Jay-Z – 4:44 // Review


(Roc Nation/Universal)

Reue und Scham, die zwei ungeschriebensten aller Rapgesetze. Lange Zeit ließ unser hypermaskulines Musikgenre kaum Zweifler zu. Das Bild des unfehlbaren Mannes hält sich auch 2017 noch hartnäckig, aber – hamdullalah – es bröckelt. Jay-Z startete seine Jahrhundertkarriere bereits mit begründeten Zweifeln, beichtete im Outro seines Debütklassikers (»In order to survive gotta learn to live with regrets«), ging dann aber den bequemen Weg als smartester Angeber und Lebemann der Popgeschichte. Obwohl er sich als Wohltäter inszenierte, war Shawn Corey Carter immer erst knallharter Kapitalist und dann der beste Rapper des Universums. 800 gemachte Millionen später, reißt es ihn um 4:44 Uhr aus dem Schlaf. Er hat alles, was er sich je erträumt hat – und seine Frau betrogen. Vor seinen Augen rattert der wichtigste Song seiner Karriere runter; die überfällige Entschuldigung an Beyoncé, Blue Ivy und die noch ungeborenen Zwillinge, die er so lange nicht zu ­schreiben wagte – und der Ausgangspunkt und Mood zu Jiggas bestem Album seit fast 14 Jahren. Die Basis für einen New Jay: S. Carter, der Nahbare. So fehlbar und irdisch war er noch nie wie auf seinem 13. Studioalbum, dem Grown-Men-Gegenstück zu Queen Bs Ehebruchs-Epos »Lemonade«. Er musste liefern, nach seiner »Aufzug in die Hölle«-Fahrt mit den Knowles-Schwestern. Aber Jay wäre nicht der GOAT, wenn er unter Druck und in der Defensive nicht über sich hinauswachsen würde. »4:44« ist tatsächlich eher Reaktion als Aktion: auf die Szene, die Welt und die großartigen Empowerment-Alben von Schwägerin Solange und Beyoncé, die darauf persönliches Leid mit dem großen Ganzen in Bezug setzten, Black Excellence zelebrierten. Über den Ego-Suizid (»Kill JAY-Z«), das Outing seiner Mutter, Fehlgeburten und Details seines Fremdgehens erfährt man mehr über Shawn, als der je preis geben wollte. Decoded werden muss hier gar nichts mehr. Und immer wieder schlagen die Meta-Bezüge zur Szene und dem Struggle aufs Gemüt. In der Oscar-Parabel »Moonlight« weißt Hova der Opiumjugend aus der Alptraumfabrik LaLaLand in die Unabhäng­igkeit. Auf »Smile« lässt er Schwäche zu, um schwarze Stärke zu demonstrieren. Eben weil nichts perfekt ist – von der Abmischung des Albums zum Eheleben über die Lage der Nation – klingt »4:44« entblößt, nackt, in ­jeder Zeile essenziell. Hall-Of-Fame-Hov flowt wie im »Dear Summer« 2005 und be­geht mit No I.D. – ausgerechnet Kanyes Mentor – eine Komplett-Soul-Radikalkur, als verfasse er einen neuen »Blueprint«: musikalisch, persönlich und sozial. Jays erstes Gesamtwerk, das mit nur einem Produzenten entstand, ist sein gerapptes Testament an die Nachkommen – Weisheiten eines geläuterten Hustlers, der alles gesehen hat. »American Gangster« im Doku-Format. Natürlich spielt auch Reichtum eine zentrale Rolle – nur erstmals nicht zum Selbstzweck, sondern als Gemeingut. Jay bereut seine unternehmerischen Jahre und verteufelt als Hood-Anlageberater die Gentrifizierung Brooklyns. Das Momentum der Sünde schlägt in Selbstermächtigung um. Das macht »4:44«, trotz dummer antisemitischer Zeile (»The Story of O.J.«), zum besten Rapalbum, das ein Ü-45er je aufgenommen hat, einer Perspektive für würdevolles Altern im Rap und einem nicht ganz uneigennützigen Friedenangebot. Denn wer könnte es besser wissen als Jay: »We all lose when the family feuds«.

4:44 [Explicit]
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JUICE-Redakteur.