Dr. Dre – Compton

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(Interscope/Universal)

 
Was ist denn mit der Realness? Alle nur noch Wellness? Nicht ganz, denn als halbwegs rational denkender Mensch konnte man sich Anfang August freuen, dass Dr. Dre das Rezept für die Entgiftung auf Albumlänge durch den Aktenvernichter gejagt hatte. »Detox«, davon ist auszugehen, wäre der Super-GAU in LP-Form geworden. Zu sehr hatten sich die Erwartungen an den stets verschobenen »2001«-­Nachfolger über anderthalb Jahrzehnte aufgestaut. Zu enttäuschend waren die Vorab-­Singles »Under Pressure« (2010 mit Jay Z), »Kush« (2010 mit Akon & Snoop) und »I Need A Doctor« (2011 mit Eminem und Skylar Grey) gewesen. Sehen wir der Realität ins Auge: Nicht mal deinen Homie, der sich nach einem halben ­Dutzend Longdrinks »Smoke Weed Every Day« [sic!] beim DJ wünscht, hätte das Album ­zufrieden­­gestellt. Ob besagter ­Kollege mit »Compton« besonders viel anfangen kann, ist fraglich. Denn entgegen vermeintlicher Erwartungen ist Dres »Grand Finale« kein Easy Listening für irgendwelche Mathiasse mit Bass-Rolle im Kofferraum des tiefergelegten Ford Focus. Wer die ­Soundentwicklung der vergangenen fünf Jahre an der Westküste verschlafen hat, genehmigt sich nach dem Erstdurchlauf von »Compton« erst mal zwei Parace­tamol – und das ist gut so. Dass Andre Young, der im ­Februar ­seinen 50. ­Geburtst­ag feiern durfte, ein dermaßen zeitgeistiges Stück Musik gelingt, liegt mit ­Sicherheit auch daran, dass Dre nur bei der Hälfte der Tracks als Produzent mitwirkt. Wobei jene Stücke jeweils ein bis vier Co-Produzenten pro Song aufweisen; abgesehen von Dre tauchen insgesamt 19 Beatmaker in den Credits der 16 Songs auf. Logische Schlussfolgerung, für die man keine Fliege an der Studio­wand sein muss: Der dehnbare Begriff des Executive Producer meint in diesem Fall, dass der Doctor die Arbeiten am Album als kuratierender Knöpfchendreher überwacht hat. Eine Tradition, die Dre genauso am Leben hält wie den Einsatz von Ghostwritern und die Förderung frischer Talente – neben Multitalent Anderson .Paak, der auf fünf Tracks glänzt, werden vor allem die Nachwuchs-MCs King Mez und Justus ohne Vorwarnung auf die ganz große Bühne geschubst. Letztere zeichnen wohl für den Hauptteil von Dres Lyrics verantwortlich und sorgen dafür, dass der Rap-Milliardär stimmlich und in Sachen Flow kaum wiederzuerkennen ist. Der ungewohnt aggressive Rapstil, den Dre auf dem Gros der Tracks präsentiert, ist letzten Endes der gewöhnungsbedürftigste Aspekt einer extrem vielfältigen, jedoch nie zerfasert wirkenden Platte. So gelingt es sogar Xzibit, die eingerostete Karriere mit einem unerwartet fokussierten Part zu pimpen, während Kendrick mit zwei Gastauftritten, u.a. auf dem Kinnladen-Moment des Albums, »Genocide«, seine Krone rechtfertigt. Den Kampf gegen seine beiden Vorgänger mag »Compton« verlieren. Trotzdem ist das Album nicht nur die beste Platte, die man von Dre anno 2015 hätte erwarten können, sondern auch eine der herausragendsten LPs des Jahres.