Earl’s free

    Kurz vor Mitternacht mitteleuropäischer Zeit war es so weit: Earl Sweatshirt erschien zurück auf der Bildfläche. Eigentlich sollte der kalifornische MC und Sohn eines südafrikanischen Dichters erst von seinem Aufenthalt in der »Coral Reef Academy« auf Samoa zurückkehren, wenn er volljährig ist, doch nun ist er offenbar schon zwei Wochen vor seinem 18. Geburtstag zurück in den USA. Völlig unklar ist derweil, ob Earl weiterhin zur Odd Future-Bande gehört, da es wohl gewisse Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Familie zur »Free Earl«-Kampagne gegeben habe. Fest steht für uns: Earl ist weiterhin ein besserer Rapper als sein Bruder im Geiste Tyler, The Creator – jedenfalls, wenn man von dem Material auf seinem bislang einzigen Album »Earl« ausgeht, das er als gerade mal 16-jähriger aufgenommen und zum Free Download über den OFWGKTA-Tumblr angeboten hat.

    Nun ist sein erstes Lebenszeichen wahrlich kein Grund zur haltlosen Euphorie, aber immerhin eine herrlich unprätentiöse Verkündung der Rückkehr des gerade mal 17-jährigen MCs. Den Song lud er zunächst als Snippet auf Youtube und erklärte dazu: »If you want the whole thing, get me 50.000 (twitter followers) by today. And if you don’t want the whole thing, then it’s not that big of a deal.« Für Bruder Tyler und Onkel Kanye waren diese Neuigkeiten aber doch eine ziemlich große Sache. Und so hatte Earl innerhalb weniger Stunden nicht nur die gewünschten 50.000, sondern 75.000 Follower (Stand: 12 Stunden nach erstem Aufruf).

    Auf »Home«, den es nun in voller Länger auf Earls Website zum Stream gibt, nagelt Earl mit spielerischer Leichtigkeit absurdesten Unsinn auf krachende Ride-Becken und sphärische Synthie-Akkorde. Beeindruckend ist vor allem sein verschachtelter Flow und sein enormes Vokabular – in seiner Attitüde erinnert das die Älteren vielleicht an die große Zeit des verkopften 90s-Undergrounds von Organized Konfusion bis Lyricist Lounge, gleichzeitig tritt Earl natürlich mit der rein zukunftsgerichteten Haltung des jungen Wilden auf, der keinen fliegenden Fick auf Konventionen und Vergleiche mit irgendwelchen alten Männern gibt. Mit einem Paradoxon verabschiedet sich Earl zum Ende seines Comeback-Songs: »And I’m back. Bye.« Wir sind äußerst gespannt, was Earls Pläne für die Zukunft sind und wie er sich trotz seiner längeren Abwesenheit jetzt in die längst zum kommerziellen Massen-Movement angewachsene Odd Future-Struktur einfügt.

    (scs)