Goldroger – Avrakadavra // Review

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goldroger

(Melting Pot Music / Groove Attack)

»Wo ist die Liebe?« Wer Goldroger bei Twitter folgt, dem wird alle paar Tage diese Frage in die Timeline gespült. Penetrant wirbt Sebastian Goldstein für seine Suche nach Amore. Penetrant, wie die 808s, die derzeit durch deutsche Produzentenkammern klatschen und das Aufgebot an aufgeschnallten Tiger-Woods-Caps mit wahlweise Swoosh-Anstecker oder Trefoil-Print. Während also Rap-Deutschland knietief im Trap watet, liegt Goldroger mit Bubimatte auf seiner Matratze und klimpert auf einer Stratocaster vor sich hin. So oder so ähnlich stellt man sich jedenfalls den Prozess zu »Avrakadavra« vor. Stringent trendresistent spielt Goldlocke Roger jetzt auf seinem Debütalbum den aktuellen Hypes entgegen: Mit mehr Gitarren als ein ganzes Casper-Album reinkarniert Goldies Produzententeam Dienst&Schulter den halben Club-27 auf Rogers Platte: Lennon, Hendrix, Janis Joplin – die musikalischen Einflüsse klingen wie eine Zeile aus einem Prinz Pi-Song. Sebastian Goldstein dehnt derweil Wörter aufs Absurdeste und sorgt mit seinem versabbelten Rapstil für zittrige Zungen bei Logopäden. Es dauert, bis man versteht, was Goldroger einem sagen will – phonetisch. Und wenn man das Wörterwirrwarr entheddert hat, auch inhaltlich. Jules Verne, Sokrates, Thomas Mann, Georg Büchner: Goldie querverweist sich einmal durch die Bibliothek der Literaturprofessoren. Trotzdem, und das ist die große Kunst, bewahrt Roger die Leichtigkeit. Räuber Roger ist kein Dozent am Mic – eher der Typ am Tresen, der pointiert das Weltgeschehen einordnet. Man versteht, warum Goldie darauf bestand, dass der Vorgänger »Räuberleiter« ein Mixtape ist, obwohl es alle Albumkriterien erfüllte. War »Räuberleiter« noch eine Skizze vom Können des Dortmunders, zeichnet Roger mit »Avrakadavra« ein stimmiges Gesamtbild: Kendrickeskes in Rage rappen wechselt sich mit Ohrwurm-Hooks, Runtergeratter und gut gesetzten Pausen ab. Goldroger rappt variantenreich, bleibt politisch klar und zeigt einen Mittelfinger an alle Aluhüte und Freiwildfans. »Wo ist die Liebe?« Goldroger, sie steckt in diesem Album.