Floating Points: »Zwischen dem Equipment bewegten sich Skorpione und Schlangen.« // Interview

Britische Blässe, Button-down-Hemd, Spekuliereisen auf der Nase: Sam Shepherds Auftritt schreit nach biederem Nerdtum. Dass er sich als Floating Points vollends dem Funk verschrieben hat, verrät dagegen seine Diskografie: Als Sam vor knapp zehn Jahren Sun-Ra sampelte und mit pluckernden Basslines kreuzte, dachte er HipHop-Beats neu. Nach einer Handvoll verspielter House-Releases, steckte er mit seinem Debütalbum »Elaenia« vor zwei Jahren den Synth-Jazz ab.

Im letzten Jahr tourte Sam dann zum ersten Mal auch mit Band durch die USA – und machte Halt in der Wüste. Beeindruckt von der kargen Kulisse, schlug man spontan die Zelte auf, verwandelte den Nicht-Ort in ein Studio und krempelte das Projekt Floating Points mal wieder auf links. Warum es beim nächsten Mal aber auch weniger Schlangen und Skorpione sein dürfen und dafür wieder mehr J Dilla, erzählte uns der DJ und Produzent im Interview.

HipHop, Disco, House und Jazz sind nur ein paar der Einflüsse, die man in deiner Musik hört. Womit bist du eigentlich eingestiegen?
Ich habe mit zehn Jahren als kleiner Chorknabe in Manchester angefangen zu singen. (lacht) Das war eine ziemlich wichtige Zeit für mich, in der ich viel über Musik lernte.

Was zum Beispiel?
Jeden Tag in der Gruppe zu singen, ist ein unfassbares Training: Du verstehst dann, wie Harmonien zusammenspielen. Außerdem haben wir viel nach Noten gesungen, also lernte ich, wie sich der Sound zu der Komposition auf dem Papier verhält.

Haben deine Eltern dich zum Singen geschickt, oder ging das von dir aus?
Mein Dad ist Pfarrer, wir haben auch im Pfarrhaus gewohnt. Und durch seine Beziehungen in der Kirche wusste er, dass der Chor Nachwuchs sucht. Als er mich fragte, ob ich das gerne ausprobieren würde, dachte ich: Warum nicht? Ich habe zwar schnell festgestellt, dass ich nicht der beste Sänger bin, aber es war eine enorme Schule: Du stehst sehr früh auf, um zu singen, gehst dann in die Schule und danach geht es wieder zum Proben. Abhängen mit deinen Klassenkameraden sieht dann halt eher schwierig aus. Deswegen habe ich wohl mit 16 Jahren aufgehört. (lacht)

Und dann kam das Produzieren?
Zu der Kirche gehörte auch eine Musikschule, die ich besucht habe. Dienstags gab es während der Mittagspause so einen Kurs mit dem lustigen Namen »Midi Club«. Da konnte man auf einem Atari mit der Sequencer-Software Cubase rumspielen. Ich erinnere mich, dass man das Programm per Diskette bei jedem Neustart wieder installieren musste. Irgendwann gab es dann auch ein digitales Studio, in das plötzlich alle reinwollten. Das alte analoge Studio lag am Ende des Gangs und wurde von heute auf morgen völlig vernachlässigt – obwohl da jede Menge Tape-Maschinen und Sampler rumstanden. Also habe ich das zu meinem eigenen Ort auserkoren. Ein Lehrer zeigte mir damals, wie man mit Tape-Loops arbeitet und aus aufgenommenen Sounds Musik macht. Ihn faszinierte vor allem die klassische Seite der Elektronik, die Musique Concrete. Ich habe aber parallel dazu auch angefangen, Vinyl zu kaufen, und entdeckte auf einmal ganz viel Musik, die in meiner Schule keine Rolle spielte.

Du hast also auch relativ früh angefangen, Vinyl zu sammeln?
Ich würde gar nicht sagen, dass ich je Platten gesammelt habe – bis heute nicht. Ich wollte damals einfach dringend Musik hören, und Vinyl war die billigste Art und Weise. Die CD erlebte einen krassen Boom, deswegen gaben viele ältere Leute ihre Platten weg, überall bekam man alte Klassiker für fünfzig Pence. Also ging ich mit meinem kleinen Taschengeld in all die Plattenläden in der Umgebung. Ich war damals oft bei Fat City Records, ein Laden, der für HipHop im UK sehr wichtig war. Da lief ständig J Dilla, und ich wollte unbedingt wissen, was das ist. Platten haben mich am Ende zu der Musik gebracht, die ich produziere. Hätte ich zwei Jahre später mit dem Diggen angefangen, würde ich heute wahrscheinlich nur online nach Musik suchen.

Stattdessen reist du heute um die Welt, um Platten zu diggen. Die Radiolegende Gilles Peterson soll dir mal einen japanischen Oldtimer für eine seltene 12-Inch geboten haben.
Als ich zur Uni ging, habe ich angefangen, mein Geld für Flüge in andere Länder zu sparen, um Platten zu entdecken. Als ich zum ersten Mal in den USA war, stellte ich fest, dass sich die Reise total lohnt, weil Vinyl dort viel günstiger war. Vor zwölf Jahren war ich in Chicago bei Mr Peabody Records – und plötzlich saß ich mit fünfzig Platten in der U-Bahn, obwohl ich gerade mal fünfzig Dollar ausgegeben hatte. Ich kannte die wenigsten Platten, die ich gekauft hatte, aber viele davon bestimmen noch heute meine DJ-Sets. Musik zu entdecken ist das, was mich am Auflegen interessiert. Wenn ich etwas über Musik gelernt habe, dann, dass ich bis dato eigentlich nichts weiß – so viel Musik wie es gibt.

Soweit ich weiß, kaufst du aber nicht nur Platten, sondern schneidest auch deine eigenen Dubplates.
Ich kenne Leute, die professionell Platten pressen, die sind Alchemisten! Der ganze technische Ablauf dahinter ist eine eigene Kunst, die mich total fasziniert. Deswegen wollte ich darüber etwas lernen und war eine Woche lang bei einem Typen in Süddeutschland, der mir vieles erklärt hat. Der widmete die meiste Zeit seines Lebens einer Maschine, mit der er Dubplates schneidet. Er wohnt auf dem Land und baut dort alles selbst, ein richtiger Ingenieur. Ich habe mir dann auch eine eigene Maschine gekauft, aber die nutze ich nur, um eigene Edits oder Tracks im Club spielen zu können. Wegen des Geldes ins Dubplate-Business einzusteigen, ist nicht so clever – viel zu viel Arbeit. (lacht)

Deine neue Platte wird von einem Kurzfilm begleitet.
Ja, wobei: Der Film und die Platte entstanden eigentlich in einem Zuge. Ich war mit meiner Band in den USA, und wir wollten für ein paar Shows zwischen Los Angeles und ­Phoenix proben. Wir haben dann einen wundervollen Ort in der Mojave-Wüste entdeckt und gedacht: Lass uns hier spielen und das ganze filmen. Es sollte also weder eine ­Platte noch ein Film entstehen – jetzt gibt es beides.

Die ganzen Aufnahmen sind also in der Wüste ­entstanden?
Ja, und als wir die Idee hatten, Musik in der Natur aufzunehmen, wollten wir, dass die Umgebung Teil des Projekts wird. Wir stellten also Mikrofone in der Wüste auf und nutzten den Raum selbst als Instrument. Wenn du die Platte hörst, hörst du auch den Ort, an dem wir aufgenommen haben.

Wie klingt denn die Mojave-Wüste? Hört man da ­überhaupt irgendwas?
Also, die größten Teile der Wüste sind ziemlich flaches Land und sehr still. Aber es gibt immer wieder Felsformationen; wenn du dich vor die stellst, hörst du den Wind wehen und die Sounds der nahegelegenen Straßen reflektieren – ein richtig gutes Reverb. Anna Diaz Ortuño, eine befreundete ­Regisseurin, fand das total spannend und kam auf die Idee, das Projekt zu filmen. Sie rief ein paar Freunde in L.A. an, und plötzlich standen wir inmitten eines richtigen Filmsets, mit riesigen Lichtern, Generatoren und fancy Kameras. ­Zwischen diesem Equipment bewegten sich Skorpione und Schlangen. In der Wüste war es unfassbar heiß, wir haben bei 40 Grad gespielt, ich wurde regelrecht gebraten. Nachts konnte ich dann kaum schlafen, und als wir aufnahmen, hatte ich das Gefühl, in einer Art Trance zu sein. Es gibt auf jeden Fall bequemere Aufnahmeräume. (lacht)

Im Gegensatz zu deinen früheren Sachen klingt die Platte immer weniger nach Disco und House, stattdessen habe ich Jazz und Soundtracks damit assoziiert.
Ja, das liegt wohl schon an der Besetzung. Wir haben die Platte zu fünft aufgenommen: Drums, Bass, zwei Gitarren und ich an verschiedenen Keyboards wie dem Fender Rhodes. Durch diese Band komme ich jetzt erst dazu, ­Sachen von Pink Floyd oder Can zu hören. Oder The Rationals, eine Band aus Detroit: großartig! Ich versuche aber keinen Unterschied zu machen zwischen Synthesizern und Gitarren, für mich sind das beides Instrumente – genauso wie Samples. Bei diesem Projekt ist mir übrigens bewusst geworden, wie lange ich nicht mehr am Sampler saß, obwohl der früher meine Musik bestimmt hat. Ich glaube, für mein nächstes Projekt muss ich wieder mehr Choppen. ◘

Foto: Camille Blake

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #181. Hier versandkostenfrei nachbestellen.