Hanybal: »Die Situation ist schon immer beschissen für uns Schwarzköpfe« // Interview

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Als Azzlack Stereotyp der ersten Generation vereint Hanybal die verschiedenen Frankfurter Schulen: Er rockt Azads Bomberjacken-Swag und -Pathos, babbelt hessisches Kanakis, hat den Hood-Humor von Celo & Abdi und zückt mit »Habeebeee« Nimo die »Vollautomatik«. Sein Top-15-Debüt brachte ihn »Weg von der Fahrbahn«, doch dessen Nachfolger »Haramstufe Rot« ist nun noch drastischer, düsterer und konsequenter. Es wird wieder Lila gemacht.

»Mit Axt in die Bank oder hast du ein Plan?« – Als Rapper ist Hany Pragmat. Ein Realo und – trotz herausragenden Parts für moderne Genreklassiker – der meistunterschätzte Straßenrapper der letzten zehn Jahre; die Sorte Featuregast, die dir verdammte Probleme bereiten kann. Seine Reime sind naheliegend, direkt, in die Fresse – und gerade deshalb so effektiv: »Ich bin kein Punchline-King/Ich punch dein Kinn« – ein klassischer Hany und die tumbste sowie einprägsamste Zeile auf Haftis »Russisch Roulette«-Remixalbum. Ebenso seine Feierabendstrophe vom »Ebbe und Flut«-Epos: Gzuz eröffnet furchteinflößend, Xatar bricht seinen Haftschaden auf 16 Zeilen runter und dann kracht Hanys bretterndes Organ rein: »Aaaah – krimineller Lebensstil, krumme Dinger drehen. Digga, Geld machen irgendwie.«

Der 439er berichtet live vor Ort als – die Phrase sei hier erlaubt – Straßenreporter über die Rheinmain Crimetime und erzählt für die weniger radiotaugliche Sido-Single Räubergeschichten von »Ganz unten«; eine schwarz-weiße Weltsicht ohne Graustufen, die durch sarkastische Seitenhiebe stellenweise aufgebrochen wird. Was Hafti in das grantige Genre einführte – ein hoffnungsvolles, nie ironisch gemeintes Augenzwinkern inmitten der grauen Plattenbaublocks –, treibt Hanybal noch auf die Spitze. Man kann Deutschlands bestfrisiertem Rapper einfach nicht böse sein, auch wenn er dir mit Spaten bewaffnet mies dreinschauend androht: »Muckst du uff, wird dein Kopf mit ner Schaufel zerteilt: Baustellenstyle!«

»Haramstufe Rot« ist sein bisher bestes Solowerk. Monothematisch, aber immer beeindruckend gerappt, erweitert Hany darauf seinen Kundenkreis, drückt Sprüche am Fließband, streicht Wände rot und versammelt die Schatzis von Solo bis Soufian um sich. Für Kindergarten-Rapbeef steht der 33-Jährige zu sehr im Leben – und im Krieg mit sich selbst. Von der atemraubenden ­Asphalthymne »Jag die Batzen« – das Intro zu »Haramstufe Rot« – bis zum abschließenden Albumhöhepunkt »Fick die Welt« auf einem Benny-Blanco-Brett, referiert er in kompromissloser »Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun«-Rhetorik. Sein trocken-unterkühlter Rapstil steht dabei ganz im Gegensatz zur höflich zuvorkommenden Privatperson Sascha-Ramy Nour. Knapp zwei Monate vor Release sitzt er in den Idéal Studios in Frankfurt, zieht am Joint und schaut zufrieden in die Webcam.

Du kommst gerade aus Barcelona ­zurück. War schön dort?
Da ging Luzi ab. Wir haben ein Video gedreht. Und ansonsten viel abgerissen.
Barcelona gilt für viele als das neue Amsterdam – dank der lockeren ­Cannabis-Gesetze.
Ich war vor zwei Jahren zum ersten Mal dort, da war es noch nicht ganz so heftig. Amsterdam wurde zerstört von Barca, auch wegen des Wetters natürlich. Weedtechnisch liegt Amsterdam schon noch vorne, weil die dort das stärkste Haze haben. In Spanien gibt es aber auch gute Standardsorten: Kritikal Bilbo zum Beispiel.

Wie »legal« kommt man dort an Gras?
Da gibt es Mariuhana-Clubs. Vor zwei Jahren musste man sich noch per E-Mail vorstellen und wurde dann eingeladen. Heute geht es nur noch über persönliche Empfehlung. Man muss ein Clubmitglied kennen, das einen dann mitnimmt.

 

Ich frag das, weil du dein Social-Media-Game in den letzten Monaten professio­nalisiert hast. Du hast vielleicht nicht die allergrößte Reichweite, man hat aber schon das Gefühl, dass du genau weißt, was du da tust.
Das hat mir Syn auch letztens gesagt: »Du hast das Instagram-Game gecheckt, Brudi!« Ich mach das aber unbewusst. Ich hab keinen Social-Media-Kurs besucht. (grinst)

Vielleicht solltest du solche Kurse ­anbieten?
Es gibt auf jeden Fall einige Kandidaten, die Hilfestellung benötigen könnten – was man so posten sollte und was nicht. Aber ich kämpf mich da ganz alleine durch.

Eine Geschichte, die viral ging, war dein »Beef« mit P. Diddy. Was war da los?
Das ist so ähnlich wie mit den Koalabären – auf THC entstehen die miesesten Storys. Ich hatte am Vorabend mindestens 15 Gramm geraucht, bin morgens wach geworden, weil ich pissen musste, und direkt auf Instagram gegangen. Da stand was von der Theorie, dass Puff in die Tötung von 2Pac involviert gewesen sein soll. Mit nur zwei, drei Stunden Schlaf und Druck auf der Blase bin ich direkt auf Puffs Seite – ohne zu recherchieren, ob das stimmt – und hab geschrieben: »Puffy, du Hurensohn, wir ficken dich.« (grinst) Irgendein Portal hat das dann aufgeschnappt und darüber berichtet.

Wie passt das mit dem Styles-P-Feature zusammen, das du auf deinem neuen Album hast? Ist er nicht geschäftlich verbandelt mit Diddy?
Ich hab auch ein Lied von Diddy mit French Montana in meiner Playlist und schon ­richtige Gewissensbisse: Darf ich das jetzt noch hören oder nicht? Aber wenn mir die Musik gefällt – scheiß drauf. Ich versteh schon, was du meinst: Styles P und Diddy sind bestimmt untereinander Schatzis. Auch wenn The Lox von Puff gemacht wurden – der Typ ist immer noch ein Bastard.

Das war nicht die erste internationale »Beef-Geschichte« der Azzlacks. Abdi hatte mal Stress mit Talib Kweli.
Aber das war nicht auf 15-Gramm-Über­dosis, sondern wohlbegründet. (grinst) Talib Kweli ist ein Hund! Der war auf einem Track mit Abdi. Abdi hatte ihn dann Backstage ­irgendwo getroffen und darauf ­angesprochen: »Hey, we got a song to­gether.« Und Kweli hat sich nur weggedreht: »Nah, I don’t know.« Richtiger Fotzenlecker, der Typ. Außerdem kannte ich den nicht mal vor der Geschichte. Keiner in meinem Block kennt oder feiert Talib Kweli.

Wie kommt man überhaupt an einen Sechzehner von Styles P?
Mein Manager Syn hat ihn angeschrieben, die ersten paar Wochen kam aber keine Antwort. Syn war dann im Urlaub in New York, und da hat sich zufällig die Managerin von Styles gemeldet, so wurde dann alles vor Ort gedealt.

Habt ihr auch andere US-Rapper ­kontaktiert?
Nein, nur Styles. Er ist für mich der beste Rapper aller Zeiten – unangefochten. Noch krasser als Pac. Ich kann jetzt aufhören zu rappen, ich habe Styles P auf meinem Album. Ciaoi, ich hab alles erreicht in meinen Augen.

Man hört, dass du Fan von ihm bist. Euer Rapstil ist sehr straight und schnörkellos. Bist du ein schneller Schreiber?
Ja, schon. Es kann sein, dass ich einen Part mal gestückelt über ein paar Tage schreibe. Aber normalerweise brauche ich für einen Standard-Part zwischen 15 Minuten und zwei Stunden.

Frankfurt-Heddernheim. Nur ein Steinwurf entfernt von der sagenumwobenen Nord­weststadt der Bankenmetropole, wächst Sascha-Ramy Nour als Sohn eines ­ägyptischen Vaters auf. Seine Fußballer­karriere, in der er für über zehn Vereine spielt, ist verheißungsvoll. In der A-Jugend verkracht er sich jedoch mit seinem Trainer, hängt frus­triert die Schuhe an den Nagel und danach auf der Straße ab. Der Landesliga-Kicker wird Parkticker; verliert sich im Viertel, bis die – so viel Klischee muss sein – Musik ihn rettet.

Hany ist gefühlt schon ein alter Hase im Frankfurter Rapdschungel. 2009 signt er als Bozz-Musiker der zweiten Generation und nimmt mit Partner Solo als 439 ein ultrahartes Straßenrapalbum auf. Doch die Tracks landen im Netz, und nur wenige Monate später schließt Azad das Kapitel/Label Bozz Music. Das frühe Ende einer Rapkarriere, die nie begonnen hat.

 

Was war das für eine Zeit, nachdem euer Album geleakt wurde?
Eine Kopffickzeit – aber generell, nicht nur wegen der Musik oder weil das Album im Internet gelandet ist; eher wegen der Um­stände, in denen wir lebten und teilweise heute noch leben. Aber der Leak hat uns dann noch extra abgefuckt. Da hatten wir gar keine Lust mehr auf Musik.

Weißt du mittlerweile, wer das Album hochgeladen hat?
(lacht und ruft) Baaaasti! Nee, das werden wir nie ganz geklärt kriegen. Es war auf jeden Fall jemand in Bastis Wohnung, in der wir damals alle abhingen. Der Kreis umschließt zehn bis zwanzig Leute. Es gab da einen Rechner, auf den viele Zugriff hatten.

Hast du heute noch Paranoia, dass deine Tracks im Internet landen. Schickst du ungern Sachen raus?
Es ist ja eine andere Zeit, heute gibt es Dropbox. Alles liegt in irgendwelchen Clouds und ist dort einigermaßen safe. Das Problem damals war: Wir haben unsere neu aufgenommenen Tracks ungemischt und unge­mastert auf CD gebrannt und mit nach Hause genommen, um das den Jungs im Auto vorzuspielen. So was würde ich nie wieder machen.

Du hast schon oft erzählt, dass du ­deinen ersten Beat per Bluetooth geschickt bekommen hast. War das damals so üblich?
Ey, Bluetooth war der Shit. Komplette Alben sind damit auf Schulhöfen verschickt worden.

Hast du denn aus der Erfahrung, schon einmal mit Musik aufs Maul geflogen zu sein, etwas gelernt?
Generell gilt: Vom auf die Schnauze fallen sollte man immer was lernen. Aber durch diesen Leak? Ich hab auf jeden Fall Clouds zu schätzen gelernt (grinst) – aber ansonsten: Nee, nicht viel.

Was waren denn die ersten Frankfurter Rapper, mit denen du dich identifizieren konntest? Hast du die erste Generation an hessischem Rap um Konkret Finn und Tone schon mitbekommen?
Klar, ich bin ja 82 geboren. Moses und Rödelheim Hartreim Projekt habe ich auch gecheckt. Aber der erste, mit dem ich mich wirklich identifizieren konnte, das war Azad. Er hat die nötige Härte mitgebracht: die Musik, die Aussage, die Beats. Er hat Frankfurt einen eigenen Sound gegeben und die Blaupause für Straßenrap gelegt. Die anderen waren zwar auch aus der Stadt, aber Azad war einer von uns, einer aus unserem Viertel.

Wie ging es für dich nach dem Leak musikalisch weiter? Hast du überhaupt noch geschrieben?
Nee, gar nicht – bis mich Aykut [Haftbefehl; Anm. d. Verf.], ja, quasi reaktiviert hat.

Ich finde es interessant, für wie viele Leute Haftbefehl in eurem Umfeld einen Arbeitsplatz geschaffen hat. Das wird oft unterschlagen, wenn das Feuilleton oder Zeitungen über ihn berichten.
Krass, oder? Aber das ist doch immer so. Das ist menschlich. Es gibt natürlich auch Leute, die das differenzierter sehen und die, wie du, so was ansprechen. Aber die anderen sagen: Er macht böse Musik. Es wird immer gerne das Schlechte erwähnt und das Gute unter den Teppich gekehrt.

 

War dir eigentlich bewusst, dass es das Wortspiel »Haramstufe Rot« schon von K.I.Z gibt?
Das hab ich mittlerweile mitbekommen, ja. Es gibt wohl viele Leute, die meinen, ich hätte das gebitet. Dabei kannte ich das Lied gar nicht. Es gibt dieses Wortspiel schon seit vielen Jahren in ganz Deutschland. Das hat sich unabhängig voneinander in verschiedenen Städten ent­wickelt. ­Deswegen: Peace and harmony!

Beschreibt das für dich den gesellschaftlichen Zustand, indem wir uns gerade befinden? Ob reale Bedrohung oder nicht – man kann der Panikmache ja nicht mehr entgehen.
Definitiv. Aber auch unabhängig von der ganzen Angst, die verbreitet wird: »Haramstufe Rot« gilt für uns schon seit Jahren in Frankfurt und anderen deutschen Städten. Die Situation ist schon immer beschissen für uns Schwarzköpfe. Das ist kein Thema, das nur in die aktuelle Zeit passt oder ein neues Phänomen ist. Was soll ich sagen: Kranke Welt.

Du hast jahrelang Fußball gespielt. Wie hast du die EM verfolgt? War das ­Turnier fußballerisch ein Flop?
Flop ist noch untertrieben. Das war aber abzusehen, wenn 24 statt 16 Teams mitspielen. Klar, dass die Qualität verwässert. Ey, wir haben sogar ein Spiel live in Paris im Stadion gesehen: Deutschland gegen Polen. Celo & Abdi wurden von Nike eingeladen und ich hab mich in den Bus reingeschlichen. (grinst)

Im Herbst gehst du mit Nimo auf Tour. Wie hast du seinen Aufstieg in den letzten Monaten miterlebt? Er ging als erster deutscher Musiker mit einem rein digitalen Release in die Top 10.
Für mich ist er der neue Michael Jackson – der verschollene sechste Jackson. (lacht) Ich kenne Nimo seit der »Akupunktour«. Zu erklären, was da die letzte Zeit abging, lässt sich kaum in Worte fassen – das ist sensationell. Der Junge zerstört. Ein übertalentierter, sehr musikalischer Rapper, dem alle Türen offen stehen. Nimo ist die Zukunft. Ein krasser Junge.

Dein Album erscheint auch als ­limitierte Box. Muss man das mittlerweile ­machen?
Wenn man Geld verdienen will, ja. Ich bin jetzt in dem Game und halt mich mal an die Regeln. Und die Fans kriegen ein paar Gimmicks, ein Poster, können sich die Box ins Regal stellen. Boxen sind nichts Böses. Also mir wurde mal von einem alten weisen Mann, der indianischen Tabak geraucht hat, gesagt (mit tiefer Stimmlage): »Kleiner, wenn du Geld verdienen willst, mach Boxen!« Und ich hör jetzt einfach mal auf ihn. (grinst)

 

Fotos: Ondro

Dieses Interview erschien in JUICE #176 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Juice 175 Coverjuice-cover-176