Dramadigs – Einfach mal zurücklehnen [Interview]

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Bereits auf ihrem 2012er-Album »Das muss doch nu wirklich nich sein!« bewiesen die MCs und Beatbastler Den und Felix a.k.a. Dramadigs, dass sie eher zu der ­entspannten Sorte Mensch gehören. Für ihre neue Platte »Bei aller Liebe« machten es sich die ­beiden Bremer nun noch ein Stückchen gemütlicher auf dem Produzentensessel und gaben das Mikrofon komplett in andere Hände. Herausgekommen ist dabei ein ­Album, das trotz Gästen aus unterschiedlichsten Ecken (u.a. Keno, Eloquent, Veedel Kaztro, Luk&Fil, Sonne Ra, DCS und Fatoni) nicht in die beliebte Compilation-Falle aus ­uninspirierter Beliebigkeit tappt. Zu verdanken ist dies einem homogenen und vor allem unbeschwerten, warmen Sound, an dem es Rap aus hiesigen Landen leider allzu oft mangelt.
 
Warum habt ihr auf eurem neuen Album anderen Künstlern den Vortritt am Mikrofon gelassen?
FELIX: Es gibt einfach viele Rapper, die wir gut finden. Letztlich hatten wir einfach Lust, auch mal andere Leute auf unseren Beats zu hören.
DEN: Wir hatten eine Menge Instrumentals übrig und dachten uns, dass es doch mal ganz schön wäre, nicht die ganze Zeit nur uns selbst darüber rappen zu hören. So konnten wir uns komplett auf eine ­Seite ­konzentrieren, ohne uns ­ständig über die Texte Gedanken machen zu ­müssen. Plötzlich hörst du deine eigenen Beats auch anders. Wenn man auf seinen ­eigenen Dingern rappt, achtet man im Nachhinein auf eventuelle Fehler oder es fällt einem hier und da auf, was man noch anders hätte sagen können. Dann hört man das nicht so befreit. Wenn man nur das Instrumental gesponsert hat, kann man sich den Song im Nachhinein viel angenehmer anhören.
 
Gab es bestimmte Beats, bei denen ihr direkt wusstet, wen ihr darauf hören wollt?
DEN: Es waren ja nicht nur Beats, die noch rumlagen. Während des Entstehungs­prozesses sind auch weiterhin ständig neue Instrumentals entstanden, und da hat man sich schon ab und an gedacht: Der würde perfekt zu dem oder dem Künstler passen. Es ist nicht so, dass wir vierzig Beats hatten, und jeder Rapper diese vierzig bekommen hat. Wir haben den Leuten speziell die Stücke geschickt, bei denen wir dachten, das könnte passen.
FELIX: Wir haben zum Beispiel eine ­Woche lang ausschließlich Beats für Kamp ­gemacht, weil der nur unter 80 BPM rappen kann. (lacht) Aber das hat dann leider nicht ­geklappt.
 

 
Obwohl sich kein Konzept durch die Platte zieht, klingt das Album trotz der langen Gästeliste ziemlich homogen. Gab es Vorgaben, die ihr zusammen mit den Beats auf den Weg geschickt habt, oder durfte sich jeder austoben wie er wollte?
DEN: Letzteres. Es war uns wichtig, dass jeder sein Ding machen konnte und nicht irgendeine Thematik aufgezwängt bekommt. Die MCs sollten einfach machen, worauf sie Bock hatten. Wir haben deren Skills blind vertraut, ansonsten hätten wir denen ja auch keine Beats geschickt.
 
So besteht aber auch die Gefahr, dass am Ende etwas zurückkommt, das man vielleicht erwartet hatte. Ist es nicht schwierig, sich da rauszuhalten?
DEN: In dem Fall nicht. Letztlich sind nur Sachen zurückgekommen, die man nicht unbedingt erwartet hätte, die aber immer dem entsprachen, was wir an dem jeweiligen Künstler schätzen.
 
Hat es euch zwischendurch nicht ­trotzdem mal gereizt, selbst ans ­Mikrofon zu gehen?
FELIX: Ja und nein. Natürlich sind das alles Beats, die wir selbst gut finden und auf denen wir tendenziell auch hätten rappen können. Ich will nicht von Schreibblockade sprechen, aber auf dem letzten Album haben wir ziemlich viele Dinge gesagt, die sich über die Jahre angestaut hatten. Nun muss sich erst mal erneut ein paar Jahre lang etwas anstauen, bevor wir wieder was zu sagen haben. Da sind Leute einfach unterschiedlich. Eloquent, der auch auf dem Album vertreten ist, schreibt zum Beispiel fünf Alben im Jahr und hat trotzdem immer etwas zu sagen – und ich finde jedes Album gut. Wir aber müssen da tiefer und länger in uns gehen. Von daher war es perfekt, dass wir nebenbei so eine Platte machen konnten.
 
Ein paar Jahre klingen nach einem ­langen Zeitraum. Wann kann man denn mit dem nächsten Album rechnen, auf dem ihr wieder selbst rappt?
FELIX: Spätestens 2017. (Gelächter) Wir sind auf jeden Fall dabei. Ich habe wieder richtig Bock. Und Den hat in den letzten Monaten viele geile Texte geschrieben.
DEN: Naja, ich kriege das im Moment ­jedenfalls wieder besser hin. Ich schreibe nicht nur Vierzeiler, die ich sofort wieder durchstreiche. Mittlerweile bleibt auch einiges stehen.
 
Klingt so, als hättet ihr während der ­Arbeit am neuen Album überhaupt nicht an eigenen Texten gearbeitet. Habt ihr das komplett zurückgestellt?
DEN: Schon ein bisschen, oder?
FELIX: Ja, aber wir sind beide MCs – schon seit unserer Geburt. Es fallen einem ja ständig irgendwelche Sachen ein. Ich glaube auch nicht, dass man das komplett ausblenden kann. Wir haben aber irgendwann gemerkt, dass es wichtig ist, sich auf die aktuelle Platte zu konzentrieren, um die auch mal fertig zu bekommen.
 

 
Die Basis für eure Instrumentals sind Samples – vornehmlich aus den ­Siebzigern und Achtzigern. Man könnte meinen, hier sei langsam mal alles ­abgegrast, dennoch hat man beim Hören eurer Platte kein Déjà-vu. Wo geht ihr auf Sample-Suche?
DEN: Wir haben hier einen Plattenladen in Bremen, naja, eigentlich ist das ein ­Buchladen, der aber auch ein paar ­Platten im Laden stehen hat. Da arbeitet der ­unfreundlichste Mensch auf der Welt.
FELIX: Ja, der ist wirklich ein richtiger Arsch. Der hat uns noch nie auch nur einen Euro Rabatt gegeben, obwohl wir da jede Woche für achtzig, neunzig Euro Platten kaufen. Man will den eigentlich immer schlagen, aber wir sind ja Pazifisten. (lacht)
DEN: Es gibt glücklicherweise auch noch ein paar andere Plattenläden und Flohmärkte.
 
Ihr geht dann gemeinsam mit den ­Platten ins Studio und arbeitet zusammen an den Beats? Oder gibt es auch Tracks, die komplett ohne Einfluss des anderen entstehen?
DEN: Das gibt es auch, aber eher selten. Wir machen viele Beats zusammen. Da wechseln wir uns stumpf ab: Einer zerstückelt das Sample, der andere fängt mit den Drums an. Einer probiert mit dem Sample rum, der andere spielt den Bass ein – und so weiter. Natürlich arbeiten wir auch alleine. Ich bastele hier und da mal einen Beat zu Hause, wenn Felix bei der Arbeit ist. Ich lasse aber oft die Bassline raus. Die muss Felix einspielen. Der kann das besser.
 
Seid ihr so ein eingespieltes Team, dass ihr die Arbeit des anderen immer feiert, oder kommt es auch mal vor, dass ihr einen Beat des anderen gar nicht mögt?
FELIX: Es ist eher so, dass derjenige, der den Beat gemacht hat, sich nicht sicher ist, ob der gut ist oder nicht. Dann holt man sich eine zweite Meinung ein und wird überzeugt, dass man da einen guten Beat gebaut hat.
DEN: Wir haben einfach komplett denselben Geschmack. Deswegen klappt es auch so gut mit uns beiden.
 
Ein großer gemeinsamer Nenner ist wahrscheinlich Rap aus Detroit. Gibt es Alben aus der Ecke, die euch besonders geprägt und beeinflusst haben?
DEN: Auf jeden Fall »Fantastic Vol. 1« und »Fantastic Vol. 2« von Slum Village. Beides sind unfickbare Alben.
FELIX: Und das Jaylib-Album (»Champion Sound«; Anm. d. Verf.) natürlich. Dilla und Madlib gemeinsam? Das ist bis heute einfach der Obershit.
 
Ihr schreibt beide eigene Texte, baut eigene Beats und wisst jetzt, wie es ist, das Instrumental abzugeben und sich textlich rauszuhalten. Wäre das Konzept von »Champion Sound« nicht auch ein spannendes für eure nächste Platte? Der eine rappt immer auf den Beat des anderen.
DEN: Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht. Aber eigentlich ist das eine gute Idee. Das würde aber ­wahrscheinlich eine zu gezwungene Kopie werden. Und ob man diesem krassen Level gerecht werden kann, ist natürlich auch fraglich.
FELIX: Madlib und Dilla haben ja auch nicht wirklich viele Tracks zusammen gemacht. Mir macht es einfach viel zu viel Spaß, ­zusammen mit Den einen Track zu ­schreiben, gemeinsam zu produzieren und sich ­gegenseitig beim Arrangieren über die ­Schulter zu gucken. Ich kann mir als Musiker echt keine bessere Konstellation vorstellen.
 
Text: Patrick Lublow
Foto: Robert Winter
 
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #160 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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