DJ Heroin: »Ich bin nicht LGoonys Haus- und Hofproduzent.« // HipHope

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Seltsam, dieses Internet. Da wird aus einem unscheinbaren Jungen aus der nordrhein-westfälischen Gutbürgerlichkeit innerhalb weniger Monate ein relevanter Künstler für das Magazin, das er vor kurzem noch regelmäßig selbst gelesen hat. Die Rede ist von DJ Heroin.

Wohl auch deshalb ist DJ Heroin ein schüchterner Gesprächspartner, der auf der einen Seite äußerst eloquent und selbstreflektiert wirkt, auf der anderen Seite aber auch müde und verballert. Bis in den frühen Morgen gingen am Vortag des Gesprächs die Aufnahmen mit seinem besten Freund: LGoony. Alles geschehe gerade nur etappenweise, so Heroin. Den Tour-Kick-Off mit Crack Ignaz konnte er kaum genießen, da am nächsten Tag eine Abiturprüfung anstand, die er »irgendwie« mit 15 Punkten abschloss. Alles rennt zwischen Realität und Hype.

Da muss er durch als Teil dieser Welle, die dem Deutschrap-Volkssport Promophase guerillaartig kostenlos abrufbare Hits gegenüberstellen. Der stets präsenter werdende Aspekt des Trial & Error ermöglicht einzigartige, immer rohere Perspektiven auf die Kunst. So speziell wie DJ Heroins post-apokalyptischer Klang ist, so unkonventionell war auch der Weg dorthin. »Früher habe ich ausschließlich Klassik gehört. Ich hatte eine richtige Antihaltung gegenüber populärer Musik. Erst später habe ich mich anderen Stilen geöffnet. Zwar habe ich Klavier gespielt, aber ich sah keinen Gewinn darin, Stücke zu lernen.« Das Resultat: Irgendwann war die Luft raus. Experimentellere Genres wurden stattdessen interessanter. »Neben Ambient fand ich immer schon harte industrielle Sounds spannend. So richtig beeinflusst hat mich aber nächtelanges Diggen auf Soundcloud und das anschließende Netzwerken. Das Schöne ist, dass man alle diese Einflüsse im HipHop verarbeiten kann. Für ‚Dr. Octagonecologyst‘ wurden einerseits die vercracktesten Synth-Lines gesamplet, andererseits aber eben auch Jazz.«

Von Kulturbremsen hält DJ Heroin nichts: »HipHop wird liberaler. Genug mit dem Bashing. Man sollte den Oldschooler einfach seinen Big L hören lassen«, sagt er. »Aber HipHop ist mittlerweile so riesig, dass man auch das Mainstream-Publikum mit einschließen muss. Es ist nicht mehr wie früher, als es eine eingeschworene Szene war.« Bei all der Quervernetzung entsteht eine neue Krankheit: die Angst, etwas zu verpassen. »Durch das Internet bin ich noch hyperaktiver geworden. Ich würde gern dahin zurück, besonnener Musik zu hören. Das derzeitige Tempo ist einfach zu hoch.« Erst kürzlich veröffentlichte der Junge aus Rösrath südöstlich von Köln mit HNRK eine EP auf einem Label in Los Angeles. Oft fühle er sich jedoch im Schatten seines besten Freundes. »Dabei mache ich so viel andere Musik. Ich bin nicht ­LGoonys Haus- und Hofproduzent. Um Beatmaker gibt es in Deutschland keinen Starkult wie in den USA. Doch der Fokus sollte mehr auf die Produzenten gelegt werden.«

Dieses Interview erschien in JUICE #175 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Juice 175 Cover