Haiyti: »Ich muss leider zugeben, dass ich ein Partygirl bin.« // Feature

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Im Hintergrund bebt ein schauriger Stakkato-Synthie, bauchige 808-Bässe pressen sich durch die Membrane und eine aggressive Kratzstimme beschwört reihenweise Kampfansagen herauf. »Mische, Mische, Pille, Pille – halte mich wach auch ohne Fitness/Und auf einmal platz’ ich rein ins Business«. Gestatten, Haiyti – Deutschraps Girlboss-Gangster.

Auch wenn ihr Mixtape »City Tarif« mit heimlichen Ohrwürmern wie »Pete Doherty« vergleichsweise eingängig daherkommt, hält es Haiyti am liebsten raw. Mit der Rapgeschichte ihrer Heimat kann die Hamburgerin wenig anfangen. »Hamburger Rap hatte eigentlich keinen Einfluss auf meine Musik. Klar, das Leben hier beeinflusst mich natürlich: die Reeperbahn, die Viertel, die Leute – das verarbeite ich auch in meinen Texten.« So habe sie sich als Teenager auch mal auf einem Beginner-Konzert wiedergefunden, doch ihre Haupteinflüsse verortet sie in der Untergrund-Szene um die Osnabrücker Indie-Instanz distri [ehemals Distributionz; Anm. d. Verf.]. »Ich habe damals bei Kollegen Sachen aus Frankfurt und Bielefeld gehört, Mainratten oder auch One Take One Hit. Das waren Acts, die mich inspiriert haben.«

Schnell wagt sie auch den Blick Richtung Übersee, entdeckt Gucci Mane oder Three Six Mafia und steht bald knietief im Sumpf aus Triple-Hi-Hats und Trap Houses. Frau keept es trill – übrigens zu einer Zeit, als Deutschrap Money Boy noch für einen Internetwitz hält. Doch entstehen ihre ersten Songs nach den üblichen kindlichen Gehversuchen in einem fast klassischen HipHop-Umfeld, denn Haiyti, auch Robbery genannt, hat einen Graffiti-Hintergrund: »Die ganzen Leute um mich herum waren Sprüher, die irgendwann begonnen haben, zu rappen. Da habe ich einfach mitgemacht. Das lief meist so ab, dass wir nach Partys noch bei jemandem Recording-Sessions gestartet haben.«

 

Einen Frauenbonus hatte sie aber nie. »Ich glaube, dass du als Frau sogar besser sein musst. Aber ich hatte auch nie Hemmungen. Manchmal saßen beim Recorden acht, neun Gs hinter mir. Da musst du einfach drauf scheißen.« Den selbsternannten Girlboss-Gangster – ein Symbolwort für Unabhängigkeit – umgibt ohnehin eine gewisse Unbekümmertheit. Kontakte knüpft sie auf Partys und nimmt in Studios im ganzen Land auf, was 2015 mit einem Part auf Money Boys Mixtape »Ich kann mein Gesicht nicht fühlen«, auf dem Track »Trap Baby«, einen vorläufigen Höhepunkt findet. »Ich denke, ich hab durch das Feature schon ein paar Fans dazugewonnen. Aber es hat sich nicht viel verändert bisher«, kommentiert sie ihren Status Quo. Nach einigen losen Kollaborationen erscheint im letzten Jahr ihr Albumdebüt »Havarie« – ein Flop, wie sie selbst urteilt. »Als wir das veröffentlicht haben, dachte ich, die Telefone klingeln heiß und ich werde ge­signt. Distributionz hat mir trotzdem eine Absage erteilt.« All­gemeine Vorurteile gegenüber rappenden Frauen und fehlendes Marketing hätten das vorhandene Potenzial nicht ausgeschöpft.

Doch Haiyti hustelt weiter, ihre Tracks entstehen mitunter in zehn Minuten, fast alle ihre Videos sind mit dem Smartphone gedreht. Es geht um Output, da bleibe keine Zeit für Perfektionismus. »Heute muss man viel raushauen, je schneller desto besser.« Trotz der ambitionierten Haltung pflegt sie ihr exzessives Image und erzählt von Autofahrten auf opiathaltigen Medikamenten oder Longdrink-schwangeren Vorbandslots. Der Turn Up bleibt real. »Ich muss leider zugeben, dass ich ein Partygirl bin. (lacht) Aber das muss aufhören. Immerzu raven, das geht ja nicht. Jetzt werden Mixtapes gedroppt!«

Text: Fionn Birr

Dieses Feature ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.JUICE 173