Familie, du bist tot. Das organisierte Verbrechen hat Macht, und genau das lässt es so verführerisch wirken. So verführerisch, dass Rapper ganze Alben über die Mafia recorden. Doch inwieweit darf man einem Musiker abnehmen, dass er knietief im Sumpf des Verbrechens watet? Dass hier ein echter Schläger, Zuhälter oder Chemiker am Mic steht und nicht bloß jemand, der es versteht, sein Publikum wie im Film auf eine echt wirkende falsche Fährte zu führen? Dass hier nicht der so oft imaginär gebattelte Faser am Mic tappt, der Antichrist des HipHop?

Die Frage jedoch bleibt: Warum wollen alle Gangstarapper, die doch augenscheinlich alles besitzen, so sein wie reine Gangster?

1995 begründete Raekwon ein völlig neues Subgenre im Gangstarap, indem er auf seinem Solo-Debüt »Only Built 4 Cuban Linx« gekonnt Wu-Tang-Ästhetik mit Drogenpoetry und Mafioso-Weisheiten mischte. Angereicht mit Zitaten aus “Scarface” waren es vor allem die bildhaften Geschichten über die Grundzüge und Handhabung des Drogenschmuggels sowie den angenehmen Seiten des illegalen Geschäfts, die den Reiz ausmachten. Hier ging nicht mehr um die üblichen kleinkriminellen Hoodepisoden rund um Drive-Bys, Grasverticken, Abziehen und Abgezogenwerden, sondern vielmehr um eine quasi filmische Aufarbeitung des ganz großen Verbrechens. RZAs cineastische, mit Streichern und Pianos gefütterten Beats bereiteten die Unterlage für ein atmosphärisch beängstigend dichtes Werk der Storytellingkunst. Man musste Raekwon und seinem Reimpartner Ghostface Killah glauben, so real wirkten diese Geschichten und Insiderinfos, obwohl im Grunde jeder wusste, dass hier eher begnadete Dichter am Werk waren als aktive Drogenlords. Aber man weiß ja auch, dass Al Pacino und Brian DePalme eher selten Schnee schippen und zieht sich »Scarface« trotzdem so gerne rein wie Schweinis Bogenlampen gegen Portugal. Klar, in Zeiten, da die Internet-Blogs und Hood-DVDs voll sind von harten Typen, die ihre Verbrechen anpreisen wie Trophäen und gleichzeitig über »Studio-Gangster« lästern, ist der Talk durchaus ein anderer. Aber Fakt ist, dass Gangstarap immer schon von einer ganz eigenen Mischung aus Fiktion und Wahrheit gekennzeichnet war – egal, wie vehement die Früher-war-alles-besser-Apologeten auf Ehrlichkeit pochen.

Die Frage jedoch bleibt: Warum wollen alle Gangstarapper, die doch augenscheinlich alles besitzen, so sein wie reine Gangster? Wahrscheinlich, weil die meisten eben doch keine normalen McD-Mitarbeiter sind, die von ihrem Label ein komplett konstruiertes Image übergestreift bekommen, sondern Klein- bis Mittelkriminelle, die sich in ihren Lyrics lieber als Don denn als strugglender Kleinunternehmer darstellen. Welcher Schläger schiebt sich schon durch den Club, um zu vermitteln, dass er vielleicht ein klein wenig krasser als die andern ist? Welcher Playa prollt, er hätte durchaus einen vergleichsweise langen Dödel? Und welcher Dealer sagt dem Splitter, er hätte ganz brauchbares Weed zu ‘nem okayen Kurs am Start? Eben. So kommt es dann auch, dass der eine oder andere Rapper mit wachsendem Reichtum den persönlichen Film immer härter fährt. 2Pac war dafür das Paradebeispiel, in seiner »Vibe«-Biografie heißt es, er hätte oft eher gelebt, was er gerappt hat, als umgekehrt. Auch T.I.‚ der sich grade für eine Kaution von drei Millionen Dollar vorübergehend freigekauft hat, nachdem bei ihm neun größtenteils großkalibrig—vollautomatische Waffen gefunden wurden, dürfte in diese Kategorie fallen: Mit diesem Equipment hätte Tony Montana das Filmende wahrscheinlich überlebt…

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