Hirntot Records: »Die haben den entsprechenden Gewaltdarstellungsparagraphen erweitert – unsertwegen!« // Interview

2016 - LouiseAmelie-6026 foto von Louise Amelie

Wie viel Prozent der JUICE-Leser schon mal ein Hirntot-Records-Album gehört haben? Vermutlich weniger als zehn. Die Musik der Psychocore-Großfamilie war eben nie massentauglich. Nun rekapituliert Hirntot die eigene Geschichte mit »HT 100«, einem Labelsampler, der gleichermaßen Standortbestimmung wie Rückblick auf eine Dekade Labelgeschichte ist. Um diese auch verbal zu rekapitulieren, trafen wir uns unlängst mit Blokkmonsta, Schwartz, Rako und Hirntot-Labelmanager Nils Davis. Was sie über das hohe Gut der Kunstfreiheit und ihre Reibereien mit dem deutschen Staatsaparat zu erzählen hatten, dürfte selbst jene neunzig Prozent interessieren, die die Releases des Labels bisher nicht mal mit der Kneifzange angefasst haben.

Macht ihr auf eurem kommenden Sampler immer noch Psychocore/Horrorcore, für den ihr bekannt seid?
Blokkmonsta: »HT100« ist mehr: eine logische Weiterentwicklung von dem Sound, den wir in der letzten Dekade etabliert haben. Wir haben uns über die Jahre ja immer wieder neu erfunden, sind textlich und produktionstechnisch besser geworden. Trotzdem werden Fans der ersten Stunde immer noch ganz klar erkennen. Das ist Hirntot.
Schwartz: Wer unsere Alben kennt, weiß auch, dass wir nicht nur Psycho- und Horrorcore machen.
Blokkmonsta: »HT100« ist eine Zusammenfassung der letzten zehn Jahre und markiert den Weg, den wir gegangen sind; den Kampf, den wir hatten: mit der Polizei, dem Gesetz, dem Staat, den Politikern, den Medien und anderen Künstlern, die versucht haben, uns Steine in den Weg zu legen. Aber wir haben dem standgehalten. Zehn Jahre lang. Darüber reden wir auf dem Album.

Wie muss man sich eure Hardcore-Fans vorstellen?
Rako: Die sind krass! Das sind Leute mit Hirntot-Tattoos und Leute, die ihren Kindern Hirntot-Shirts und -Bandana anziehen.
Blokkmonsta: Mir haben Fans auch schon mal Fotos von einer Hirntot-Hochzeit geschickt: Das Brautpaar trägt auf den Bildern Hirntot-Bandanas und Dreilochmasken! (Gelächter)

Rako, Schwartz, wann seid ihr zum ersten Mal auf Hirntot aufmerksam geworden?
Rako: Ich habe mein Debütalbum »­Mentaler Kriegszustand« 2004 über Bassboxxx rausgehauen. Leider wurde das indiziert: B-Liste. Frauenarzt hat damals das Cover dazu gemacht, und weil Blokkmonsta zu der Zeit viel mit Frauenarzt und Manny Marc gemacht hat, kam ich mit Blokk in Kontakt.
Blokkmonsta: Wegen der Indizierung von Rakos Album habe ich damals schon Post an Hirntot Records bekommen, obwohl ich noch gar nichts mit ihm zu tun hatte. Auch die Indizierungspost an Frauenarzt und Manny Marc kam bei mir an. Die dachten wohl, ich sei der Kopf der ganzen gefährlichen Rapperbande. (lacht)
Rako: Blokk und ich haben uns dann aber aus den Augen verloren und erst 2010 wieder connectet, als ich ihn mal bei Facebook angeschrieben habe. Dann haben wir uns getroffen, einen ersten Track zusammen aufgenommen, und so ist dann erst eine Freundschaft und 2010 dann unser gemeinsames »Wir bringen das Drama«-Album entstanden.

Hirntot Records wurde 2005 ins Leben gerufen. Blokkmonsta, du hast aber schon Ende der Neunzigerjahre Musik gemacht, oder?
Blokkmonsta: Ja, das stimmt. Als ich 14, 15 war, hat mir mein Vater den Magix Music Maker gekauft, damit habe ich anfangs hobbymäßig erste Tracks gemacht. Frauenarzt und Manny Marc haben mir irgendwann Uzi vorgestellt, der ebenfalls aus Tempelhof kam und Horrorrap gemacht hat. Also haben wir zusammen Tracks aufgenommen. Weil dann aber der Untergrund-Hype von Frauenarzt und Manny Marc so groß war, dass die sich um nichts mehr kümmern konnten, haben wir aus der Not heraus Hirntot gegründet und unsere Platte »Hirntot« dort veröffentlicht. Bei der Platte habe ich fast alles selbst gemacht: Eigene Beats, selbstgestaltetes Cover, alles. Ein paar Jahre später konnte man das Album für 300, 400 Euro auf Ebay ersteigern.
Schwartz: Ich wiederum habe Blokkmonsta ja 2004 im Internet kennengelernt. 2005 bin ich dann mal nach Berlin gefahren, wo wir unter anderem den Track »Fick die BpjM« aufgenommen haben, der uns nachher krass in den Arsch gefickt hat. Über einen mülligen Beat haben wir darauf richtig krass übertrieben, haben von Kopfabschneiden und dergleichen gerappt und uns keine Gedanken darüber gemacht, dass wir uns damit Ärger einhandeln könnten.
Blokkmonsta: Der Track ist entstanden, weil in unserem Umfeld bereits die ersten Indizierungen losgingen: Frauenarzt, Manny Marc, Aggro Berlin. Wir wollten damals für unsere Stadt einstehen und klarmachen: »Es geht nicht, dass ihr unseren Jungs den Mund verbietet!« Wir wollten einfach diejenigen ficken, die uns ficken wollten. Aber dafür haben die uns dann natürlich nur umso mehr gefickt.

Offensichtlich kamen die ganzen Indizierungsbescheide ja eh bei dir an.
Blokkmonsta: Deshalb hat mich das ja auch so sauer gemacht. Ich dachte mir: »Ich trage ja eine Maske, die erkennen mich nicht!« Dass die aber offensichtlich meine Adresse kannten, muss mir kurz entfallen sein. (lacht)

Wie seid ihr damals auf den Horrorcore-Film gekommen?
Blokkmonsta: Ich bin mit Amirap aufgewachsen. Damals gab es in Deutschland nur Blumentopf und so Zeug, wo die über ihr tolles Leben gerappt haben – das konnte ich mir nicht anhören. Erst mit Savas, Azad und Frauenarzt kam ich zum Rap auf Deutsch. Gerade die Berliner waren ja die ersten, die Wörter wie »Fotze« und »Hurensohn« benutzt haben, was damals skandalös war. Aber das war eben das, was wir auf der Straße jeden Tag gehört haben. So sind wir aufgewachsen, und das wollten wir widerspiegeln – da kann ich nicht über Sonnenschein rappen. Und als ich dann amerikanische Horrorcore-Rapper wie Brotha Lynch Hung entdeckt habe, hat das mein komplettes Rap-Verständnis gesprengt. In Deutschland gab es so etwas damals noch nicht. Es gab zwar Basstard, der Horrorthemen aufgegriffen hat, aber dieses Psychopathische, diese in Texten verpackten Gewaltfantasien – das war neu. Ich wollte einfach die Musik machen, die es hierzulande nicht gab. Aus Spaß. Was sich daraus alles entwickeln würde, war damals noch nicht abzusehen. Aber die Leute haben es gefeiert, dass jemand kam und den Mund aufgemacht hat – und keine Angst hatte vor möglichen Konsequenzen.
Schwartz: Und die Konsequenzen kamen. (Gelächter)
Blokkmonsta: Aber die haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Wir waren ja die ersten, bei denen Bullen wegen Musik Action gemacht haben; die ersten, die aufgrund ihrer Musik verurteilt wurden – wegen Volksverhetzung. Alle machen auf hart mit ihren Gangster-Images, aber bei keinem von denen ist jedes Jahr mindestens einmal das SEK vorbeigekommen. Die haben unsere Tür zerstört, uns kaputtgeschlagen, wir haben Anzeigen kassiert und mussten Unmengen an Kohle für Anwälte und Strafen bezahlen. Die anderen rappen nur davon, uns ist das wirklich passiert.

Foto: Louise Amelie

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