Enoq – Zu schön um klar zu sein // Review

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(Jakarta Records / Groove Attack)

Enoq macht sich von Anfang an nackt. Kommt einfach besser, wenn man mit seinem Debütalbum zum knapp 40 Minuten langen Seelenstriptease ansetzt. Bereits das Intro macht deutlich, dass hier jemand Rap macht, weil der Kopf zu klein für die großen Sorgen ist. Die Psychotherapeuten Swoosh Hood und Torky Tork stellen ihm dabei ein Sofa bereit, das dank hochwertigstem, modernem Boombap nur so zum Erzählen einlädt. Und Enoq erzählt: von dem seit Jahren ausufernden Drogenkonsum, von Messerklingen, die auf der Jagd nach Lila und Weiß durch fremde Haut schneiden, und von Alltagstristesse zwischen Nine-to-Five-Job und Recording Sessions im Badezimmer. Dabei macht er die Rolle des lauten, pöbelnden Steglitzer Straßenjungen ebenso greifbar wie die des in sich gekehrten Alles-Anzweiflers Daniel A. Die große Leistung dieser LP liegt vor allem darin, dass Melancholie und Depression nicht Überhand gewinnen gegen die musikalische Vielfalt. Enoq verläuft sich nicht in aussichtslosen Weltschmerztiraden, sondern findet konstant neue Blickwinkel für seine Gedanken und Probleme. Hoodgeschichten aus der Beobachterperspektive auf »Geld macht Respekt«, die humorige Erzählung von der Liebe auf »Pausenbrot« oder angriffslustige Bawrz auf dem überzeugenden »Pappalapapp« mit dem sehr starken Döll. Der Südberliner schafft es, Tiefsinn vielschichtig erlebbar und Gefühltes für den Hörer fühlbar zu machen. Dass deshalb das lebensbejahende »So dabei« trotz Ohrwurm-Hook fast schon anbiedernd fröhlich daher kommt, ist eines der Opfer, das dieses Album bringen muss. Es tut gut, Musik zu hören, die die ungeschriebenen Gesetze zeitgenössischen Raps mit angespanntem Mittelfinger belächelt. Ob lyrisch, raptechnisch oder musikalisch – dieses Album ist so trendbefreit, dass das häufig voreilig verschriebene Prädikat »zeitlos« hier durchaus angebracht ist. Rap ist oftmals eben doch dann sehr gut, wenn er mutige und ehrliche Geschichten erzählt. »Zu schön um klar zu sein« ist das Beispiel dafür, wie nicht-peinlich und dope ungeschminkte Selbst­reflexion auch 2016 noch klingen kann.

Text: Louis Richter