Generation Azzlack: Unterwegs mit Haftbefehls musikalischen Ziehsöhnen // Feature

 
Anfang des Jahres erschien mit »Kalash« ein Video von Azzlack-Impresario Haftbefehl, der eine Horde hungriger Jünger um sich geschart hatte, deren Parts auf einem ­energetischen 808-Brett in einem hektischen, dunklen Flex-Massaker mündeten. Die ­Beiträge von Soufian, Enemy und Diar sorgten für offene Ohren in ganz Rap-Deutschland. Mit einem großen Korb voller Vorschusslorbeeren, jedoch genauso hohen Erwartungen werden die Rookies unter dem Terminus Generation Azzlack vom Babo nun in Startposition gebracht, um die hiesige Szene kräftig durchzuwirbeln.

Es gibt sie noch, die modernen Rapmärchen; die Geschichten, bei denen es ein engagierter Hobbyrapper schafft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und – wenn’s drauf ankommt – alles richtig zu machen. So geschehen, als der damals 16-jährige Soufian mit seinen Homies in Offenbach cornert, als plötzlich ein gewisser Aykut Anhan, den meisten Leuten besser bekannt unter seiner Rap-Alter-Ego Haftbefehl, im Jaguar XJL um die Kurve fährt. Noch heute, gut zwei Jahre später, erzählt Soufian von diesem Tag, als sei es gestern gewesen.

An besagtem Abend schlendert er mit den Jungs durch die Offenbacher Hood und vertreibt sich seine Zeit mit Dingen, die Jungs in seinem Alter eben so machen. Als der schwarze Sportwagen um die Ecke biegt, schießt Soufian, damals wie heute begeisterter Haftbefehl-Fan, beim Anblick des schnittigen Gefährts assoziativ eine Line von Haftbefehls Bruder Capo aus dem Track »Champagner für alle« in den Kopf: »Ich roll mit meinem Abi/Im weißen Maserati«. Dass in diesem Moment tatsächlich Hafti hinter dem Steuer des PS-Monsters sitzt (und dass der weder weiß noch ein Maserati ist), kann man als reinen Zufall abtun – für Soufian jedoch war es Schicksal.

 

Es folgt die klassische Promi/Fan-Situation: Die Jungs rufen dem Wagen hinterher und wollen ein paar Fotos mit ihrem Idol machen. Auch die Tatsache, dass Haftbefehl daraufhin tatsächlich anhält, aus dem Wagen steigt und sich Soufians musikalische Erstversuche über Handykopfhörer reinzieht, hat für Soufian bestimmt nichts mit Zufall zu tun. Eine Privataudienz bei einem der größten Rapper Deutschlands ist für ihn weit mehr als das. »Er hat angefangen, mit dem Kopf zu nicken. Ich hab gezittert. Nachdem er die Kopfhörer rausgenommen hat, meinte er: ‚Hier, meine Nummer’«, erinnert sich Soufian an diesen Gänsehautmoment. »Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das war so ein mieser Flash, Bruder!« Haftbefehl wird später sagen, die Jungs hätten ihn an seine Jugend erinnert. Irgendwas hätte ihn dazu bewegt, sich auf sie einzulassen. So beginnen moderne Märchen in der Hood heute.

Die nachfolgende Zeit vergeht für den jun­g­en Deutsch-Marokkaner wie im Zeitraffer. Wenige Monate, nachdem er seinen ersten Song mit Amateur-Equipment recordet hat, sitzt er mit dem Azzlack-Head im Studio: »Als ich dort saß, hat Haft gerade ‚Ihr Hurensöhne‘ für ‚Russisch Roulette‘ aufgenommen. Das musst du dir mal überlegen: Als Haftbefehl-Fan bist du noch bei ‚Blockplatin‘ hängengeblieben, und plötzlich sitzt du mit ihm bei den Bounce Brothas im Studio und hörst, wie er diesen Song aufnimmt.«

Schnitt. Sommer 2016. Der junge Offenbacher hat so­eben seinen ersten Live-Auftritt hinter sich. Und das nicht etwa vor einer dezimierten Crowd, die ausschließlich aus Early Adoptern und Azzlack-Stans besteht. Nein, Soufians erste Live-Darbietung fand vor splash!-Publikum statt. Rund zweieinhalbtausend junge Leute hatten sich am Festival-Freitag vor der Bühne versammelt, um rauszufinden, wer dieser Soufian ist. Und vor allem: was er kann.

Denn allzu viel war über den Azzlack-Jüngling mit der eindringlichen Stimme und der dynamisch-aggressiven Delivery bis dato nicht bekannt. Trotzdem ist der Hype inzwischen auf über 50.000 Social-Media-Follower angewachsen, der Kultursender 3sat begleitete Soufian kürzlich für einen Beitrag durch Offenbach. Durchforstet man die Kommentare auf Soufians Facebook-Chronik, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, er sei kein frischgebackener Rookie, sondern ein gestandener Deutschrap-Protagonist, der seine Anhängerschaft schon seit Jahren auf neues Material warten lässt. Das Erstaunliche daran ist: Das Generation-Azzlack-Projekt wurde nicht durch die klassische Promo-Maschinerie gejagt, um einen künstlichen Hype zu kreieren. Bewusst defensiv hat man sich in den letzten Monaten verhalten, damit das Endprodukt wie eine Bombe einschlägt. Soufian sieht das so: »Wenn wir kommen, dann kommen wir wie ein Highkick. Dann muss alles gefickt werden. Du hast nur einen Schuss. Nicht zwei.«