Ice Cube: »Es gibt viele Gangster, die auch heute noch ‚Sesamstraße‘ schauen.«

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Ice Cube ist vieles: N.W.A-Gründungsmitglied und Gangstarap-Vorreiter, erfolgreicher Solorapper und Schauspieler, Entertainer und Geschäftsmann. Er ist der selbsternannte »Nigga Ya Love To Hate« und ungekrönter »King Of HipHop« [JUICE-Ausgabe 133; Anm. d. Verf.], behauptete einerseits »I Am The West«, leitete 1990 mit seinem ersten Soloalbum andererseits aber den Brückenschlag zur Eastcoast ein – »AmeriKKKa’s Most Wanted« und »America’s Nightmare« zugleich. Eine Figur also, mit der es viel zu bereden gibt. Im Zuge seines Deutschlandbesuchs anlässlich der Premiere des N.W.A-Biopics »Straight Outta Compton« haben wir Cube getroffen und mit ihm über Themen wie Polizeiwillkür, eine N.W.A-Reunion und die »Sesamstraße« gesprochen.

Du hast N.W.A mal als »Voice for the voiceless« bezeichnet. Wie wichtig sind Rapper heute noch in dieser Funktion, da es das Internet gibt und sich jeder zu jeder Zeit öffentlich äußern kann?
Ich halte es immer noch für wichtig, dass Rapper aufstehen und ihre Stimme für die Leute erheben – selbst wenn diese mittlerweile für sich selbst sprechen können. Aber es macht einen Unterschied, ob sich jemand seinen Frust über einen bestimmten Umstand auf einem Blog Luft macht oder das Ganze in mitreißende Musik verpackt und in einem geilen Song zum Ausdruck bringt. Und ganz ehrlich: Ein guter Track bekommt nicht nur mehr Aufmerksamkeit, sondern hat auch eine viel höhere Halbwertszeit als ein Kommentar im Internet. Rapper haben nach wie vor die Fähigkeit, Leute mit ihren Worten in ihrem Innersten zu bewegen. Über Blog-Einträge habe ich so was noch nie gehört.

Mit N.W.A habt ihr eure ersten Songs vor mehr als dreißig Jahren veröffentlicht und damit die Blaupause für Gangsta- und Streetrap geliefert. Mittlerweile bist du nicht nur ein erfolgreicher Musiker, sondern auch Schauspieler, Entertainer und Geschäftsmann. Was hast du jungen Leuten heute noch zu sagen, was für sie von Belang ist?
Mit unseren Songs hatten wir immer ein Ziel: Unsere Situation durch die Musik zu verbessern. Es ging uns nie darum, Gangstergeschichten nur um der Gangstergeschichten willen zu erzählen, sondern über die bestehenden Umstände aus unserer Perspektive zu berichten und somit andere Sichtweisen zu liefern. Dadurch kannst du einerseits du selbst bleiben, andererseits aber auch erfolgreich werden – ohne deshalb immer im Einklang mit der Öffentlichkeit zu sein.

 

Vor einigen Jahren hast du mal gesagt, dass man in einer Jugendkultur wie HipHop mit der Jugend auf einer Wellenlänge bleiben muss, um nicht an Relevanz einzubüßen. Siehst du das immer noch so?
Ich schere mich nicht um Relevanz. Ich achte darauf, ich selbst zu bleiben – auch wenn das dazu führt, dass meine Songs heute nicht mehr im Radio gespielt werden, weil die dort nur neue Künstler featuren, die dem musikalischen Zeitgeist entsprechen. So funktioniert die Musikindustrie eben. Aber ich ordne mich dem nicht unter. Und ich freue mich über jeden, der mir auf meinem Weg folgt. Ich weiß jedenfalls, dass ich mich dadurch nicht verliere.

Gab es derlei Situationen im Verlauf deiner Karriere denn schon mal?
Wenn man sein drittes oder viertes ­Album macht, dann möchte man sich nicht wiederholen und schaut auch mal, was man anderes machen kann – das ist dann nicht automatisch das Richtige, und das war es auch bei mir nicht immer. Manchmal sind es aber auch äußere Umstände, die dich in eine Ecke drängen, in der du dich selbst nicht siehst – in die du dich aber schubsen lässt, weil du noch jung bist und nicht das Selbstbewusstsein hast, dich dagegen zur Wehr zu setzen – wenn deine Plattenfirma zum Beispiel möchte, dass du wie ein anderer Künstler klingst, der gerade einen Hit hat.

Solche Diskussionen mit Plattenfirmenmenschen musst du heute aber doch sicher nicht mehr führen, oder?
Nein, das liegt hinter mir. Aber früher war es so: Wenn Leute Geld in mich investiert hatten, wollten sie es natürlich mit Gewinn zurückbekommen. So ist das doch in allen Bereichen: Musik, Film, Sport, Politik. Alle reden sie auf dich ein. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich Platten gemacht habe, die ich nicht leiden konnte – oder zumindest vereinzelte Songs. Künstler sollten aber immer die Freiheit haben, ihre Grenzen auszutesten, um sich auch weiterentwickeln zu können – selbst wenn das nicht immer zu guten Ergebnissen führt. Echte Fans verkraften es aber, wenn ein Künstler mal ein oder zwei schlechte Songs veröffentlicht. Nur so kann er zu sich selbst finden und herausfinden, wo er hin will. Die kreativen Ziele verändern sich schließlich mit der Zeit.

Hast du es als schwierig empfunden, als du plötzlich berühmt warst?
Natürlich. Wenn du aus der Hood kommst und ein bisschen Musik machst, dich dann aber plötzlich auf riesigen Bühnen wiederfindest und dich das ganze Land kennt, dann musst du aufpassen, dich in diesem Irrsinn nicht zu verlieren. Du sitzt plötzlich zwischen den Stühlen: Einerseits kannst du nicht wieder in die Hood zurück und so tun, als sei alles beim Alten, andererseits gehörst du aber nach wie vor nicht zur High Society. Also machst du Platten und versuchst, dich irgendwie dazwischen durchzumanövrieren – und wieder zurück zu den Basics zu finden, die dich damals ausgemacht und berühmt gemacht haben.

Das Ding ist doch: Wenn du Steine auf Hunde wirfst, werden nur die anfangen zu heulen, die getroffen werden. Und wenn du keiner dieser Scheiß-Polizisten bist, warum sollte dich »Fuck Tha Police« dann treffen?

Du hast vor deinem Erfolg mal gesagt, dass du dich vom Game nicht verändern lassen möchtest. Hat das geklappt?
Ja. Ich bin dieselbe Person, die ich ohne das Game geworden wäre. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Leute häufiger Fotos von mir machen wollen, als es ohne das Game wohl der Fall gewesen wäre. (grinst) Meine Persönlichkeit hat sich nicht verändert, nur mein Bekanntheitsgrad.

Über die N.W.A-Zeit hast du mal gesagt, dass ihr die Musik damals als Waffe benutzt habt. Gibt es heute noch Kämpfe, die du mit Hilfe der Musik bestreitest?
Natürlich. Mir geht es immer noch darum, die bösen Kräfte zu bekämpfen, die dafür sorgen, dass Menschen sich gegenseitig umbringen. Und es ist doch so: Die Gegenden, die die Regierung sauber und friedlich haben will, die räumt sie auf und sorgt für Ruhe. Die anderen Gegenden, auf die die Regierung scheißt, sind dann eben genau das: Kloaken. Und daran hat sich in den letzten Jahren, in den letzten Jahrzehnten nichts geändert.

Deine Waffe ist also dieselbe geblieben, du variierst lediglich die Munition.
Ja. Heute benutze ich nicht mehr nur Rapmusik, um auf die Umstände aufmerksam zu machen. Ich mache auch Filme, Serien und setze mich in Fernsehshows. Und: Ich als Person inspiriere Leute, indem ich tue, was ich tue. Indem ich der bleibe, der ich bin, mache ich den Leuten Mut, ihr eigenes Ding durchzuziehen. Ich zeige den Leuten: Lasst euch nicht aufhalten!

Mit »Fuck Tha Police« habt ihr damals als erste öffentlich über ein Thema gesprochen, das später durch sämtliche Medien ging: Willkürliche Polizeigewalt, wie sie 1991 der Afroamerikaner Rodney King zu spüren bekommen hat. Wie ernüchternd ist es, dass sich seither offensichtlich nichts an der Polizeiwillkür geändert hat, wenn man sich die traurigen Beispiele aus Ferguson, Baltimore, Charleston ansieht?
Das ist schlimm. Nach wie vor. Man könnte so viel tun, aber die Leute, die das zu verantworten haben, rühren sich nicht; die Leute in den obersten Polizeietagen, die die Befehle geben. Diese Menschen könnten etwas verändern, aber sie tolerieren und unterstützen das auch noch. Das scheinen ganz kranke, perverse Motherfucker zu sein, denen offensichtlich einer dabei abgeht, uns leiden zu lassen und auf uns einzuprügeln.

Hat sich seither denn gar nichts ­verändert?
Doch, ein bisschen schon. Sieh dir doch die Welt vor N.W.A an: Damals hat niemand die Polizeiarbeit öffentlich in Frage gestellt – geschweige denn, Polizisten vor Gericht gestellt. Heute gibt es zumindest ein kollektives Schamgefühl über die Missstände. Immerhin. Es gibt auch ein paar Anklagen, einigen Polizisten drohen Strafen. Und durch die Omnipräsenz von Kameras und Handys werden derlei Untaten auch immer häufiger dokumentiert – selbst wenn das bei Rodney King damals nicht viel gebracht hat.

 
Ein ehemaliger Polizist hat letztens öffentlich geäußert, jetzt wäre nicht die richtige Zeit, um einen Film wie »Straight Outta Compton« ins Kino zu bringen, weil das zu einer Eskalation der angespannten Situation führen könnte. Was sagst du dazu?
Wann soll denn bitte der richtige Zeitpunkt sein, um über Missstände zu berichten, wenn nicht dann, wenn sie akut sind? Und das sind sie ja bereits seit vielen Jahren! Es ist doch nicht meine Schuld, dass die Leute immer noch dieselbe Scheiße verzapfen. Und nur, weil es schmerzhaft ist, dieser Wahrheit ins Auge zu blicken, werde ich sie nicht verleugnen. Die sollen endlich dafür sorgen, dass sich etwas ändert. Vielleicht macht ihnen dieser Film bewusst, dass es Zeit wird.

Jeder hat ja ab und an mal mit ­Polizisten zu tun. Wie reagieren die, wenn du auf sie triffst und sie dich erkennen? Immerhin hast du mit »Fuck Tha Police« die Anti-Polizei-Hymne schlechthin geschrieben.
Ach, in der Regel sind die cool mit mir. Mittlerweile zumindest. (lacht) Seit ich berühmt bin und auch in Kinofilmen mitspiele, hatte ich nie wieder Probleme mit der Polizei. Es gibt sogar Polizisten, die mir Props für den Song geben. Das Ding ist doch: Wenn du Steine auf Hunde wirfst, werden nur die anfangen zu heulen, die getroffen werden. Und wenn du keiner dieser Scheiß-Polizisten bist, warum sollte dich der Song dann treffen? Die sind ja nicht gemeint.