Interview: El-P

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Red Hook, Brooklyn. Es ist ein warmer Mainachmittag, als JUICE-Korrespondent ­Alexander Richter den Apartmentkomplex betritt, den El-P bewohnt und in dem sich gleichzeitig sein ­Studio befindet. Hier ist »Cancer 4 Cure« entstanden, das neue Soloalbum eines Mannes, der mit ­Company Flow und Def Jux seit beinahe 20 Jahren die amerikanische Indie-HipHop-Szene prägt und mitgestaltet. Einmal mehr nahm sich El-P viel Zeit für das neue Werk, parallel dazu nahm er noch ein komplettes Album als Produzent für Killer Mike auf und kümmerte sich um die posthum erschienene Platte seines 2007 an Krebs gestorbenen Freundes Camu Tao. Eine harte Zeit voller Schmerz und Entbehrungen, die ihre Entsprechung im Sound von »C4C« findet: brachiale Drums, schneidende Basslines, kreischende Synthies. El-P kämpft immer noch, um zu verstehen: den Tod seines Freundes, aber auch den Lauf der Welt und sein eigenes Ich. Ein Gespräch mit einem Musiker, für den Wut und Trauer wichtige künstlerische Antriebsfedern sind.

 

 

Du hast wieder fünf Jahre gebraucht, um ein Soloalbum mit zwölf Songs ­fertigzustellen. Das macht einen Durchschnitt von 2,4 Songs pro Jahr.
(lacht) Ja, ich nehme mir viel Zeit. So sieht eben mein Arbeitsprozess aus. Ich kann nicht behaupten, dass es mir gefällt. Nach jedem Album sage ich, dass ich für das nächste nicht so lange brauchen werde. Aber irgendwie passiert es doch immer wieder. Es gibt einen Song auf »Cancer 4 Cure«, den ich 2008 angefangen und erst dieses Jahr beendet habe. Manche Stücke haben eben ihren eigenen Kopf.

 

Wie sieht denn dieser Arbeitsprozess konkret aus, wenn er so langwierig ist?
Ich arbeite natürlich in der Regel nicht vier oder fünf Jahre an einem Song. Es kann sein, dass ich einen Song anfange, ihn liegen lasse und erst Jahre später fertigstelle. Manchmal weiß ich noch gar nicht genau, was ich mit dem Text eigentlich sagen will. Oder ich muss erst mal etwas anderes fertig machen. Es ist ein seltsamer Prozess und offensichtlich nicht gerade die effizienteste Arbeitsweise. Aber ich bekomme in der Regel recht spannende Ergebnisse. Ich schreibe keine Texte oder Songs, wenn ich nicht dazu inspiriert werde. Und ich bin der Meinung, dass man Inspiration nicht erzwingen kann.

 

Was hat dich in den letzten fünf Jahren inspiriert?
Nach einem Album muss ich eine Zeit lang einfach leben, um wieder etwas zu sagen zu haben. Das ist eigentlich offensichtlich, für manche Künstler allerdings auch nicht. Bei diesem Album war der Anfangspunkt der Tod meines Freundes Camu Tao. In diesem Moment fing ich wieder an, Songs zu schreiben. Sein Tod brachte mich dazu, über viele Aspekte des Lebens nachzudenken. Vor allem änderte sich meine Perspektive auf viele Dinge. Weißt du, ich hatte in den letzten Jahren sehr hohe Hochs und genauso tiefe Tiefs. Diese Situationen bringen dich dazu, sie zu analysieren und daraus zu lernen. Du wirst älter und musst dich entscheiden, ob du immer wieder dieselben Handlungs- und Denkmuster an den Tag legst oder ob du dich weiterentwickelst. »Cancer 4 Cure« ist oberflächlich betrachtet keine persönliche, keine private Platte. Aber die Stimmung des Albums ist inspiriert von dem Willen zu verstehen, zu leben, zu existieren. Wenn so etwas wie Camus Tod passiert, dann weiß man plötzlich: »Verdammt, ich will morgen auch noch hier sein!« Das wiederum macht mich wütend, weil es verdammt schwer ist.

 

War Camus Tod deine erste Erfahrung mit dieser Krankheit?
Ja. Aber ich habe die Platte nicht wegen ihm »Cancer 4 Cure« genannt. Das Wort »Cancer« schwirrte einfach in meinem Kopf herum. Oft fliegen mir bestimmte Wörter und Kombinationen zu, weil sie interessant und kraftvoll klingen, aber ich verstehe zunächst gar nicht, was sie eigentlich bedeuten. So ist es fast immer mit meinen Albumtiteln. Anfangs wehrte ich mich gegen den Titel, weil man ihn zu direkt auf Camus Tod beziehen könnte. Aber mit der Zeit fand ich die Idee immer passender. Ich habe einiges über Krebs gelesen und mir ist bewusst geworden, dass wir alle permanent mit gefährdeten Zellen im Körper herumlaufen, mit potenziellen Gefahrenquellen, die in bestimmten Situationen und Umständen auf einmal zu tödlichen Krebszellen werden könnten. Diese Vorstellung, dass wir unser eigenes Gift produzieren, unser eigener Untergang sein könnten – die gefiel mir als Metapher. Ich bin ohnehin der Ansicht, dass wir hauptsächlich gar nicht gegen die Kräfte da draußen in der Welt kämpfen, sondern dass wir uns primär selbst bekämpfen. Das eigene Ich ist das echte, wahre und dunkelste Schlachtfeld.

 

 

Deine Texte waren schon immer ­komplex und metaphorisch aufgeladen. Du warst nie der typische »One two, one two, in the place to be«-MC.
Mag stimmen, aber ich versuche schon auch, immer ein wenig »one two, one two« in meiner Musik unterzubringen. (lacht) Beides ist Teil meiner Persönlichkeit und meiner Musik.

 

Sagen wir es so: Deine Musik wirkt verkopft und gebildet. Du schreibst aus einer informierten Position.
Okay. Aber ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich selbst für meine Bildung und Information verantwortlich war. Ich habe kein Yale-Diplom an der Wand. Ich bin auch kein politischer Aktivist, sondern ein Künstler, für den Werte wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit – auch sich selbst gegenüber – zählen. Ich erzähle niemandem, was er zu tun oder zu lassen hat. Ich behaupte auch nicht, mehr zu wissen als irgendjemand sonst. Ich schreibe über die eine Sache, von der ich etwas zu verstehen glaube, und das bin ich selbst. Ich fand immer, wenn man Platten macht, dann muss man sich selbst ein Stück weit der Welt öffnen. Sprich: Du musst das verkörpern, was du auf der Platte erzählst. Selbst wenn du Fehler machst. Ich glaube, dass es gut ist, wenn ich als Künstler auch über meine negativen Seiten spreche. Ich schreibe nicht aus einer Haltung heraus, dass ich längst alles verstanden habe. Es gibt doch Rapper, denen das Stigma »Conscious« anhaftet – ich denke, meine Musik ist nicht so, weil man darin einen ziemlich kaputten Typen kennen lernt. Und in der Realität sind wir doch alle kaputt! (lacht) Diese Erkenntnis sehe ich allerdings nicht als Geschenk, denn sie hat mein Leben nicht verbessert, in keiner Weise.

 

 

Immerhin blickst du deshalb auf eine loyale Gruppe von Fans, die eine ­ähnlich kritische und düstere Weltsicht pflegt wie du selbst.
Definitiv. Aber dabei geht es um mehr als um ein bestimmtes Thema oder eine einzelne soziopolitische Perspektive. Bei Kunst muss es darum gehen, sich selbst als Individuum zu anderen Individuen in Beziehung zu setzen. Und das funktioniert in meinen Augen nur, indem man seine eigene Menschlichkeit, sein Menschsein in die Kunst implementiert. Du kannst nicht einfach einen gekünstelten gemeinsamen Nenner erfinden und damit alle erreichen. Jedenfalls funktioniert das für mich und meine Ohren nicht. Ich meine, natürlich sind wir nicht alle einzigartige Schneeflocken. (lacht) Wir alle kennen Gefühle wie Wut, Glück, Liebe oder Abscheu. In der Kunst geht’s darum, diese Gefühle eloquent zu kommunizieren – und das geht am besten, wenn du sie wahrhaftig empfindest. Dann kommt es nur noch darauf an, ob es für dich als Hörer Sinn ergibt, wie ich meine Gefühle in der Musik ausdrücke. Vielleicht benutze ich eine gewitzte Formulierung, auf die du selbst nicht gekommen wärst, weil du etwas anderes zu tun hast, als dir über so etwas Gedanken zu machen.

 

Bist du immer schon auf diese Weise an Texte und Musik herangegangen?
Nein. Das ist etwas, was ich über die Jahre gelernt und verstanden habe. Bei Company Flow ging es zunächst nur darum, etwas besonders Lustiges oder Dopes zu sagen. Wir waren Rapper und wollten schlicht die Coolsten sein. Aber es gab auch ein paar Songs, auf denen ich über persönliche Dinge sprach – und genau wegen dieser Songs kamen plötzlich Fans nach den Konzerten mit Tränen in den Augen zu mir, um mir zu sagen, wie sehr sie ein bestimmter Song bewegt habe. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, dass es etwa in »Last Good Sleep« nicht nur um mich geht – sondern auch um alle anderen, denen etwas Ähnliches widerfahren ist. Dies sind die nachvollziehbarsten Songs, obwohl du anfangs denkst, es geht primär um eine subjektive, persönliche Erfahrung. Diese Songs berühren Menschen am meisten, weil sie über den ganzen Ego-Bullshit und die selbstdarstellerischen Angebereien hinausgehen und die essenzielle Wahrheit des Am-Leben-Seins berühren. Natürlich kann man kein Album machen, das ausschließlich aus solchen Songs besteht. Das würde ich auch gar nicht wollen. Diese Songs kommen, wenn sie kommen. Sie dürfen nicht kalkuliert oder erzwungen erscheinen.

 

 

Musikalisch hört man auf »Cancer 4 Cure« einen etwas saubereren, ­kraftvolleren Sound als noch auf »I’ll Sleep When You’re Head«. Was war dein Konzept?
Ich wollte kraftvoller und etwas sauberer klingen! (lacht) Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Ich wollte wie immer eine kohärente Platte machen – ein Album, in das man versinken kann. Ich wollte um jeden Preis vermeiden, dass die Songs klingen, als wären sie über die letzten Jahre in ganz verschiedenen Studios aufgenommen worden. Es sollte nicht zusammengewürfelt wirken. Außerdem habe ich neue Produktionstechniken angewandt, vor allem Live-Instrumentierung. Ich benutze immer noch Samples, aber auch sehr viele Synthies und Gitarren. Auf diesem Album habe ich erstmals mehr Sounds erschaffen als gefunden. Mein Kumpel Torbitt von Little Shalimar hat Live-Gitarren, mein anderer Kumpel Wilder Zoby die Synthies eingespielt. Wir haben hauptsächlich analoge Geräte für diese Platte verwendet. Ich wollte ein Album machen, das anders klingt als alles, was es da draußen gerade gibt. Ich will mit meiner Musik zur Vielseitigkeit von HipHop beitragen und ihn auch interessant halten. Weil ich es kann. (grinst)

 

Der Song »Sign Here« ist ein gutes ­Beispiel für diese Andersartigkeit.
Lustig, dass du diesen Song anführst. Das ist der einzige Song auf dem Album, der innerhalb von drei Stunden fertig war. Er ist einfach passiert. Ich hatte diese seltsamen, stotternden Drums, die eigentlich langsamer sind als sie klingen. Ursprünglich war der Song viel länger, aber ich habe die Struktur gekürzt und am Ende stand dieser komische Prince-meets-Dub-Vibe. Ich habe meinen Kumpel Ikey Owens darauf durchdrehen lassen – er hat früher Keyboards bei The Mars Volta gespielt und arbeitet jetzt mit Jack White zusammen. Der Song ist schon sehr durchgeknallt. Aber er ist einfach rausgeflutscht, während die meisten anderen viel schwerere Geburten waren.

 

Welche fünf HipHop-Produzenten haben deinen Sound am meisten geprägt?
Ced-Gee, Marley Marl, Rick Rubin, The Bomb Squad und EPMD.

 

Du featurest auf dem Album auch Mr. Muthafuckin’ eXquire, der auf seinem Mixtape »Lost In Translation« schon auf einige deiner Beats gerappt hatte. Was ist eure Verbindung zueinander?
Wir sind einfach nur Freunde. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht mal, dass er auf meine Beats gerappt hatte. Ich hatte nur das »Huzzah«-Video gesehen und schrieb ihm über Twitter, dass ich den Tune mag. Für mich überraschend gab er direkt zu, ein großer Def-Jux-Fan zu sein. Es erschien mir ganz natürlich, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er ist ein großartiger MC.

 

Auch Danny Brown ist ein großer Fan von Def Jux, speziell von Cannibal Ox. Siehst du es mit Stolz, dass der aktuelle HipHop-Underground eure Generation abfeiert?
Selbstverständlich! Wie könnte ich nicht stolz darauf sein? Ich habe selbst immer großen Wert darauf gelegt, den Menschen, die mich inspiriert und beeinflusst haben, meine Liebe zu zeigen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es sich nicht cool anfühlt, mal auf der anderen Seite zu stehen.

 

Stimmt es aber, dass du leichte ­Meinungsverschiedenheiten mit A$AP Yams aus der A$AP-Posse hattest?
Erst mal muss ich klarstellen: Es gibt keinen Beef zwischen mir und A$AP Yams oder sonst jemandem aus seiner Posse. Aber ich erkläre gerne, wie es zu dieser Annahme kam. Yams hatte irgendwann diesen kleinen Rant auf Twitter abgelassen. Er schrieb, er sei ein Fan von Underground-Musik, aber es nervte ihn offenbar, dass die Leute, die Underground-Rap mögen, nicht A$AP hören, sondern nur andere Künstler wie beispielsweise Def Jux, Company Flow und so weiter. Er regte sich einfach nur ein wenig über diese Klischee-Underground-Rap-Fans auf, die wir doch alle kennen. Daher wollte ich ihm signalisieren, dass ich ihr Movement unterstütze, also schrieb ich ihm auf Twitter: »Dude, ich bin Mitglied von Company Flow und mag eure Musik trotzdem.« Ich finde nämlich, A$AP machen richtig cooles Zeug.

 

Nachdem du dein Label Def Jux auf Eis gelegt hast, erscheint »C4C« nun über Fat Possum, die Heimat von Bands wie NOFX, The Black Keys oder The Walkmen. Wie passt das zusammen?
Ich hatte mit diesem Label schon für das posthume Camu-Tao-Album gearbeitet, und mir erschien es als eine großartige Struktur, um auch mein eigenes Projekt zu veröffentlichen. Sie sind ein bodenständiges Oldschool-Indielabel und sie haben sehr viel Leidenschaft für mein Projekt aufgebracht. Das ist schon alles, was ich verlange: Freiheit und Leidenschaft. Beides war gewährleistet, also war es für mich nichts, worüber ich lange nachdenken musste.

 

Eine Woche nach »C4C« erschien das komplett von dir produzierte Killer-Mike-Album »R.A.P. Music«. Verzerrte 80er-Bomb-Squad-Synthies treffen politische ATLien-Lyrik – klingt, wie Public Enemy 2012 klingen sollten, nicht?
Klingt jedenfalls wie der dopeste Scheiß, den man gerade hören kann. (lacht) Ich war auch nicht überrascht darüber, wie gut es gepasst hat. Ich fand es schon eher überraschend, wie gut wir persönlich klarkamen, wie sehr ich Mike mochte und wie viel wir gemeinsam hatten. Das Album entstand ja auf Initiative des »Cartoon Network«, mit denen wir beide an individuellen Projekten gearbeitet hatten. Sie fragten Mike, ob er Lust hätte, einen Song mit mir zu machen, und er kannte meine Musik schon und willigte ein. Ich reiste für eine Woche nach Atlanta und wir machten zusammen Musik. Der Vibe war so gut, dass sie mich überzeugten, ein ganzes Album zu machen. Ich bin sehr froh, dass es so gut funktioniert hat.

 

 

Du wirst mit »C4C« erstmals seit ­Jahren auch wieder auf Tour gehen. Wie wird dein Rider aussehen?
Verdammt extravagant. (lacht) Ich will eine Flasche Wodka, eine Schale Humus, ein paar Cracker und vielleicht mal eine Gemüseplatte, wenn ich mich richtig frech und unverschämt fühle. Ansonsten bringe ich alles selbst mit, sogar mein eigenes Mikrofon. (lacht) Big Willie shit.

 

Text: Alexander Richter