Interview: Fiend

 

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Achtzig Millionen. Diese völlig absurde Zahl verkaufter Alben symbolisiert die noch viel absurdere Erfolgsgeschichte von No Limit Records. Fiend war ein Teil von ihr. In den späten Neunzigern gehörte er zu den stärksten Rappern der Percy Miller-Dynastie. Er teilte das Mic mit Snoop Dogg, UGK und Mystikal. Nach der Trennung von dem einst überlebensgroßen Imperium des Master P verschwand er jedoch aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Bis er einen weiteren ehemaligen No Limit-Soldier traf – und sich dessen Arbeitseinstellung und Lebensanschauung zum Vorbild nahm. Seit Beginn des Jahres hat Fiend insgesamt vier Mixtapes veröffentlicht. Wie Curren$y vertont er sein Leben auf entspannten Beats und trifft den Nerv der Zeit. Zumindest in der Parallelgesellschaft Internet.

 

 

Dein erstes Soloalbum »I Won’t Be Denied« erschien 1995 auf dem lokalen Indie-Label Big Boy Records. Gab es in deinem Leben dieses eine Erlebnis, das dich zum Musiker gemacht hat?
Ich kann mich an kein spezifisches Ereignis erinnern, aber Musik im Allgemeinen hat mich bereits als Kind extrem bewegt. Ich glaube, ich bin auf diesem Planeten, um Musiker zu sein. Als Kind hörte ich viel Earth, Wind & Fire, The Commodores und so. Musik hat mich einfach so früh für sich vereinnahmt, Mann. Zu HipHop kam ich erst später – so wie vermutlich jeder – durch »Rap City« und »Yo! MTV Raps«. Als Teenager begann ich schließlich, eigene Songs zu schreiben. Das war die Geburt von Fiend.

 

Hast du dich bereits in deiner Jugend stärker für Rap aus deiner unmittelbaren Umgebung interessiert oder war es dir egal, ob ein neuer Künstler gerade aus New Orleans oder New York kam?
Damals hat es mich überhaupt nicht interessiert, woher ein Künstler kommt. Oft wusste ich das nicht mal. Ich habe einfach die Musik genossen – egal ob Run DMC, Slick Rick, Dana Dane, DJ Quik oder Ice Cube. Die ­Herkunft spielt für mich keine große Rolle. Natürlich musst du wissen, wo du herkommst. Ich hasse es, dass wir uns im HipHop so häufig voneinander abgrenzen, nur weil wir aus verschiedenen Städten kommen. Ich beschäftige ich mich mit allen Arten von HipHop. Nur deswegen bin ich heute noch im Geschäft, weißt du?

 

Ich habe erst kürzlich ein Interview gesehen, das Nardwuar mit Lil ­Wayne geführt hat. Er fragte ihn dort nach »Drag Rap« von den Showboys. Weezy hat den Song als den einen Grundstein für Bounce Music bezeichnet.
Wow. Dieser Song bedeutet für uns in New Orleans unendlich viel. Durch diesen Song wurde unsere gesamte Partykultur geprägt. Der Song wurde so oft gesamplet und zitiert – und das seit 20 Jahren immer und immer wieder. Wir alle haben von diesem Song profitiert und gelernt.

 

 

Inwiefern würdest du Bounce Music als einflussreich und wichtig für den gesamten Dirty South bezeichnen?
Zuallererst ist Bounce Music ein lokales Phänomen. In der einen oder anderen Form hat es unser Sound aber auch ins nationale und internationale Radio geschafft. Ich habe so viele Leute gesehen, die von Bounce profitiert haben, bis auf Cash Money waren das aber nie Leute aus New Orleans. Baby und seine Leute sind die Einzigen, die bis heute wirklich auf einem hohen Level mit Bounce Music Geld verdienen und hier ­aufgewachsen sind.

 

Viele Leute würden trotzdem Gregory D als Vaterfigur der HipHop-Szene von New Orleans bezeichnen.
Wenn du die Person, die als Erstes die Chance bekommt, einen neuen Stil nach außen zu repräsentieren, als Vaterfigur bezeichnest, dann würde ich dem auch zustimmen. Und selbst wenn er nicht der Erste war, würde ich trotzdem ja sagen. Einfach deswegen, weil Mannie Fresh und Gregory D den kommerziellen Grundstein für alles gelegt haben, was nach ihnen kam. Aber verrückt, dass du mich danach fragst. Ich habe diese beiden Gentlemen erst gestern am selben Ort getroffen – und zwar auf einer Party, die von einer Studentenverbindung veranstaltet wurde. Mannie Fresh war dort als DJ gebucht und Gregory kam einfach vorbei, genau wie mein Cousin und ich. Für mich sind sie – zusammen mit Mia X, Tim Smooth und der Most Wanted Posse – Vorreiter und unsere ersten Künstler mit Deals auf nationaler Ebene. Erst dadurch wurden wir außerhalb von New Orleans wahrgenommen. Sie haben uns gezeigt, dass man es schaffen kann.

 

Aus welchem Teil von New Orleans kommst du?
Ich bin aus Hollygrove, dem 17th Ward. Genau wie Lil Wayne. Später zog ich dann in den 3rd Ward, habe dadurch mehrere Seiten von NoLa kennen gelernt und wurde später in allen Teilen der Stadt respektiert. Meine Kindheit war einzigartig. Ich kann nur so viel sagen: Ich habe überlebt, ich hatte gute Zeiten, musste aber auch viel Schlimmes erleben. So wie jeder dort. Heute bin ich da, um in meiner Musik davon zu erzählen. Ich rede eher ungern über diese Dinge. Wenn ihr irgendwas über mich ­herausfinden wollt: Hört meine Musik. Dort erfahrt ihr alles, was ihr wissen müsst.

 

 

Du hast 1997 bei No Limit ­unterschrieben, richtig?
Ich hatte mir mit der Hilfe von Big Boy ­Records bereits eine lokale Fanbase aufgebaut. Mia X, Kane & Abel und KLC waren bereits bei No Limit und haben Master P so lange von mir erzählt, bis er sich meinen Kram angehört hat. KLC stellte mich ihm dann vor, und er mochte meine Musik. Die nächsten drei Jahre waren komplett verrückt. No Limit verkaufte in knapp vier Jahren 80 Millionen Platten und nahm 400 Millionen Dollar ein. Natürlich hat das meiste Geld Master P abgegriffen. Ohne sarkas­tisch zu werden: Ich habe zwar auch gutes Geld gemacht, aber nicht das ausgezahlt bekommen, was ich verdient hätte. Trotzdem habe ich die Zeit an der »No Limit University« genossen. Am wichtigsten war aber, dass sie mir dabei geholfen hat, meine Fan­base so weit ­auszubauen, dass ich danach meine eigene Marke stärken konnte. Ich sehe No Limit heute als College – ich habe dort mein Diplom gemacht und mir danach etwas ­Eigenes aufgebaut. Andere haben den Abschluss nicht geschafft. Manche sind im Gefängnis gelandet, manche sind nicht mehr hier und andere machen keine Musik mehr.

 

Curren$y unterschrieb erst 2002 bei No Limit. Zu dieser Zeit hattest du das Label bereits verlassen, oder?
Ja, zu dieser Zeit hatte ich bereits mein eigenes, unabhängiges Label Fiend ­Entertainment gegründet. Trotzdem habe ich Curren$y damals öfter getroffen. Allerdings nicht bei der Arbeit, sondern vielmehr auf der Straße. Ich fand schon damals, dass er ein sehr guter MC ist, wir haben nur nie die Zeit gefunden, uns einmal richtig kennen zu lernen.

 

 

Wie bist du Teil seines Jets-­Movements geworden?
Mein Bruder Moussa vertritt ihn schon länger als Manager, deswegen war es ganz natürlich, dass wir uns früher oder später wiedersehen würden. Ich war bei ihm im Studio und er fragte mich ohne groß nachzudenken, ob ich auf einen seiner Songs will. Das war zu der Zeit, als er sich gerade von Cash Money getrennt hatte. Mittlerweile sehen wir uns häufig und haben schon viele Songs gemeinsam gemacht. Wir waren gerade zusammen auf der »Jet Life«-Tour. Die Fans waren so motiviert und enthusiastisch, dass ich mich gleich fünf Jahre jünger fühlte.

 

Viele wissen nicht, dass du auch selbst Beats machst. Zum Beispiel stammt der Song »Misunderstood« auf »Tha Carter III« von dir.
Ja, den habe ich koproduziert. Ein großartiger Song. Weezy kam neulich erst zu unserem Konzert in Miami und stand gemeinsam mit mir auf der Bühne. Das war einer der besten Momente der Tour. Insbesondere, weil ich unglaublich viel Respekt für Wayne habe. Es freut mich, dass aus diesem einfachen Jungen aus meiner Hood einer der größten Stars der Welt geworden ist. Ich weiß genau, in welchen Verhältnissen er aufwachsen musste und das macht seine Geschichte noch unglaublicher.

 

 

Der Name Fiend stand immer für rohe Energie. Deine neuen Mixtapes klingen wesentlich entspannter.
Nun, ich werde auch älter. Ich möchte nur noch Musik machen, die den Menschen hilft und sie glücklich macht. Ich bin durch harte Zeiten gegangen, habe viele Freunde und Familienmitglieder verloren. Trotzdem kann und will ich nicht den ganzen Tag trauern, also feiere ich die schönen Seiten des Lebens. Wenn meine Fans an meine Musik denken, möchte ich, dass sie das mit einem Lächeln tun. Sie sollen meine Musik mit den schönen Momenten des Lebens in Verbindung bringen. Partys mit Freunden. Nachmittage, an denen man ohne nachzudenken 500 Dollar in der Shopping Mall lässt. Dafür steht mein neues Alter Ego International Jones. Jemand, mit dem mein Dad gerne abhängen würde. Mein Vater hat niemanden toleriert, der uncool war. Deswegen habe ich diesen Charakter erfunden. International Jones ist gewissermaßen die lässigere Version von Fiend.

 

Wie sieht dein Leben aus, wenn du nicht arbeitest und aufnimmst?
Vermutlich sitze ich irgendwo am Pool mit Sonnenbrille auf, trinke Arnold Palmer [ein Mischgetränk aus Tee und Limonade, das den Namen eines amerikanischen Profi-Golfers trägt; Anm. d. Verf.] und esse etwas Gutes. Ich bin ein Connaisseur. Ansonsten verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit meinen Töchtern. Das ist mein Leben.

 

Text: Sascha Ehlert