»Einerseits möchte man berührt werden, andererseits fürchtet man sich davor« – Tua über Filme // Interview

Tua
 
Das 21. Jahrhundert – Fortschritt, Wohlstand, Eierkuchen. Nur wenige Kernfragen bleiben bis dato ungeklärt: Wozu das alles? Was passiert nach dem Tod? Und überhaupt: what’s goes? Passable Antworten auf so viel Tiefsinnigkeit vermögen wir kaum zu liefern. Obwohl: wir hätten da ein Ass, äh, ein O im Ärmel. Denn am 20. März veröffentlichen Die Orsons ihr alleserklärendes viertes Studioalbum. Vor allem letztere Frage wird über 17 formidable Musikstücke hinweg eruiert. Zur Überbrückung der Wartezeit sprechen wir ab sofort immer donnerstags mit einem der vier Kopfkino-Schwaben. Über kleinere, jedoch nicht minder wichtige Themen. Heute: Tua über seinen Filmgeschmack.
 
Johannes Bruhns ist bekannt für seinen Perfektionismus. Ein nie zufriedener Beat-Brauer, der im stillen Kämmerlein sein Süppchen kocht. Nicht nur für seine Orsons-Produktionen wird er dafür von Kennern gefeiert. Zeit also, dem grantelnden Gegenpol zum Rest der Blödeltruppe mit etwas Frickel-Talk auf den Zahn zu fühlen? Lass ma‘ gut sein, wir gönnen Tua eine Pause vom während der Promophase typischen Rumgenerde. JUICE klopft stattdessen ab, ob der Filmgeschmack des Soundarchitekten ebenso ausgefeilt ist wie seine musikalischen Visionen.

 
Würdest du dich als Filmfan bezeichnen?
Ja, ich mag aber keine Hollywood-Blockbuster. Lieber schaue ich Anspruchsvolleres, irgendwas Emotionaleres. Es muss mir nahegehen oder künstlerisch sein. Oft empfinde ich das bloße Zusehen als Arbeit. Wenn ich abends dasitze und mir überlege, einen Film zu schauen, ist der zweite Gedanke meistens: »Boah, anstrengend, Alter!«. Das Gesehene beschäftigt einen ja länger als die zwei Stunden, die der Film dauert. Ich habe das hinterher die ganze Zeit im Kopf. Lieber lese ich stattdessen irgendwas Kleines. Ein guter Film kostet mich immer Überwindung.
 
Es gibt ja Leute, die gucken sich Filme nur wegen der Bilder an. Das kannst du nicht?
Nein, eigentlich nicht. Ich mag Dokumentationen, wenn ich abschweifen will. Aber letztens habe ich zum Beispiel »Babel« gesehen. Das ist ein Film voller großer Bilder, aber auch ein klassisches Beispiel dafür, wie anstrengend ein guter Film sein kann. Danach hat man erst mal zwei Stunden schlechte Laune.
 
Wirst du dir den N.W.A.-Film ansehen?
(stöhnt) Ach ja. Ich bin mir aber ganz sicher, dass er furchtbar schlecht sein wird. Das ist einfach so ein Marketing-Film. Ich weiß noch, als ich 13 war und »8 Mile« gesehen hab. Da kam ich aus dem Kino und fand den Film total geil. Aber wenn ich mir den heute noch mal angucke, finde ich das total überzogen und unecht. Heute berührt mich das nicht mehr.
 

 
Im Video zu »What’s Goes« trittst du als Auftragskiller im »Matrix«-Look auf. Trifft so ein dystopischer Sci-Fi-Streifen deinen Geschmack?
Total. Einer meiner Lieblingsfilme ist »Sunshine«, ein Science-Fiction-Streifen, der Richtung Blockbuster geht, aber an den entscheidenden Stellen die Kurve kriegt. Generell mag ich Science-Fiction. Keinen Trash, eher vom Kaliber »2001: Odyssee im Weltall«. »Interstellar« fand ich bis zur Hälfte echt super, dann ist er gekippt. Als es wahrscheinlich für das »normale« Mainstream-Publikum interessant wurde, war ich raus und dachte mir: »ernsthaft?«. Die Darstellung roher Gewalt turnt mich eher ab. Was mich an Filmen gleichzeitig anzieht und abstößt, ist das dargestellte emotionale Leid. Gewisse Sachen werde ich mir niemals ansehen, weil ich weiß, dass ich die Bilder nie wieder vergessen würde.
 
Also sollten Filme emotional sein, aber nur bis zu einem gewissen Grad?
Ja, das ist ein Paradoxon, das oft mit Kunst einhergeht: einerseits möchte man berührt werden, andererseits fürchtet man sich davor.
 
Ist das bei Musik anders?
Genau, da passiert mir das gar nicht. Da schaffe ich es, ganz fachlich zu abstrahieren. Andere Leute hören sich emotionale Musik an und bekommen das Gefühl, das Filme bei mir auslösen. Musikhören gleicht bei mir einer fortlaufenden Analyse. Oft komme ich nicht dazu, sie nur auf mich wirken zu lassen.
 
Gibt es keine Musik, bei der du einfach abschaltest?
Doch. Die analytische Komponente blende ich bei Sachen aus, die ich nicht so richtig nachvollziehen kann. Giora Feidman zum Beispiel. Wenn der Klarinette spielt, fang ich an, Rotz und Wasser zu heulen. Wie dieser Typ sein Instrument spielt, muss ich einfach wirken lassen. Und dann flipp‘ ich aus.
 

 
Wie ist das bei Filmmusik? Ist die sehr präsent, wenn du dir einen Film ansiehst?
Hm, gute Frage. Nicht besonders, glaube ich. Zumindest fällt mir gerade kein Beispiel ein, bei dem ich die Musik als wichtig oder tragend empfunden hätte. Filmmusik ist meistens eher funktional. Ein Kontrast dazu wäre beispielsweise »Rubber Johnny« von Aphex Twin und Chris Cunningham. Da weiß man nicht, was Urheber ist, also, ob sich die Musik aufs Video bezieht oder umgekehrt. Es gehört einfach zusammen. Das finde ich unfassbar. Ich würde mir wünschen, dass in Filmen auch öfters solche Wege gegangen würden. Bei der Gelegenheit müssen wir noch über David Lynch sprechen!
 

 
Gerne.
Er bildet eine Ausnahme. Seine Filme gehen einem emotional auch nahe, aber anders, wie ein Albtraum. Wir waren mit den Orsons zum Beispiel in »Inland Empire«, zusammen mit einer Gruppe ganz unterschiedlicher Charaktere. Da waren Leute dabei, die man »straßenklug« nennen könnte und andere, die total kunstaffin sind. Und es war faszinierend, wie dieser Film auf jeden von uns richtig krass gewirkt hat. Lynch sprengt einfach den Rahmen all dessen, was man nachvollziehen kann.
 
Foto: Nico Wöhrle
 
Mehr über die Orsons und »What’s Goes« gibt’s im aktuellen Heft (hier versandkostenfrei bestellen).
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