Imiskoumbria: »Die jungen griechischen Rapper recyceln lediglich unsere Ideen von früher« // HipHop ’Round The World

Imiskoumbria

Imiskoumbria ist die bekannteste und erfolgreichste Rap-Crew Griechenlands. Keine andere Band hat die dortige HipHop-Szene so maßgeblich mitgeprägt und über die griechischen Landesgrenzen hinaus solch eine Pionierarbeit geleistet wie die beiden Rapper Mithridatis und Dimitris Mentzelos sowie ihr DJ Pritanis. Im Herbst werden die drei Athener ihre Tracks nun erstmals auf deutschen Bühnen performen (Tourdates auf ­astamatitos.­de). Wir sprachen vorab schon mal mit Rapper Mithridatis über die hellenische Rapszene, Schattentheater und die griechische Finanzkrise.

Wie seid ihr zu HipHop gekommen?
Das war in den Achtzigern. Damals war es sehr schwer, in Griechenland an Rapmusik zu kommen. Das Internet und HipHop-Zeitschriften gab es nicht, und auch kein Musikfernsehen. Unsere einzige Quelle waren Plattenläden, und selbst dort gab es nur eine recht begrenzte Zahl von Rapalben – vorwiegend aus den ­Staaten. Wir haben die Platten meist gekauft, ohne überhaupt die Künstler zu kennen. (lacht) Als dann Mitte der Neunziger das Musikfernsehen aufkam, das wir über Satellit empfangen konnten, haben wir mehr mitbekommen.

Welche Künstler haben euch damals am meisten beeinflusst?
Die Beastie Boys, Run DMC und die New School der Neunziger: De La Soul, A Tribe Called Quest, Black Sheep.

Wie muss man sich die HipHop-Szene in Griechenland vorstellen, als ihr angefangen habt?
Da gibt es nichts vorzustellen: Es gab keine Szene. Zwischen 1993 und 1996 gab es dann die ersten kleinen Anläufe von drei, vier Bands, die das begründet haben, was wir heute griechische HipHop-Szene nennen.

Lyrisch würde ich uns als eine Mixtur aus den Beastie Boys und Eminem beschreiben.

Wie habt ihr euch damals kennengelernt?
Mein Rap-Kollege Dimitris Mentzelos war in den Neunzigern ein griechischer Radioshow-Produzent, der die einzige Sendung verantwortet hat, die damals Rap im Radio gespielt hat. DJ Pritanis und ich haben die regelmäßig gehört, dadurch haben wir uns kennengelernt. Wir waren regelrechte HipHop-Enthusiasten, und davon gab es damals nur wenige. Daher waren wir stets auf der Suche nach Gleichgesinnten, mit denen wir uns austauschen konnten – und haben uns dadurch gegenseitig gefunden.

Was bedeutet euer Bandname Imiskoumbria?
Imi bedeutet »halb« und Skoumpri heißt »Makrele«. In unserem Freundeskreis steht Makrele für eine hinter­hältige Person, die sich gerissen aus schwierigen Situationen herauswindet – wie ein Fisch eben. Und das sind wir – aber eben nur halb. (grinst)

Ihr habt früh in eurer Muttersprache gerappt. War es anfangs schwer, auf Griechisch zu flowen?
Nein, gar nicht. Wenn MCs in ihrer Muttersprache rappen, flowt das automatisch viel natürlicher, weil man sprachlich viel mehr Möglichkeiten hat. Das hat sich für uns direkt viel ­authentischer und ehrlicher angefühlt. Für Nichtgriechen mag Griechisch ungewohnt klingen, aber das ist eine sehr reiche Sprache, die einem als Rapper viel mehr Möglichkeiten bietet als das Englische. Der einzige Nachteil des Griechischen ist, dass es eine Menge vielsilbriger Worte enthält, die manchmal schwer in einen Text zu packen sind.

 

Wann hat sich bei euch der erste Erfolg eingestellt?
Schon mit unserem Debütalbum »30 Khronia Epitikhies« von 1996 – das ist direkt Gold gegangen. Unser größter Erfolg war dann aber dessen Nachfolger »O Dhiskos Pu Dhiafimizete«, der in Griechenland Platin und in Zypern Gold ging.

Ihr habt Ende der Neunziger euer eigenes Label ImizBiz Entertainment gegründet. Warum?
Die Firma haben wir gegründet, um darauf sämtliche Releases von Imiskoumbria unterzubringen. Gleichzeitig wollen wir andere Künstler supporten, andere Talente mit einer eigenen Energie, an die wir glauben. Einer von ihnen ist Sexpyr, unser musikalischer »Lehrling«, der in der Lage ist, den Imis­koumbrismus weiterzutragen. Ein anderer ist Stereo Mike, der in London lebt, unser Label im UK repräsentiert und gerade ein paar richtig geile Sachen gemacht hat. Außerdem haben wir noch die TRIPA Crew und Sfalma, die die satirische HipHop-Szene in Griechenland erneuert haben, sowie S.M.A, eine der größten HipHop-Bands aus Thessaloniki.

Von Jahr zu Jahr werden die Probleme schlimmer. Da muss man kein Hellseher sein, um zu ahnen, wie es weitergeht.

Worüber sprecht ihr in euren Tracks?
Von unserem ersten Tag an war unser Stil satirisch, sarkas­tisch und rebellisch mit viel Humor. Vordergründig geht es in unseren Songs aber meist um Alltagsthemen, die der griechischen Seele entspringen. Meist zeigen wir dadurch auf lustige Art und Weise gesellschaftliche Probleme Griechenlands auf. Lyrisch würde ich uns als eine Mixtur aus den Beastie Boys und Eminem beschreiben.

Wie muss man sich die griechische HipHop-Szene heute vorstellen?
Eigentlich gibt es keine richtige Szene. Die meisten HipHop-Künstler achten nicht auf Qualität und nehmen ihr Schaffen selbst nicht ernst. Wir haben damals ein viel größeres kulturelles Bewusstsein mitgebracht und uns alles von amerikanischen Bands abgeschaut. Die jungen griechischen Rapper von heute nehmen bloß uns als Referenz – dadurch ist deren musikalischer Horizont viel kleiner. Die recyceln lediglich unsere Ideen von früher, bringen aber nichts Eigenes mehr rein.

Welches sind gerade die wichtigsten und spannend­sten Akteure der griechischen HipHop-Szene.
Mit denen führst du gerade ein Interview. (lacht)

Griechenland hat gerade ein paar wirtschaftliche Schwierigkeiten. Inwiefern halten diese Einzug in die Lyrics griechischer Rapper?
»Ein paar Schwierigkeiten« ist gut! Wir haben seit 2008 massive finanzielle Probleme, und von Jahr zu Jahr werden die schlimmer. Da muss man kein Hellseher sein, um zu ahnen, wie es weitergeht. Wir haben über die griechische Finanz­krise auch einen Song gemacht namens »Pos Na Sou To Po«, was so viel heißt wie: »Wie soll ich dir das erklären«.

Ihr feiert in diesem Jahr das 20-jährige Jubiläum eures Debütalbums »30 Khronia Epitikhies«. Was waren die einschneidendsten Erlebnisse in dieser Zeit?
Ein Highlight war auf jeden Fall unser Auftritt in der Universität von Athen, wo wir exklusiv vor Professoren gespielt haben. Es ging dabei darum, ihnen den Gebrauch der griechischen Sprache in einem ausländischen Musikstil zu zeigen; die Art und Weise, wie wir sie für diesen Zweck genutzt haben, sowie den Prozess, neue und originelle Worte zu kreieren. Das war toll! Legendär waren auch unsere zwölf ausverkauften Shows im Megaron, der Athener Konzerthalle, wo sonst nur klassische Musik und Opern laufen und wir eine Performance abgeliefert haben, die eine Mischung war aus Konzert und Schattentheater.

Euer Debütalbum trägt übersetzt den Titel »30 Jahre Erfolg«. Zwei Drittel des Weges habt ihr nun bereits hinter euch.
Ja, das stimmt. Und so viel steht fest: Sollten wir bis dahin durchhalten, wird es 2026 eine riesige Party geben! Dann werden wir sicher auch ein Album releasen. Das nennen wir dann möglicherweise »30 Years Of Success For Real«. (lacht)

Ihr spielt im September erstmals ein paar Shows in Deutschland. Welche Erwartungen habt ihr daran?
Wir freuen uns sehr darauf und hoffen, dass sowohl ­deutsche als auch griechische HipHop-Enthusiasten uns die Ehre erweisen und den Beweis antreten: Musik kennt keine Grenzen!

 
Imiskoumbria gehen im Herbst auf Deutschlandtour:
28.09. – Frankfurt, Das Bett
29.09. – Aachen, Musikbunker
01.10. – Berlin, SO36
02.10. – Hamburg, Hafenklang
03.10. – Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld

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Dieses Interview erschien als als Teil unserer Serie »HipHop ʻRound The World« in JUICE #175 (hier versandkostenfrei bestellen). Alle weiteren Art im Rahmen von #HHRTW erschienenen Features und Interviews findest du hier.

Cover 175 klein

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